Verhindert die Natur des Menschen den Sozialismus?

Große Teile der deutschen Bevölkerung sind unzufrieden mit dem Kapitalismus, doch trotzdem musste die einzige sozialistische Partei, die Linke, bei der vergangenen Wahl eine Niederlage einstecken. Dies hängt auch mit den Vorurteilen und Zweifeln daran zusammen, ob eine sozialistische Gesellschaft möglich ist oder nicht eher der „Natur des Menschen“ widerspricht.

An dieser Stelle wollen wir den ersten Teil des Textes „Ist die Natur des Menschen ein Hindernis für den Sozialismus“ von John Molyneux dokumentieren, der sich mit dieser Frage auseinandersetzt.

Das Argument gegen Sozialisten

„Der Sozialismus ist eine gute Idee, aber er wird nicht funktionieren. Man kann die Natur des Menschen nicht verändern!“ Das ist der häufigste und einflussreichste aller Einwände, die gegen den Sozialismus erhoben werden. Es ist das erste Argument, das einem in der Fabrikhalle, in der Arbeitskantine oder in der Kneipe begegnet. Es ist das Argument, auf das viele Politiker und Intellektuelle zurückgreifen.
Es ist auch ein Argument, das viele Leute akzeptieren, die sich sicher eine bessere Gesellschaft wünschen, aber einfach nicht an die Möglichkeit ihrer Existenz glauben. Es wird auch von Leuten akzeptiert, die sich selber für Sozialisten halten, wie etwa Anhängern der SPD. Das Resultat ist, dass sie die Bedeutung des Sozialismus‘ auf das Herumbasteln am gegenwärtigen System herabwürdigen, anstatt zu versuchen, es grundlegend zu verändern.
Das Argument der menschlichen Natur kann denjenigen sehr nützlich erscheinen, die sich gegen den Sozialismus stellen. Es ist kurz, klar und bedarf – auf den Punkt gebracht – keines weiteren Gedankens. Es steht in Bezug zu anderen weit verbreiteten Ideen, z.B.: „es muss immer Menschen an der Spitze geben“, „Menschen sind von Grund auf egoistisch“, „einige Menschen werden immer mehr haben wollen als andere“, „Revolutionen werden immer scheitern und führen zur Tyrannei“.
Das Argument nährt die alte christliche Idee, nach der wir alle mit der Erbsünde geboren sind, die uns über Generationen von Adam und Eva im Garten Eden weitergereicht worden ist. Die Behauptung, dass es so etwas wie einen grundlegenden Makel im Wesen der Menschen gibt, der echte Gleichheit und Zusammenarbeit zwischen Menschen unmöglich macht, scheint eine perfekte Erklärung für so viele Übel in der Welt – wie Sexismus und Rassismus – zu geben. Spezielle politische Erscheinungen, wie die Degeneration der russischen Revolution zur stalinistischen Diktatur und der offenbare Scheitern des Sozialismus‘ in Osteuropa und China, werden ebenfalls der menschlichen Natur zugeschrieben.

Diese Ideen scheinen an praktisch jedermanns persönlicher Erfahrung anzuschließen. Und wer hätte noch keine Menschen gesehen, die rastlos um eine Beförderung konkurrieren oder von einem Freund hereingelegt oder von der Gleichgültigkeit und dem Egoismus der Menschen enttäuscht worden sind? Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, das Argument von der Natur des Menschen zum ‚gesunden Menschenverstand‘ zu machen. Nichts desto trotz werden wir sehen, warum es völlig falsch ist.

Das Wesen des Menschen verändert sich

Warum behaupten Menschen, dass die menschliche Natur den Sozialismus für alle Zeiten unmöglich macht? Sie sagen, dass es eine ganze Reihe von Eigenschaften, Verhaltensweisen und Grundgefühlen gibt, die allen oder so gut wie allen Menschen gemeinsam sind, dass sie unvereinbar mit dem Erreichen einer klassenlosen Gesellschaft sind, die sich auf gemeinsamen Besitz und gemeinsame Kontrolle gründet.

Es wird besonders hervorgehoben, dass die meisten Menschen von Natur aus habgierig und geizig sind, und deswegen mehr als ihren gerechten Anteil an materiellen Gütern und andere beherrschen wollen.
Aber bei näherer Betrachtung der Art und Weise, wie sich Menschen selbst in unserer Gesellschaft verhalten, erweist sich das als falsch. Natürlich gibt es Beispiele für Habgierigkeit und Geiz in Hülle und Fülle – man sehe sich nur die CDU an, Thurn & Taxis oder die Sorte von Politikern, die amerikanische Präsidentschaftswahlen gewinnen. Es gibt jedoch sehr viel mehr Beispiele für Selbst-Aufopferung, Courage und Fürsorge.

