Jung.Gestresst.Pleite

28. Dezember 2017 - 12:16 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Die soziale Lage der Studierenden verschlechtert sich seit Jahren. BAföG bekommt fast niemand mehr, Studisjobs sind schlecht bezahlt und zudem werden wieder Studiengebühren für spezifische Gruppen eingeführt.

Gute Bildung, schönes Leben, sollte es für alle geben

Die fetten Jahre sind vorbei. An ein Studileben wie es noch die 68er vor 50 Jahre führten, ist heute nicht mehr zu denken. Zwar beginnen heute weit mehr Menschen ein Studium als damals, dafür sind aber die Hürden innerhalb des Studiums immer höher geworden. Wir haben euch über diese hier einen kleinen Überblick erstellt. Jetzt gilt es sie „nur“ noch gemeinsam zu überwinden und umzuwerfen, damit alle freien Zugang zu Bildung haben.

BAföG Rauf!

Immer weniger Studierende bekommen BAföG. Lag der Anteil der Beziehenden Anfang der 1990’er Jahre noch bei 30 %, so sind es heute nur noch knapp 25% aller Studierenden. Darunter leiden insbesondere Studierende aus Elternhäusern ohne akademischen Hintergrund. Nicht nur, dass immer weniger Studierende gefördert werden, auch die BAföG-Höhe entspricht, bei den gestiegenen Mieten und Lebenshaltungskosten der letzten Jahre in keinster Weise mehr den Bedürfnissen. So erscheint es nicht überraschend, dass der Anteil des BAföGs an der gesamten Finanzierung von Studierenden aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungsabschluss von 2012 bis 2016 von 35 % auf 21 % gesunken ist.

Das heißt nicht nur, dass in steigendem Maße Eltern mit niedrigen Einkommen das Studium ihrer Kinder mitfinanzieren müssen, sondern auch, dass diese Studierenden immer öfter auf Nebenjobs und Studienkredite angewiesen sind.

Als wäre dies nicht genug, sind die BAföG-Ämter auch zunehmend zu „Schnüffelanstalten“ geworden, welche ihre Kompetenzen an vielen Stellen überschreiten. So kam es in den letzten Jahren vermehrt vor, dass zusätzlich zu den ohnehin aufwendigen Beantragungsverfahren Studierende unter Druck gesetzt wurden. Zum Beispiel sollten Dokumente, wie etwa Notenspiegel eingereicht werden, anstatt eines Nachweises erreichter ECTS-Punkte.

Zusammenfassend können wir also feststellen, dass nicht nur das BAföG für immer weniger Studierende zum Leben reicht und es immer Weniger bekommen, sondern auch die Antragsprüfung immer rabiater wird.

Jobst du noch oder studierst du schon?

Wer kein BAföG kriegt und keine reichen Eltern hat, muss auf andere Weise an Geld zum (Über-)Leben kommen. Häufig heißt das: Nebenjob. Doch mehr als 20 Stunden pro Woche dürfen Studierende nicht arbeiten – sonst fällt der Studierendenstatus weg. Zudem wird meist auf 450€-Basis entlohnt. Das bedeutet meist Arbeit zum gesetzlichen Mindestlohn, die überdies nicht als Festgehalt, sondern stundenweise bezahlt wird. Wird man nicht gebraucht oder ist krank, hat man Pech gehabt. Bleibt man gesund, hat man aber auch Pech gehabt. Denn 450€ monatlich reichen zur Finanzierung des Lebensunterhaltes schlicht nicht aus.

Warum sich nicht also als WerksstudentIn anstellten lassen? Das zahlt sich in einem höheren Stundenlohn aus. Andererseits müssen Sozialabgaben und Versicherungskosten erbracht werden. Zudem vergeben einige Unternehmen keine derartigen festen Jobs, sondern stufen erst im Laufe des Monats hoch, sobald die 450€-Grenze erreicht ist. Die bis dahin geleisteten Arbeitsstunden werden also schlechter bezahlt.

