Eine andere Welt ist möglich – wie wär’s mit Sozialismus?

31. Oktober 2015 - 14:47 | | Politik | 24 Kommentare
Quelle – Fotograf: Frank Weber (CC BY 2.0)

Es ist Zeit für Alternativen. Immer mehr Menschen erleben, wie schreiend ungerecht die Welt ist. Es ist mittlerweile unmöglich, Nachrichten zu schauen, ohne Wut, ohne Trauer zu verspüren: Ein neues Zeitalter des Krieges hat begonnen – obwohl die Globalisierung angeblich die Entwicklung der Welt zu einem „globalen Dorf“ befördert, verschärfen sich zwischenstaatliche Konflikte.

Während das ökologische Gleichgewicht des Planeten ernstlich von den katastrophalen Folgen blinder kapitalistischer Profitlogik bedroht ist, sind schon seit Jahren die technischen Möglichkeiten vorhanden, die den drohenden ökologischen Kollaps abwenden könnten – die stärksten Kapitalfraktionen der Erde, Automobil- und Ölindustrie, verhindern es. Aktuellen Zahlen der UN zufolge sterben tagtäglich etwa 100.000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Auswirkungen – obgleich die Weltwirtschaft schon heute ohne Probleme 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Die Verschwendung von gesellschaftlichem Reichtum durch die Herstellung unproduktiver Güter hat astronomische Höhen erreicht– gleichzeitig wird Armut wieder Alltag.
Es steht während der nächsten Jahrzehnte viel auf dem Spiel. Es ist keine Übertreibung, wenn der bekannte Antikapitalist Noam Chomsky bei seiner Rede auf dem 2. Weltsozialforum 2002 davon sprach, dass entweder eine andere Welt möglich wird oder in absehbarer Zeit gar keine Welt mehr möglich ist. Weltweit machen sich Globalisierungskritiker Gedanken über eine alternative Weltwirtschaftsordnung. Im folgenden wird der Versuch unternommen, in diese Debatte die Vision eines Sozialismus von unten einzubringen.

Ziele und Werte

Wir alle wünschen uns eine gerechte Welt. Entgegen der neoliberalen Sichtweise, die den Menschen als „homo oeconomicus“ betrachtet, als Ware, als Objekt, wünschen wir uns eine Welt, in der die Befriedigung unserer sozialen Bedürfnisse, gegenseitige Anerkennung, Liebe etc. an erster Stelle stehen. In der globalisierungskritischen Bewegung lassen sich mindestens vier Ziele bzw. Werte erkennen, an denen sich die Mehrheit der Aktivistinnen und Aktivisten orientieren und für deren Realisierung wir unsere Energie und Kreativität einsetzen. Eine andere Welt sollte folgenden Zielen entsprechen:

  1. Gerechtigkeit: Das Engagement gegen die „ungerechte“ Globalisierung und das Ziel einer anderen, egalitären Welt, in der es gleiche Möglichkeiten für jeden geben soll, ist ein zentrales Anliegen unserer Bewegung. Mit dem Ziel der Gerechtigkeit verbunden sind weitere Werte: der der Freiheit, der der Gleichheit zwischen den Menschen und der der Solidarität als Basis für gemeinsames Agieren und Zusammenleben.
  2. Demokratie: Ein wichtiger Kritikpunkt an der „Diktatur des Profits“ ist ihr undemokratischer Charakter. Immer weniger sehen ein, Demokratie auf das Kreuzchenmachen in der Wahlkabine zu beschränken. Dementsprechend verankert ist die Idee von Demokratie und Partizipation/Teilnahme auch in der Praxis der Bewegung, in der sich gegen Dominanz, Führerprinzip etc. ausgesprochen wird – alternativ werden Versionen der Selbstorganisation diskutiert und z.T. praktiziert. Damit verbunden ist die Betonung auf Vielfalt/Diversität – gegen die Homogenisierung von Lebensweisen und kulturellen Eigenarten, für „eine Welt, in der viele Welten Platz haben“.
  3. Nachhaltigkeit: Auch wenn dieser Begriff von den herrschenden Institutionen schon seit der Bewusstwerdung der Möglichkeit des ökologischen Kollaps missbraucht wird, steht er in der globalisierungskritischen Bewegung gegen die Zerstörung der Umwelt und lebensnotwendiger Ressourcen. Wirtschaftliche Tätigkeit muss ökologisch und sozial nachhaltig sein, d.h. uns in die Lage versetzen, in der Gegenwart die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, die ihren zu befriedigen und dabei die Lebensfähigkeit des natürlichen Lebenserhaltungssystems des Planeten zu bedrohen.
  4. Effizienz: Eine „effiziente“ Wirtschaft – damit ist nicht das selbe gemeint, was Arbeitgeberverbände tagein tagaus als Flexibilisierung der Arbeitsmärkte etc. vorbeten. Im Kontext der Globalisierungskritik wird darunter etwas anderes verstanden. Effizienz bedeutet hier, selbst mit jenen Dingen sorgsam umzugehen, deren Verbrauch wünschenswerten Zielen dient. Eine Weiterentwicklung menschlicher Fähigkeiten, um die Bedürfnisse der Menschen in ihrer ganzen Vielfalt erfüllen zu können, ein sorgfältiger Umgang mit Technik, um das Leben von Mensch und Natur weitergarantieren zu können – das gilt als wirklich effizient.

