Die Geschichte eines Trios, das die Welt veränderte – Im Gespräch mit Raoul Peck

11. April 2017 - 18:29 | | Kultur | 0 Kommentare

Es hat lange gedauert, aber endlich ist es da: Das Interview mit Raoul Peck, Regisseur und Produzenten von „Der junge Karl Marx„. Wir haben ihm wichtige Fragen gestellt: Sind Marx Analysen heute noch aktuell? Gibt es Klassen? Und wie kommt es, dass Jenny Marx im Film so prominent vertreten ist?

Daniel: Wie kommt man, knapp 200 Jahre nach Karl Marx Geburt, auf die Idee einen Film über einen so alten Menschen zu machen?

Raoul Peck: Ja, das ist eine Frage, die ich mir ehrlich gesagt nie gestellt habe, im Gegenteil. Ich hatte quasi keine Wahl. Vor zehn Jahren habe ich einfach mit der Arbeit begonnen. Marx hat für mich immer eine sehr wichtige Rolle gespielt. Als ich an die Uni kam, das war in Berlin, konnte man in der Zeit keine grundlegende Diskussion führen, wenn man nicht einigermaßen Marx gelesen hatte. Das war eine sehr intensiven politische Zeit. Und ich glaube jede Bewegung, die in der Welt existierte, war auch in Berlin vertreten. Und die haben zusammen demonstriert und die ganze Welt war da.

Ich hab Marx in einer Gruppe studiert wo es darum ging, neue Formen der politischen Tätigkeiten zu finden. Es war die Zeit der großen Diskussionen über den Eurokommunismus. Die Italiener waren sehr, sehr weit in dieser Diskussion. Ich erinnere mich noch, dass wir viel mit Statistiken, Budgets und Zahlen gearbeitet haben. Empirische Zahlen wurden analysiert und weniger ideologische Grundsatzdebatten geführt. Auch die Frage nach der Rolle der Frau bzw. Ihrer Unterdrückung war damals hochaktuell und wird von vielen noch immer diskutiert. Wie determiniert man was Klasse ist? Diese ganzen Analyseinstrumente, die ich damals gelernt habe, die nutze ich bis heute und strukturieren auch meine Arbeit. Im Gegensatz dazu habe ich das Gefühl, dass heute viele Gruppen konfus agieren: Occupy Wall Sreet, die Bewegung in Griechenland, in Berlin oder in Spanien. Sie alle versuchen irgendwie einen Weg zu finden, aber ohne wirklich einen Versuch zu machen dies an frühere Kämpfe anzubinden. Weil wir kommen nicht aus Nichts und seine eigene Geschichte zu kennen, ist wichtig. Deswegen war eine der Motivationen dieses Film zu machen die Frage, ‚Wie kann ich der heutigen Generation ein Instrument liefern? Wie kann ich sie ermutigen wieder zu lesen, ihre Geschichte zu kennen und auch die Geschichte unserer Kämpfe zu kennen?’ Man kann nicht aus nichts kämpfen und für welche Welt? Es sei denn man will nochmal die gleichen Fehler machen. Und das ist meine Motivation. Ich mache nicht Filme, um irgendwie ins Kino zu kommen, Das Kino war immer für mich eine ‚Engagement-Art‘. Das war eine Art für mich zu kämpfen ohne zu sagen, das Entertainment und Inhalt nicht Verknüpfter wären. Im Gegenteil, ich denke beides kann man zusammen machen. Das ist was ich immer versucht habe zu machen.

Bedeutet es, dass Marx heute noch aktuell ist, vor allem seine Analysen und solche Begriffe wie Klasse? Klassenkampf? Oder ist das irrelevant?

Die Frage ist immer seltsam für mich. Was Marx im Grunde gemacht hat ist zu Verstehen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die historisch entstanden ist und bestimme soziale Kennzeichen hat. Marx hat nicht aus dem nichts angefangen: Er fußte seine Arbeit auf denen der konservativen Ökonomen, um zu erläutern: ‚Historisch sind wir in einer Gesellschaft, die einen ganz bestimmten Austauschmode und eine ganz bestimmte Produktionsweise hat und diese Produktionsweise hat Konsequenzen.‘ Und mehr hat Marx, wenn man ihn auf seinen Kern reduziert, nicht gesagt. Und diese Gesellschaft hat er analysiert. Wie funktioniert sie, was sind zum Beispiel Klassen, er hat die Kategorien Ware, Profit und die Beziehungen zwischen Ware, Profit, Kapitalist, Geld und vielem mehr definiert. Das ist eine Grundanalyse einer ganz bestimmten, historischen Gesellschaft. Und diese Gesellschaft existiert in veränderter Form auch noch heute, sie hat sich lediglich verschärft. Alles was er im Kern analysiert hatte, wie z.B. die Globalisierung, beinhaltet seine Analyse bereits.

Und wenn er Klassen auf eine bestimmte Weise determiniert, müssen wir uns diese Frage heute erneut stellen: ‚Was ist heute zum Beispiel die Arbeiterklasse?‘ Es ist unsere Aufgabe diese neu zu definieren. Marx hat keine Bibel geschrieben, er hat einfach Instrumente geliefert. Und diese Instrumente nutzt man um die Gesellschaft zu analysieren. Das wird, glaube ich, so lange wir in dieser historisch kapitalistischen Gesellschaft sind, wichtig sein. Ich kenne keine bessere, umfangreichere Studie, die dass besser erklärt. Alles andere was Marx schrieb sind bestimmte Punkte, die man weiter verarbeitet hat, aber nicht die grundsätzliche Marsche Essenz.

War der Film auch ein Versuch Marx wieder einem größeren Publikum zugänglich zu machen?

