Mit bewusstem Konsum die Welt verändern?

17. Juli 2019 - 13:40 | | Politik | 2 Kommentare

Es ist richtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass individuelle Konsumentscheidungen nicht der entscheidende Faktor sind in der Frage, ob wir die Klimakrise noch bewältigen können und dass weniger Fernreisen unternehmen und weniger Fleisch essen als hauptsächliche Lösungsansätze grotesk unzureichend sind. Freilich ist es aber dumm, wenn Linke Menschen verhöhnen und angreifen, die „bewusst konsumieren“ wollen, um einen Beitrag zu leisten. Sicher ist es ehrenwert, wenn Menschen vermeidbare emissionsintensive Teile ihres Alltagslebens einschränken, weil es die für sie greifbarste, naheliegendste Möglichkeit ist, etwas zu tun.

Und sicher tragen solche Lebensstilentscheidungen auch ein bisschen was zur Linderung der Lage bei. In den meisten westlichen Staaten sind heute bspw. 5-10% der Bevölkerung Vegetarierinnen und Vegetarier. Wenn man die EU, die USA, Kanada, Australien zählt, sind das rund 50-100 Millionen Menschen. Gewiss wäre es übel und von messbarer negativer Wirkung, wenn auf einmal zusätzlich Fleisch für weitere 100 Millionen kaufkräftige westliche Konsumentinnen und Konsumenten produziert würde. Und gewiss wäre es wünschenswert und von messbarer positiver Wirkung, wenn alle sich zumindest vegetarisch ernähren würden. Wenn die Leute mehr zu Fuß gingen als überflüssigerweise Ministrecken mit dem Auto zurückzulegen. Wenn man nicht jedes Jahr mehrere Flugreisen unternähme. Wenn der ökologisch irrsinnige Traum vom freistehenden, ressourcen- und flächenfressenden Haus im Grünen für jede Familie begraben würde und die Städte dichter und damit ressourcensparender würden. Wenn dutzende bis hunderte Millionen Menschen solche Entscheidungen bewusst treffen, trägt es schon was dazu bei, dass zumindest der Anstieg der Treibhausgasemissionen etwas verlangsamt wird und wir ein bisschen mehr Zeit gewinnen, die Krise zu bewältigen. Es ist besser als nix.

Aber es reicht nicht. Momentan ist unter Klimaforscherinnen und Klimaforschern mehr oder weniger Konsens: Wenn wir die Folgen des Klimawandels auf einem noch halbwegs beherrschbaren Niveau halten wollen, an das unsere Zivilisation sich anpassen kann, müssen wir die Treibhausgasemissionen bis in die 2030er Jahre um mindestens 60-80% senken. Mittlerweile gibt es Studien, die selbst das noch für zu optimistisch halten.

Fliegen und Fleisch – das größte Problem?

Was wäre gewonnen, wenn die Masse der Bevölkerung „bewusst konsumiert“? Sehen wir uns die zwei großen Paradethemen der Bewegungen für „ethischen Konsum“ an: Den Flugverkehr und den Fleischkonsum. Ich habe schon einmal einen längeren Post darüber geschrieben, in was für einem grotesken Missverhältnis die zentrale Rolle des Flugverkehrs in allen Klimadebatten und sein tatsächlicher Anteil an den Treibhausgasemissionen stehen. Folgt man den medialen Debatten, könnte man meinen, Max Mustermanns sommerlicher Flug zum Badeurlaub sei Hauptursache des Klimawandels. Tatsächlich trägt der gesamte Flugverkehr der Erde 2% zu den globalen Co2-Emissionen bei. Wäre letztes Jahr der gesamte Flugverkehr der Welt zum Erliegen gekommen und kein einziger Flieger mehr gestartet, wäre der Effekt so gering gewesen, dass die globalen Co2-Emissionen in diesem Jahr immer noch HÖHER gewesen wären als im Vorjahr inklusive Flugverkehr. Sicher: Co2 ist nicht das einzige Treibhausgas, und Flugverkehr setzt eine Reihe noch aggressiverer Treibhausgase in geringeren Mengen frei, zumal in großen Höhen, wo die Wirkung tendenziell schädlicher ist. Der gesamten Anteil des Flugverkehrs am Treibhauseffekt wird auf 3-5% geschätzt.