Ob sich all diese Ziele miteinander vertragen, sich in einer besseren Gesellschaft zusammenfügen können, ist schon lange Debatte. Sind Demokratie und Effizienz nicht des öfteren unvereinbar, wie manche Liberale argumentieren? Scheitert Nachhaltigkeit schlicht und einfach am Egoismus des Menschen?
Über diese Zweifel erhaben ist allerdings die Erfahrung, dass das aktuelle System – der Kapitalismus in unterschiedlichen Varianten – die genannten Werte systematisch und dauerhaft verletzt. Realität des heutigen Wirtschaftssystems ist erstens eine zunehmende Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Dem Kapitalismus als einem System konkurrierender Kapitalien und Staaten, basierend auf der ökonomischen Ausbeutung der Lohnarbeit, ist zudem der Angriff auf Solidarität immanent – spalte und herrsche. Zugleich ist die Freiheit und der Anspruch auf gewisse Rechte im Kapitalismus nur formal. In der Allgemeinheit, in der bürgerliche Rechte formuliert sind, wird die Realität verschleiert. Es wird von der realen sozialen Ungleichheit der Menschen abstrahiert – wie Anatole France es in seiner berühmten Geschichte ausdrückt, verbietet es das bürgerliche Gesetz mit gleicher Erhabenheit sowohl den Reichen wie den Armen, unter einer Brücke zu schlafen oder Brot zu stehlen. Die Ungleichheit, die den Kapitalismus charakterisiert, ist damit auch die wichtigste Quelle von Unterdrückung.
Zweitens ist der Kapitalismus undemokratisch. Unsere reale Teilhabe an Politik und Wirtschaft ist äußerst begrenzt. Wir entscheiden nicht wie und was wir produzieren. Die wirklichen Entscheidungen sind in den Händen des privaten Kapitals und des Staates (dessen zentrale Pfeiler zur Beibehaltung des Gewaltmonopols – Militär, Justiz, Polizei, Ministerialbürokratien – niemals demokratisch gewählt sind) konzentriert.
Drittens bedeutet der erbarmungslose Trieb zur Kapitalakkumulation, d.h. zur Steigerung des Profits, eine Dynamik, die Nachhaltigkeit nachhaltig unterminiert. Unsere konkurrenzgetriebene Industriegesellschaft hat in den letzten 200 Jahren enorme Reichtümer geschaffen – und gleichzeitig eine ungeheure Zerstörung unseres Planeten und Vergeudung vorangetrieben, die heute mehr und mehr das Leben schlechthin bedroht.
Viertens ist der Kapitalismus nicht effizient: Strukturelle Widersprüche im System führen zur ständigen Fehlleitung menschlicher und materieller Ressourcen – beispielhaft in den Militärausgaben und den Zerstörungen in wirtschaftlichen Krisen belegt: „Wären die westlichen Ökonomien während dieser Jahre [1970er bis 1990er] in demselben durchschnittlichen Tempo wie in den 20 Jahren zuvor gewachsen, dann hätte die Gesamtproduktion um 40 Prozent über den tatsächlichen Werten gelegen. Die aus Wirtschaftskrisen resultierende weltweite Verschwendung ist viel größer als die, die durch alle Naturkatastrophen zusammen […] verursacht wird“ – Reichtümer werden vernichtet, die unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen nützlich verwendet werden könnten.

Eine andere Welt ist nötig …
Wenn wir eine andere Welt schaffen wollen, müssen wir für ein grundlegend anderes gesellschaftliches Modell, basierend auf einer wirklich anderen gesellschaftlichen Logik, eintreten. Für gewisse Reformen zu streiten, z.B. zur Finanzierung sozialer Missstände Vermögenssteuern einzuführen, ist im hier und jetzt notwendig – muss jedoch als Teil eines breiteren Kampfes zur Erreichung fundamentalerer Veränderungen gesehen werden. Die strukturellen Widersprüche – die Spaltung der Gesellschaft in Klassen, die Konkurrenz mit all ihren destruktiven Folgen bis zum Krieg, die Krisenhaftigkeit, Ausbeutung und verschiedene Formen der Unterdrückung – sind letztlich nicht durch Reformen zu beseitigen.
Leider haben sich große Teile in unserer Bewegung mit diesen Realitäten noch nicht oder unzureichend konfrontiert und sich eher darauf beschränkt, eine (selbstverständlich notwendige) Kritik des „Neoliberalismus“ zu formulieren und einige Forderungen zur Bekämpfung desselben zu stellen. Damit ist es zunächst gelungen, eine globale Bewegung zusammenzubringen – ein riesiger Erfolg. Heute aber, nach den Fortschritten der letzten zwei Jahre, ist die Bewegung weiter und die Notwendigkeit wächst, sich mit grundlegenden Alternativen zum Kapitalismus auseinander zu setzen.
Ein Grund für die bisherige Vorsicht, wirklich grundlegende Alternativen zu diskutieren, liegt auf der Hand: Der desillusionierende Effekt des mittlerweile nicht mehr „real existierenden Sozialismus“ – dem System, von dem einer der führenden Köpfe der 68er-Bewegung, Rudi Dutschke, zurecht sagte, in ihm „sei alles real, nur nicht der Sozialismus“. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schien jegliche Vorstellung einer progressiven, zukunftsweisenden Alternative altmodisch geworden zu sein. Es wäre jedoch ein Fehler, sich dieser Stimmung zu fügen. Schon der französische Bewegungsintellektuelle Pierre Bourdieu hat dazu aufgerufen, sich dem Einheitsdenken im Neoliberalismus (pensée unique) zu widersetzen.

… wie wär’s mit Sozialismus?
Es gibt nicht viele andere Personen, die in den Eliten mehr Misstöne hervorrufen als Gestalten wie Karl Marx, Friedrich Engels und ihre sich auf sie berufenden „Nachfolger“ wie Rosa Luxemburg, W.I. Lenin, Leo Trotzki und Antonio Gramsci. „Marx ist tot – Jesus lebt“, so berauschte sich Helmut Kohl nach 1989. Zu früh gefreut! Tatsächlich entstand gerade durch den Zusammenbruch des Stalinismus, wenn auch mit einiger Verzögerung, die Chance, authentische marxistische Ideen von Emanzipation und Gleichheit wieder neu zu diskutieren. Tatsächlich hat die klassische marxistische Vorstellung einer sozialistischen Gesellschaft weitaus mehr zu bieten als gewöhnlich angenommen wird. Ihre Auffassung hat vier wesentliche Grundpfeiler:

