Die geschichtliche Tendenz der Akkumulation

28. November 2017 - 12:49 | | Wirtschaft | 0 Kommentare

Marx’ Kritik der politischen Ökonomie im ersten Band des „Kapitals“ mündet in der vielleicht wirkungsmächtigsten sozialwissenschaftlichen Vorhersage, die ein Wirtschaftswissenschaftler je getroffen hat. Sie betrifft das Schicksal der kapitalistischen Produktionsweise. „Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten … wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.

Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“1 Die Wirkungsmacht dieser Aussage ist kaum zu bestreiten, bildete sie doch die wichtigste theoretische und weltanschauliche Grundlage der Arbeiterbewegung sowie des implodierten sozialistischen Staatensystems im 20. Jahrhundert. Und im Großen und Ganzen hat sich vieles davon bestätigt. Das Bruttoanlagevermögen zum Beispiel wuchs in Deutschland seit 1850 bis heute auf fast das 40-fache.2 Dieser so enorm gewachsene Reichtum befindet sich zu großen Teilen nach wie vor in privatkapitalistischem Besitz, während die Lohnabhängigen weitgehend von ihm ausgeschlossen sind. Zwar stieg deren Realeinkommen beträchtlich, aber das gilt gleichermaßen für die Produktionsmitteleigentümer. Auch die politische Geschichte gab Marx zunächst Recht. Wenige Jahrzehnte nach seinem Tod explodierten im „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) die sozialen Widersprüche, und auf einem Drittel der Erde wurden die Expropriateure expropriiert. Heute, 150 Jahre nach Marx’ Prognose, scheint wieder alles beim Alten zu sein. Die kapitalistische Produktionsweise dominiert, Konzentration und Zentralisation des Kapitals und des Reichtums auf der einen Seite sind extrem hoch, während auf der anderen Seite die Einkommen eines Großteils der abhängig Beschäftigten stagnieren und die Schicht der Armen, Prekären und Abgehängten wächst. Zuhauf erscheinen Publikationen über wachsende soziale Ungleichheit – wenn auch nicht in der Produktion, so doch zumindest in der Verteilung – und stehen sogar auf Bestsellerlisten. Autoren wie Thomas Piketty werden zu Pop-Ökonomen stilisiert, und einer der jüngsten Nobelpreise für Ökonomie ging an Angus Daeton, einen ausgewiesenen Forscher auf diesem Gebiet. Selbst die IWF-Chefin Christine Lagarde äußert sich besorgt über die wachsende Ungleichverteilung, und in den Feuilletons der bürgerlichen Blätter erscheinen Essays über die Gefahren für das bestehende Wirtschaftssystem. Nicht wenige der heutigen Anhänger von Marx sehen darin die umfassende Bestätigung seiner Akkumulationstheorie und beschwören erneut das baldige Ende des Kapitalismus. Aber die Fakten lassen sich auch anders lesen. Schon Antonio Gramsci bezeichnete seinerzeit die russische Oktoberrevolution als eine „Revolution gegen das (Marxsche – J.L.) ‚Kapital’ “. Und obgleich sich wichtige Seiten der Marxschen Prognose bewahrheitet haben, folgten andere Elemente jahrzehntelang anderen als der vermuteten Tendenz, und über nahezu die Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinweg ging die Ungleichheit zurück. Simon Kuznets hatte schon in den 1950er Jahren starke Argumente für seine Vermutung, dass die Ungleichheit in den hochentwickelten Ländern – er untersuchte die USA, Großbritannien und Deutschland – zunächst wuchs, dann aber wieder zurückging.3 Zwar blieb der Fortschritt janusköpfig und selbst seine Segnungen verteilten sich