"Maëva" by tayto971, Flickr, under CC BY-NC 2.0.

Warum kulturelle Aneignung Rassismus bestärkt

Die Debatte um kulturelle Aneignung wird in Europa und Amerika heiß diskutiert. Es geht um die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, sich als weißer Mensch gewisser kultureller Mode oder Musik zu bedienen. Hierzu gibt es gerade in der progressiven gesellschaftlichen Ebene eine klare Antwort. Die kulturelle Aneignung der geschichtlich unterdrückten Kulturen schade noch heute den Menschen aus diesen Kulturen in mehreren Formen und daher sei sie abzulehnen.

Die eine Form ist, dass eine „Aneignung” durch Menschen, die der entsprechenden Kultur nicht angehören, die Geschichte der Mode oder Musik nicht kennen könnten und diese somit nicht respektieren oder zu würdigen wissen. Gerade im Gespräch ist das Tragen von Dreadlocks durch weiße Menschen. Die andere Form des Schadens, der Menschen aus entsprechenden Kulturen geschähe, ist die Konkurrenz der Menschen, die zum Beispiel Rap-, R’n’B- oder Soul-Musik nutzen, um in diesen Genres viel Geld zu verdienen und den Menschen anderer Kulturen hier Steine in den Weg zum eigenen Erfolg zu legen.

Es wird in Bezug auf dieses Thema viel über systematischen Rassismus in der Gesellschaft gesprochen und somit auch häufig darüber, ob es rassistisch ist, wenn weiße Menschen Dreadlocks tragen, oder es rassistisch gegenüber Weißen ist, wenn sie ausgegrenzt werden, nur weil sie Dreadlocks tragen und nun mal weiß sind.

Meiner Meinung nach wird in dieser Debatte der Kernpunkt des Problems umschifft und Grenzen hochgezogen, wo die progressiven Menschen doch eigentlich Grenzen einreißen sollten.  Die kulturelle Aneignung wird falsch interpretiert, falsch verstanden und falsch argumentiert.

In einer digitalen, aufgeklärten, anti-rassistischen Welt würde das Bestehen auf eine eigene Kultur, die Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen ablehnt, als rassistisch aufgefasst. Dürfen US-Amerikaner (nicht jeder weiße Mensch gehört der gleichen Kultur an), da sie and der Spitze der Weltordnung stehen, keine deutschen Lederhosen tragen, weil sie die Geschichte hierzu nicht kennen? Dürfen Schwarze Menschen Dreadlocks tragen, obwohl sie der entsprechenden Kultur, die Dreadlocks hervorgebracht hat, nicht angehören (nicht jeder schwarze Mensch gehört der gleichen Kultur an)?

Nun, erstmal ist dies eine Annahme über die Beweggründe einer anderen Person und zweitens ist dies irrelevant. Ein freier Mensch darf sich theoretisch so kleiden, so benennen, ja sogar so geben, wie es der eigenen Persönlichkeit entspricht. Diese Freiheit wird von Minderheiten eingefordert, ob sie nun der LGTBQ-Bewegung angehören oder einer „Minderheitenkultur“, und müsste folgerichtig auch allen anderen Menschen zustehen, was weiße Menschen nicht durch ihre angebliche Machtposition oder Hautfarbe oder kulturellem Erbe ausschließt. Möchten wir in einer Welt leben, in der die Frage nach Richtig oder Falsch anhand der Macht einer Person entschieden wird? Unabhängig davon, ob dies der jetzige Zustand ist? Immerhin kann kein Mensch etwas dafür, in welchem Körper oder wo auf der Welt er geboren wird.

Dass der Kapitalismus (ja dieser ist Teil der Debatte) Konkurrenzdenken bestärkt, ist hinlänglich bekannt. Die Argumentation, dass bestimmte Musik nur der Kultur vorbehalten sein sollte, die diese auch „erschaffen” hat, ist genauso zerbrechlich wie die vorherige Argumentation. So ziemlich jede Musikrichtung baut aufeinander auf. Es ist Kunst, und Künstler suchen stets nach neuen Einflüssen, lassen sich inspirieren und erschaffen dann etwas Neues. Dies ist schön und gut und sollte nicht eingeschränkt werden. Es wird argumentiert, dass Eminem und Adele oder Elvis, nur weil sie weiß sind, so erfolgreich sind. Ein gefährliches Argument. Michael Jackson ist dann die Bestätigung des Arguments, als er sich zunehmend operieren lässt, wird er von der schwarzen Gemeinschaft fallengelassen aber die weiße Gemeinschaft nimmt ihn auf? Funktioniert Rassismus so? Sind Rassisten der Ansicht, Michael Jackson ist jetzt weiß?