  1. Sozialismus als Prozess der Selbstemanzipation
    Die zentrale These des klassischen Marxismus ist die These, dass die Emanzipation der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann. Sozialismus kann nur „von unten“ durch Massenstreiks bis hin zur Revolution und nicht „von oben“, d.h. stellvertretend für die Massen erreicht werden, wie es der amerikanische Sozialist Hal Draper gegen sozialdemokratische und stalinistische Vorstellungen formulierte.
    Grundlegend in der marxistischen Revolutionstheorie und ihrer Annahme des Übergangs zum Sozialismus ist die Mutmaßung, dass der Kapitalismus die materiellen und sozialen Bedingungen schafft, die eine Gesellschaft der Freiheit und Gerechtigkeit real möglich werden lassen. Erst die unglaubliche Steigerung der Produktivität im Kapitalismus – die potentielle Abschaffung des Mangels früherer Gesellschaften – macht es möglich, eine bessere Gesellschaft zu errichten. Dabei versuchten Marx und andere nicht idealistisch-romantisierend die Revolution herbeizureden, sondern analysierten sie aus den Widersprüchen des Kapitalismus. Revolution ist insofern die Zuspitzung eines Prozesses, der aus den „Reformkämpfen“ von heute entstehen kann.
    Eine soziale Revolution ist aus zwei Gründen unabdingbar. Marx formulierte, „dass sowohl zur massenhaften Erzeugung [eines] kommunistischen Bewusstseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen notwendig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; dass also eine Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.“ Nur die Bewegung der Mehrheit im Interesse der Mehrheit kann eine andere Welt schaffen – im Gegensatz zu anderen Umwälzungen wie den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, die nur eine Minderheit durch eine neue Minderheit ersetzten. Eine Tatsache, die im übrigen auch auf viele angeblich „sozialistische Revolutionen“ des 20. Jahrhunderts zutrifft – so z.B. der Entstehung der DDR, China 1947-49, Kuba 1959, etc.
    Befreiung kann nicht stellvertretend für die Menschen erreicht werden, wie sowohl die verschiedenen Versionen stalinistischer Politik und linken Guerillabewegungen als auch die Erfolge bzw. Misserfolge linker parlamentarischer Parteien zeigen. Eugene Debs, Arbeiteraktivist aus den USA, brachte das schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Punkt: „Zu lange haben die Arbeiter der Welt auf irgendeinen Moses gewartet, sie aus der Knechtschaft zu führen. Er ist nicht gekommen; er wird niemals kommen. Ich würde euch nicht hinausführen, wenn ich es könnte; denn wenn ihr hinauszuführen wäret, könntet ihr auch wieder zurückgeführt werden. Ich möchte, dass ihr begreift, dass es nichts gibt, das ihr nicht für euch selbst tun könntet.“ Und weiter: „Im Kampf der Arbeiterklasse, sich von der Lohnsklaverei zu befreien, kann nicht oft genug wiederholt werden, dass alles von der Arbeiterklasse selbst abhängt. Die einfache Frage ist: Können die Arbeiter sich durch Schulung, Organisation, Zusammenarbeit und selbst auferlegte Disziplin dazu befähigen, die Kontrolle über die Produktivkräfte in die Hände zu nehmen und die Industrie im Interesse des Volkes und zum Wohle der Gesellschaft zu leiten? Mehr ist nicht dazu zu sagen.“
    Nur durch den Prozess der Selbstemanzipation lässt sich sowohl die Welt als auch das Leben in ihr verändern. Es sollte klar sein, dass es sich hierbei um einen schwierigen und widersprüchlichen Weg handelt, der anspruchsvolle Lern- und Veränderungsprozesse voraussetzt, keine festgezurrten Gewissheiten birgt, und dennoch keine Alternative kennt.
  2. Eine Revolution gegen den bürgerlichen Staat
    Die Gewalt des Staates bei den Protesten anlässlich des G8-Gipfels in Genua 2001, bei der ein Demonstrant getötet, zahlreiche andere verletzt wurden, hat eine alte Einsicht neu geschärft: Jede Bewegung, die eine grundlegende Transformation anstrebt, muss sich mit der Gewalt der Verteidiger der jetzigen Ordnung auseinandersetzen. Marx dachte eine sozialistische Umwälzung als einen Prozess, der gegen den bürgerlichen Staat gerichtet ist. Die Erfahrung der Pariser Kommune 1871, einem Aufstand der Pariser Bevölkerung, dem die Kontrolle über die Stadt folgte, festigte Marx’ Einsicht, dass „die Arbeiterklasse … die fertige Staatsmaschinerie [nicht] einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eigene Zwecke in Bewegung setzen [kann].“
    Marx gelangte zu dieser Einschätzung des Staates, indem er an seiner grundlegenden Gesellschaftsanalyse anknüpfte. Der zufolge sind die Klassenkämpfe, die Konflikte zwischen den gesellschaftlichen Klassen, zentrales Kennzeichen gesellschaftlichen Lebens. Der Schlüssel zum Verständnis einer Gesellschaft ist die jeweilige Form, in der die herrschenden den beherrschten Klassen ein Mehrprodukt abziehen. Diese „ökonomische“ Ausbeutung ist immer auf „politische“ Macht, d.h. heute v.a. den modernen Staat, angewiesen. Der Staat als ein „relativ autonomes“ soziales Verhältnis, als Ausdruck der Spaltung der Gesellschaft in Klassen, muss daher zerschlagen und durch neuartige demokratische Strukturen – eine Rätedemokratie – ersetzt werden: Ein neuer Staat, der nicht mehr Staat im klassischen Sinne sei. Im Prozess der Auflösung der Klassenunterschiede nach einer erfolgreichen Revolution verliere dieser „Arbeiterstaat“ schließlich seinen Zweck – er würde absterben.