höchst asymmetrisch, aber es war Fortschritt und das Gros der Arbeiter erlebte und empfand das durchaus auch so. Und ob oder inwieweit die kapitalistische Hülle sich nicht mehr mit dem Grad der Vergesellschaftung der Arbeit vereinbaren lässt und zu einer „Fessel“ wird, ist angesichts der Produktivkräfte, die dieses System trotz seiner Krisen und Verwerfungen hervorbringt, durchaus diskutabel. Die Produktivität wuchs zuletzt zwar langsamer als in der Rekonstruktionsperiode nach dem Zweiten Weltkrieg, aber im Vergleich zu Marx’ Zeiten eher schneller: In den fünfzig Jahren seit seiner Geburt bis zur Veröffentlichung des „Kapitals“ wuchs die Pro-Kopf-Produktion Englands – seinem bevorzugten Forschungsfeld – auf etwa das Eineinhalbfache, sie verdreifachte sich jedoch in den letzten fünfzig Jahren bis heute, während sich die Expropriation der Expropriateure im ehemals sozialistischen Lager diesbezüglich als Fehlschlag erwies. Die Krise des Systems ist unübersehbar, und eine ihrer Wurzeln liegt zweifellos in seinen von Marx analysierten inneren Widersprüchen. Heute wirken jedoch auch Widersprüche, die „quer“ zum Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit liegen, die Welt ist wesentlich komplexer und differenzierter als das England des 19. Jahrhunderts, und die einfachen Formeln, mit denen die in den Kinderschuhen steckende Arbeiterbewegung mobilisiert werden konnte, ziehen nicht mehr. Gründlich, wie er war, fügte Marx seiner Analyse hinzu, das allgemeine Gesetz der Akkumulation werde wie jedes andere Gesetz auch „in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert…“.4 Seine Formulierung bezüglich des tendenziellen Falls der Profitrate greift auch hier: „Es müssen gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein, welche die Wirkung des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und aufheben und ihm nur den Charakter einer Tendenz geben …“5 Diese Umstände sind es, welche die von ihm postulierte historische Tendenz der Akkumulation zeitweilig fast bis zur Unkenntlichkeit modifizierten.6 Dabei geht es nicht um das Kapital im Allgemeinen, sondern um die komplexen und widersprüchlichen Wechselwirkungen von ökonomischen und politischen Faktoren, oder, um es mehr theoretisch zu formulieren, um die Dialektik von Basis und Überbau und die reale Bewegung des Kräfteverhältnisses der sozialen Klassen sowie die daraus resultierende historisch tatsächlich verwirklichte Bewegung der Akkumulation des Kapitals. Die von Marx in den Mittelpunkt seiner Gesetzesableitung gestellten wirtschaftlichen Prozesse müssen dazu einer historisch konkreten Analyse unterworfen werden. Sofern es künftige Entwicklungen betraf, waren einige dieser Umstände kaum voraussehbar, aber wesentliche theoretische Elemente finden sich bei ihm durchaus. Er maß ihnen seinerzeit aber wohl nicht die Bedeutung bei, die sie dann im 20. Jahrhundert tatsächlich haben sollten. Andere Umstände wären, hätte er den ursprünglichen Plan seines Werks verwirklichen können, möglicherweise in den Teilen über den Staat und die Weltmarktkrisen behandelt worden. Es sei aber auch darauf verwiesen, dass neben dem „esoterischen“ Marx, der das innere Wesen des Kapitals enthüllte, auch ein „exoterischer“ Marx existierte, der politische Wünsche und Ziele mit der Wirklichkeit und ihren Tendenzen vermischte und über seine ökonomische Analyse gelegentlich politisch hinausschoss.7