Menschen riskieren ihr Leben um anderen aus der Not zu helfen; Nelson Mandela verbrachte 27 Jahre für die Sache im Gefängnis, an die er glaubte; Studenten und Arbeiter standen 1989 auf dem Tiananmen-Platz in China ihren Mann, als sie von Panzern beschossen wurden. Genauso gut gibt es Beispiele aus dem Alltag: Eltern, die ihr Leben behinderten Kindern widmen; Arbeiter, die sich jämmerlich bezahlte Stellen in der Fürsorge suchen, anstatt in einem Büro oder einer Fabrik einen höheren Lohn zu verdienen; die Großzügigkeit vieler Menschen, die Almosen geben oder auf Spendenaufrufe reagieren.
Wenn es um Fragen wie den nationalen Gesundheitsdienst, die Obdachlosen, die Altersrenten und den Armen zu helfen geht, ist die öffentliche Meinung meist großzügig und fürsorglich eingestellt. Die ganzen 80er Jahre hindurch, als Britannien angeblich von Margaret Thatchers Glauben an die Selbstsucht überschwemmt wurde, hat es immer eine große Mehrheit gegeben, die solche kollektiven Werte verteidigte, wie die Unterstützung für eine angemessene Finanzierung des Nationalen Gesundheitswesens (NHS) oder die Renten.

Sogar wenn Regierungen den schändlichsten und räuberischsten imperialistischen Krieg planen, wissen sie, dass sie, wenn sie die öffentliche Unterstützung gewinnen wollen, ihn unter einem ehrbaren Motiv zu verkaufen haben. Die britische Regierung rechtfertigte ihr Eintreten in den Ersten Weltkrieg mit der Behauptung, sie schütze das arme, kleine Belgien. Gleichermaßen wurde der Schutz des armen kleinen Kuwaits als Entschuldigung für den Krieg um Öl am Golf benutzt.
Diese Beispiele sollen nicht dazu dienen, zu beweisen, dass die Natur des Menschen von Natur aus uneigennützig ist. Aber sie zeigen auf, dass es lächerlich ist, zu behaupten, dass Menschen der Geiz angeboren ist. Das ist ganz speziell der Fall, wenn man sich daran erinnert, wie sich Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft benehmen, die ständig Geiz, Konkurrenz und eine generelle Hund-frisst-Hund-Haltung belebt.

Tatsächlich ist eine Person, anstatt von Geburt an gut oder böse zu sein, einmal geizig und einmal großzügig, feige und tapfer, aufdringlich und zurückhaltend. Es gibt Leute, die alles für ihre Familie aufgeben, aber nicht einen Finger für ihre Nachbarn rühren würden. Es gibt andere, die für wohltätige Zwecke ansehnliche Summen ausgeben, aber bei ihren Kindern knausern. Einige Menschen sind fähig, Tieren grenzenlose Zuneigung entgegenzubringen, aber sich kaum um Menschen kümmern, während es bei anderen genau umgekehrt ist.
Das alles hängt von den Umständen ab. Es hängt davon ab, ob Menschen sich verwundbar und bedroht oder stark und selbstsicher fühlen. Es hängt davon ab, wie die Angelegenheit, um die es geht, mit der Haltung zu tun hat, mit der die Menschen großgeworden sind und die sich im Laufe ihres Lebens herausgebildet hat. Kurz gesagt: Menschen ändern sich, wie sich ihre Lebensbedingungen und ihre Erfahrungen ändern.
Wenn das für Individuen gilt, zeigt die Geschichte, dass es mehr noch auf Gesellschaften und soziale Klassen zutrifft. Nimm nur das Beispiel der russischen Revolution, deren Folgen dafür herhalten sollen, die Unveränderbarkeit der menschlichen Natur aufzuzeigen. Tatsächlich beweist sie aber genau das Gegenteil.
Seit Jahrhunderten hatte das russische Volk unter der Unterdrückung durch die Zarenherrschaft zu leiden. Russland war das Land tiefster Unwissenheit und Aberglaubens, der rückschrittlichsten Ansichten über Frauen und des fanatischsten Anti-Semitismus. Für einen außenstehenden Beobachter schien es wohl so, als ob es tief im Wesen der russischen Menschen etwas gab, das sie dazu brachte, sich mit all dem abzufinden (ganz anders als etwa der ‚freiheitsliebende‘ Engländer).