    Auch Lenin, manche halten ihn zu unrecht für den Vorläufer Stalins, war im Gegensatz zur späteren stalinistischen Praxis der Ansicht, der bürgerliche Staat sei kein Mittel zur Erreichung des Sozialismus. Er müsse gestürzt und durch einen Arbeiterstaat ersetzt werden. Auch für ihn bedeutete dies nicht mehr als ein notwendiges Übergangsstadium zu einer klassenlosen Gesellschaft – in dem Maße wie soziale Ungleichheit beseitigt wird, fällt die Notwendigkeit einer übergeordneten Gewalt weg. Ausgehend von der These, der Staat sei das Produkt von Klassengegensätzen, eine mit der Entstehung von Klassengesellschaften entstandene Institution, die als scheinbar über den Konflikten stehende Kraft die Klassengegensätze im Interesse der jeweils herrschenden Klasse reguliert, resümiert Lenin, dass Staatlichkeit im Sozialismus schließlich „absterben“ würde: „Schließlich macht allein der Kommunismus den Staat völlig überflüssig, denn es ist niemand niederzuhalten, ‚niemand’ im Sinne einer Klasse, im Sinne des systematischen Kampfes gegen einen bestimmten Teil der Bevölkerung“ .
    Hieran wird deutlich, dass Marx’ Konzeption des Sozialismus nicht mit jener zusammengeht, die in der UdSSR und Osteuropa existierte und in verschiedenen Ausprägungen in China, Nordkorea und Kuba bis heute fortdauert. Diese Gesellschaften zeichneten sich gerade dadurch aus, dass in ihnen der Staat ständig bombastischere Ausmaße annahm. Die Idee des „Staatssozialismus“ im Ostblock ist insofern ein Widerspruch in sich. Tatsächlich sind jene Gesellschaften als bürokratische Staatskapitalismen zu verstehen, in denen die stalinistischen Staatsbürokratien vor dem Hintergrund der Konkurrenz mit dem westlichen Kapitalismus die arbeitenden Klassen auf andere Weise ebenso ausbeuten wie die westlichen Privatkapitalisten.
  3. Die Zentralität der Arbeiterklasse
    Das Subjekt der Revolution ist die Arbeiterklasse, weil sie sowohl das materielle Interesse als auch die kollektiven Potentiale in sich birgt, die Gesellschaft zu verändern.
    Die Zentralität der lohnabhängig Beschäftigten, d.h. heute auch der Mehrheit der Angestellten, liegt nicht nur an ihrer zahlenmäßigen Stärke. Zu Marx’ Zeiten war nur eine sehr kleine Bevölkerungsschicht der Arbeiterklasse zuzurechnen. Heute ist das anders: Allein die Arbeiterklasse Südkoreas ist größer als die gesamte Arbeiterklasse zu Marx’ Todesjahr weltweit – mittlerweile kann wahrscheinlich die Mehrheit der Weltbevölkerung zur modernen Arbeiterklasse gezählt werden. Wichtiger ist Marx zufolge die Tatsache, dass sie potentiell die größte soziale Macht aller Ausgebeuteten und Unterdrückten ausüben kann. Sie verfügt zwar nicht über die Mittel zur Produktion und ist daher gezwungen, ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. Das System ist jedoch von ihrer Arbeit abhängig, es lebt aus der Lohnarbeit, egal ob von der „materiellen“ Produktion eines Fabrikarbeiters oder von der „immateriellen“ Arbeit einer Bankangestellten. Der größte Schwachpunkt kapitalistischer Macht liegt genau dort, wo der Reichtum produziert wird.
    Um über diese Macht Klarheit zu bekommen und aus einem Zustand ohnmächtiger Teilnahmslosigkeit zu einem kämpferischen Aktivisten zu werden, sind die „kleinen“ Kämpfe des Alltags von zentraler Bedeutung. In ihnen, insbesondere in Streiks, kann es zur Durchbrechung des alltäglichen Gefühls der Ohnmacht kommen. Jeder Protest, jeder Streik kann Menschen verändern. „Ich habe festgestellt, dass ich den Sinn dieses Begriffs (Solidarität) nicht kannte. Das ist vielleicht das wertvollste, was ich in dieser Bewegung entdeckt habe“, fasst ein Boeing-Ingenieur aus den USA die Erfahrung eines erfolgreichen sechswöchigen Streiks zusammen. Insofern sind Kämpfe gegen Kürzungen oder für gewisse Reformen im System vor allem deshalb wichtig, weil sie es ermöglichen, sich der eigenen Position in der Gesellschaft bewusst zu werden und Selbstvertrauen zu schöpfen, um gegen die bestehenden Verhältnisse zu kämpfen. Insofern beginnt der Kampf für den Sozialismus hier und heute: Am Arbeitsplatz und in den Gewerkschaften, was nicht bedeutet, dass andere Kampfarenen wie Schulen, Universitäten und Stadtteile unbedeutend wären.
    Aus den Bedürfnissen des Kampfes erwächst auch die Vision einer sozialistischen Gesellschaft. „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme“ , so Marx. Dies führt zum wichtigsten Punkt der marxschen Argumentation: Arbeiter sind auch deshalb so zentral, weil sie nicht anders kämpfen können als gemeinsam. Wenn sie ihre Macht ausüben wollen, können sie das nur kollektiv. Ihre materielle Lage als Bestandteile eines sehr arbeitsteiligen Produktionsprozesses zwingt sie dazu. Solidarität ist daher Voraussetzung und Folge von Arbeiteraktionen. Ebenso kann die Arbeiterklasse die Produktionsmittel nur kollektiv in ihre Hände nehmen. Was das praktisch bedeutet, zeigen aktuelle Ereignisse in Argentinien. Hier ist es als Reaktion einer Massenbewegung gegen die Auswirkungen der tiefen Wirtschaftskrise zu Ansätzen von Arbeiterselbstorganisation und Stadtteilversammlungen von unten gekommen. Es bilden sich demokratische Strukturen, die nicht den Bedürfnissen der Konzerne, sondern denen der ausgebeuteten und verarmten Massen entsprechen. Diese Bewegungen – in einem entwickelten Industrieland wie Argentinien es ist – zeigen, wie gewöhnliche Menschen anfangen können, demokratische Organisationen von unten aufzubauen. Das Beispiel der Besetzung der Textilfirma Brukman ab Dezember 2001, die als Reaktion auf die Nichtauszahlung der Löhne begann, veranschaulicht diesen Erkenntnisprozess: „Als die Arbeiterinnen mit der Besetzung des Unternehmens begannen, taten sie dies ohne genauen Plan. Noch immer hofften sie, dass der patron [Chef] mit zumindest einem Teil des Lohns zurückkommen werde. Celia Martinez, eine der Führerinnen der Brukman-Frauen, erzählte mir in einem Gespräch: ‚Wenn uns damals der patron 100 peso gegeben hätte, wären wir alle froh gewesen und wären nach Hause gegangen.’ Die Brukman-Arbeiterinnen übernahmen den Betrieb schlichtweg aus Protest und weil sie Angst hatten, daß der patron ihn zusperren und sie ihre Arbeitsplätze verlieren würden. Heute sehen sie das freilich anders. Auf meine Frage, ob sie heute wieder einen patron akzeptieren würden, antwortet Celia: ‚Nein, wir wollen nicht mehr zurück in die Sklaverei. Wir waren lange genug Sklavinnen.’ So lautet die Forderung der streikenden Brukman-Arbeiterinnen auch: ‚Verstaatlichung des Unternehmens und Weiterführung der Produktion unter Kontrolle der Beschäftigten’ […] Die durch die Kampferfahrungen vertiefte Einsicht kommt symbolisch in der Stellungnahme von Celia Martinez auf einer Konferenz zur Verteidigung der besetzten Fabriken zum Ausdruck, wo sie in einem Referat sagte: ‚Wir haben in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, daß wir Arbeiterinnen und Arbeiter in der Lage sind, eine Fabrik selbst zu leiten. Wenn wir dies können, warum sollen wir dann nicht auch das Land leiten können?!’“
