Von der Uni in den Betrieb!

26. November 2018 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Wolfgang Schaumberg erlebte den SDS in der 68er Bewegung. 1970 ging er mit einigen Genossen in die Bochumer Opel Werke als einfacher Hilfsarbeiter, um marxistische Interventionsarbeit zu leisten. 40 Jahre lang prägte die Gruppe oppositioneller Gewerkschafter (GoG) bei Opel die Arbeitskämpfe. Auf dem 68/18 Kongress in Berlin wird Wolfgang über seine Erfahrungen berichten. 

Du warst damals im SDS, was hast du damals studiert, und seid wann warst du im SDS?

Ich bin 1966 von Heidelberg nach Bochum gekommen, in diesem Jahr wurde ich auch aktiv im SDS. Als Hauptfach hatte ich Germanistik und als zweites Fach evangelische Theologie. Im Laufe des Studiums hatte ich mich dann allerdings von der Religion gelöst. In Heidelberg war ich 1965 das erste Mal auf der Straße bei einer Demo gegen den Bildungsnotstand. In Bochum wurden wir alle sehr ergriffen von der Studierenden- und Jugendbewegungen, wie sie sich in der Auseinandersetzung mit den Notstandsgesetze zeigte. Es aber auch eine Bewegung die ihre Impulse aus internationalen Ereignissen bekam.

Man kennt ja den SDS aus Berlin oder aus Frankfurt, weniger bekannt ist der Bochumer SDS, wo ausgerechnet hier die Studierenden in die Fabrik gingen. Warum gerade hier?

Wir hatten in Bochum schon Protestaktionen gegen die Notstandsgesetze erlebt, wo Beschäftigte von Krupp damals mit auf die Straße gingen. Und wir waren besonders gepackt von den Septemberstreiks 1969, wo es im Bergbau und in der Stahlindustrie sogenannte wilde Massenstreiks gab. Parallel dazu war ja schon 1968 sehr viel in Frankreich bei den Mai-Unruhen gelaufen, wir haben diskutiert und gemerkt, dass wir nicht von der Universität aus die gesellschaftlichen Veränderungen erreichen, die uns vorschwebten. Wir entschlossen uns unter die Leute zu gehen, die durch ihre Arbeit die Profitmacht der Kapitalistenklasse schaffen und erhalten. Einher ging dann diese Überlegung eine Kommunistische Partei aufzubauen, und zwar nicht wie die neugegründete moskauorientierte DKP – die wir als revisionistisch kritisierten. Auf Grund der vielen leeren Stellen am Fließband war es dann für mich im Juli 1970 einfach bei Opel unterzukommen.

Sonst hatte das aber keine SDS Gruppe gemacht oder?

Doch. Es gab in Berlin den gleichen Impuls. Da war es die AStA-Vorsitzende Siegfried Fronius, die als eine der ersten mit in die Fabriken ging. Es gab in vielen Städten und in vielen SDS Gruppen die Diskussionen in die Betriebe zu gehen. Auch in Rüsselsheim bei Opel, dort war z.B. Joschka Fischer und Matthias Belz mit denen wir dann auch von Opel Bochum aus auch kurz in Kontakt waren. Es müssen damals schon einige Hundert gewesen sein, die in die Betriebe gingen.

Was war am Anfang die Erwartung und wie war die Realität?

Wir waren von dem was in der Welt passierte total enthusiatisch und im guten Glauben wir könnten in kurzer Zeit das verwirklichen was uns vorschwebte, nämlich eine andere Gesellschaft. Als ich dann bei Opel landete, mit 21.000 Leuten morgens um 5:15 Uhr, im Waschraum ziehen sich ein paar hundert Menschen um. Da habe ich sehr schnell gemerkt, dass wir viel zu lernen haben. Die Kollegen waren anders drauf, hatten ein anderes Bewusstsein, hatten andere Sorgen und Zukunftsvorstellungen als wir. Ich habe mich dann doch Schritt für Schritt von einem Parteiaufbau gelöst. Meinen Genossen und Genossinnen musste ich dann eben sagen: “Das mit der Revolution kann vielleicht doch noch 10 Jahre dauern.” So war die erste Zeit in den Betrieben mit einer Desillusionierung verbunden. Ich hatte aber das Glück bei Opel in Bochum ex-KPD Kollegen zu treffen. Und einige der über 2000 spanischen Kollegen, kamen aus kommunistischen Traditionen

Damals wurdet ihr 68er oft als Chaoten beschrieben. Wie habt ihr den Widerstand im Betrieb aber auch im privaten Umfeld wahrgenommen?

Meine armen Eltern waren natürlich geschockt. Ich schmiss meine Karriere und auf einmal war ich Arbeiter. Mit langer Mähne und zerrissenen Jeans kam ich nach Hause. Dass wir als Chaoten bezeichnet wurden, das ging schon lange so. Auch in den Gewerkschaften wurde ein sogenannter Chaotenerlass verabschiedet, um uns von der Gewerkschaft auszuschließen. In der Presse bezeichnete man mich gerne als Religionslehrer, um mich dann auch in so eine bestimmte ideologische Ecke zu stellen, des Sektenpredigers sozusagen. Damit mussten wir fertig werden. Der Versuch der bürgerlichen Propaganda uns da zu isolieren durch die Begriffe wie “Chaoten” und Beleidigungen waren dann im Betrieb schnell erledigt, weil die Leute mich ja im Betrieb und auf Belegschaftsversammlungen kennenlernten.

Man kann es doch bestimmt auch heute noch wagen in die Betriebe zu gehen. Sollte der heutige SDS oder andere politische Gruppen versuchen?

Ich finde erstmal gut, wenn man das ein bisschen diskutiert und untersucht, ob es da Betriebe ab 500 Beschäftigten im eigenen Umfeld gibt. Wo man sich vielleicht mal nähern könnte und untersuchen könnte, was da eigentlich so los ist. Wie die Leute drauf sind, welche Schwierigkeiten sie haben, wie sie organisiert sind. Ein Gang in die Betriebe so direkt, kann ich eigentlich nur denen zumuten, die da schon langfristige Überlegungen haben, ihr Leben auf politischen Kampf auszurichten. Dann ist meines Erachtens auch unabdingbar, dass man das im Zusammenhang mit einer Gruppe oder so anpeilt und sich nicht vorstellt: “Ich gehe alleine in den Betrieb und fange da an alleine politische Gruppen aufzubauen”. Amazon stellt noch Leute ein, vielleicht kann man dort in den Betrieb. In der Hoffnung nach einem halben Jahr übernommen zu werden, um dann ein langfristiges Projekt anzugehen.

Die Fragen stellte Martin Wähler

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)