Sozialismus und Arbeiterbewegung in Österreich bis 1914

2. September 2017 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare
Arbeiterklasse
Die Arbeiterbewegung in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten einen Niedergang erfahren, sowohl in Deutschland als auch in Österreich. Ralf Hoffrogge hat sich nach seiner lesenswerten Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung in Deutschland, nun mit der österreichischen Arbeiterbewegung vor dem ersten Weltkrieg auseinandergesetzt. Wir veröffentlichen die ersten Seiten aus seinem Werk über die Arbeiterbewegung Österreichs.
Die Arbeiterbewegungen in Deutschland und Österreich entstanden parallel und sind älter als die jeweiligen Nationalstaaten. Ein Wandergeselle wie Wilhelm Weitling durchstreifte in den 1830er Jahren Wien ebenso wie Leipzig, Hamburg und Paris. Seine Lebenswelt war ebenso kosmopolitisch wie seine Theorie. Erst in der europäischen Revolution von 1848 verbanden sich soziale Forderungen mit der Idee des Nationalstaats– als demokratische Alternative zu Monarchie und Imperium. Doch wo lagen die Grenzen einer solchen Staatlichkeit für die Gebiete? Da die Revolution in Wien und Berlin gleichermaßen niedergeschlagen wurde, blieb die Frage unentschieden. Noch 1869 rechnete sich der Wiener Arbeiterbildungsverein auf dem Eisenacher Kongreß als der deutschen Sozialdemokratie zu – was seinen Führern einen Hochverratsprozeß einbrachte. Die deutsche Reichsgründung 1871 erschien der Arbeiterbewegung in Wien und Berlin als ungewollte Spaltung. Denn die „kleindeutsche“ Lösung bedeutete einerseits die Vormacht Preußens im Deutschen Reich, andererseits die Konservierung des imperialen Habsburgerstaates. Es entstanden zwei undemokratische Regimes, das eine national-autoritär, das andere imperial-autoritär. Es ist daher kein Wunder, daß sich „großdeutsche“ Sympathien bis in die 1920er in Deutschösterreich hielten, obwohl ein „Anschluß“ an das Deutsche Reich schon in den 1880ern nicht mehr von Demokraten, sondern von Antisemiten und völkischen Kräften propagiert wurde. Die sozialistische Bewegung in Österreich-Ungarn blickte daher schon früh nach Osten und suchte ihren Ausgleich mit Tschechen, Ruthenen, Polen, Bosniern und allen anderen Gruppen des von der Habsburgerdynastie im laufe der Jahrhunderte zusammengeklaubten Vielvölkerstaats. Die Multiethnische Realität ihres Staates war Hauptherausforderung für linke Politik in Österreich-Ungarn. Sie wurde verstärkt durch das enorme wirtschaftliche Gefälle: nur in Tschechien und den deutschsprachigen Alpenländern entstanden bald industrielle Kerne, während Ungarn und die
Osthälfe des Reiches abgehängte Agrarländer blieben. Die folgende Darstellung beschäftigt sich daher mit der nordwestlichen Reichshälfte diesseits des Flusses Leitha – dem „cisleithanischen“ Österreich einschließlich Böhmen & Mähren, heute Tschechien und Slowakei. Diese Gebiete sind gemeint, wenn im folgenden von „Österreich“ gesprochen wird, stets im Hinterkopf behaltend, daß ihre Verbindung mit Österreich umstritten war und 1918 endgültig gelöst wurde. Die deutsch-österreichischen Verbindungen aktualisierten sich jedoch durch den Zusammenbruch der Donaumonarchie eher. Figuren wie Kautsky, Hilferding und andere wirkten in SPD und SDAP gleichermaßen – doch dies ist ein anderes Kapitel.
Wegen der ethnischen und ökonomischen Zerrissenheit seines Reiches konnte sich Kaiser Franz-Joseph I. nicht auf einen homogenen Machtblock aus Bürgertum und Landadel stützen wie sein Kollege Wilhelm II. in Preußen. Kaiser Franz regierte stattdessen mit einer schillernden Koalition aus polnischen, ungarischen und deutschen Adelscliquen. Sein Staat drückte Deutsch als Amtssprache durch, war aber nie Nationalstaat,sondern blieb Imperium. Dessen Stützen waren neben dem Adel die katholische Kirche, Bankiers aller Konfessionen sowie das politisch und national zersplitterte Klein- und Großbürgertum. In dieser Vielfalt innerer Gegensätze behauptete sich der Kaiser als Schlichter und konnte von Gottes Gnaden regieren – ein Menschenalter lang, von 1848 bis 1916. Das ging nicht ohne Personenkult, den die katholische Kirche lieferte: Kaiserkult und Höllenfurcht durchtränkten die Gedankenwelt des Proletariats bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotz buntscheckiger Religionsvielfalt, die auch orthodoxe Christen, Protestanten, Juden und bosnische Muslime umfaßte, war der Katholizismus zentral für den Bestand der Habsburgermonarchie. Ein „Kulturkampf“ gegen Katholiken wie im evangelischen Preußen war hier undenkbar. Obwohl Vielvölkerstaat, ökonomische Zerrissenheit und Despotismus einander bedingten, schuf die Heterogenität dieses Staatsgebildes unzählige Schlupflöcher und Halbheiten. Victor Adler, Gründer und Übervater der österreichischen Sozialdemokratie, nannte die Donaumonarchie daher eine „Despotie gemildert durch Schlamperei“ (Braunthal 1965: 41). Einerseits war das Kräftegleichgewicht fragil und der Kaiser schreckte vor allzu harten Maßnahmen gegen einzelne Gruppen zurück.Anderseits war die im 18. Jahrhundert noch innovativ erscheinende Bürokratie, die erstmals Staat und Kaiserhaus trennte, im Kapitalismus der freien Konkurrenz längst zum Hindernis geworden. Obrigkeitshörigkeit behinderte ihre Effizienz, mangelnde Rechtssicherheit behinderte die industrielle Entwicklung durch das Bürgertum.
Die späte Industrialisierung erhöhte die Vorbildwirkung der deutschen SPD für Österreich, galt diese doch als fortgeschrittene Version der eigenen Bewegung. Allerdings stellten industrielle Rückständigkeit, Multinationalität und Absolutismus im Habsburgerstaat ganz eigene politische Herausforderungen. Schon um 1908 prägte daher der US-amerikanische Soziologe Boudin den Begriff „Austromarxismus“ (Möckel 1994). Dies war nach der politischen Trennung beider Bewegungen nach 1871 die theoretische Emanzipation der österreichischen Arbeiterbewegung. Doch obwohl sich der Austromarxismus vor 1914 wesentlich durch das von Otto Bauer geprägte Konzept eines „demokratischen Nationalitätenstaates“ auszeichnete, konnte die Sozialdemokratie im Revolutionsjahr 1918 den Zerfall der Donaumonarchie nicht verhindern. Dies war absehbar, denn selbst die eigene Partei war bereits vor 1914 in tschechische, deutsche und polnische Sozialdemokratien zerfallen. Der multinationale Marxismus blieb zu vage, das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ hatte sich in den Köpfen durchgesetzt. Das Imperium der Habsburger mußte einer Reihe neuer Nationalstaaten weichen.
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