Der Islam, Fortschritt und die Aufklärung

19. Januar 2016 - 12:57 | | Gesellschaft | 4 Kommentare
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Der Islam gilt in der europäischen Öffentlichkeit als reaktionär und antimodern, eine fehlende Aufklärung sei die Ursache für die heutigen Probleme in den islamischen Gesellschaften, so die Behauptung.

Die Behauptung, dass der Islam eine rückständige Religion sei, wird dabei nicht nur von Rechten vertreten, die damit ihren Rassismus kaschieren wollen, indem sie sich vermeintlich um die Verteidigung der Demokratie sorgen, sondern auch von linken und liberalen Kräften. Immer wieder wird dabei die Behauptung vorgetragen, dass der Islam sich dringend verändern müsse, wenn er von der westlichen Welt akzeptiert werden will.

Krieg gegen Kirche und Staat

Die meisten „Islamkritiker_innen“ würden der Beobachtung zustimmen, dass sich die europäische Aufklärung zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert gegen den Widerstand der katholischen Kirche durchsetzen musste, und nicht in einem friedlichen Dialog zwischen den großen Denkern der Aufklärung und dem Establishment entstanden ist. Trotzdem hält sich die Behauptung, dass die Aufklärung untrennbar mit der judeo-christlichen Tradition Europas verbunden sei. Bekanntlich haben die christlichen Kirchen (katholische und protestantische) neue bahnbrechende Erkenntnisse meist zuerst unterdrückt. Berühmtestes Beispiel dafür ist wohl die Hinrichtung Giordano Brunos am Scheiterhaufen für seine Erkenntnis, das Weltall müsse unendlich groß und die Sterne ähnlich unserer Sonne sein.

An dieser Stelle wird dann meist auf die fortschrittliche Rolle der protestantischen Kirche hingewiesen. Gerne wird dabei vergessen, dass der Reformator Calvin 1553 in Genf den Wissenschafter, Arzt und Theologen Michael Servetus wegen Ketzerei am Scheiterhaufen hinrichten ließ. Servetus hatte Studien über den kleinen Blutkreislauf zwischen Lunge und Herz veröffentlicht, er gab eine neue „Geographike Hyphegesis“ (Atlas) des Ptolemäus heraus und zweifelte die Dreifaltigkeitslehre an.

Ibn al-Nafis, ein bedeutender syrischer Gelehrter und Arzt des 13. Jahrhunderts, schrieb 300 Jahre vor Servetus über den kleinen Blutkreislauf, und starb unbehelligt von islamischen Autoritäten im Alter von vermutlich 80 Jahren. Solche Fakten widersprechen der gängigen Kritik, in der islamischen Welt seien dieselben Erkenntnisprozesse, die im Westen Europas vor rund 300 Jahren zum Durchbruch kamen, nicht möglich gewesen. Im Gegenteil wären die römischen, griechischen und persischen Errungenschaften ohne die islamischen Bibliotheken und Gelehrten großteils verloren gegangen. Und ohne diese ist die Aufklärung kaum vorstellbar.

Fortschrittlicher Islam

Der Aufklärung wird die Überwindung des kritiklosen Gottesglaubens zugeschrieben. Die westeuropäischen Gesellschaften hätten ausgerüstet mit den Lehren der Aufklärung die Überreste mittelalterlichen Denkens, die Herrschaft der Kirche und des Adels überwunden und so den Siegeszug der Vernunft feiern können. Der Triumph der Wissenschaft und die Errichtung demokratischer Gesellschaften seien das Resultat der Aufklärung. Und natürlich impliziert die Gegenüberstellung der islamischen Tradition mit der christlich-jüdischen, dass letztere die Aufklärung erst ermöglicht habe.

Tatsache ist, dass die islamische Welt nicht nur eine moderne Wissenschaft hervorbrachte, ihre Philosophen diskutierten auch die soziale Rolle von Religion in der Gesellschaft. Der marxistische Philosoph und Historiker Maxime Rodinson (Verfasser von „Islam und Kapitalismus“ und „Die Faszination des Islam“) hat wiederholt hervorgehoben, dass Religionskritik und Gesellschaftskritik in mittelalterlichen islamischen Gesellschaften weniger gefährlich war als in Europa. So schrieb schon der persische Philosoph Rhazes/Rāzī (864-925 unserer Zeitrechnung), dass Religion die Ursache für Kriege und Feindseligkeit gegenüber der Philosophie und der Wissenschaft sei. Er schätzte Plato, Aristoteles und Hippokrates viel höher ein als die Heiligen Schriften. Ähnliche Positionen wurden sogar von Persönlichkeiten in den höchsten Staatsämtern vertreten.

Berühmt sind die Veröffentlichungen des bedeutendsten Mogulherrschers Indiens, Akbar (1542-1605 UZR), der den Weg der Vernunft über das Vertrauen auf die Tradition stellte. Sein Sprecher beschwerte sich über die Beschränkungen welche die wissenschaftlichen Entdeckungen durch religiösen Obskurantismus erlitten. Es ist kaum vorstellbar, dass eine prominente Persönlichkeit in Europa solche Ansichten hätte äußern können, ohne dafür verfolgt oder hingerichtet zu werden. Deshalb ist die Frage wichtig, weshalb die Erkenntnisse von Servetus in Europa bald zum Mainstream-Denken in der Medizin wurden, während die Lehre Ibn al-Nafis kaum Einfluss auf die Medizin in der muslimischen Welt hatte. Entscheidend ist das politische und wirtschaftliche Umfeld in dem sich die fortschrittlichen Ideen der Aufklärung durchsetzen konnten.

Dieser Beitrag wurde von Manfred Ecker, Redakteur der Linkswende verfasst, morgen erscheint der zweite Teil des Beitrags, der sich mit der mittelalterischen Entwicklung und dem Kolonialismus beschäftigt.

Über den Autor

4 Kommentare

  • 1
    Ben Maria von Finnentrop sagt:

    Da dient also die Tatsache ( ?????) , dass ein islamischer Gelehrter im 13. Jahrhundert eine medizinische Erkenntnis straffrei verbreiten durfte als Beleg für die Fortschrittlichkeit einer Religion, in deren Namen seit Jahrhunderten gehasst, gemordet, gefoltert, dikriminiert, terrorisiert wird, und zwar täglich und weltweit.
    Eine solche Naivität und Blindheit machen fassungslos. Während Hundertschaften seriöser Islamwissenschaftler und Historiker die Aggressivität dieser „Religion“ in unzähligen Schriften immer wieder belegt haben und belegen wird hier das Märchen vom „friedlichen“ und „fortschrittlichen“ Islam erzählt, während weltweit islamische Gruppen Menschen demütigen und enthaupten, Frauen versklaven und vergewaltigen, Andersgläubige verfolgen, Frauen in Ganzkörperlumpen verhüllen, in Ländern die ihnen Gastfreundschaft gewähren randalieren und belästigen, stehlen und beleidigen.
    Was soll das ?! Das ist nicht besser als wenn Neonazis die Taten von Hitler verherrlichen. Der hat ja auch die Autobahnen gebaut, kann man im Zweifelsfall anführen zum Beleg seiner Fortschrittlichkeit.
    Diese Artikel macht jeden auch nur halbwegs humanistisch denkenden Menschen fassungslos.

    • 1.1
      daexx sagt:

      Herr, denn sie wissen nicht, was sie schreiben, denken oder tun.
      Fassunglos ist untertrieben, so eine Verherrlichung einer Terrorbande und Diktatur findet man in keiner weltlichen Religion. Zum. nicht in diesem Jahrtausend.
      Wir schicken dann die Forderer, Vergewaltiger, Mörder erst einmal in die religiösen Diäziösen, Kloster und Kirchen.
      Viele tiefe Einblicke in den realen Islam wünsche ich.

  • 2
    Mariele sagt:

    „… wenn er von der westlichen Welt akzeptiert werden will.“

    Hat „der Islam“ den Anspruch von der westlichen Welt akzeptiert zu werden?
    Und wenn ja, warum?
    Und muss die westliche Welt etwas akzeptieren,
    das dem eigenen Empfinden nicht gut tut?

    Ich glaube nicht,
    als Teil „des Westens“ kann ich „den Islam“ wahrnehmen und auch anerkennen,
    wenn er da wirkt, wo seine Heimat ist,
    doch ich muss nicht akzeptieren,
    dass „der Islam“ hier in „der westlichen christlichen Welt“ wirkt.

    Das ist einfach wie in der Natur,
    der Eisbär wirkt in der Arktis,
    der Tropenfisch in warmen Gewässern –
    es ist,
    die Vielfalt, von Gott geschaffen,
    für alle ist ein Plätzchen vorhanden
    und jeder kann dort seinen Himmel auf Erden wirken.

    Globalisierung kann niemals mit Zwang geschehen
    und in der Wüste wachsen nicht das ganze Jahr Kräuter,
    aber Gast-Freundschaft wirkt immer,
    wenn der Gast
    sie in Liebe annehmen kann,
    hier wie auch dort.

  • 3
    Elbgeist sagt:

    @ Redaktion:

    Mal ehrlich Jungs, glaubt ihr den Dreck, den ihr hier einem staunenden Publikum serviert, eigentlich selber?

    Ach so…. Manfred Ecker. Na ja, Betonkopf-Kommunisten hatten mit der Wahrheit und Realität schon immer so ihre Probleme….