Die Entwicklung der Lage der Arbeiterklasse

Nach Marx verschlechtert sich die Lage der Arbeiterklasse unabhängig davon, wie sich ihr Lohn verändert, weil ihre Stellung als abhängige und ausgebeutete Klasse davon unberührt bliebe. Trotzdem kreisen große Teile des Kapitels, in dem er das allgemeine Gesetz der Akkumulation behandelte, nicht um diese Abhängigkeit und Entfremdung, sondern um die Frage der Lohnentwicklung als Funktion der Kapitalakkumulation. Und es wäre natürlich absurd, die Frage der Entwicklung der Lage der Arbeiterklasse behandeln zu wollen, ohne die Entwicklung jener Größe zu beachten, von der ihre Reproduktion zuallererst abhängig ist. Gemessen daran hat es statt Verelendung und Klassenpolarisation über lange Zeiten hinweg eine absolute wie auch eine relative Verbesserung der Lage gegeben. Die Reallöhne stiegen und ihr Anteil am Volkseinkommen erhöhte sich vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1970er Jahre.

Aber schon vorher reduzierte sich die Arbeitszeit dramatisch, und trotz steigender Arbeitsintensität verbesserte sich der Gesundheitszustand der Lohnabhängigen, und die Lebenserwartung erhöhte sich. Dem Kapital wurden bedeutende wirtschaftsdemokratische und politische Rechte abgerungen. Würden in die Analyse der Lage der Arbeiterklasse die heute üblichen Indikatoren (Einkommen und Vermögen, Beschäftigung, Wohnverhältnisse, Gesundheit und Bildung, soziale Inklusion, Umweltqualität, Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements, persönliche Sicherheit usw.) einbezogen, so gäbe es zwar ein differenziertes Bild, aber der Vergleich zu Marx’ Zeiten fiele bezüglich der meisten Indikatoren zugunsten der Gegenwart aus.

Jüngst hat auch Thomas Piketty gezeigt, dass die Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen geschichtlich nicht durchgängig zunahm, sondern vielmehr eine U-förmige Entwicklung aufweist (Abbildungen 3 und 4). Sie erreichte um den Ersten Weltkrieg herum einen Höhepunkt, um sich dann bis Mitte der 1970er Jahre zu verringern. Seitdem erhöhte sie sich wieder. Natürlich beziehen sich Pikettys Daten nicht direkt auf die Lage der Arbeiterklasse, und seine Erklärung, in der Produktionsverhältnisse und soziale Kämpfe überhaupt keine Rolle spielen, hat wenig bis nichts mit dem Marxschen „Kapital“ zu tun. Die Kennziffer der Ungleichheit in der personellen Einkommens- und Vermögensverteilung vermag die Klassenlage nicht zu erfassen. Und in gewisser Weise kann das auch für die Lohnquote gesagt werden, weil Arbeiter auch Vermögenseinkommen und Kapitaleigner auch Lohneinkommen beziehen können. Eine Tendenz der Verteilung spiegeln sie jedoch durchaus wider. Stefan Krügers Berechnungen der Ausbeutungsrate für die Bundesrepublik seit 1950 oder die von Michael Roberts für die USA bestätigen das.8 Die Arbeiter haben heute mehr als nur ihre Ketten zu verlieren, und völlig zu Recht wird die Entwicklung der letzten drei, vier Jahrzehnte als soziales und politisches Rollback oder „regressive Moderne“ (Oliver Nachtwey) charakterisiert, als ein erfolgreicher Angriff des Kapitals auf soziale Errungenschaften der subalternen Klassen im 20. Jahrhundert. Also: Welche modifizierenden Umstände wurden wirksam?

