Abschiebung nach Afghanistan heißt Deportation in den Krieg

24. November 2016 - 11:47 | | Gesellschaft | 0 Kommentare
© Plattform für eine menschliche Asylpolitik

Shokat Ali Walizadeh ist einer der Gründer des Vereines „Afghanische Jugendliche – Neuer Start in Österreich“. Der Verein setzt sich für die Integration von Flüchtlingen in Österreich ein und positioniert sich klar gegen Abschiebungen. Ein Gespräch mit ihm über die Situation in Österreich und die aktuelle politische Entwicklung Afghanistans.

David Reisinger: Warum hast du den Verein Afghanische Jugendliche – Neuer Start in Österreich gegründet und was macht ihr?

Shokat Ali Walizadeh: Der Verein wurde im Jahr 2010 gegründet. Anfangs versuchten wir vor allem Deutschkurse für Flüchtlinge zu vermitteln. Im selben Jahr war einer unserer Freunde im Asylheim. Er war minderjährig und musste mit 18 Jahren das Heim verlassen. Er zog von Mödling nach Bad Vöslau. Er konnte sich nicht täglich Fahrscheine leisten und deshalb konnte er seinen Deutschkurs nicht mehr besuchen. Wir haben dann Geld gesammelt, kleine Beträge um die fünf bis zehn Euro, um ihm Fahrscheine zu kaufen. Nach dieser positiven Erfahrung haben wir uns gedacht, wir können Menschen helfen.

Wir haben begonnen, mit afghanischen Jugendlichen und anderen Vereinen Projekte aufzubauen, darunter Workshops in der Arbeiterkammer, in denen Flüchtlinge Informationen bekommen, welche Rechte und Pflichten sie am Arbeitsmarkt haben. Eines unserer Projekte heißt „Von Kabul bis Wien“. Dieses Jahr stand es unter dem Motto „Friedlich miteinander“. Wir organisieren einen spielerischen Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen. Aus ganz Österreich kommen Jugendliche nach Wien. Es gab 30 Fußballmannschaften, 20 Volleyballmannschaften und auch viele Schachspieler. Die Menschen, die zu uns kommen, sind ganz unterschiedlich. Frauen mit Kopftuch und ohne Kopftuch.

Wir versuchen auch Frauen zu motivieren, dass sie diese Veranstaltungen mitorganisieren und sich selbstbewusst als Teil davon sehen. Momentan machen wir ein Projekt zum Thema Gender-Sensibilisierung in Zusammenarbeit mit dem Verein Poika (Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit in Unterricht und Erziehung).

David Reisinger: Wie ist die Lage für afghanische Flüchtlinge in Österreich? Wie geht es ihnen, wenn sie Kontakt zu den Behörden haben?

Shokat Ali Walizadeh: Was ich mitbekommen habe, gibt es leider auf den höheren Ebenen starke Vorurteile gegen Flüchtlinge, man versucht uns gegeneinander auszuspielen: Die Menschen aus Syrien gelten als „Kriegsflüchtlinge“ und die aus Afghanistan als „Wirtschaftsflüchtlinge“, obwohl in Afghanistan genauso wie in Syrien Krieg ist. Das ist kein Geheimnis, es gibt offizielle Berichte von Menschenrechtsorganisationen über die schreckliche Lage in Afghanistan. Allein dieses Jahr wurden mehr als 8.500 Menschen getötet oder verletzt.

Wenn sogar der Innenminister von „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus Afghanistan spricht, was können wir dann von den anderen Behörden erwarten? Das Bundesamt für Asyl (BFA) in Wiener Neustadt, aber auch andere, laden Menschen zu Interviews ein. Noch bevor man sich hingesetzt hat, wird einem gesagt: „Sie haben einen negativen Bescheid, sie können innerhalb von zwei Wochen berufen.“ Afghanische, irakische und somalische Flüchtlinge bekommen generell beim ersten Mal einen negativen Bescheid. Sie werden nicht einmal ordentlich befragt.

Flüchtlinge müssen dann eine Beschwerde einlegen und werden zufallsabhängig an Rechtsberatungsorganisation zugeteilt, entweder an die Diakonie oder an den Verein Menschenrechte (VMÖ). Diejenigen, die der Diakonie zugeteilt werden, sind froh, weil die Diakonie eine Beschwerde schreiben wird. Doch die, die zum VMÖ zugeteilt werden, sind zu recht verärgert. Ich habe persönlich mit einer Chefin des VMÖ über einem bestimmten Fall telefoniert. Ein Flüchtling erhielt beim BFA Wiener Neustadt einen negativen Bescheid und ging zum VMÖ. Dort wurde ihm gesagt, dass es keine Möglichkeit für eine Berufung gäbe. Ihm wurde auch die Möglichkeit vorenthalten, dass er zu anderen Organisationen wie der Diakonie oder Caritas gehen könnte.

