Mit historischem Wissen andere Fragen stellen – Im Gespräch mit Ralf Hoffrogge

15. März 2017 - 12:31 | | Kultur | 0 Kommentare
Kundgebung der Arbeiter- und Soldatenräte auf dem Verkündigungsplatz in Nischni Nowgorod. Oktober 1917.

In diesem Jahr jährt sich die Russische Revolution zum 100 mal, doch welche Bedeutung hat die russische Revolution für heute, wie können kritische Geister aus ihr Lehren ziehen? Wir haben mit dem Historiker Ralf Hoffrogge über die Bedeutung von Geschichte für die aktuelle Politik, die Bedeutung von Bewegung und die russische Revolution gesprochen.

Die Freiheitsliebe: „Nicht die Gewehrkugeln und Generäle machen Geschichte, sondern die Massen“ sagte Nelson Mandela einst, kannst du diesem Zitat zustimmen?

Ralf Hoffrogge: Sicher, gerade wenn es von Nelson Mandela kommt. Im Kampf gegen das Apartheitsregime in Südafrika hat der ANC zwar auch bewaffneten Widerstand geleistet, aber es war stets klar, dass diese Gewalt sich nur aus dem Widerstandsrecht gegen eine illegitime, rassistische und in ihrer Unterdrückung selbst gewalttätige Regierung rechtfertigen kann – und aus der Zustimmung der Massen, die den Widerstand gestützt hat. Deshalb ist Mandela, der lange auch in den USA und Großbritannien als Terrorist galt, heute allgemein als Freiheitskämpfer anerkannt. Doch selbst gegen Regime wie das Apartheids-Südafrika rechtfertigt Widerstand nicht jede Form von Gewalt – Gewalt gegen Zivilisten etwa kann damals wie heute nie legitimes Mittel politischen Widerstands sein, ebensowenig die gewalttätige Unterdrückung von Dissidenten. Beides ist jedoch immer wieder vorgekommen auch und gerade in Widerstandsbewegungen, die sich selbst als links, demokratisch oder antikolonial verstanden. Aufgabe einer kritischen Geschichtswissenschaft sollte es sein, diese Entwicklungen aufzuarbeiten und dadurch mit Abstand einen Blick auf die Rolle von Gewalt in der Geschichte zu bekommen. Denn Gewalt gegen Unterdrücker hat immer auch die Unterdrückten von ihrer Befreiung entfremdet – Bürgerkriegsdenken, eine militärische Freund-Feind Logik, Autoritäres Vorgehen nach innen und Einparteiensysteme waren die Folge. Kriegerische Auseinandersetzungen waren immer Bruchpunkte, an denen linke und demokratische Bewegungen mit ihren demokratischen Prinzipien gebrochen haben – die Entwicklung des Stalinismus aus dem Kriegskommunismus in der frühen Sowjetunion ist das prägendste Beispiel. Es wurde zum Muster für eine ganze Reihe von Einpaarteienstaaten, die als Ergebnis antikolonialer Befreiungskriege entstanden. Die Massen, auf die Mandela sich beruft, hatten in diesen Staaten nichts mehr zu melden.

Die Freiheitsliebe: In der bürgerlichen Geschichtsschreibung ist häufig von den Taten großer Männer die Rede, stehen diese auch im Vordergrund einer kritischen Geschichtsschreibung?

Ralf Hoffrogge: Die bürgerliche Geschichtsschreibung beruft sich längst nicht mehr auf „große Männer“, sondern hat mit der Frauen- und Geschlechtergeschichte, den Postcolonial Studies, der Sozial- und Kulturgeschichte eine ganze Reihe von Richtungen institutionalisiert, die gesellschaftliche Strukturen in den Vordergrund stellen statt der Taten einzelner Personen. Im Prozess dieser Institutionalisierung sind seit Jahrzehnten Impulse aus sozialen Bewegungen in den Universitäten angekommen. Insofern ist der Begriff „bürgerliche Geschichtswissenschaft“ ein Pappkamerad, denn angesichts der oft kaum überschaubaren Vielfalt akademischer Diskurse ist es leicht, den Sammelbegriff „bürgerlich“ abzuweisen und die Kritik ins Leere laufen zu lassen.
Die spannende Frage ist eher, wie trotz dieser Diversität immer wieder Konformismus hergestellt wird im universitären Diskurs. Historikerinnen und Historiker untersuchen gerne in der Vergangenheit mit Foucault die „Grenzen des Sagbaren“, stellen sich für die eigene Gegenwart aber oft nicht die Frage, wo Forschungstrends entstehen, wer akademische Felder prägt und ob es wirklich immer nötig ist, sich an jeden Begriff anzuhängen. Doch Projektfinanzierung und Antragslyrik legen genau diese Wiegen im Wind der Forschungstrends nahe – Geschmeidigkeit ist gefragt.