Fleischkonsum und Tierhaltung allgemein sind tatsächlich ein wesentlich gewichtigerer Faktor. Die kommerzielle Tierhaltung ist einer aktuellen Untersuchung zufolge für ca. 15% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Wenn alle Menschen der Erde Veganerinnen und Veganer würden und niemand jemals mehr flöge, würde das die Treibhausgasemissionen also um 18-20% senken. Weniger als ein Drittel des untersten Minimums, das erreicht werden müsste, um die katastrophalsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden.
Selbst das wird aber ganz sicher nicht passieren. Solche Verzichtsdebatten erreichen überhaupt nur eine Minderheit der Weltbevölkerung vor allem in wohlhabenden, hochentwickelten Ländern. Menschen in Entwicklungsländern, für die Fleisch und Käse en masse zu konsumieren bisher Synonym für „ein gutes, genussvolles Leben führen“ war und die durch die Verbilligung der Lebensmittel nach generationenlanger schwerer Entbehrung erstmals die Gelegenheit bekommen, diese bisher nur erträumten Luxusgüter regelmäßig konsumieren zu können, werden das kaum unterlassen, weil reiche westeuropäische Journalistinnen und Journalisten ihnen sagen, dass das aber ganz schön rücksichtslos sei. Eine Ausweitung des Anteils bewusster Vegetarierinnen, Vegetarier, Veganer und Veganerinnen in den wohlhabenden, entwickelten Ländern ist das Maximum, was solche Kampagnen irgendwie realistisch in näherer Zukunft erreichen können. Selbst wenn es gelingt, in den nächsten Jahren den Vegetarier- und Veganeranteil in der westlichen Welt zu verdoppeln oder zu verdreifachen (Und, wohlgemerkt: Natürlich wäre das gut und wünschenswert), würde das zu einer Senkung der Treibhausgasemissionen von vielleicht zwei, drei Prozent führen, die gleich wieder wettgemacht wird vom permanent steigenden Fleischkonsum in Entwicklungsländern.

Natürlich ist auch eine komplette Einstellung des globalen Flugverkehrs nicht realistisch. Zunächst einmal: Nach einer Erhebung von 2013 handelt es sich bei knapp einem Drittel aller Flugbuchungen um von Firmen gebuchte Geschäftsreisen, die nichts mit privaten Lebensstilgewohnheiten zu tun haben und nicht wegfielen, wenn alle Menschen private Flugreisen ablehnten. Zweitens gibt es für Langstreckenreisen üblicherweise keine praktikable Alternative zum Flugzeug. Und drittens sind auch auf Mittelstrecken Bahnreisen meistens derart teuer und langsam, dass sie für die meisten Menschen einfach nicht infrage kommen. Schon mal versucht, von Wien oder Berlin aus mit dem Zug einen Städtetrip nach Madrid, Lissabon oder Neapel zu unternehmen? Kann man schon machen, aber nur, wenn man sehr, sehr viel Zeit hat und es einem keine Probleme bereitet, doppelt, dreimal oder fünfmal soviel wie für einen Flug zu zahlen. Das Maximum, was bewusstseinsbildende Kampagnen bzgl. Flugverkehr erreichen können, ist eine Verringerung der Zahl privater Kurz- und Mittelstreckenflüge. Wirkung auf die globalen Treibhausgasemissionen, wenn alle Max Mustermänner nur noch halb soviele private Kurz- und Mittelstreckenflüge unternehmen? Vielleicht eine Senkung der Emissionen um 1%.
Kombinierte Wirkung des realistisch maximal denkbaren Erfolges bewusstseinsbildender Kampagnen bzgl. Fleischkonsum und Flugreisen? Eine Senkung der globalen Emissionen vielleicht um 2-4%. Der Anstieg der Emissionen in den Entwicklungsländern gleicht das in zwei Jahren komplett aus.

Wie gesagt: Klar ist auch eine durch private Konsumentscheidungen bewirkte Emissionssenkung um ein paar Prozent besser als gar nichts, und Menschen, die sich dafür entscheiden, sollte man nicht verspotten, sondern dafür anerkennen. Aber es ist völlig klar, dass uns das nicht retten kann und solche Kampagnen uns selbst bei maximalem Erfolg nicht einmal einen bedeutenden Aufschub bringen. Die Maßnahmen, die tatsächlich über unsere Fähigkeit entscheiden, die Krise zu bewältigen, sind nicht individuelle Konsumentscheidungen, sondern unsere Fähigkeit zu kollektivem politischem Handeln.

