Muslim Street Fashion

14. April 2019 - 12:20 | | Politik | 0 Kommentare

Die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) ist eine Augenweide. Ein Museumsbesuch von David Paenson

Den Kuratorinnen ist es gelungen, eine Innenansicht der Trägerinnen dieser vielfältigen und sich wandelnden Ausprägungen muslimischer Mode in solch verschiedenen Ländern wie Marokko, Malaysia, Indonesien und den USA zu präsentieren. Die Vielfalt der Farben, Stoffe, Designs, der Kombinationen zwischen Tradition und Moderne, ist mitreißend.

Die Designerinnen – in ihrer Mehrzahl Frauen, was in der Modewelt bislang eine Ausnahme ist – haben sich oft auch sozialen Projekten verschrieben. Sie verwenden naturbelassene, umweltschonende Produkte und Herstellungsmethoden. Ihre Designs, wie die Ausstellung insgesamt, sind ein kulturelles und zugleich indirekt ein politisches Statement gegen die von Trump, der AfD und Co. geschürte Muslimfeindlichkeit.

Gerade in Deutschland – im Gegensatz zu San Francisco, wo die Ausstellung ursprünglich konzipiert und gezeigt wurde – ist die Schau Zielscheibe von Schmähungen und Drohungen. So heftig, dass das Museum polizeilich bewacht wird und strenge Eingangskontrollen stattfinden.

Hier spielen sich Rechte und manche „Feministinnen“ teilweise gegenseitig die Bälle zu. So greift Inge Bell, Vorstandsmitglied von Terre des Femmes, die „Kopftuch-Ausstellung“ an, und meint, die Schau „Anständige Kleidung“ (eine falsche Übersetzung des englischen „modest fashion“: zurückhaltende Kleidung) sei ein „Kampfbegriff des politischen Islam“.

In das Chor der „Kritikerinnen“ reiht sich auch Alice Schwarzer mit ihrer Zeitschrift „Emma“ ein. Sie spricht von einer „skandalös affirmativen Ausstellung“, die es muslimischen Mädchen und Frauen erschweren würde, sich von den in manchen Ländern aufoktroyierten strengen Kleidungsvorschriften zu befreien.

Alice Schwarzer selbst nimmt am 8. Mai an einem von Susanne Schröter organisierten Symposium „Das islamische Kopftuch – Symbol islamischen Patriarchalismus oder Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung?“ teil. Schröter ist Direktorin des „Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam“ an der Goethe-Uni Frankfurt. Ihren Emma-Artikel beendet Schwarzer mit der Frage, was die Ausstellung „eigentlich koste“. Wie teuer ist „eigentlich“ das überflüssige Forschungszentrum Globaler Islam, das ihr und ihrem Hass auf den Islam eine Bühne bietet?

Dass die Ausstellung genau das Gegenteil leistet, als Frauen auf strenge Kleidungsvorschriften festzunageln, nämlich eine Brücke zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Emanzipationswünschen zu bauen, ficht Schwarzer nicht.

Genauso wenig die iranischen Protestierenden vor dem Hauptgang des Museums, die mit Pavillon und großformatigen Fotos, auf denen keine falsche, aber doch sehr einseitige Darstellung der Lage von Frauen im Iran gezeigt wird, demonstrieren und dabei der Ausstellung vorwerfen, als Helfershelfer des iranischen Regimes zu agieren.

Dagegen sprechen die ausdrücklich kritischen Töne, die in der Schau ebenfalls zu Wort kommen. Gerade aus dem Iran ist ein Protestvideo von Vida Movahedi gegen die verpflichtende Kleiderordnung zu sehen, aber auch Fotos von jungen Iranerinnen, wie sie sehr selbstbewusst und jede auf ihre Weise diese Vorschriften fantasievoll und individuell ausleben.

Besonders beeindruckend ist die großformatige Videoprojektion der in den USA lebenden Shirin Neshat auf zwei gegenüberstehende Wände. Während auf der einen Wand ein iranischer Sänger vor Publikum wunderbar singt und dafür verdienterweise Applaus erhält, ist auf der anderen Wand eine Frau im schwarzen Tschador vor leeren Stühlen stehend zu sehen. Nachdem der Sänger zu Ende ist und sich mehrmals gebeugt hat, hört er, wie die Frau anfängt zu summen. Er dreht sich um und schaut erstaunt auf sie, diesmal selbst stumm, während sie von der gegenüberstehenden Wand aus immer lauter und kräftiger, aber ohne Worte, ihr Leid ins Mikrofon singt.

Mir hat besonders ein Foto von jungen Marokkanerinnen auf Motorrädern gefallen. Nach wiederholten Aufenthalten im Maghreb – aber auch in Ägypten, Lebanon, Syrien und dem Iran – fühlte ich mich in dieser Aufnahme fast wie zu Hause. Frauen sind in ihrer Mehrheit berufstätig, wenn auch – wie die Männer oft – in sehr prekären Arbeitsverhältnissen, und nehmen sich Freiheiten, die ihre Elterngeneration nicht kannte. Aber auch die Mütter entfalten sich im Windschatten ihrer Töchter und lassen sich nicht mehr alles gefallen. Die enorm gestiegene Scheidungsrate auf Antrag der Frau zeugen davon.

Ein interessanter Aspekt ist, dass diese Mode auch eine Brücke in die andere Richtung aufmacht: Für nichtreligiöse Frauen, die es mal vorziehen, weniger Bein zu zeigen und lieber durch die Auswahl ausgefallener Stoffe und Schnitte auffallen möchten. Hier kann man sich inspirieren lassen und einiges Neues ausprobieren.

Mode ist was Individuelles und zugleich Ausdruck von Zugehörigkeit zu der Gesellschaft um einen herum, genauer gesagt, zu jenen Teilen der Gesellschaft, mit denen man sich identifizieren möchte. Und da auch diese sich in einem permanenten Wandel befinden, mal mehr mal weniger offen in Konflikt mit bisherigen Normen geraten, tun sich immer neue Fenster auf, sich auch durch die Kleidung neu zu positionieren, sich neu zu definieren.

Diese menschliche Sicht auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ist vollends gelungen.

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