    Marx spricht den Beschäftigten zudem die Rolle einer impulsgebenden Klasse zu, die durch ihre Kämpfe Bewegungen anderer sozialer Schichten anregt und im Sozialismus allen Menschen, selbst den Kapitalisten, eine Möglichkeit besseren Lebens eröffnet. Tatsächlich haben aufsteigende und absteigende Wellen von Arbeiterkämpfen andere Bewegungen immer wieder stark beeinflusst. Die Massenstreiks 1995 in Frankreich, Streiks in Italien und Arbeiteraktionen in den USA haben wichtige Impulse für die neue globalisierungskritische Bewegung gegeben. Studenten und Schüler kamen das erste Mal mit Arbeitern zusammen.
    Um das Problem des im Kapitalismus ungleichzeitigen politischen Bewusstseins – einige Arbeiter wollen eine andere Gesellschaft, andere wählen noch nach 16 Jahren Kohl die CDU, die Mehrheit schwankt zwischen (undeutlichen) Wünschen nach Veränderung und Ohnmacht – aufzunehmen, argumentieren fast alle klassischen Marxisten dafür, die kämpferischsten Teile der Klasse in einer revolutionären Organisation/Partei zusammenzufassen, um so den Kampf gegen die Herrschenden effektiver führen zu können und um dem Einfluss herrschender Ideen in der Bewegung Paroli bieten zu können. Organisierung verstehen sie ausdrücklich nicht als ein die Selbstaktivität hemmendes Moment.
  4. Rätedemokratie
    Institutionell würde eine sozialistische Revolution die Demontage der existierenden Staatsapparate bedeuten und die Ersetzung durch eine Selbstverwaltung und -regierung der Arbeiter in einer Rätedemokratie. Tatsächlich bildeten sich in den Höhepunkten sozialer Bewegungen, zumindest in embryonalen Formen, immer wieder solche Organe: In der Pariser Kommune 1871, den russischen Revolutionen von 1905 und 1917, der deutschen Revolution 1918/19, der spanischen Revolution 1936/37, dem Aufstand in Ungarn 1956, der iranischen Revolution 1978/79 und den Massenprotesten der Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980/81. Die Idee der Rätedemokratie bzw. Arbeiterdemokratie ist eine aus der Praxis der Arbeiterbewegung entstandene theoretische Verallgemeinerung, nicht die schlaue Idee eines genialen Kopfes. Marx spricht erst 1871, nach der Erfahrung des Aufstandes in Paris, von der „endlich entdeckten politischen Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen“ könne. Auch Lenin und die Bolschewiki mussten erst die Erfahrung der Revolution 1905 gemacht haben, um in der Revolution 1917 die Forderung „Alle Macht den Räten“ aufstellen zu können.
    Räte sind im wesentlichen spontane, durch die praktische Notwendigkeit zur Koordination und Führung von Konflikten mit der Obrigkeit geschaffene Kampforgane der Arbeiter, die Delegierte aus einzelnen Betrieben bzw. einzelnen Einheiten der Armee umfassten. Oftmals entstanden sie aus einfachen Streikkomitees. Als Interessensvertretungen gegenüber der herrschenden Klasse schlossen sich die einzelnen Räte untereinander zum Teil überregional zusammen. So gab es in der deutschen Revolution 1918/19 landesweite Rätekongresse.
    Räte sind etwas anderes als eine revolutionäre Partei – sie sind Organe aller Arbeiter. Den Unterschied von revolutionärer Partei als einem nützlichen Mittel zur Erreichung der Revolution und den Räten als Organisationsformen der Massen in der Umbruchsphase und danach beschreibt der russische Revolutionär Trotzki so: „Bereits vor der Einsetzung des Rates finden wir in den Kreisen des industriellen Proletariats zahlreiche Organisationen […] Aber das waren Organisationen im Proletariat; ihr unmittelbares Ziel war der Kampf um den Einfluß auf die Massen. Der Rat aber schwang sich mit einem Schlage zur Organisation des Proletariats auf, sein Ziel war der Kampf um die revolutionäre Macht.“ Über ihre Funktion als Kampforgane der Arbeiter hinaus können sich Räte zu Organen der politischen und ökonomischen Herrschaft der Lohnabhängigen entwickeln, als alternativer Gesellschaftsentwurf zur bürgerlichen Demokratie. Dabei waren sich viele Marxisten darüber bewusst, dass um zu einer entwickelten „kommunistischen Gesellschaft“ zu gelangen, Übergangsstadien zu durchqueren wären.
    Zur Abschaffung und Vorbeugung alter undemokratischer Methoden haben sich zudem zwei weitere Kernmerkmale in Rätebewegungen gebildet: Die jederzeitige Abwählbarkeit (imperatives Mandat) der Delegierten in den Räten und die Bezahlung nach Durchschnittslohn, um die Bildung neuer Eliten zu verhindern.
    Ziel ist schließlich eine Gesellschaft, in der die Produktion nicht mehr auf den Kriterien des Marktes, der „zahlungskräftigen Nachfrage“, der Rentabilität, der Akkumulation etc., gründen, sondern auf der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Eine Welt also, in der Menschen statt Profite regieren. Der Sprecher der aufständischen mexikanischen Zapatisten, Subcommandante Marcos, drückt diesen Wunsch auf seine ihm unnachahmliche Weise aus: „Wir wollen, dass das Leben wie ein Kinoprogramm ist, wo wir uns jeden Tag einen anderen Film aussuchen können. Wir haben uns in Waffen erhoben, weil sie uns seit fünfhundert Jahren denselben Film aufgezwungen haben.”