Einflüsse auf die Lohnbewegung

Marx betrachtete die Lohnhöhe als eine von Umfang und Energie der Akkumulation abhängige Größe. Steigender Umfang erhöhe die Nachfrage nach Arbeitskräften und die Löhne bis zu einem gewissen Punkt, bevor ein – in heutigen Worten – Profitsqueeze eintrete, die Akkumulation einen Rückschlag empfange und die Nachfrage nach Arbeitskräften und dementsprechend die Löhne wieder sänken. Die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals führe zudem dazu, dass die Akkumulation tendenziell höheren Umfang haben müsse, um eine bestimmte Beschäftigung zu schaffen. In dieser Erklärung fehlen verschiedene Momente der Lohnbewegung, auf die Marx an anderen Stellen einging, die er aber im „Tendenz-Kapitel“ nicht als entgegenwirkende Faktoren behandelte. Zu einem ersten Moment: Das Kapital kann nur in dem Maße wachsen, wie sich die Wertsumme der Waren in der Zirkulationssphäre tatsächlich realisieren lässt. Entfernt sich die Kapitalakkumulation zu weit von der zahlungsfähigen Nachfrage, kommt es also zu Überakkumulation und Überproduktion, wird sie in der Krise wieder zurückgeworfen; Kapital wird vernichtet. Eine Zeitlang mag die Konsumgüternachfrage der Kapitaleigentümer und des Staates (Beispiel Rüstungskonjunktur) oder – wird nur ein Land betrachtet – der Export eine zu geringe Nachfrage nach Lohngütern ausgleichen. Die aus den Löhnen resultierende Nachfrage macht jedoch den größten Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aus. Der Fordismus des 20. Jahrhunderts ist deshalb dadurch gekennzeichnet, dass sich Löhne lange Zeit ähnlich wie die Produktivität entwickelten. Zweitens: Die Reproduktionsaufwendungen der Arbeitskraft sind abhängig von der Masse an Gütern, die dafür erforderlich sind und dem gesellschaftlich durchschnittlichen Aufwand zur Reproduktion ihrer einzelnen Exemplare. Die Entwicklung der Produktivkräfte wirkt also widersprüchlich: wertsenkend, soweit die Produktivität steigt, wertsteigernd, soweit sie mehr und neue Lohngüter erforderlich macht. Letzterer Aspekt verbirgt sich hinter Marx Formulierung vom „historischmoralischen Moment“ der Bestimmung des Werts der Arbeitskraft. Der langfristige Anstieg der Reallöhne signalisiert einen steigenden Wert, wobei er nicht mit dem Grad der Kompliziertheit der Arbeit und ihrer Intensität Schritt hielt. Das heißt, der Mehrwert steigt nicht durch den sinkenden Wert der Arbeitskraft, sondern durch Erhöhung ihrer wertschöpfenden Potenz und die Verdichtung des Arbeitstags. Als der erste Band des „Kapital“ geschrieben wurde, hatte die zweite industrielle Revolution noch nicht eingesetzt. Die Neuerungen in der Elektrotechnik, in der Chemie und im Verkehrswesen erforderten ganz andere Arbeitskräfte, als sie von Marx vorgefunden und beschrieben worden waren. Diese Entwicklung war mit verelendeten, unwissenden und degradierten Arbeitern nicht machbar. Der neue Typ des Lohnarbeiters, der Facharbeiter, war hochgebildet und selbstbewusst und verfügte teilweise sogar über Hochschulbildung. Teile der Arbeiterklasse gehörten nicht länger zur „Unterschicht“, sondern wurden Bestandteil der so genannten Mittelschicht. Die zur Reproduktion der Arbeitskraft erforderliche Breite und Menge der Lohngüter hatte sich im Vergleich zu Marx’ Zeiten stark erhöht. Ein drittes Moment ist die soziale Absicherung der Reproduktion der Arbeitskraft. Mit den Sozialversicherungssystemen, der Ablösung des familien- und kinderbasierten Systems durch öffentliche und private Versicherungen war das Sparen, also Vermögensbildung auch durch die Arbeiter verbunden. Das deutsche Umlagesystem führte zu sozialem Anspruchsvermögen; in Ländern mit privat finanzierten Versicherungen kommt es zur Bildung von Geldvermögen auch bei Arbeitern in einem zu Marx Zeiten undenkbaren Ausmaß. In den USA gehören die privaten, betrieblichen und öffentlichen Rentenkassen inzwischen zu den größten Vermögensverwaltern und Finanzunternehmen überhaupt.