Doch auch wer eine Stelle als Studentische Hilfskraft an der Uni ergattert, ist nicht immer zu beneiden: zwar hat man im Idealfall einen Job, der mit dem eigenen Studium zu tun hat und auch das (Fest-)Gehalt liegt in der Regel über Mindestlohn. Dafür ist der tatsächliche Arbeitsaufwand oft größer als die dafür vorgesehene Stundenzahl. Ein Teil der Arbeit bleibt so unentlohnt.

Ein Nebenjob bedeutet eine generell höhere Belastung. Bei wöchentlich 15-20 Stunden Lohnarbeit plus Lehrveranstaltungen plus Vor- und Nachbereitungszeit bleibt kaum Zeit für anderes. Nicht nur mehr Stress, sondern ein oft auch längeres Studium sind dafür der Dank.

Fahrpreise senken, Nahverkehr ausbauen!

Als Studi kommt man für gewöhnlich in den Genuss eines mehr oder weniger brauchbaren Semestertickets, das einem die eigene Mobilität erleichtern soll. Die Geltungsbereiche und Nutzungsbedingungen dieser Tickets sind je nach Hochschule und Bundesland sehr verschieden. Einige Semestertickets umfassen mehrere Bundesländer und sämtliche dort ansässige ÖPNV-Unternehmen, andere Tickets sind auf bestimmte regionale Verkehrsverbünde begrenzt. Zudem sind die Tickets je nach Geltungsbereich und Finanzierungssystem auch unterschiedlich kostspielig: einige Tickets sind auf Basis eines Solidaritätsprinzips finanziert. Das heißt alle Studierenden bezahlen denselben Betrag unabhängig von der tatsächlichen individuellen Nutzung. Andere Tickets sind durch einen Sockelbeitrag grundfinanziert, der nur zu eingeschränkter Nutzung befähigt und individuell aufgestockt werden kann. Diese Heterogenität führt nicht nur zu einem Mobilitätsangebot, bei dem man leicht den Überblick verliert. Sie ist schlichtweg unfair, unter anderem weil die Wahl der Hochschule sich damit unmittelbar auf die Mobilität auswirkt. Deutlich fairer wäre es, wenn es für sämtliche deutsche Hochschulen ein bundesweit gültiges Semesterticket gäbe, mit dem alle Studierenden die gleichen Mobilitätsmöglichkeiten haben.

Bildung? Gebührenfrei!

Die gute Nachricht: Seit 2014 gibt es in keinem Bundesland mehr allgemeine Studiengebühren. Durch den Widerstand tausender Studierender, die sich im Bildungsstreik zusammengeschlossen haben, gelang es sie abzuschaffen.

Haben so alle Menschen freien Zugang zu Hochschulbildung? Leider nein. Es gibt zahlreiche Sonderregelungen und „versteckte Studiengebühren“.

Für das Wintersemester 17/18 führt Baden-Württemberg Studiengebühren für Nicht-EU-StaatsbürgerInnen ein (1.500€ im Semester). Andere Länder denken darüber nach diese rassistische Regelung nachzuahmen.

Einige Bundesländer erheben Langzeitstudiengebühren (400€–500€ im Semester) für Studierende, die vier Semester länger als Regelstudienzeit studieren. Dies betrifft vor allem diejenigen, die neben dem Studium arbeiten müssen – weil sie zu wenig Geld haben.

Auch bei einem Zweitstudium fallen in einigen Bundesländern Gebühren an, teilweise zusätzlich zu den Langzeitstudiengebühren. Eine Umorientierung während des Studiums wird so erschwert.

Zu den „versteckten Studiengebühren“ gehören die Verwaltungsgebühren, die bei der Einschreibung und Rückmeldung in einigen Ländern fällig werden (meist 50€ im Semester). Wofür diese Gebühren verwendet werden ist fraglich.