Ein Artikel von Tobias ten Brink.

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24 Kommentare

  • 1
    rote_pille sagt:

    Nein, danke, in meinem Herkunftsland hatten wir so was und es hat das Land nachhaltig ruiniert. Einmal reicht.

  • 2
    Habnix sagt:

    Film bleibt Film in dem man aber nicht selbst Regie führt.

  • 3
    giovanni gruen sagt:

    … so weit so schoen, das Problem ist nur: Der Skl

    • 3.1
      giovanni gruen sagt:

      uuups Schiefgegangen… Das Problem ist nur : Der Sklave moechte nicht die Freiheit der Sklaven von der Sklaverei – er moechte nur selber Sklavenhalter sein…

  • 4
    Benjamin Israel sagt:

    ALLE sozialistischen Experimente sind in Tragödien geendet.
    Irgendwann muss doch mal gut sein ( was nicht heisst, dass einzelne sozialistische Positionen durchaus vertretbar sind). Auch die Monarchie hat attraktive Elemente, jedenfalls im ästhetischen Bereich.
    Dennoch halte ich sie nicht für die Regierungsform der Zukunft.

    • 4.1
      Bernd Engelking sagt:

      Das Scheitern der sozialistischen Experimente hat der Kapitalismus herbeigeführt, worüber man sich ausgiebig informieren kann, wenn man denn will.
      Und unser Betriebssystem hat funktioniert? Hier noch mal: Nur auf Kosten der anderen, die erfolgreich ausgebeutet wurden, unter anderem auf Kosten sozialistischer und linker System und schwächerer Länder, in Verbindung gnadenloser Abhängigkeit machender Organisationen, die ganze Länder mit dem Kreditgeldsystem ausgesaugt hat. Man kann nicht einfach die Zustände in der Welt ausklammern und behaupten, man hätte damit nichts zu tun. Das wird aber meist so gemacht, wenn man über Erfolg und Misserfolg, auch auf Unternehmensebene, schwadroniert. Des einen Erfolg ist nämlich in diesem System, des anderen Misserfolg und es ist unseriös, nicht die letztendlichen Folgen des Kapitalismus mit zu nennen. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen.

      • 4.1.1
        Benjamin Israel sagt:

        …..so eine unfassbare Naivität. Hat DER Kapitalismus etwa Stalin und Mao und die ganzen Kims in Nordkorea und Dutzende anderer sozialistischer Führer gezwungen Millionen Menschen zu internieren, verhungern zu lassen, zu versklaven, auszubeuten, gleichzuschalten, zu überwachen, zu ermorden ?!
        Sie verhöhnen im Nachhinein die unzähligen Opfer des Sozialismus.
        Und dass der Kapitalismus ein gerechtes, menschliches System ist hat niemand behauptet.
        Ihr supersimples Weltbild ist nicht dazu angezeigt, anderen Ratschläge zu erteilen.
        Leute wie Sie meinen erkannt zu haben wie die Welt funktioniert. Sie sind Anhänger einer gefährlichen menschenverachtenden Ideologie und glauben gleichzeitig, zu den Guten zu gehören.

      • Dämmerung sagt:

        Und Leute wie Sie meinen erkannt zu haben, dass Sozialismus gleichbedeutend mit Staatssozialismus ist und es gar nicht anders geht. Es besteht aber kein Zwang Sozialismus nur autoritär zu verstehen!
        Entweder haben Sie sich niemals ausgiebig mit der Idee des Sozialismus beschäftigt (es gibt keine eindeutige Definition!) oder Ihnen reicht es für Ihr Weltbild aus, sich aufgrund der ausschließlichen Betrachtung der Geschichte selbst zu bestätigen.
        Fakt ist, dass der „Realsozialismus“ immer nur ein Staatskapitalismus war, weshalb Sie Ihre Maos und Stalins im Diskurs über Sozialistische Ideen auch gleich wieder einpacken können.

        Ein bisschen Weiterbildung und der Blick über den eigenen Tellerrand tut niemandem weh.

      • Benjamin Israel sagt:

        Dass ausgerechnet jemand Ihres Kalibers mir mangelnde Bildung vorwirft ist so unfassbar absurd, dass ich eigentlich Ihr Gequatsche ignorieren sollte. Da ich aber ein höflicher Mensch bin, antworte ich Ihnen, aber nur einmal. Ich würde jede beliebige Summe wetten, dass ich mehr Definitionen von Sozialismus kenne als Sie sich überhaupt vorstellen können dass es sie gibt und dass ich ein Vielfaches an sozialistischer Literatur gelesen ( und vor allem: VERSTANDEN) habe als Sie.
        Aber was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich eine Sau dran reibt ?!

