Sexuelle Übergriffe sind kein muslimisches sondern ein globales Problem!

11. Januar 2016 - 18:45 | | Gesellschaft | 8 Kommentare

Haben Muslime oder Menschen mit muslimischem „Migrationshintergrund“ ein frauenfeindlicheres Menschenbild als Nicht-Muslime? Und sollte man kriminelle Asylsuchende abschieben?

Zur 1. Frage: Es gibt natürlich kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West. Aber was wir oftmals vergessen ist, dass Kulturen sich im Laufe der Zeit verändern und nicht statisch daherkommen. Z.B. waren Frauen in der „Islamischen Welt“ bis ins 18. Jahrhundert in vielen Lebensbereichen besser gestellt als diejenigen im Westen. Sowohl unverheiratete als auch verheiratete muslimische Frauen der Oberschicht durften freier Reisen und hatten mehr Rechte in Bezug auf Eigentum als ihre westlichen Pendants. Unverheiratete englische Frauen des späten 17. Jahrhundert durften beispielsweise nur mit Zustimmung eines männlichen Vormunds ihr Hab und Gut verkaufen. Wenn sie dann heirateten wurde ihr ganzer Besitz in die Obhut des Mannes gelegt. Anders als muslimische Frauen waren französische und englische Frauen rechtlich gesehen nur „halbe Personen“ oder sogar „Nicht-Personen“. Im Gegensatz zu muslimischen Frauen, die als „Personen“ im rechtlichen Sinne des Wortes galten, waren Frauen in vielen Regionen des Westens vom Gesetz her also keine vollwertigen Menschen. Erst seit dem 18 Jahrhundert fanden Frauenrechte in Europa zunehmend Berücksichtigung.

Was wir nicht selten vergessen ist zudem, dass es häufig mehr Gemeinsamkeiten gleicher sozialer Klassen unterschiedlicher Länder gibt als Gemeinsamkeiten innerhalb unterschiedlicher Klassen derselben Kultur. Z.B. teilen saudische Prinzen mit westlichen Topmanagern ein ähnlich sexistisches Weltbild gegenüber Frauen. Sie werden von beiden Seiten oftmals zu bloßen Waren und Objekten degradiert. Gleichzeitig teilen viele Lehrer*innen und Professor*innen in Syrien oder Deutschland mehr gemeinsame Werte, z.B. in Bezug auf Geschlechtergleichheit, als die Bildungsschicht beider Länder mit den Bauarbeitern oder Bauern ihrer eigenen Staaten. Kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede hängen also zu einem nicht unerheblichen Grad von der Klassenzugehörigkeit ab.

Vergewaltigungen, sexistische Sprüche und Übergriffe, häusliche Gewalt und die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen sind kein muslimisches, sondern ein globales Problem. Und wenn es tatsächlich so wäre, dass „orientalische“ Männer frauenfeindlicher sind, dann hängt das weniger mit dem Islam zusammen als mit den sozio-ökonomischen Verhältnissen in denen diese Menschen Leben und aufwachsen. Die Art der religiösen Auslegungen hängt in erster Linie von den gesellschaftlichen Umständen ab. Je ungebildeter, ärmer und perspektivloser die Menschen sind, desto mehr neigen sie zu rückständigen Ideologien. Und dass einige Muslime zu rückschrittlichen Interpretationen des Islams tendieren, ist wohl kaum verwunderlich, nachdem der Westen die Länder des „Mittleren Ostens“ seit knapp 15 Jahren permanent bombardiert und in den Chaos gestürzt hat, während die Muslime im Westen immer mehr marginalisiert und ausgegrenzt werden.

Zur zweiten Frage: Ich lese immer wieder Sätze wie: „Aber wenn wir hier jemanden aufnehmen, dann hat dieser die Bringschuld sich auch an die Regeln zu halten.” Dabei wird außer Acht gelassen, dass diejenigen, die als erstes internationales Recht gebrochen haben, die NATO-Staaten waren als sie ohne UN-Mandat den Irak bombardierten und jetzt dasselbe in Syrien tun. Weil Deutschland aufgrund seiner Kriegsbeteiligung eine nicht unbedeutende Mitschuld für die Flucht von Afghanen, Irakern und Syrern trägt, wäre es wohl das Mindeste, dass man kriminelle Geflüchtete nach deutschem Recht bestraft und nicht in die Staaten zurückschickt, die Deutschland mitzerstört hat. Diese Doppelstandards, welche den Wert eines Menschen nach seiner Herkunft und seinem Aufenthaltsstatus messen, sind der Kern jeder rassistischen Ideologie. Häufig wird auch das Argument herangezogen, dass es einfach nicht genug Mittel für die Geflüchteten geben würde. Dass aber nur ein kleiner Bruchteil des Kapitals, welches für Bankenrettungen, Rüstungsausgaben usw. verwendet werden, nötig wäre, um den Asylsuchenden ein würdevolles Leben zu ermöglichen, kommt diesen Leuten nicht in den Sinn. Kritisiert wird immer nur der Flüchtlingszustrom, während die Geflüchteten gerne gegen die Armen ausgespielt werden. Den Armen in Deutschland würde es allerdings auch ohne Asylsuchende schlecht gehen. Daran ist die neoliberale Politik schuld, aber nicht die Geflüchteten. Und selbst nach kapitalistischer Verwertungslogik sind die Geflüchteten eine Bereicherung für die deutsche Wirtschaft. Sie kurbeln den Konsum und Arbeitsmarkt an, sichern Steuern und Rentenbeiträge. Aber deren Aufnahme widerspricht der Blut-und-Boden-Ideologie der Mehrheitsbevölkerung, die lieber den weißen Charakter der deutschen Gesellschaft beibehalten möchte. Und auch viele Menschen mit Migrationshintergrund sprechen bereits von Obergrenzen, weil sie ebenfalls einen Verteilungskampf fürchten und die rassistische Logik eines einheimischen „Wir“ und ausländischen „Ihr“ schon bestens internalisiert haben.