Ich denke, es wird das Talent dieser Künstler komplett untergraben und kein Zusammenhang zum Kapitalismus oder zum menschlichen Gemeinschaftsgefühl gezogen. Dies sind nicht nur Tendenzen, die weißen Menschen zu eigen sind, sondern uns allen. Wir reimen uns in der Hinsicht, dass wir Menschen bevorzugen, die uns ähnlichsehen bzw. sind. Ein evolutionärer Impuls im Gehirn, der uns hilft, uns in unserer Gemeinschaft zurecht zu finden. Etwas, dem sich jeder bewusst sein sollte, um Unbekanntem nicht automatisch abwertend gegenüberzustehen.

Ist es da richtig, weiße Menschen davon abzuhalten, Dreadlocks zu tragen? Immerhin vermischt sich so die Kultur, das Tragen von Dreadlocks (als Beispiel) wird normalisiert und entstigmatisiert und nicht nur mit einer gruppe Menschen in Verbindung gebracht. Die kulturelle Geschichte dieser Haartracht kann dabei verschwinden – allerdings ist dies nicht zwangsläufig etwas Schlechtes. Es ist natürlich, dass im Laufe der Zeit die ursprüngliche Bedeutung von Musik oder Kleidung oder Frisuren wegfallen können, weil sie ihren Weg in die breite Menschenmasse gefunden haben. Kultur ist so fließend wie Kunst.

Systematischer Rassismus ist ein Problem und über dieses muss gesprochen werden. Allerdings kann diese Debatte nicht geführt werden, ohne über den Kapitalismus zu reden, und sie kann erst recht nicht geführt werden, wenn individueller Rassismus und systematischer Rassismus gleichgestellt werden. Individueller Rassismus baut sich nicht durch Logik, sondern Emotionen auf und wird durch Angst und Ausgrenzung bestärkt. Weißen Menschen kulturelle Aneignung vorzuwerfen, ist genauso schädlich, wie Schwarzen Menschen nicht im Bus sitzen zu lassen. Einfach zu behaupten, dass es keinen Rassismus gegen weiße Menschen gibt, weil sie sich in einer Machtposition befinden und daher ist es okay, ihnen zu verbieten, sich nach ihrer Fasson auszuleben, wird unnötig den Rassismus in diesen Menschen schüren, anstatt den systematischen Rassismus in der Gesellschaft zu bekämpfen.

Die Ausgrenzung aufgrund von Kultur wird dem Ausgegrenzten doch anerzogen. Im Kopf bildet sich der Gedanke, wenn ich wegen meiner Herkunft oder meines Aussehens benachteiligt werden darf, ist die logische Konsequenz auch im eigenen Verhalten Menschen anhand ihres Aussehens unterschiedlich zu behandeln und zu beurteilen. Zumal hier eine Unterscheidung stattfinden muss. Wie bereits erwähnt, einem weißen Menschen darf nicht suggeriert werden, dass er sich nicht nach seiner Fasson ausleben darf, weil er einer Kultur angehört, die an einer Machtposition sitzt.

Die Folge hiervon sind im besten Fall Unverständnis und im schlimmsten Fall Wut und Frust, da eine Unterscheidung gemacht wird, diesem Menschen gegenüber für Zustände, die nicht in seiner Verantwortung liegen (wir suchen uns unsere Herkunft nicht aus). Systematischer Rassismus bildet sich aus individuellem Rassismus und ist natürlich wegen der Geschichte und der Konkurrenz im Kapitalismus weiterhin präsent. Die Logik hier ist einfach. Wenn Menschen einfach nur Menschen sein sollen, und ich hoffe, dass sich dies jeder wünscht. Über den Kapitalismus nachdenken und auf individueller Basis anfangen, alle Menschen als gleich zu betrachten und dies auch zu leben. Nur eine Gesellschaft, die Menschen immer als Menschen betrachtet, wird systematischen Rassismus bezwingen. Dafür ist aber introspektive Arbeit auf Individueller Ebene nötig.

Ein Weißer, der Dreadlocks trägt, ist genauso okay und gehört genauso wenig ausgegrenzt wie ein Schwarzer mit nordirischen Runen auf dem Arm. Eine Faustregel zum Abschluss. Wenn es um eine Rassismus-Frage geht, sollte die Frage immer auch einmal umformuliert werden. Ist es für einen „Menschen” okay, dies oder jenes zu tun? Kultur ist immer im Wandel und Rassismus wird durch das Schauen aufs Herz besiegt, nicht durch das Einzäunen von Unterschieden. Wenn dies alle täten, wären wir einen Schritt weiter.

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