Nach dem Drohnenschlag gegen Mullah Mansur – Perspektiven für Afghanistan

17. Juni 2016 - 12:00 | | Politik | 2 Kommentare
Ein US-Soldat in Afghanista, Foto: Pixabay

Nachdem eine Rakete, abgeschossen von einer US-Drohne, am 21. Mai Talibanchef Mullah Achtar Muhammad Mansur irgendwo in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistani in einen halbverkohlten Leichnam verwandelt hatte (merkwürdigerweise blieben sein Ausweis und Reisepass, mit Einreisestempeln aus Iran und den Emiraten, unversehrt, was Anlass zu Spekulation gab), erklärte Präsident Barack Obama, ein „Hindernis für den Frieden“ in Afghanistan sei beseitigt worden. In der Tat hatte der neue Chef der afghanischen Aufständischen – er war erst im Sommer 2015 dem verstorbenen Taliban-Gründervater Mullah Muhammad Omar gefolgt – mehrere Ansinnen zurückgewiesen, seine Bewegung an den Verhandlungstisch zu bringen. Gleichzeitig hatte er die Militäroperationen der Taliban ausgeweitet und intensiviert. Im Ergebnis kontrollieren die Taliban inzwischen Territorium in einem Ausmaße wie seit ihrem Sturz 2001 nicht mehr. (Sie sind aber von einer Dominanz noch weit entfernt, von einem Sieg ganz zu schweigen.)

Sein afghanischer Amtskollege Aschraf Ghani sprang Obama bei und äußerte seine Erwartung, dass nun zahlreiche Taliban – wohl aus Angst, selbst Ziel solch gezielter Hinrichtungen zu werden – friedenswillig den Canossa-Gang nach Kabul vollziehen würden.
Ein näherer Blick erweist jedoch, dass sich die Angelegenheit weit weniger klar darstellt.
Als erstes stellt sich die Frage, ob Mansur wirklich gegen Friedensgespräche war. Die zwei Haupt„friedens“initiativen des letzten Jahres waren mit wenig diplomatischer Finesse vorgetragen worden. Zu den Gesprächen in Murree, einem Höhenkurort in der Nähe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, waren die Taliban von den Gastgebern unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gelockt worden. Die Gespräche sollten geheim gehalten werden, versprach man ihnen – nicht zuletzt, um Mansur den Hardlinern in den eigenen Reihen gegenüber die Möglichkeit zum Dementi einzuräumen. Aber nicht nur diese Zusage wurden gebrochen, sondern in die Gespräche platzte auch noch die Nachricht vom Tod Mullah Omars, den Mansur zwei Jahre lang selbst vor den meisten seiner engsten Mitkämpfern geheim gehalten hatte. Desavouiert und tiefsauer ließ er die Gespräche platzen.

Geradezu mit vorgehaltener Pistole setzte dann die Vierseitige Koordinierungsgruppe aus Regierungsvertretern der USA, Chinas, Pakistans und Afghanistans im Februar neue Gespräche in Pakistan an. Sie wurden mit der – von Ghani vorgetragenen (aber von Pakistan offenbar nicht mitgetragenen) – Drohung begleitet, dass, wer das Gespräch verweigere, als „unversöhnlich“ etikettiert und bekämpft werden würde. Ganze zehn Tage gab man den Taliban Zeit, und zwar ohne diplomatische Vorkontakte. Mansur sagte wieder „Nein“. Während Pakistan nichts weiter unternahm, folgte dann der Drohnenangriff am 21. Mai.

Mit Mansur starb der Fahrer eines Miettaxis, Muhammad Azam, eines der zahllosen, meist namenlosen zivilen Opfer des Krieges in Afghanistan. (Etwa 60 Prozent davon gehen nach UN-Angaben immer noch auf das Konto der Taliban, die sich eigentlich mehrfach verpflichtet hatten, die Zivilisten, die sie eigentlich regieren wollen, zu schützen.)
Man hätte sich ausmalen können, dass die Taliban nicht auf öffentliche Vorführungen und Demütigungen reagieren würden. Zumal sie gerade beträchtliche militärische Erfolge erzielt hatten: Ende September eroberten sie zeitweilig mit der Großstadt Kundus, dem ehemaligen Hauptstandort der Bundeswehr in Afghanistan, ihre erste Provinzhauptstadt sowie weite Gebiete im Landessüden. Auch sind mehrere Provinzzentren – etwa Laschkargah in Helmand, Tirinkot in Urusgan und Qalat in Sabul – eingeschlossen. Gegenoffensiven der afghanischen Streitkräfte mit von Obama inzwischen wieder vermehrt autorisierten US-Unterstützungsluftschlägen kommen nur sehr langsam voran.