Dann rebellierten dieselben russischen Menschen 1905, und 1917 noch viel gewaltiger, gegen den Zarismus. Sie streikten, demonstrierten, randalierten, kämpften und erhoben sich zum Aufstand – sie machten die größte Revolution in der Weltgeschichte.
Diese Revolution versuchte, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen: sie enteignete die Fabriken, gab den Bauern das Land und zog Rußland aus dem imperialistischen Krieg heraus. Sie garantierte den nationalen Minderheiten das Recht auf Lostrennung, vollzog die vollständige rechtliche Gleichheit der Frauen, wählte einen Juden (Leo Trotzki) zum Präsidenten ihres führenden Arbeiterrats und stellte ihn an die Spitze der revolutionären Armeen. Für unseren Beobachter schien es nun in der Natur des russischen Volkes zu liegen, vor revolutionärem Eifer zu brennen, wiederum ganz anders als der ‚gemäßigte‘ Engländer.
Dann wurde die Revolution in den 20er und 30er Jahren von der stalinistischen Bürokratie vernichtet, die die Arbeiter und Bauern unterwarf und Millionen zum Hungertod und Millionen mehr zum Tod in den sibirischen Arbeitslagern verdammte. Nun betrachtete unser Kenner des russischen Charakters das alles als Bestätigung für das angeborene Verlangen des Russen nach Tyrannei.
In Wahrheit aber veränderte sich die ‚Natur‘ der russischen Menschen – ihre kollektive Einstellung, ihre Psychologie und ihre Verhaltensweisen – unter verschiedenen materiellen Umständen gründlich.
Die lange Herrschaft der Zaren, mit der damit verbundenen Psychologie der Unterwürfigkeit, basierte auf der extremen Rückständigkeit der russischen Wirtschaft. Der Fall des Zaren und das Aufwallen der revolutionären Begeisterung beruhte auf der Weise, wie sich der Kapitalismus in Rußland entwickelte. Die schwache Kapitalistenklasse war mit einer kraftvollen Arbeiterklasse konfrontiert, die es schaffte, dass die Masse der Bauern sich ihnen anschloss.
Der Zusammenbruch der Revolution in den Stalinismus und die offensichtliche Rückkehr der Gleichgültigkeit, der Resignation und der Fügsamkeit waren das Produkt der Isolation, wegen der die Revolution sich nicht hatte ausweiten können, und der faktischen Zerschlagung der Arbeiterklasse im grauenhaften Bürgerkrieg von 1918 bis 1921.
Andere Umstände haben eine andere ‚Natur‘ produziert.
Was in der Großaufnahme dieser 20 Jahre der russischen Geschichte deutlich geworden ist, zeigt sich noch klarer in der gesamten Weltgeschichte. Verhaltensweisen, die von bestimmten Gesellschaften zu bestimmten Zeiten für natürlich und unabänderbar gehalten worden sind, werden von anderen Gesellschaften zu anderen Zeiten als völlig unnatürlich abgelehnt.
Die überwältigende Mehrheit der Engländer hielt im 17. Jahrhundert die Versklavung von Menschen schwarzer Hautfarbe für eine vollkommen natürliche Einrichtung. Sie wurde vom angeblich angeborenen, minderwertigen Wesen der Schwarzen abgeleitet. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin jedoch wurde die Sklaverei von den Engländern immer mehr als Verletzung der menschlichen Natur angesehen. In den Vereinigten Staaten haben beide Ansichten von der Natur und den Rechten der Schwarzen gleichzeitig, die eine hauptsächlich im Norden, die andere im Süden, bestanden und miteinander gekämpft.
Für die amerikanischen Indianer war der private Besitz von Land ‚unnatürlich‘. Für den Landbesitzer des 18. Jahrhunderts war er das grundlegenste Menschenrecht. Für die antiken Griechen war die Homosexualität die höchste Form der Liebe. Für den viktorianischen Engländer war sie die niedrigste. Für den traditionellen Hindu war es seit Jahrhunderten normal, dass seine Eltern seinen Lebenspartner bestimmten. Für die meisten Menschen im Westen erscheint das heute als ‚unnatürlich‘. Verändere die sozialen Bedingungen und Du veränderst die ‚Natur des Menschen‘.
Diese Beispiele ließen sich um ein Vielfaches fortsetzen. Sie alle zeugen von der unermeßlichen Veränderlichkeit der menschlichen Einstellung, der Moral und dem Verhalten. Sie veranschaulichen die gewichtige Rolle, die die Kultur – die sozial erlernt und nicht genetisch vererbt wird – für die Gestaltung des menschlichen Lebens spielt. Sie zeigen ebenso das Ausmaß, in dem sich die Kultur gemäß den sich verändernden materiellen Umständen entfaltet.

Der zweite Teil erscheint am kommenden Dienstag, der dritte und letzte erscheint am Freitag in einer Woche.

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