Die großen Quellen der Klimazerstörung

Schauen wir uns an, was die Hauptquellen der Klimaerwärmung sind. Mit riesigem Abstand die Nummer 1: 42% aller Treibhausgasemissionen stammen aus Stromerzeugung und Heizung. Woher der Strom kommt, ist Resultat politischer Entscheidungen. In einem Land, in dem die Kohleindustrie ungehindert walten kann und ein großer Teil des nationalen Stromnetzes aus extrem klimaschädlichen Kohlekraftwerken gespeist wird, sind alle privaten Konsumentscheidungen im Vergleich dazu für die Katz. Um diesen mit Abstand wichtigsten Faktor auszuschalten, müssten zig Milliarden in Erforschung effizienterer regenerativer Energien und den massenhaften Bau von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie gesteckt werden. Kohleverbrennung müsste, sobald es technisch möglich ist, sie zu ersetzen, einfach verboten werden. Sollte sich ihre gänzliche Ersetzung durch erneuerbare Energien irgendwo als technisch mittelfristig unmöglich erweisen, müsste man darüber nachdenken, ob man die Lücke durch Kernenergie schließen und bis dahin den Energieverbrauch rationieren muss, um die grauenhaften Kohlekraftwerke so schnell wie nur irgendwie möglich vom Netz nehmen zu können.

Eine Kohlegrube

Zweitwichtigster Faktor: Industrieemissionen, die knapp 20% zu den Treibhausgasemissionen beisteuern. Um diesen Faktor zumindest stark zu reduzieren, müssten alle Fabriken gezwungen werden, auf die emissionsärmste technisch irgendwie realisierbare Weise zu produzieren, egal ob das betriebswirtschaftlich rentabel ist oder nicht. Dieselben Standards müssten überall auf der Welt gelten und mit derselben Strenge durchgesetzt werden, um zu verhindern, dass es einfach zu Produktionsverlagerung kommt und dieselben Treibhausgase nun eben in Indien oder Brasilien statt in Deutschland oder Kanada in die Atmosphäre geblasen werden. Es müssten zig Milliarden in die Erforschung noch emissionsärmerer Produktionsmethoden investiert werden. Wenn vorerst anders keine vertretbare Emissionsbilanz erreicht werden kann, müsste die Produktion emissionsintensiver verzichtbarer Konsumgüter rationiert werden – natürlich ebenfalls weltweit.

Drittwichtigster Faktor: Der Straßenverkehr mit 18% der globalen Treibhausgasemissionen. Um diesen Faktor drastisch zu reduzieren, bräuchte es für Billionen Dollar einen massiven weltweiten Ausbau des Schienen- und sonstigen öffentlichen Verkehrswesens, dessen Nutzung gratis oder zumindest deutlich billiger als PKW-Nutzung sein müsste. Wenn es überall ein dichtes Netz schnellen und zuverlässigen kostenlosen Nahverkehrs gibt, braucht niemand mehr ein privates Auto zum Pendeln oder Einkaufen – und wenn dieses Netz da ist, kann man privaten PKW-Besitz außer in Sonderfällen verbieten. Wenn es weltweit ein einheitliches Netz kostenloser oder zumindest sehr günstiger Hochgeschwindigkeitsbahnverbindungen gibt, braucht auch niemand mehr Flugreisen für Kurz- und Mittelstrecken, und wenn dieses Hochgeschwindigkeitsbahnnetz da ist, kann man sie verbieten.

Die Unmöglichkeit einer Wende im Kapitalismus

All das ist nicht erreichbar in kapitalistischen Staaten, deren Regierungen den Schutz der Profite ihres nationalen Kapitals als ihre Hauptaufgabe betrachten. Der deutschen Regierung sind sprudelnde Gewinne für Daimler, BMW und Audi, die es nicht mehr gäbe, wenn der PKW-Verkehr flächendeckend durch ÖPNV ersetzt wird, wichtiger als die Abwendung einer Klimaapokalypse, die keinen heute 60-jährigen deutschen Spitzenmanager oder Spitzenpolitiker noch persönlich ernstlich treffen wird. Der brasilianischen Regierung sind die Profite ihrer Holz- und Agrarkonzerne aus Vernichtung des tropischen Regenwaldes wichtiger als das heraufziehende Klimainferno, das davon ausgelöst wird. Der amerikanischen Regierung sind die Profite von Boeing, Ford oder Chrysler wichtiger als Klimaschutz. Die Regierungen von Indien, Pakistan oder Bangladesch denken überhaupt nicht daran, durch strenge Umweltschutzrichtlinien ihren einzigen entscheidenden Wettbewerbsvorteil ggü. westlicher Industrieproduktion zu zerstören: Dass man dort viel billiger, ergo auch viel dreckiger produzieren und dadurch Weltmarktanteile gewinnen kann. Die polnische Regierung denkt gar nicht daran, ihre große Kohleindustrie zu zerstören, indem man diese dreckigste Form der Energieproduktion überhaupt beseitigt.