Stärke und Organisationskraft der Arbeiterbewegung

Die Entwicklung der Arbeiterbewegung, ihre Stärke und Organisationskraft ist von diesem Wandel in den Arbeitsinhalten und den Reproduktionserfordernissen nicht zu trennen. Schon die Reduzierung der Arbeitszeit und der Kinderarbeit war nicht primär das Werk einsichtiger Kapitalisten und ihrer politischen Interessenvertreter, sondern signalisierte eine neue Stärke der Arbeiterklasse. Diese entfaltete sich im 20. Jahrhundert noch mehr als dies im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen war. In den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg explodierte der gewerkschaftliche und parteipolitische Organisationsgrad der Arbeiter. Das heißt, die Arbeiterklasse hatte auch die Kraft, die neuen Erfordernisse ihrer Reproduktion geltend zu machen. Dies geschah, noch bevor mit dem sozialistischen Lager ein Systemwettbewerb begann, der dann nach dem Zweiten Weltkrieg freilich eine bedeutende Rolle spielte. Allerdings sollte auch nicht unterschätzt werden, dass die Bourgeoisie schon viel früher auf das „Gespenst des Kommunismus“ reagierte. Die Einführung einer Sozialversicherung durch die Regierung Bismarck beruhte nicht allein auf der Einsicht in die neuen Erfordernisse der Reproduktion, sondern war auch eine Reaktion auf die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialisten“, wie es in der Gesetzespräambel des „Sozialistengesetzes“ formuliert wurde. Dieses Damoklesschwert von Revolution und Sozialismus spielte fortan keine geringe Rolle für das Handeln der Kapitalvertreter in der Auseinandersetzung mit der Arbeit.

Zunahme staatlicher Funktionen

Seit der Veröffentlichung des „Kapital“ wurde der Staat immer stärker zu einem zentralen Element des gesamtwirtschaftlichen Reproduktionsprozesses, und zwar sowohl der Reproduktion der Arbeitskräfte wie der des Kapitals. Die Staatsquote, das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt, lag zu Marx und Engels Zeiten kaum über 10 Prozent, heute liegt dieser Wert international zwischen 30 und 50 Prozent, teilweise noch darüber. Die wachsende Bedeutung des Staates ist zum einen auf zunehmende Vergesellschaftung der Arbeit und wachsende Bedeutung allgemeiner Reproduktionsbedingungen zurückzuführen, worauf noch zurückzukommen sein wird. Zum anderen ergaben sich wachsende Anforderungen an die Reproduktion der Arbeitskraft im Bereich von Bildung, Kultur, Gesundheit usw. Manche dieser Erfordernisse verlangen von vornherein staatliche Aktivitäten, andere könnten zwar privat finanziert werden, sind dann jedoch teurer und erhöhten den Wert der Arbeitskraft stärker. Die Unterschiede können anhand der privaten Systeme in den USA und der öffentlichen Systeme in Europa besichtigt werden und erklären teilweise auch die Lohnunterschiede zwischen diesen Ländern. Aber selbst in den USA konnte auf staatliche Formen der Reproduktion der Arbeitskraft nicht gänzlich verzichtet werden. Die Erweiterung der Funktionalitäten des Staates erzwang ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts umfassende Reformen der Staatsfinanzen mit neuen Steuern und Abgaben sowie Tarifen; es entwickelte sich der moderne Steuerstaat. Eine wesentliche Neuerung war neben der Einführung der Erbschaftsteuer die Anwendung progressiver Einkommensteuertarife, das heißt die überdurchschnittliche Besteuerung höherer Einkommen. Marx und Engels hatten im „Kommunistischen Manifest“ die Errichtung einer progressiven Steuer als eine der ersten Maßnahmen nach einer siegreichen proletarischen Revolution gefordert; nun sah sich die Bourgeoisie selbst dazu gezwungen. Nach Piketty ist diese Steuer neben der Zerstörung von Vermögen in den Weltkriegen ein Grund dafür, dass die Einkommens- und Vermögenspolarisierung im 20. Jahrhundert zunächst nicht weiter stieg, sondern sogar sank, weil die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen infolge der Steuerprogression und der Transferzahlungen niedriger als die der Bruttoeinkommen ist.