  • 5
    leser sagt:

    Alles was mit „-ismus“ endet, hat schon Millionen Tote gekostet. Warum? Weil eine vermeintlich gute Idee zu einer Religion gemacht wurde, künstlich überhöht, rationaler Kritik und Vernunft somit nicht mehr zugänglich. Damit schafft man die Rechtfertigung für die Beseitigung von „Gegnern“.

    Eine gute Regierungsform erkennt man daran, wie viel Freiheit sie dem Bürger lässt. Freiheitsliebe und Sozialismus sind Todfeinde; vielleicht solltet ihr Euch ehrlicherweise umbenennen.

    • 5.1
      Thorsten sagt:

      @leser: Danke für diesen Kommentar! Er spricht mir aus der Seele, nach diesem langen Hauptartikel, der mich insofern erschreckt hat, als dass es wohl immer noch Leute gibt, die dieses bereits mehrfach gescheiterte Experiment immer noch für – menschenwürdig – umsetzbar und gar erstrebenswert halten…

    • 5.2
      Benjamin Israel sagt:

      Genau so ist es. Sehr guter Kommentar ! Danke !

  • 6
    normalo sagt:

    Sozialismus ja aber kein Linker Sozialismus.

  • 7

    […] Es ist Zeit für Alternativen. Immer mehr Menschen erleben, wie ungerecht die Welt ist. Es ist unmöglich, Nachrichten zu schauen, ohne Wut, ohne Trauer zu spüren  […]

    • 7.1
      Benjamin Israel sagt:

      ……stimmt, aber durch den Sozialismus würde die Welt noch viel kaputter werden.
      Die beiden schlimmsten Übel des 21. Jhdts. sind ein ungebremster Kapitalismus und der Islam.
      Diesen beiden verdanken wir das meiste Elend, die meisten Opfer, die grösste Menschenverachtung, den blindesten Hass.

  • 8
    TCM sagt:

    erstes Problem: Die Leute verwechseln DDR, Stalinismus etc. mit demokratischem Sozialismus der linken Theoretiker. Beides hat miteinander nix zu tun. Bis jedoch diese Einsicht verschwindet, vergehen wohl noch 20-30 Jahre. Von daher verständlich was hier manche kommentieren.

    zweites Problem: der eklatante Bildungsmangel: Auch linke Utopisten oder Vertreter eines Sozialismus sind sich wohl diesem Problem nicht im klaren: im 21. Jh. in einem Bildungssystem zu leben, welches auf das 19. Jh zugeschnitten ist. In der „Bildungsindustrie“ – Schule, Gymi, Berufsschule, Uni (seit Lissabon)) wird Kreativität, freies, kritisches Nachdenken aberzogen, die eigene Psyche unzureichend ausgebildet (Standart sollten 1-2-3 Psychologen pro Klasse sein, siehe Finnland), ein Unterricht sollte nicht mit 16 Jahren auffhören, sondern erst mit 25-30, und Wert auf das Erlernen versch. Realitäten haben, und unbedingt Empatie-, Quellenkritik sowie richtiges Argumentieren beinhalten.
    Um das ganze kurz zu halten: Ohne das Bildungsproblem anzugehen, wird sich das Volk immer spalten und nie für die „große“ Veränderung begeistern lassen, noch mit ihr umgehen können.

    Ich wünsche mir, das Thema Sozialismus eng mit dem „Bildungsthema“ zu verknüpfen. Denn ich glaube daran, dass mehr Bildung zum Sozialismus führt und das Aufklärung gleich Revolution bedeutet.

    • 8.1
      Benjamin Israel sagt:

      Da es nie einen demokratischen Sozialisms gegeben hat verwechseln die Leute hier nichts, sie betrachten die Realität des Sozialismus. Ich persönlich habe zahlreiche sozialistische Theoretiker studiert ( Marx, Engels, Lenin, Proudhon, Marcuse, Bloch, Horkheimer, Habermas…..um nur einige wenige zu nennen).
      Das Problem ist eben nicht das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis , sondern die Tatsache dass dem Menschen Machtstreben , Profitstreben, Konkurrenzverhalten, Neid, Gier usw. innewohnen.
      Eine moralische Erziehung ist mindestens so wichtig wie eine geistige.
      Aber wer soll die leisten, wer soll dafür Verantwortung übernehmen ?
      Sie können nichts anderes tun als stets daran zu arbeiten ein besserer UND klügerer Mensch zu werden und in ihrem persönlichen Umfeld anständig zu agieren.
      Gesellschaftsutopien sind interessant als Diskussionsthemen.
      Als Modelle taugen sie nicht.

      • 8.1.1
        Dämmerung sagt:

        „Das Problem ist eben nicht das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis , sondern die Tatsache dass dem Menschen Machtstreben , Profitstreben, Konkurrenzverhalten, Neid, Gier usw. innewohnen.“

        Aber sicher doch! Der Mensch ist in der Evolution auch nur so „weit gekommen“, weil ihm Konkurrenzverhalten untereinander inne wohnt! Und Neid, Gier, Macht- und Profitstreben liegen uns in den Genen. Aber klar, vollkommen natürlich!

        Das ist doch totaler Blödsinn! Die Eigenschaften die Sie benennen sind psychische Defizite und eine Fehlentwicklung die wir der Ausbildung der (materialistischen) Wettbewerbs-Gesellschaft zu verdanken haben. Der Kapitalismus appelliert an genau diese Defizite und fördert sie dadurch zusätzlich, je weiter er „in uns dringt“. Das ist auch der Grund warum Menschen wie Sie der Meinung sind, dass das „normal“ wäre. Offenbar schwer vorzustellen aber nein, das ist NICHT von Natur aus so und wohnt uns natürlicherweise auch nicht inne.

        Überlegen Sie sich einmal, wie gut es um den Menschen gestanden hätte, wenn er sich in grauer Vorzeit, unter schwereren Bedingungen als heute, durch genau diese Eigenschaften ausgezeichnet hätte. Er wäre längst Geschichte!
        Diese Eigenschaften können in unserer heutigen Zeit der Saturiertheit nur deswegen dermaßen ausgebildet und gefördert werden, weil aus ihnen nicht mehr sofort eine Existenzgefährdung folgt.