Über den Autor

Der im Iran geborene Berliner Rapper KAVEH begann 1995 seine ersten Rap-Texte zu schreiben und ist seit mehreren Jahren auch in der Jugendarbeit (z.B. beim WannseeForum; JTB, Gangway etc.) aktiv. Er bietet Rap-Workshops an, in denen er einen Überblick über die Geschichte von Hip-Hop vermittelt, sprachliche und technische Aspekte behandelt sowie Schreibkurse anbietet.
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8 Kommentare

  • 1
    Meh sagt:

    Der Artikel ist ein billiges Sammelsurium von linkspopulistischen Positionen.

  • 2
    stefan sagt:

    Fragen
    Auf den ersten Blick klingt es sehr gut und theoetisch einleuchtend für einen Linken wie mich, die „Klassenfage“ aufzuwerfen und die Vorfälle als Unteschichtenproblem zu sehen das nichts mit der isl. Religion an sich zu tun habe. Wenn ich mir aber das Frauenbild im Koran ansehe….
    Und neigt wirkl. nur die Unterschicht zu einer besonders reaktionären Auslegung des Islam? Attar & die anderen Attentäter vom 11.9.2001 waren aus der Oberschicht und haben hier studiert.
    Pakist. Feministinnen sagten mir vor Jahren mal auf einer Buchmesse, in vielen isl. Ländern kämen die reaktionärsten Islamisten aus der Oberschicht (mehrere pakist. Ärzte die ich kennenlernte, waren so drauf); das Subproletariat habe NUR in der Iran. isl. Rev. von 1979 eine Rolle gespielt.
    Und so herum würde es mir mehr Sinn ergeben: die Reichen neigen doch immer dazu, zur Verteidigung ihrer Privilegien auf die jeweils reaktionärsten Gruppierungen zu setzen.
    Und wenn Kaveh denen ja auch ein Sexist. Weltbild attestiert, waren sicher nicht nur Leute aus der Unterschicht bei den Vergewaltigern. Und selbst Idioten wissen daß man „sowas nicht darf“. Deswegen erklärt das nichts.

    • 2.1
      stefan sagt:

      schade, daß der autor nicht auf konkrete fragen zum Artikel antwortet
      und sich auch sonst niemand die mühe macht
      so können keine Diskussionen entstehen

  • 3
    stefan sagt:

    noch eine Frage:
    kann es überhaupt Unterschicht sein, die hierherkommt, wenn man für eine Flucht Flug- oder Bahntickets braucht oder teuer bezahlte Schlepper?
    Ist das dann nicht eher die Oberschicht, die flüchten kann, während es das Schicksal der Armen und Analphabeten ist, dort bleiben zu müssen?

  • 4
    Eurotanic sagt:

    95% aller Straftaten sind oder begründen sich aus Beschaffungskriminalität. Heisst die Armut ist schuld, nicht der Glaube.
    Und was ich noch anmelden wollte. Ich frage mich immer wieder, warum es den Deutschen mehrheitlich immer schlechter geht, obwohl wir 82 Millionen Kernphysikexperten, Wirtschaftsexperten, Fussballtrainerexperten, Islamexperten usw. haben, obwohl diese nur ein Kernkraftwerk von weitem gesehen haben, nicht mal eine Bilanzverlängerung erklären können, zwei linke Beine haben und den Koran weder im Original, noch deren Kommentierungen gelesen, geschweige denn studiert haben. Ein Phänomen. 😀

    • 4.1
      m. sastre sagt:

      Eine Interessante Statistik die Sie da bemühen! könnten sie auch eine Quelle nennen? Oder entspringt diese Zahl eine ANTIFAschistischen Eingebung?

  • 5
    m. sastre sagt:

    Ein selbst für die Freiheitsliebe selten dämlicher Artikel und wie schon ein Mitkommentator richtig bemerkte, ein billiges Sammelsurium an linkspopulistischen Positionen.
    Manchmal wünsche ich mir auch im Internet ein wenig mehr an redaktioneller Kontrolle um zumindest den größten Unfug etwas zu reduzieren.
    Die Freiheitsliebe-Autoren kommen mir manchmal vor wie Kinder, die an einem Zauberwürfel herumdrehen. Nachdem sie mit vielen Drehungen versuchen, die Farben zu ordnen und schliesslich damit scheitern, beschliessen sie einfach der Meinung zu sein, daß es einzig das rassistische und imperialistische elterliche Umfeld ist, das sie an ihrer Aufgabe scheitern ließ.

  • 6

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