Ja, die Form des Filmes spricht dafür. Ich wollte eben großes Kino machen und nicht einfach Kino für eine Minderheit. Es ging darum junge Leute dazu zu ermuntern sich mit so einer Figur auseinanderzusetzen. Und auch ich benutze die Mittel des Biopic ohne mich unterzuordnen. Ich spiele mit der Form der Biographie. Es war viel schwieriger den Film so zu machen, weil er viel näher an der Realität sein musste. Ich glaube der Film kann jeder Analyse eines Historikers standhalten. Wir haben vor allem mit den Korrespondenzen von Marx gearbeitet, weil sie auch die menschlichen Aspekte von Jenny Marx, Karl Marx und Friedrich Engels zeigt. Es quasi eine art ‚Buddy Movie‘ mit Inhalt. Und deshalb hat die Ausbreitung des Drehbuchs auch lange gedauert, weil es weder dogmatisch noch lediglich didaktisch sein sollte. Auch in einem solchen Film kann man versuchen komplizierte Themen zu erklären.

Sie haben gesagt, Marx ‚Analyseinstrumente‘ sind wichtig und auch, dass man ihn nicht dogmatisch auffassen sollte. Nun ist es aber so, dass Marx auch eine Schlussfolgerung aus seiner Analyse zieht. Und zwar, dass der Kapitalismus durch eine Revolution überwunden werden muss. Würden sie dem zustimmen?

Man kann sich mit dem Thema Revolution befassen. Was ist eine Revolution? Was ich heute davon halte ist, dass es viel wichtiger ist, dass Marx sagte, dass die Menschen ihre Geschichte selbst schreiben. Und er hat auch damals bereits für die antikapitalistischen Revolutionen bestimmte Bedingungen genannt. Wir sind die Herren unserer Zukunft. Aber um diese Zukunft auch in einer demokratischen Prozess zu zu gießen ist schwierig und es wird immer schwieriger. Wie kommen wir alle zu einer Meinung? Wie schaffen wir Mehrheiten? Das geht meiner Meinung nach nur auch Diskussionen und Kämpfe um Inhalte und Positionen. Das man Argumente findet für diese Positionen. Marx war immer für Erziehung. Und die heutigen Bewegungen zeigen ja, dass das erarbeiten von Positionen immer schwieriger wird, da ja ‚alles möglich ist‘. (Im Hintergrund läuft NTV und es kommt ein Bericht über Trump, Raoul blickt zum Ferseneher) Präsident Trump z.B. behauptet es gäbe keine Klimaveränderung. Und seine Meinung ist genau so viel Wert wie die eines Forschers, der 40 Jahre zur Klimaveränderung geforscht hat. Das ist absurd!

Der junge Karl Marx

Sie sagten, junge Leute sollen wieder Marx lesen. Was ist denn die zentrale Aussage, die sie jüngeren Menschen mitgeben wollen, außer lest Marx?

Ja aber lesen ist ja eben der erste Schritt. Oder noch besser studieren! Es gehört Mühe dazu, sich mit Marx auszukennen. Es reicht nicht einen Tweet zu lesen oder Schnellrezepte zu suchen. Das muss man verstehen. Marx liefert sehr gute Methoden, seinen Weg zu gehen. Und das haben wir verloren: Zu lesen, zu studieren, uns Zeit zu nehmen. Alles wird immer schneller. Man muss sich kurz fassen. Im Fernsehen sieht man es ja. Man hat kaum Zeit eine echte Diskussion zu führen. Wie will man so zu einem Austausch kommen? Natürlich ist Marx lesen nicht leicht, aber es gibt nichts leichtes. Man muss natürlich auch unterscheiden: Ein Teil der jungen Menschen in der westlichen Welt hat viel mehr Privilegien, aber auch viel mehr Zeitdruck unter dem er Leben muss. Ein junger Mensch in meiner Heimat Haiti hat dagegen keine große Wahl, sein Leben ist ein Kampf um Leben und Tod. Mein Privileg ist es, dass ich beide Perspektiven kenne. Und von meinem Film können beide profitieren. Egal ob es der junge Haitianer schaut oder der junge Deutsche. Und man muss sich damit beschäftigen. Nicht wie mein damaliger Professor an der TU Berlin, der Marx in zwei Sätzen abhandeln wollte und sagte, damit brauchen sie sich nicht auseinanderzusetzen. Ich kann mich ganz genau daran erinnern. Ich fragte mich: Wieso sollte ich mich nicht damit auseinandersetzen? Es war das Fach Makroökonomie und er wollte es einfach nicht.

Bei ihnen nimmt Jenny Marx eine größere Rolle ein, als sie es unter Linken sonst tut. Was war der Anlass?

Es war uns sehr, sehr wichtig, dass Jennys Rolle ordentlich wiedergegeben wird. Und ihre Darstellung im Film geht aus den Korrespondenzen von Marx, Engels und ihr bevor. Sie hat häufig Kommentare und Stellungnahmen zu Marx’und Engels Werken verfasst. Und in der Geschichte hat man sie lediglich auf eine ‚Kennerin der Marxschen Schriften‘ reduziert. Sie war ja nicht nur mit Marx zusammen, weil sie verliebt waren, sondern weil sie sich Intellektuell anerkannt haben und ebenbürtig waren. Für mich war es von Anfang an die Geschichte eines Trios, nicht die von zwei Männern, die die Welt verändert haben. Und jeder hatte seine Rolle. Im Film gibt es diese Szene zwischen Friedrich und Jenny, wo beide ein Abkommen treffen, dass sie Karl schützen. Es war vielmehr als Freundschaft, es ist eine wunderbare Geschichte.

Raoul, Danke für das Interview

 

Über den Autor

Bundessprecher der linksjugend ['solid] und Wortakrobat für die Freiheitsliebe, Balkan21 und andere Medien.
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