Angesichts der geschilderten Umstände ist es sogar denkbar, dass die Gesprächsabsage der Taliban intendiert war – um den Krieg gegen sie wieder intensivieren zu können. Die gegenwärtige US-Militärführung scheint aus dem Misserfolg der Truppenaufstockung von 2009 bis 2012 nichts gelernt zu haben, als die US-geführte Koalition mit bis zu 140.000 Soldaten (und damals fast genauso vielen zivilen Kontraktoren) versuchte, die Taliban zu „enthaupten“ und zu demoralisieren, um sie so zu Verhandlungen zu zwingen. Diese Ziele wurden damals verfehlt – stattdessen eskalierte der asymmetrische Krieg und führte nicht nur zu einer weiteren Zunahme bei der Zahl der zivilen Kriegsopfer, sondern auch der von den Kämpfen vertriebenen sogenannten Binnenflüchtlingen. Deren Zahl hat sich seitdem von 351.900 (2010) auf inzwischen, 1,17 Millionen (2015) mehr als verdreifacht. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres kamen noch einmal 118.000 dazu. Und amnesty international bescheinigte der afghanischen Regierung gerade in einem im offiziellen Kabul mit (unberechtigtem) Zorn aufgenommenen Bericht, auf dem Papier zwar eine tolle Politik für diese Personengruppe entwickelt zu haben, in der Praxis aber über ein paar Planungsseminare noch nicht hinausgekommen zu sein.
Teile der afghanischen Regierung, vor allem der Geheimdienst und der beinahe noch mächtigere Nationale Sicherheitsrat unter dem Ghani-Vertrauten Hanif Atmar, glauben, die Taliban durch Spaltung schwächen und zum Verhandeln zwingen zu können – siehe Ghanis Reaktion auf den Drohnentod Mansurs. Der Geheimdienst unterstützt deshalb sogar Splittergruppen der Taliban, wie kürzlich das Wall Street Journal enthüllte.

Mansur war, wie Afghanen, die ihn während seiner letzten sechs Lebensmonate getroffen haben, dem Autor berichteten, nicht generell gegen Friedensgespräche und auch nicht dagegen, direkt mit der afghanischen Regierung zu reden. Aber nicht über die „Islamabad-Route“, denn – so habe er sich ausgedrückt – er würde es niemals zulassen, dass Taliban-Kämpfer „Soldaten im Interesse Pakistans“ würden. Das mag paradox klingen – aber trotz der Anhängigkeit der Taliban von Unterstützung aus und Rückzugsräumen in Pakistan ist das bilaterale Verhältnis keineswegs das von Puppenspieler und Marionette. Und Mansur lehnte Gespräche mit dem Hohen Friedensrat in Kabul ab, einem noch von der Karsai-Regierung ernannten und unter Ghani nur leicht reformierten Gremium, das im wesentlichen aus Warlords besteht und von den Taliban nicht als neutral angesehen wird. Unabhängige Kanäle, so wie der aus dem diese Informationen kommen, könnten hingegen aussichtsreicher sein.
Als Mansur die Führung über die Taliban übernahm, musste er zunächst interne Opposition überwinden. Und das tat er – schnell und effektiv. Er dämmte die Spaltung der Bewegung ein, und letztendlich ordneten sich ihm auch jene einflussreichen Taliban-Führer unter, die seiner Machtübernahme skeptisch gegenüber gestanden hatten, darunter engste Angehörige Mullah Omars. Mit harten Schlägen dezimierte Mansur die Dissidentenfraktion sowie Splittergruppen, die sich dem örtlichen Ableger des Islamischen Staates angenähert hatten. Er ließ auch eine Reihe von Anschlägen in Kabul ausführen, um der Regierung zu zeigen, dass von Schwäche keine Rede sein könne.