Erst recht ist all das nicht möglich in einer Welt, die aus fast 200 kapitalistischen Nationalstaaten besteht, die alle miteinander darum konkurrieren, soviele Investoren wie möglich anzulocken und zu halten – was einen Unterbietungswettbewerb bei Steuern, Sozialstandards und Umweltschutzrichtlinien zur Folge hat, der alle in einem Land erreichten Fortschritte zunichte macht. In irgendenem westlichen Land wird die Pflanzung pestizidbearbeiteter Monokulturen verboten? Alright, dann pflanzen wir diese pestizidbearbeiteten Monokulturen eben in Brasilien, wo die Regierung mit Handkuss die Investitionen jedes Agrarkonzerns willkommenheißt. Deutschland oder Frankreich nötigt seiner Autoindustrie strengere Umweltschutzrichtlinien auf? Alright, dann verlagern wir große Teile der Produktion eben nach Indien, wo die Regierung sich über neue Fabriken freut und sie nicht mit Umweltschutzforderungen belästigt.

Die Alternative: Eine radikale Veränderung

Es ist ein sportliches Ziel, aber es gibt einfach keine Alternative: Um diese Krise zu meistern, müssen wir a.) das Wertgesetz, den Zwang zur Profitsteigerung, außer Kraft setzen und b.) eine global einheitliche Wirtschaftssteuerung schaffen, sprich: Wir brauchen eine globale Planwirtschaft, einen anderen erkennbaren Weg gibt es nicht. Wir brauchen ein System, in dem die Weltwirtschaft als Ganzes von der Gesellschaft selbst gesteuert wird und wo nicht nach privaten Profiterwägungen produziert wird, sondern im Interesse der Wahrung der Lebensinteressen der Gesellschaft. Wir brauchen ein System, in dem für die Erforschung emissionsarmer Produktionsweisen und Verkehrsmittel unbegrenzt Mittel zur Verfügung stehen. In dem unabhängig von irgendwelchen betriebswirtschaftlichen Rechnungen jedes notwendige Maß an Arbeitskraft und Ressourcen bereitsteht, um in kürzestmöglicher Zeit die Infrastruktur zu schaffen, die für eine weitgehend emissionsfreie Gesellschaft ohne Entwicklungsrückschritt nötig ist. In dem die Ressourcen der ganzen Erde planmäßig dort eingesetzt werden, wo sie am Nötigsten sind, unbehindert von Staatsgrenzen und Eigentumsrechten. In dem, wenn vorerst auf andere Weise keine vertretbare Emissionsbilanz erreichbar ist, auch global verbindliche Rationierung emissionsintensiver Güter und Dienstleistungen verfügt werden kann, bis wir Wege gefunden haben, sie auf weitgehend emissionsfreie Weise zu produzieren.

Quelle – Fotograf: Frank Weber (CC BY 2.0)

Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es massenhafte, kollektive politische Aktivität. Individuelle Konsumbeschränkung mag persönlichen ehrenwert sein, aber sie ist absolut ungenügend, zweitrangige Symptomlinderung. Um die Krankheit zu heilen, müssen wir im politischen Kampf gegen die schlimmsten Feinde der Menschheit, nämlich die Kapitalistinnen, Kapitalisten und ihr bürgerliches politisches Personal, dieses System stürzen und selbst das Ruder über die Weltwirtschaft übernehmen. Es gibt keinen anderen Weg.

Wenn jemand „bewussten Konsum“ lebt und dafür agitiert, sollte man ihm nicht mit Spott und Herablassung begegnen. Man sollte ihm sagen: „Was du tust, ist gut und ehrenwert. Aber es reicht nicht aus, um die Katastrophe abzuwenden. Dafür musst du dich dem politischen Kampf für den Sturz des kapitalistischen Systems anschließen, musst du von der Ebene individuellen Handelns auf die Ebene kollektiven Kampfes wechseln. Natürlich ist es gut und nicht ganz nutzlos, wenn du kein Fleisch isst, zu Fuß statt mit dem Auto zur Arbeit kommst und im Sommer mit dem Zug statt mit dem Flugzeug in den Urlaub reist. Aber wenn du ernsthaft deinen Zielen zum Sieg verhelfen willst, dann musst du zusammen mit Millionen anderen dafür kämpfen, dass alle Kapitalistinnen und Kapitalisten und alle bürgerlichen Politikerinnen und Politiker der Welt zum Teufel gejagt werden und wir ein System aufbauen, in dem wir auf rationale Weise die Welt nach den Bedürfnissen der ganzen Menschheit ordnen.“


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