Wer die akademische Geschichtswissenschaft von heute kritisieren will, sollte sich daher nicht an Kampfbegriffen wie „bürgerlich“ aufhalten, sondern gezielter Fragen – wo erzeugen Antragssteuerung und akademische Geschmeidigkeit Leerstellen im demonstrativ zur Schau getragenen Liberalismus, was fehlt, was wird nicht bewilligt? Eine Vergleichende Studie abgelehnter Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft wäre hier mal spannend – sie könnte Frage beantworten wie: Warum geht bei der Insitutionalisierung von Fragen aus sozialen Bewegungen oft der kritische Stachel verloren, welche Inhalte sind Akademiefähig und integrierbar, welche Teile bleiben draußen?
Und, für die Geschichtskultur ausserhalb der Uni: Warum werden nur bestimmte konservative alte Herren zu Allround-Historikern befördert, die in jeder Medienrunde präsent sind? Warum geht es in solch populären Geschichtsdebatten ständig um Deutsche Identität und Kultur, weitaus seltener aber um Klasse und Ungleichheit, obwohl gerade beim Thema Migration schon historische Begriffe wie „Gastarbeiter“ nahelegen, dass es bei Migrationsbewegungen nicht um kulturelle Vorlieben, sondern um Arbeit und Nichtarbeit, um Reich und Arm geht?

Die Freiheitsliebe: Warum sollten sich Linke und kritische Geister überhaupt mit der Geschichte befassen?

Ralf Hoffrogge: Weil man mit historischem Wissen andere Fragen stellen kann und nicht über jedes Stöckchen springen muss, dass einem hingehalten wird. Wer weiß, dass es in Deutschland immer massive Ein- und auch Auswanderung gegeben hat, konfessionelle Unterschiede und Kämpfe zwischen Evangelen, Katholiken und anderen, der weiß, dass es ein homogenes deutsches „Volk“ nicht gibt und nie gegeben hat, sondern dass dies immer eine Fiktion der Mehrheitsgesellschaft war. Eine Fiktion, die viel mit Herrschaft zu tun hat – und damit, andere soziale Gegensätze in einer imaginären Gemeinschaft auszublenden. Wer sich anschaut, wie gefährlich diese „völkische“ Denke in den 1920ern war und dass es nicht von Hitler erfunden wurde, sondern eine lange Vor-Geschichte im Konservativen Spektrum hat, der kann die AfD anders einschätzen: als eine Partei, die sehr erfolgreich das Nazi-Tabu umgeht, indem sie völkische Inhalte immer ein Stückchen weiter treibt, dabei aber stets an den „erlaubten“ Nationalismus anschlussfähig bleibt und sich pro forma vom NS distanziert. Sie verschiebt das politische Spektrum nach rechts,  und regiert aus der Opposition heraus.
Widerstand dagegen kann nicht bedeuten, vermeintlich „berechtigte“ Sorgen vor „Überfremdung“ nun auch noch in linke und liberale Debatten zu übernehmen. Stattdessen muss die AfD da gespalten werden, wo sie verwundbar ist: sie hat keine Antwort auf die soziale Frage, auf die Polarisierung von Arm und Reich in unserer Gesellschaft. Im Gegenteil, ihre internen Strategiepapiere legen allen Funktionären nahe, zur Sozialen Frage besser nichts zu sagen. Denn hier ist die AfD ohne Programm. Elitär-konservative Mehrheiten in der Partei denken, die Armen sind selbst schuld an ihren Problemen, die Programme der Partei strotzen vor neoliberaler Massenverachtung. Anders als der historische Faschismus, der stets an die Arbeiter appellierte oder auch der Populismus eines Trump hat die AfD der Arbeiterklasse also nichts zu sagen. Dies ist die Chance, ihr die Diskurshoheit zu entreißen. Doch „Klasse“ ist anders als in den USA bei uns ein Tabu-Wort. Selbst Gewerkschaften haben ihre historischen Wurzeln vergessen, artikulieren ihre Interessen in Begriffen wie  „Fairness“, „guter Arbeit“ und anderen moralischen Begriffen.
Dies erleichtert es natürlich, dass schon winzige Korrekturen der Agenda 2010 heute als „links“ gelten können – mit etwas weniger historischer Amnesie wäre dieser Etikettenschwindel kaum machbar. Geschichte bedeutet also auch, Begriffe wieder zu besetzen – sie nicht den Rechten zu überlassen, aber auch nicht traditionalistisch zu mumifizieren, sondern zu fragen: was ist Klasse heute? Niedriglohn, Kita-Streiks, Rentenkrise – wo sind die verbindenden Elemente?