Das beantwortet auch die zweite wichtige Frage, ob der Drohnenanschlag wirklich die Chancen für Friedensgespräche erhöht habe – und zwar mit „nein“. Er hat die Taliban erzürnt, von denen erwartet wird, dass sie nun erst einmal Rache für ihren Anführer nehmen würden. (Als dieser Artikel beendet wurde, am 9. Juni, hatten sich zumindest aber keiner Terroranschläge in Stadtzentren ereignet.) Wahrscheinlich hat der Angriff den erneuten Beginn, Kontakte für Verhandlungen aufzubauen, weiter nach hinten verschoben – denn auch der neue Talibanchef, Maulawi Haibatullah Achundsada, ein Geistlicher höheren Ranges als Omar oder Mansur, muss erst einmal seine Führung konsolidieren. Nicht zuletzt riskierte die US-Regierung mit dem Drohnenschlag sogar, Vertreter der weitaus radikaleren jungen Garde der Taliban an die Macht zu bringen, mit denen die Tür zu Verhandlungen ganz sicher geschlossen worden wäre. Damit ist die Machtübernahmen Haibatullahs nicht nur überraschend, sondern fast schon eine Chance. Religiös mag er ultrakonservativ sein, aber er ist kein militärischer Hardliner, sondern – was Gespräche angeht – eher ein Zentrist. Afghanen, die ihn getroffen haben, sagen, er sei offen für einen Dialog, besonders wenn in religiöse Argumente gekleidet. (Etwas, woraus sich Nicht-Afghanen tunlichst heraushalten sollten.)
Was kann nun also getan werden? Als erstes müssen die USA verstehen, dass sie sich als Kriegspartei nicht als Vermittler mit den Taliban eignen. Zweitens muss die afghanische Regierung einsehen, dass die Taliban keine Marionetten Pakistans sind, sondern ein eigenständiger Akteur, den man nicht an den Haaren an den Verhandlungstisch schleifen kann. Sie muss sich entscheiden, ob sie die Taliban erniedrigen oder mit ihnen über Frieden reden will. Sie muss auch einsehen, dass sie Hilfe braucht, wenn sie Verhandlungen wirklich haben will. Allerdings ist Ghani als nicht besonders beratungsoffen bekannt.

Eine nüchterne Analyse zeigt, dass die Haibatullah-Option einen innerafghanischen Ansatz ermöglichen kann. Dieser braucht aber einen doppelten Puffer zwischen den Konfliktparteien: afghanische Vermittler mit Zugang zur Talibanführung, die wirklich unabhängig von der Regierung in Kabul sind, und möglicherweise ein Team internationaler (einschließlich afghanischer) Vermittlungsspezialisten, die nicht mit den Regierungen der USA und regionaler Länder verbandelt sind, auch nicht mit der UNO, aber von diesen unterstützt werden. Dieses Team würde zwischen den afghanischen Vermittlern, Kabul und anderen Hauptstädten pendeln und die einheimischen Vermittler unterstützen, mit Rat und Zugang zu Regierungen, wo immer erforderlich und angefordert.
Die US-Regierung hat inzwischen bestätigt, dass Haibatullah (so wie die gesamte Taliban-Bewegung) nicht auf ihrer Terrorismusliste steht. Das ist vielleicht ein weiteres gutes Zeichen, nämlich dass Haibatullah nicht ebenfalls sofort „weggedrohnt“ wird Sollte das aber doch passieren, würden die Türen für Gespräche wohl auf lange Zeit fallen und würde der Krieg weiter eskalieren. Für die Afghanen wäre das ein reines Horrorszenarium.

Ein Beitrag von Thomas Ruttig, Kabul

Dieser Beitrag ist eine Vorabpublikation; er erscheint am kommenden Montag, den 20. Juni 2016 in der nächsten Ausgabe von „Das Blättchen – Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft“. Die komplette Ausgabe kann jeweils auf der Website www.das-blaettchen.de kostenfrei eingesehen werden.
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Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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2 Kommentare

  • 1
    Helga Müller sagt:

    Danke.
    Wer im Dorf in Deutschland groß geworden ist, in dem viele ihr Dorf ehren- der versteht die Afghanen und auch die Taliban.
    Warum aber erliegen so viele Funktionsträger den falschen Versprechen der Amis?
    Die USA zündelt weltweit wo sie kann.
    Sie spalten, eliminieren, bomben, besetzen die medialen , politische und juristischen Strukturen .
    Sie haben aber kein Recht dazu!!!
    Afghanistan gehört den Amerikanern so wenig wie Libyen, Deutschland, Syrien oder Österreich.
    Vergessen wir endlich Amerika und kümmern uns um uns selbst.

  • 2
    Maria von Finnentrop sagt:

    Doch ja, klar doch, als jemand der in einem deutschen Dorf grossgeworden ist, verstehe ich natürlich die Taliban. In deutschen Dörfern werden ja auch Mädchen ermordet die zur Schule gehen wollen und Frauen, die keine Burka tragen. Als Siegerländer Dorfjunge, der sein Dorf ehrt kann ich das nur bestätigen, oder habe ich wieder was falsch verstanden ?! So einen Blödsinn kann man doch nicht ernsthaft glauben , ODER ?!