Internationalisierung von Produktion und Kapital

Hinzu kam, dass sich im 20. Jahrhundert mit der Internationalisierung von Produktion und Kapital neue Territorien der Ausbeutung auftaten. Damit erhöhte sich zwar einerseits die Konkurrenz unter den Arbeitern im internationalen Maßstab. Andererseits kann damit der binnenwirtschaftliche Druck steigender Löhne auf die Kapitalverwertung kompensiert werden. Die Arbeiterklasse und vor allem ihr bestbezahltes Segment, die so genannte Arbeiteraristokratie, partizipierten von dieser Entwicklung. Die Verelendungstendenz wurde teilweise in die „dritte Welt“ ausgelagert und die billigen Arbeitskräfte und Rohstoffe dieser Länder stützten die Kapitalverwertung der Mutterländer des Kapitals auch unter den Bedingungen dort steigender Reallöhne.

Neoliberale Offensive

Die Verringerung der Ungleichheit innerhalb der Kernländer des Kapitalismus wurde in den 1970er Jahren gestoppt und es kam zu einer erneuten scharfen Trendänderung in der Bewegung der Lohnquote und der Ausbeutungsrate. Es begann die Erosion der Mittelschicht, die Senkung ihrer Aufwärts- und die Verstärkung der Abwärtsmobilität ihrer unteren Ränder. Kern einer Erklärung dafür ist die Veränderung der objektiven Bedingungen der Reproduktion von Arbeit und Kapital in Wechselwirkung mit ihrem Kräfteverhältnis. War die Arbeiterklasse, die die Hauptlast der beiden Weltkriege getragen hatte und moralisch gestärkt aus ihnen hervorging, nach 1945 stärker und einflussreicher geworden, so veränderte sich die Situation mit dem Auslaufen der Rekonstruktionsperiode. Die Entwicklung der Produktivkräfte führte zu einer weitreichenden Umstrukturierung der Wirtschaft, in der die traditionellen industriellen Hochburgen der Arbeiterklasse geschleift wurden. Ihre zunehmende Segmentierung und der Aufstieg der Dienstleistungs- sowie der Informations- und Kommunikationswirtschaft mit veränderten Arbeitsinhalten und Organisationsformen der Produktion, die den gewerkschaftlichen Einfluss erschweren, sowie die stärkere Ausdifferenzierung von Lebensweise und Habitus der abhängig Beschäftigten veränderten das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Die neoliberale Wende, die in den 1970er Jahren in allen hochentwickelten Ländern begann, war Ausdruck dieser neuen Verhältnisse und untermauerte sie. Durch die Weltkriege hatte sich die Zunahme der internationalen Arbeitsteilung und der Internationalisierung des Kapitals zunächst nicht nur verlangsamt, sondern war teilweise zurückgeworfen worden. Mit den 50er/60er Jahren beschleunigten sie sich erneut; es kam zu einer verstärkten Globalisierung. Sie ermöglichte es dem Kapital, den sozialen und Lohnforderungen sowie den Anforderungen der Staatsfinanzierung im Zuge der Standortkonkurrenz partiell auszuweichen. Der Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks und die zunehmende Einbeziehung der Entwicklungsländer in die Kapitalreproduktion verstärkten diesen Prozess. Der Übergang von nicht wenigen dieser Länder in den Status von Schwellenländern und ernstzunehmende wirtschaftliche Konkurrenten verschärfte auch die internationale Konkurrenz der Arbeiter. Produktionsverlagerungen und Warenimporte setzten die Arbeiterklasse und ihre Organisationen in den hochentwickelten Ländern unter Druck und verminderte ihre Verhandlungsmacht gegenüber dem Kapital und dessen politischen Institutionen. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass trotz der wachsenden, intensiven Einbeziehung der Arbeiter der ehemals „dritten Welt“ in den Kreislauf der globalen Ausbeutung das vielleicht viel ernstere Problem die Exklusion eines großen Teils der dort nach wie vor wachsenden Bevölkerung aus diesen reproduktiven Zusammenhängen besteht. Dieser Teil bildet eine gigantische Reservearmee der globalen Kapitalverwertung. Sie ist trotz ihres Elends nicht Teil jener Arbeiterklasse, die, wie Marx schrieb, durch den „Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozess selbst geschult, vereint und organisiert“ ist. Sie gleicht eher jener landlosen Bevölkerung in der Entstehungszeit des Kapitalismus, die erst die Landstraßen und dann die Armen- und Arbeitshäuser bevölkerte. Eine Milliarde absolut Arme, die mit weniger als 1,95 Dollar pro Kopf und Tag am physischen Existenzminimum – oder sogar darunter – leben, 800 Millionen Hungernde, 8 Millionen jährlich an Unterernährung oder Mangel Sterbende, 210 Millionen registrierte Arbeitslose (ganz zu schweigen von den nicht registrierten), über 60 Millionen Flüchtlinge. Das Land und die Ressourcen, die ihre Ernährung und Reproduktion sichern könnten, verlieren sie durch Kriege, Landnahme oder Klimaschäden, und ihre Empörung, sofern sie nicht überhaupt blind ist oder politisch missbraucht wird, zielt zumeist auf Inklusion in die kapitalistische Reproduktion.