Studiengebühren, egal wie sie genannt werden, schrecken viele von einem Studium ab. Dies betrifft vor allem Kinder, deren Eltern nicht studiert haben oder von diesen nicht finanziert werden können. Ebenso vom Studium abgehalten werden Menschen ohne EU-Pass, die mit den höchsten Studiengebühren belastet werden. Bestehende Ungleichheiten werden so immer weiter zementiert und das Menschenrecht auf Bildung außer Kraft gesetzt.

Studieren als Prolet

Die Zahl der Studierenden aus Arbeiterfamilien ist im Vergleich zu Studierenden aus Akademikerfamilien eher gering. In  2013 hatten 60% der Eltern von Studierenden ein Abitur. Dagegen kommen nur 9% aus einer Familie, in der mindestens ein Elternteil einen Hauptschulabschluss hat. Das heißt, die Mehrheit der Studierenden an deutschen Hochschulen kommt aus Familien mit akademischen Hintergrund. 52 % der Studierenden an Fachhochschulen stammen aus einem Haushalt, in dem mindestens ein Elternteil über einen Fachhochschulabschluss verfügt. Eklatanter ist der Unterschied an Unis. Hier stammen 58% der Studierenden aus akademischen Elternhäusern – mit steigender Tendenz. Das liegt zum einen an den Rahmenbedingungen für ein Studium: Steigende Mieten und niedrige Bafög-Sätze. Ein Studium wird immer teurer. Das führt dazu, dass nahezu alle Studierenden neben dem Studium jobben müssen. Während einige Kommilitonen arbeiten, um Geld für den nächsten Back-Pack-Urlaub in Thailand zu sparen, müssen Arbeiterkinder den Nebenjob machen um Miete, Ernährung oder Lernmittel zu bezahlen. Zum anderen führt das Bachelor/Master-System, welches Studierenden weniger Zeit als vorher einräumt, zu Hindernissen. Gerade Arbeiterkinder, von denen viele, das universitäre Umfeld als ungewohnt empfinden, brauchen Zeit für eine Akklimatisierung. Das führt dazu, dass Studierende aus sogenannten „bildungsschwachen“ Milieus durch den Lerndruck, das ungewohnte Umfeld und dem finanziellen Druck ihr Studium häufiger abbrechen. In Baden-Württemberg kommen 56% der StudienabbrecherInnen aus Nicht-Akademikerfamilien.

Mieten runter!

Die Mietpreise in Deutschland explodieren. Dieser Trend geht auch an Studierenden nicht vorbei. Besonders in Groß- und Unistädten sind in den letzten vier Jahren die Preise massiv gestiegen. Durchschnittlich geben Studierende mehr als ein Drittel ihres monatlichen Einkommens allein für Wohnen aus. Bei Studierenden, die bis zu 700€ im Monat zur verfügen haben (und damit die Einkommensschwächsten darstellen), verbrauchen die Mietkosten im Durchschnitt 46% der Einnahmen. Im Vergleich zum Sommersemester 2012 ist die Miete in Wohnheimen und Wohngemeinschaften um 14% angestiegen, im Untermietverhältnis gar um 39%! Mit diesem Preisanstieg liegen studentische Wohnformen über dem Anstieg anderer Wohnverhältnisse. Das hängt auch damit zusammen, dass sich immer mehr junge Menschen nach der Schule für ein Studium entscheiden. Die Nachfrage nach studentischem Wohnraum steigt, während das Wohnungsangebot immer knapper wird. Leider macht die Politik wenig, um dem Problem entgegenzuwirken. Die staatlich geförderten Wohnheimkapazitäten für Studierende wuchsen nicht mit der steigenden Zahl der Studierenden. Im Gegenteil sinken die staatlichen Förderungen seit den 90‘er Jahren kontinuierlich. Die Wohnraumkapazitäten der Studierendenwerke reichen deutschlandweit gerade mal für ein Zehntel aller Studierenden. Insofern ist die Wohnsituation  auch Ausdruck der sozialen Situation. Nur wer sich die Miete in seiner Stadt leisten kann, kann studieren – und das sind immer öfter Studierende mit gut verdienenden Eltern.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

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