Die Freiheitsliebe: 2017 jährt sich zum 100 mal die russische Revolution, welche Bedeutung hatte dieses Ereignis?

Ralf Hoffrogge: Die russische Revolution hat das 20te Jahrhundert definiert, auch ihre Kritiker sprechen vom „kurzen 20. Jahrhundert“ von 1917-1989. Für diese Zeitspanne war ein alternatives Gesellschaftsmodell stets als konkrete Möglichkeit präsent – utopisch für die einen, angstbesetzt für die anderen. Selbst die Parole „geh doch nach Drüben“ als Totschlagargument gegen westdeutsche Linke im Kalten Krieg erkannte an, dass es ein Drüben, ein Außen, ein Anderes gab. In den 1990ern dagegen musste attac erst mühsam beschwören „Eine andere Welt ist möglich“, weil sich in den Köpfen Thatchers Spruch „There is no Alternative“ zur Realität verhärtet hatte. Nur so ist zu erklären, warum mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in den 1990ern auch viele sozialdemokratische Errungenschaften europäischer Wohlfahrtsstaaten im Nichts verschwanden und das Wort „Reform“ von der Verheißung zur Bedrohung wurde. Jede nicht-marktwirtschaftliche Form der Organisation oder auch nur Regulation von Wirtschaft galt als widernatürlich, utopisch, der Natur des Menschen widersprechend.
Hier setzt sich mittlerweile eine andere Sichtweise durch, doch die Bewegungen sind noch suchend und tastend. Machen wir uns nichts vor – das groteske Scheitern der Russischen Revolution im Stalinismus ist nach wie vor eine Blockade für jedes Denken in gesellschaftlichen Alternativen. Daher sollte auch jeder politisch aktive Mensch das eine oder andere Faktum über diese Geschichte wissen.

Die Freiheitsliebe: Hat die russische Revolution auch noch Aktualität für heute oder sind Revolutionen Vergangenheit?

Ralf Hoffrogge: In Deutschland feiern wir ja alle fünf Jahre Revolution – wenn es um 1989 geht. Die Revolutionen von 1918 oder 1848 dagegen sind im öffentlichen Bewußtsein nicht präsent, und erst recht nicht die Frage, wie Revolutionen entstehen und ab wann der Punkt kommt, an dem es für die Bevölkerung nicht mehr weiter geht und ein Protest zur Revolution wird. Dabei ist diese Frage durchaus akut, wenn man an den Arabischen Frühling 2011 und sein Scheitern denkt. Das Thema „Revolution und Konterrevolution“ sollte also Thema sein nicht nur für Träumer und Visionäre, sondern gerade für analytisch denkende Menschen, die politisch etwas verändern wollen. Keine Revolution gleicht der anderen, doch eines haben sie alle gemeinsam: einen unverhofften Ausbruch der Massen gegen politische Ohnmacht und Bevormundung – nicht immer gegen absolute Verelendung. Dieser ist meist focussiert gegen diktatorische und autoritären Regime, wo die Staatsspitze ab einem bestimmten Punkt allen Unmut auf sich zieht und sich nicht mehr halten kann, trotz Repression. Demokratien dagegen können Protest integrieren – idealerweise, in dem sie auch einige Forderungen erfüllen. Oder aber, in dem sie neue Gesichter mit derselben Politik präsentieren. Letzteres kennzeichnet unsere Epoche. Doch das Fehlen politischer Unterschiede zwischen den Parteien ist der Demokratie als ganzes nicht förderlich – denn auch rechte Populisten können integrieren, wenn sie sich als „Gegner des Establishments“ inszenieren. Vielleicht sollte man daher beim Studium der Geschichte der Konterrevolution mehr Aufmerksamkeit widmen als bisher. Denn auch diese beruht nicht nur auf Gewalt, sondern braucht ihre Erzählung für die Massen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch

Als letztes Buch ist von Ralf Hoffrogge eine Biographie von „Werner Scholem“ erschienen.

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
Ihr findet mich auf: Facebook