Dieser Artikel wurde von Jürgen Leibiger geschrieben und erschien in der neusten Ausgabe der Zeitschrift „Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung“, die hier erworben werden kann.

1 Karl Marx, Das Kapital Band I, MEW 23, S. 790f. (im Folgenden MEW 23).

2 Vgl. Reiner Metz. Säkulare Trends der deutschen Wirtschaft. www.gesis.org (Kapitalstock in Deutschland).

3 Es spricht für Kuznets Ehrlichkeit, wenn er in seinem berühmten Artikel abschließend schrieb, sein Papier enthalte 5 Prozent Fakten und 95 Prozent Spekulationen, die auch seinem Wunschdenken entspringen könnten. Simon Kuznets: Economic Growth and Inequality. American Economic Review. Band XLV, März 1955. S. 26.

4 MEW 23, S. 673f.

5 MEW 25, S. 242.

6 Der als Revisionist gescholtene Eduard Bernstein hatte schon früh auf einige der Marxschen Einschätzung entgegenlaufende Tendenzen verwiesen: „Die Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse hat sich nicht in der Weise vollzogen, wie sie das ‚Manifest‘ schildert. …Die Zahl der Besitzenden ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Die enorme Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums wird nicht von einer zusammenschrumpfenden Zahl von Kapitalmagnaten, sondern von einer wachsenden Zahl von Kapitalisten aller Grade begleitet. Die Mittelschichten ändern ihren Charakter, aber sie verschwinden nicht aus der gesellschaftlichen Stufenleiter.“ Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Stuttgart 1899. S. VI sowie 37 ff.

7 Vgl. dazu Wolfgang Jahn in: IMSF, Defizite im Marxschen Werk, Frankfurt a.M. 1992, S. 16-26.

8 Vgl. Stefan Krüger, Entwicklung des deutschen Kapitalismus 1950 – 2013, Hamburg 2015, S. 85. Michael Roberts: https://thenextrecession.wordpress.com/2016/11/10/debating-the-rate-ofprofit/. Obwohl beide Mehrwertraten eine fast gleiche Dynamik aufweisen, unterscheidet sich ihr absoluter Wert beträchtlich, was auf unterschiedliche Berechnungsweisen verweist.

Über den Autor

Dr. oec. habil., *1952. Studium der Mathematik und Datenverarbeitung in der Wirtschaft. Lehrt als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Sächsischen Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie in Dresden und leitet deren Referat Studiengänge. Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen.