Über die Freiheit der Kunst und die Armut der Künstlerinnen

13. Juni 2020 - 12:00 | | Meinungsstark | 1 Kommentare

Durch die Corona-Pandemie ist das öffentliche Kulturleben zum Erliegen gekommen, Kulturschaffende verlieren Aufträge und Jobs – und die Räume der Kultur können nicht mehr in gewohnter Form bespielt werden. Doch auch wenn Publikum und Kultur auf Abstand gehen, die Kulturschaffenden müssen weiterleben!

Über eine wirksame Soforthilfe in Zeiten von Corona wurde und wird viel geredet. Die Bundesregierung hat ein Programm für Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen aufgelegt, der Haken an der Sache: Das Geld ist begrenzt und darf nicht für den eigenen Lebensunterhalt genutzt werden. Freischaffende Malerinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen und Bühnentechniker etc. werden für ihren Lebensunterhalt auf die sogenannte Grundsicherung verwiesen.

Um es kurz zu machen: Niemand kann von Hartz-IV-Sätzen leben, niemand. Auch keine Künstlerin und kein Künstler. Und da spielt es keine Rolle, dass viele bereit sind, für ihre Kunst, wie es so schön heißt, zu sterben – aber doch bitte nicht diesen Tod! Das Gerede von der „Grundsicherung“ im Falle von Hartz IV und SGB-II-Leistungen ist kein Euphemismus mehr, sondern eine Verhöhnung der Betroffenen.

Und wenn alles vorbei ist, Corona eines Tages der Vergangenheit angehört – wer sagt uns denn, dass alles wieder sein wird, wie es war? Dass die Hartz-IV-Hungerkünstler alle wieder problemlos zurück an die Theater, in die Galerien oder auf den Buchmarkt kommen? Die Bundesrepublik erlebt eine schwere Rezession. Inwieweit der wirtschaftlichen Talfahrt ein Schrumpfungsprozess im kulturellen Leben folgen wird, kann jetzt noch nicht gesagt werden. Denkbar ist es.

Und hat Corona nicht ohnehin eine vorhandene Tendenz nur beschleunigt? Gemeint ist die zunehmende Verarmung, wenn nicht gar Verelendung vieler Kulturschaffender (all die freien Autoren, Grafikerinnen, Musiker). Irgendwann geben sie auf. Die Folge: Im Kulturbetrieb steigt der Anteil der „bürgerlichen“ Künstlerinnen und Künstler – also jener, die dank ihrer besseren sozialen Herkunft mehr oder weniger abgesichert sind.

Eine Entwicklung, die lange vor Corona eingetreten ist: Leider fehlen dazu die empirischen Daten beziehungsweise Untersuchungen, die belegen könnten, dass vor 30 Jahren mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland und den viele ostdeutschen Künstlerinnen und Künstlern, die ins gesamtdeutsche Kulturleben traten, auch sehr viele Kulturschaffende hinzukamen, die (aus westdeutscher Sicht) einen sozialschwächeren Familienhintergrund hatten. Der Journalist und DDR-Kenner Günter Gaus sprach einmal vom „Staatsvolk der kleinen Leute“, weil all jene, die in diesem Teil Deutschlands einmal Eigentum hatten, entweder von den Nazis ermordet, ins Exil getrieben oder später von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet worden waren. Die SED-Politik tat ein Übriges, so dass bis zum Mauerbau 1961 das Bürgertum zum großen Teil die DDR verlassen hatte. Zurück blieben die „kleinen Leute“ – aus der staatlichen Teilung war damit auch eine soziale geworden. Die meisten Künstlerinnen und Künstler aus der DDR kamen aus diesem Kleine-Leute-Milieu.

Für diese Menschen hat es in den ersten Jahren der deutschen Einheit noch die Hilfe der mittlerweile aufgelösten Stiftung Kulturfonds gegeben. In Berlin gab es noch in den Neunzigerjahren die Soziale Künstlerhilfe, die leider ebenfalls Geschichte ist. In der Gegenwart ist die Stipendienvergabe nicht mehr an soziale Kriterien gebunden. Alles in allem sieht es nicht gut aus für die „Szene“. Ich fürchte, dass im bundesdeutschen Kulturbetrieb die soziale Vielfalt, unter anderem als Folge der Wiedervereinigung, keinen Bestand haben wird. Vor einigen Jahren beklagte Florian Kessler in der „Zeit“, dass die Absolventen der Schreibschulen Leipzig und Hildesheim nur noch aus demselben saturierten Milieu kommen. Unter der Überschrift „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn“ beschrieb er die Auswirkungen auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, in der Sozialschwache nicht mehr vorkommen. Romane, in denen immer Urlaub oder Wochenende ist und sich kein Mensch sorgen muss, wie er oder sie die Miete und die Stromrechnung bezahlt.

Ähnlich sieht die Lage im Bereich der bildenden Künste aus. Else Gabriel, Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, vermutet, dass sich in absehbarer Zeit (fast) nur noch Sprösslinge aus gut bürgerlichem Haus für das Künstlerleben entscheiden werden; dass an ihrer Schule bald nur noch Studis ausgebildet werden, die nach ihrem Abschluss zur Not von der Familie aufgefangen werden. „Junge Kreative“, die eines Tages ein Reihenhaus oder ähnliches erben. „Es wird aber keine Arbeiterkinder mehr unter den Kunststudenten geben. Das war einmal.“ In der Zukunft werde die Kunst wieder das sein, was sie vor 100 Jahren war: bürgerlich. Die Freiheit der Kunst wird abhängig vom sozialen Status. 

Dieser Entwicklung gilt es, etwas entgegenzusetzen. Von Kulturschaffenden und ihren Verbänden sind besonders in den letzten Wochen viele Vorschläge formuliert worden, von Rettungsschirm über Strukturförderung hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler. Lasst uns all diesen Ideen die Diskussion bringen, für eine nachhaltige und soziale Kulturförderung.

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Über den Autor

Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Homepage: https://simone-barrientos.de/
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