Solidarität mit Achille Mbembe

Aktuell läuft in Deutschland eine Kampagne gegen den kamerunischen Professor Achille Mbembe, der in Deutschland bei der Ruhrtriennale einen Vortrag halten sollte. Verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Aufruf verfasst, in dem sie gegen die Antisemitismusvorwürfe Stellung beziehen. Wir dokumentieren diesen Aufruf.

Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Stellungnahme, beschäftigen uns von Berufs wegen mit der Geschichte des Antisemitismus und Nationalsozialismus, des Kolonialismus und Rassismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Einige von uns sind in der Genozid-Forschung tätig. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nehmen wir mit großem Befremden die schwerwiegenden Vorwürfe zur Kenntnis, die gegen unseren Kollegen Prof. Achille Mbembe von unterschiedlichen Seiten erhoben worden sind. Er sollte den Eröffnungsvortrag bei der diesjährigen Ruhrtriennale halten, die der Aufsichtsrat der Kultur Ruhr GmbH mittlerweile jedoch wegen der Corona-Pandemie abgesagt hat.Es geht uns um die Art und Weise, wie versucht worden ist, ins Programm einzugreifen und Achille Mbembe als Hauptredner zu diskreditieren.

Gegen ihn wurden Vorwürfe ins Feld geführt, die gerade in einem Land wie der Bundesrepublik schwerer kaum wiegen könnten: Relativierung und Verharmlosung des Holocaust und–letztlich–Antisemitismus.In den Augen seiner Kritikerinnen und Kritiker bestand Mbembes Verfehlung unter anderem darin, politische und ideengeschichtliche Ähnlichkeiten seit der Sklaverei und Kontinuitäten zwischen Kolonialregimen und der NS-Ideologie herauszuarbeiten bzw. auf eine Gemeinsamkeit der NS-Politik mit der südafrikanischen Apartheid aufmerksam zu machen–ohne dabei die Vernichtungspolitik der Nazis mit der Apartheid gleichzusetzen, wie behauptet worden ist. Wer die Schriften Mbembes aufmerksam gelesen hat, wird viel Stoff zur kritischen Auseinandersetzung finden und vielleicht mancher Aussage widersprechen wollen.Geschichte als wissenschaftliche Disziplin kommt jedoch ohne analytische Vergleiche nicht aus. Ohne die vergleichende Betrachtung wäre ein Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft, wie in den meisten anderen Wissenschaftsdisziplinen, grundsätzlich nicht möglich. Unseren Kollegen dafür der Verharmlosung der Shoa oder gar Gleichsetzung des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden mit dem rassistischen Regime Apartheid-Südafrikas zu bezichtigen, stellt eine fundamentale Grundlage der Wissenschaft in Frage und ist deshalb falsch. Historische Vergleiche, die ja dazudienen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ereignissen, Diskursen und Prozessen herauszuarbeiten, sind nötig und legitim.

Darauf haben im Juli 2019 unter anderem rund 600 Kolleginnen und Kollegen, international anerkannte Historikerinnen, Historiker, Holocaust-und Genozid-Forscherinnen und Forscher, in einem offenen Brief an die Direktorin des US Holocaust Memorial Museum aufmerksam gemacht.Zwischen zulässigen Vergleichen und unzulässigen Gleichsetzungen besteht ein wichtiger und wesentlicher Unterschied. Zweifel an der Singularität des Holocaust oder seine Relativierung wird man bei Achille Mbembe vergeblich suchen.Achille Mbembe hat jenseits seines wissenschaftlichen Arbeitens verschiedentlich Position zur israelischen Siedlungspolitik bezogen. Für dieses Engagement wird er jetzt angegriffen und von manchen seiner Kritikerinnen und Kritiker als Antisemit diffamiert. Nun kann man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob die von der BDS-Bewegung gewählte Taktik zur Erlangung palästinensischer Rechte–der Boykott des Staates Israel, Sanktionen und Investitionsabzug–als Instrumente zielführend und gerecht sind. Solche Maßnahmen gehen immer auch zu Lasten von Menschen, die unbeteiligt sind oder sogar für dieselben politischen Ziele einstehen. Auch im Streit um BDS, der nicht nur in Deutschland seit Längerem tobt, der sich hier aus verständlichen Gründen aber besonders heftig und emotional aufgeladen abspielt, weisen wir darauf hin, dass zwischen zulässigen Vergleichen und unzulässigen Gleichsetzungen ein wichtiger und wesentlicher Unterschied besteht.Die Berührungspunkte zu BDS in seiner Vergangenheit bewertet Mbembe selbst heutzutage kritisch,seine damit verbundene Forderung, dass die Menschenrechte für alle gelten müssen, jedoch nicht.Wer diese Haltung als antisemitisch kritisiert, weil sie sich gegen die Politik des Staates Israel richtet, unterstützt mit derlei Argumentation die weitere Schwächung des Völkerrechts und der Menschenrechte.

Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lehnen wir diese Art von Kampagnen ab, die Personen, die als politische Gegner ausgemacht wurden, ohne Beweise, unter Zuhilfenahme manipulativ verzerrter Zitate und Inhalte desavouieren sollen. Ebenso lehnen wir die missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusbegriffs ab. Gerade in Deutschland sollten sich alle der Ernsthaftigkeit der antisemitischen Bedrohung und der Dringlichkeit, dagegen vorzugehen, bewusst sein. Es ist nicht die Zeit, diesen Begriff im Dienst politischer Interessen, die nichts mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun haben, zu missbrauchen.Als Bürgerinnen und Bürger halten wir die Rückkehr zu einer Debattenkultur, die einer den Bürgerinnen-und Menschenrechten verpflichteten Demokratie würdig ist, für dringend geboten.Wir erklären uns mit Prof. Achille Mbembe solidarisch.

Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner

Prof. Dr. Gadi Algazi, Department of History, Tel Aviv University

Prof. Dr. Aleida Assmann, Fachbereich Literaturwissenschaft/Anglistik, Universität Konstanz

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Jan Assmann, Institut für Ägyptologie, Universität Heidelberg

Dr. Felix Axster, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Prof. Omer Bartov, John P. Birkelund Distinguished Professor of European History and Professor of German Studies, Brown University, Providence, RI

Prof. Dr. Wolfgang Benz, ehem. Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin PD

Dr. Eva Bischoff, Fachbereich Internationale Geschichte, Universität Trier

Prof. Dr. Micha Brumlik, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Johann Wolfgang GoetheUniversität, Frankfurt/Main

Prof. Dr. Andreas Eckert, Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften, Direktor Internationales Geisteswissenschaftliches Kolleg Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive, Humboldt Universität Berlin

Prof. Dr. Brian K. Feltman, Associate Professor of History, Georgia Southern University, Statesboro, GA Prof. Dr. Norbert Finzsch, Abteilung für Nordamerikanische Geschichte, Universität zu Köln

Prof. Max Paul Friedman, History Department, American University, Washington DC Alexander Göbel, Historiker und Journalist, Bonn

Prof. Rebecca Gould, School of Languages, Cultures, Art History and Music, Islamic World and Comparative Literature, University of Birmingham Prof.

Dr. Eva Illouz, Department of Sociology and Anthropology, The Hebrew University of Jerusalem

Prof. Dr. Eric Kurlander, J. Ollie Edmunds Chair, Professor of History, Stetson University, DeLand, FL

Dr. Katharina Loeber, Historikerin und Südafrikaspezialistin, Köln

Prof. Dr. Dirk Moses, Professor of Modern History, The University of Sydney

Prof. Dr. Susan Neiman, Direktorin Einstein Forum, Potsdam

Riad Othman, Historiker, Nahostreferent medico international e. V., Berlin

Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Reinhard, Neuere Geschichte, Historisches Seminar, Universität Freiburg

Prof. Dr. Thomas Reinhardt, Institut für Ethnologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Prof. Dr. Michael Rothberg, 1939 Society Samuel Goetz Chair in Holocaust Studies, English and Comparative Literature, University of California, Los Angeles, CA

Alexandra Senfft, Autorin und Publizistin

Prof. Dr. Michael Zeuske, Bonn Center for Dependency and Slavery Studies, Rheinische FriedrichsWilhelms-Universität Bonn

Prof. Dr. Moshe Zimmermann, ehem. Direktor des Richard Koebner Minerva Center for German History, The Hebrew University of Jerusalem

Prof. Dr. Moshe Zuckermann, Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas, ehem. Direktor The Minerva Institute for German History, Tel Aviv University

Weitere Unterzeichnerinnen und Unterzeichner
Dr. Beatriz de Abreu Fialho Gomes, Senior Lecturer, Institut für Internationale Entwicklung, Universität Wien
Prof. Dr. Ayelet Ben-Yishai, Senior Lecturer, Department of English Language and Literature, University of Haifa
Prof. Dr. Manuela Boatcă, Professorin für Soziologie und Head of School des Global Studies Programme, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Dr. Paolo Cuttitta, Marie Skłodowska-Curie Research Fellow, IDPS – Université Sorbonne Paris Nord
Prof. Dr. Katharina Galor, Hirschfeld Visiting Associate Professor at the Program in Judaic Studies, Brown University, Providence, RI
Prof. Dr. Marietta Kesting, Juniorprofessorin für Medientheorie, Akademie der Bildenden Künste München
Prof. Dr. Reinhart Kößler, ehem. Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts Freiburg, Berlin
Prof. Dr. Nitzan Lebovic, Apter Chair of Holocaust Studies and Ethical Values, Lehigh University, Bethlehem, PA
Prof. Dr. Peter M. McIsaac, Associate Professor, German Studies, The University of Michigan, Ann Arbor, MI
Prof. Dr. Henning Melber, Senior Research Associate, The Nordic Africa Institute, Uppsala
Dr. Arno Sonderegger, Senior Lecturer, Institut für Afrikawissenschaften, Universität Wien
Prof. Michael P. Steinberg, Barnaby Conrad and Mary Critchfield Keeney Professor of History and Music, Professor of German Studies, Brown University, Providence, RI
Prof. Dr. Rolf Verleger, Klinik für Neurologie, Universität Lübeck; Publizist zu Fragen des Judentums
Dr. Florian Wagner, Akademischer Rat für Europäische Geschichte in Globaler Perspektive, Universität Erfurt
Prof. Dr. Aram Ziai, Heisenberg-Professor der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien und Leiter des Fachgebiets, Universität Kassel

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