      • Dämmerung sagt:

        Was ich vergessen habe: Dies kann nur dann nicht überwunden werden, wenn man sich weigert aus dem System auszubrechen. Und das tun Sie ja offensichtlich schonmal. Kein Wunder also Ihre Schlussfolgerung. Das nennt man auch Resignation. Damit ist man noch nie voran gekommen.
        Es ist NICHT gottgegeben/ Schicksal/ wie auch immer, dass es ist wie es ist.

      • Benjamin Israel sagt:

        Sie haben absolut NICHTS von dem verstanden, was ich sagen wollte.
        Ich halte die genannten Eigenschaften NICHT für erstrebenswert oder normal.
        Der Mensch hat die Freiheit, sowohl das Böse als auch das Gute zu tun.
        Er sollte sich , meiner Meinung nach, für das Gute entscheiden. Sich selbst in die Verantwortung nehmen,
        Mitgefühl, Grosszügigkeit, Friedfertigkeit entwickeln und seinen Kindern vermitteln.
        Die schlechten Eigenschaften des Menschen sind kein kapitalistisches Konstrukt, sie sind sowohl evolutionsbiologisch als auch soziologisch und psychologisch erklärbar.
        Wer DEN Kapitalismus für alles Böse und Schlechte verantwortlich macht ist naiv.
        Dass der Kapitalismus einige dieser schlechten Eigenschaften befördert, ist unumstritten.
        Er konnte und kann sie aber nur deshalb befördern, weil sie im Menschen angelegt sind.
        Man kann nichts erfinden, was nicht schon im Keim da ist.
        Das ist übrigens unter anderem die Argumentationsweise von Karl Marx. Nennt man auch dialektischer Materialismus.

      • Benjamin Israel sagt:

        ….und noch etwas. Wenn ich irgendetwas NICHT bin, dann resignativ.
        Ich glaube IMMER an Veränderung zum Guten, jeden Tag neu.
        Woran ich nicht glaube, sind Ideologien. Die waren IMMER am Ende destruktiv und fortschrittshemmend.

  • 9
    gkone sagt:

    Ist der Kapitalismus wirklich Grund und Ursache allen Übels?

    Hegen wir also Zweifel daran, ob es wahr ist, dass der Kapitalismus an allem schuld ist. Dass er ein permanenter Krieg gegen den Rest der Welt ist, wie es Eugen Drewermann formuliert. Dass er tötet, normiert, zerstört, wie es auf einer Häuserwand in Berlin zu lesen ist.

    In der Tat – Kapitalismus-Kritik ist in aller Munde, gehört quasi spätestens seit der Finanzkrise von 2008ff. zum guten Ton, von Kabarettisten à la Volker Pispers über Feuilletonisten bis hin zu „Starökonomen“ wie Joseph Stiglitz und Thomas Piketty. Ihnen kommt entgegen, dass jeder einigermaßen aufmerksame Zeitgenosse mit den brutalen Verhältnissen auf dem Globus hadern muss. Die Bestandsaufnahme spricht doch Bände: Das reichste Prozent auf der Welt besitzt mehr als alle anderen zusammen! Kriege, Armut, Hunger, medizinische Unterversorgung, Ausbeutung, Umweltzerstörung, Überwachung sind die Folge. So kann es nicht weitergehen, muss angesichts solcher Zustände die Devise für jeden mitfühlenden und mitleidenden Menschen heißen.

    Die Titel auf den Büchertischen heißen dementsprechend „Freiheit statt Kapitalismus“ (Sahra Wagenknecht), „23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen“ (Ha-Joon Chang) oder „Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“ (Naomi Klein). Ihr gemeinsames Credo: Der Markt hat versagt. Den Kapitalismus zu verteidigen fällt nur den Großkopferten ein, denen, die durch Geburtsrecht vom System profitieren und deren Ansinnen ausschließlich darauf gerichtet ist, den status quo so lange wie möglich beizubehalten. Mit denen, Berufskrawattenträger mit nach hinten gegelten Haaren und Cohibas, Machos in Nadelstreifen mit Victory-Zeichen und Haifischgrinsen, will man wirklich nichts gemein haben.

    http://derintellektuelle.blogspot.de/2015/04/nur-noch-der-kapitalismus-kann-uns.html

  • 10
    Bullshitdetektor sagt:

    Eines kann die Rotfrontagitprop immer gut: endlos salbadern.

    Sozialismus funktioniert auf der ganzen Welt so spitzenmäßig, dass Menschen aus Müll Flöße bauen um davon zu fliehen, weil die Regierungen Republikflüchtlinge oft gerne mit Maschinengewehren in Fetzen schießen.

    Wer solchen Schlächtern mit verträumtem Blick nachtrauert sollte sich von hier schleunigst verpissen und künftig nur noch als Maulhure in einer Kolchose dahinsiechen.

    Dieser brechreizerregende Kommunistenmoloch der sich seit hier seit Jahrzehnten durch die Feuilletons wichst, ist nur das statistische Rauschen einer an sich ganz passabel funktionierenden Gesellschaft – Nazis und Rotnazis wird es da immer geben, so wie es in jedem Kuhkaff einen Dorftrottel gibt.

    Sozialismus ist die Vorstufe zum Völkermord.

  • 11

    […] Alternativen zur heutigen Gesellschaftsordnung, sind viel diskutiert und dennoch häufig nicht wirklich zielführend, da sie nicht auf die gemeinsame Stärke sondern individuelle Aktion, Konsumkritik oder ähnliches setzen. Eine wirkliche Alternative für eine andere Gesellschaft bietet der Sozialismus von unten, der Demokratie und Gerechtigkeit vereint. Dies ist die Fortsetzung des Artikels „Eine andere Welt ist möglich – Wie wärs mit Sozialismus“ […]