Brot und Frieden – das Jahr 1917 in Russland

25. November 2017 - 12:13 | | Politik | 0 Kommentare
Lenin – Pixabay.com

Mit der Februar- und Oktoberrevolution erlebte Russland zwei Revolutionen in einem Jahr. Während die erste aus der Unfähigkeit des Zarenregmies resultierte, ebnete die zweite den Weg zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung. Von Naisan Raji

1914 leben im spätfeudalen reaktionären Zarenreich 109 von 139 Millionen Menschen auf dem Land. Trotz der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 lebt die Masse der Bauern in großer Armut, während die Gutsherren große Ländereien besitzen. In den industriellen Zentren Russlands Petersburg, Moskau und dem Donbass konzentriert sich die unter miserablen Bedingungen lebende Arbeiterklasse. Ihre Wirkmächtigkeit sollte sich noch als ungleich größer erweisen als ihr kleiner Anteil an der Gesamtbevölkerung vermuten ließ.
Der revolutionäre Prozess beginnt bereits 1905, als 140.000 ArbeiterInnen Reformen vom Zaren fordern. Am Petersburger Blutsonntag lässt dich der damals noch von der Bevölkerung verehrte Zar die DemonstrantInnen niederschießen. Unter Druck gesetzt durch immer weitere Massenaktionen, Streiks und Meutereien, verkündet der Zar eine konstitutionelle Monarchie mit bürgerlichen Freiheiten wie Versammlungs- und Pressefreiheit, löst jedoch die Duma, das Parlament, nach Belieben auf. Nachdem 1907 auch die letzten Kämpfe der ArbeiterInnen niedergeschlagen werden, folgt eine reaktionäre Phase: Opponenten des Zarenregimes werden hingerichtet oder stärkerer Verfolgung ausgesetzt, ganze Organisationen werden weiter in die Illegalität gedrängt und ihre Presse verboten.

Der Zar ruft zum Krieg

Mit Beginn des Krieges 1914 mobilisiert der Zar Millionen Soldaten, in der großen Mehrheit Bauern. War das Zarenregime schon vor 1914 unfähig, die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, fehlt nun zusätzlich Arbeitskraft in der Agrarwirtschaft. Durch die katastrophale Versorgungslage der Armee, die Schrecken des Krieges und die militärischen Niederlagen entfremden sich Bauernsoldaten völlig vom Krieg und desertierten massenweise. Der Mär von der Vaterlandsverteidigung gehen sie nicht länger auf den Leim. Wozu sollten sie den Zaren und die Gutsherren verteidigen? Ihre Angehörige bekamen von ihnen in ihren Dörfern kein Land und ihre Familien konnten sich kaum selbst versorgen.
Nach einer Streik- und Demonstrationswelle in Petrograd streiken zum internationalen Frauentag am 8. März die Textilarbeiterinnen und forderen Brot und Frieden. Dem Streik schließen sich Arbeiter aus anderen Fabriken an. Die Anzahl der DemonstrantInnen stieg in den nächsten Tagen auf 250.000 Menschen. Der Streik wird bald politisch und fordert den Sturz des Zaren und die sofortige Beendigung des Krieges. Nachdem die Bewegung zunächst niedergeschossen wird, schließen sich Soldaten massenweise den Streikenden an. Unter dem Druck dieses Bündnisses zwischen Soldatenaufstand und proletarischer Erhebung muss der Zar am 15. März schließlich abdanken.

In den nächsten Monaten folgt eine Doppelherrschaft: Eine provisorische Regierung verkörpert fortan die Macht des Bürgertums. Gleichzeitig agiert der während der Streikbewegung gebildete Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat als Organ der Macht des einfachen Volkes.

Lenin kehrt zurück

Während des Sommers werden die Bolschewiki unter Führung Lenins, der im April aus dem Schweizer Exil nach Russland zurückkehrt, zur zentralen Partei der revolutionären Massen mit zeitweise 250.000 Mitgliedern. Indem sie die Forderungen der Massen ernstnehmen und diese organisieren erkämpfen sie die Mehrheit im Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat.
Allmählich ahnt die Bevölkerung, dass die Provisorische Regierung die Forderungen der Bauern nach Land, der Arbeiter nach Lohnerhöhungen und die allgemeine Forderung nach Beendigung des Krieges nicht umsetzen wird. Im Gegenteil, sie bekämpft die Bauern, die bereits eigenmächtig Gutsherren enteignen und das Land untereinander aufteilen. Arbeitskonflikte entscheidet sie zugunsten der Kapitalisten und statt Friedensverhandlungen einzuleiten, will sie die Armee im Sommer 1917 in eine weitere sinnlose Kriegsoffensive treiben. Die Provisorische Regierung hat schließlich so wenig Rückhalt, dass der bewaffnete Aufstand der Bolschewiki zur Machtübernahme am 07. November 1917 unblutig verläuft. Der Jahrestag dieses als Oktoberrevolution in die Weltgeschichte eingegangenen Ereignisses wird dieses Jahr durch SozialistInnen der ganzen Welt zum hundertsten Mal gefeiert.

Die Bolschewiki beenden den Krieg

Erst die neue, revolutionäre Regierung unter Beteiligung der Bolschewiki erlässt die Dekrete über den Frieden und über den Boden. Mit der Aufnahme von Friedensverhandlungen und einer Landreform vermag sie die dringendsten Forderungen der Bevölkerung zu beantworten.

Die Weiterführung der bürgerlichen Revolution vom Februar 1917 in die sozialistische Oktoberrevolution war der Leistung der Bolschewiki zu verdanken, den Massen zu folgen, um sie sodann zu führen, wie Eric Hobsbawm es ausdrückte. Die unmittelbare Konsequenz der Oktoberrevolution, die Existenz des ersten Sowjetstaates, schaffte die Voraussetzungen für eine lange Liste von Errungenschaften im 20. Jahrhundert. So die Verkürzung des Arbeitstages im Rest Europas, die dem Vorbild des noch im Sommer 1917 in Russland eingeführten Achtstundentages folgte oder der jahrzehntelange Prozess der Entkolonisierung Afrikas und der nationalen Entwicklung entkolonisierter Staaten.
Wenn der Sozialismus zwischenzeitig auch Niederlagen erfahren hat, so bestätigt sich in den globalen Folgen der Oktoberrevolution Marx‘ Feststellung: „Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.“

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Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)