David Reisinger: Die Kommunikation mit den Behörden läuft meistens über Dolmetscher. Wie funktioniert die Kommunikation?

Shokat Ali Walizadeh: Leider gibt es sehr viele Probleme mit den Dolmetschern. Als Vertrauensperson war ich persönlich vor einem Monat mit einem Klient beim BFA Landstraße-Hauptstraße. Ich musste eine Stunde draußen warten bis endlich akzeptiert wurde, dass ich mit in den Raum durfte. Die Menschen werden beim BFA nicht ernstgenommen. Sie bestellen die Menschen schon eine Stunde vor Beginn des Interviews vor. Wenn ich dabei bin, läuft es meistens ganz freundlich ab. Doch wenn Flüchtlinge alleine zum BFA gehen, geht es nicht immer so gut.

Foto: Pixabay.de

Wir bekamen einen Paschto-Dolmetscher, obwohl der Klient im Iran geboren wurde. Beispielsweise hat der Referent gefragt: „Hatten Sie nur im Iran oder auch in Afghanistan Probleme?“ Eine wichtige Frage! Der Dolmetscher hat übersetzt: „Hatten Sie im Iran Probleme?“ Nach Afghanistan hat er gar nicht gefragt. Wenn diese Frage nicht richtig übersetzt wird, bekommt er automatisch einen negativen Bescheid.

Ich kenne Menschen, die nach dieser ersten Entscheidung fünf Jahre auf die zweite Entscheidung warten mussten. Das ist auch ein Problem für Österreich und wird teuer. Die Tatsache, dass afghanische Flüchtlinge beim ersten Mal einen negativen Bescheid bekommen und sie dann ewig warten müssen, drängt meiner Meinung nach Menschen in die Kriminalität und fördert Radikalisierung. Ich bitte die österreichischen Behörden, hier besser zu entscheiden.

Stattdessen werden Ein-Euro-Jobs diskutiert! In Österreich kann man mit einem Euro nicht überleben. Ich verstehe nicht, warum die mächtigen Leute bei den ärmsten Menschen, bei Flüchtlingen, sparen. Vielleicht wegen einer Wahl…

David Reisinger: Gibt es ausreichend Deutschkurse für Flüchtlinge?

Shokat Ali Walizadeh: Nein. Nur für Minderjährige sieht es ein bisschen besser aus. Sie müssen lange warten, aber sie kommen irgendwann in Kursen unter. Für die Erwachsenen ist es ein echtes Problem. Ich persönlich hab ein Jahr meines Lebens im Asylheim verschwendet. Ohne Deutschkurse oder Informationen. Das verursacht psychische Probleme.

David Reisinger: Afghanistan ist ja ein Land, in dem es seit Jahrzehnten Krieg gibt. Zuerst mit dem Einmarsch der Sowjetunion, dann der Angriff durch die NATO-Koalition unter Führung der USA. Wie ist die momentane Lage in Afghanistan?

Shokat Ali Walizadeh: Die Lage in Afghanistan wird täglich schwieriger. Nirgendwo in Afghanistan herrscht Frieden. Früher gab es in Norden Afghanistans ein bisschen Ruhe, aber jetzt nicht einmal mehr dort. Kunduz wurde zum zweiten Mal von den Taliban angegriffen. Es sieht derzeit nicht so aus, als würde der Krieg in Afghanistan schnell beendet werden. Es trifft die armen Menschen und die Minderheiten. Sie müssen Afghanistan verlassen. Die religiösen Minderheiten werden schon seit Jahren schrecklich behandelt. Doch wenn diese Leute nach Europa fliehen, wird das oft nicht ernst genommen. Auch in Österreich werden sie alle in einem Topf geschmissen. Ich kenne Leute, die hatten ein gutes Leben in Afghanistan und verdienten gutes Geld. Warum flüchten diese Menschen? Weil sie Angst um ihr Leben haben!

David Reisinger: Was sagst du zum Afghanistan-Rücknahmeabkommen der Europäischen Union (EU)?

Shokat Ali Walizadeh: Die EU verlangt, dass Afghanistan 80.000 Flüchtlinge zurücknimmt. Das geht nicht. Afghanistan kann nicht einmal die tausenden Flüchtlinge, die aus dem Iran und Pakistan flüchten, aufnehmen. Anstatt der afghanischen Regierung vier Millionen Euro zu zahlen, damit sie Flüchtlinge zurücknimmt, sollte man das Geld lieber für Menschen einsetzen, die hier leben wollen – für die Intergration.
Ich wurde in Österreich ein zweites Mal geboren. Ich habe keine Energie mehr, mir noch einmal ein neues Leben aufzubauen. Ich hoffe es kommen viele Menschen am 26. November auf die Demonstration und sagen, dass die Flüchtlinge hier bleiben dürfen!

Das Interview führte David Reisinger, es erschien zuerst in der neuen Linkswende

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