Frida Kahlo – Malerin und Antikapitalistin

Frida Kahlo zählt zu den bekanntesten Malerinnen der Welt. Hinter dem Hype um ihre Person verbirgt sich eine radikale Antikapitalistin. Von Robert Blättermann

Frida Kahlo (1907 – 1954) ist die bekannteste Malerin Mexikos, wahrscheinlich sogar Lateinamerikas. Der Kult um die Künstlerin ist derart groß, dass dafür das eigene Wort „Fridomanía“ entstand. Selten ist das Wort Manie treffender gewesen. Ihre Bilder, die seit 1984 offiziell zum mexikanischen Nationalbesitz gehören, haben Millionenwert. Erst 2006 wurde ihr Gemälde Wurzeln für 5,61 Millionen US-Dollar versteigert.

Zahllose Romane, Biografien, Theaterstücke, Comics und Opern handeln von Kahlo. Ihr Gesicht oder Motive ihrer Bilder zieren T-Shirts, Beutel, Ohrringe, Tassen, Kalender, Uhren, Puppen, Tequila- Flaschen und eine 34-Cent-Briefmarke in den USA. Die Zeitschrift Vogue bewarb 1989 farbenprächtige Kleider im „Frida-Stil“ und wer im Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin gerne mexikanisch essen möchte, gerät schon einmal in das Restaurant „Frida Kahlo“.

Popfigur und Kommunistin

Zweifelsfrei ist Frida Kahlo zu einer Popfigur der Kunst geworden. Doch im gleichen Maße wie die kapitalistische Vermarktungsindustrie ihre Beliebtheit steigerte, engte sie ihr vielschichtiges künstlerisches Werk ein. Kahlo ist zu einer leeren Ikone geworden, deren Werke im zeitgenössischen Kunstverständnis als Projektionsfläche für oberflächliche Interpretationen um die Themen der leidenden und einsamen Frau eines notorischen „Fremdgehers“ und das traumatisierte Opfer des eigenen deformierten Körpers kreisen.

Ein Umstand, der einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts auch deshalb nicht gerecht wird, da sich in ihrem Werk vielfach die kunsttheoretischen Debatten der mexikanischen Revolution wieder finden und es ohne den Hintergrund dieser politisch-gesellschaftlichen Umbruchphase nicht zu verstehen ist.

Frida Kahlo war Kommunistin und machte aus ihrer politischen Gesinnung auch nie ein Geheimnis. Sie war Mitglied der Kommunistischen Partei Mexikos, stand in regem Austausch mit Antikapitalisten aus Amerika und Europa und nahm auch selbst an politischen Aktivitäten teil. Diese Seite der Künstlerin findet in der heutigen Betrachtung ihres Lebens und ihres Werkes jedoch kaum Berücksichtigung. Stattdessen wird es auf ihre persönliche Leidensgeschichte reduziert.

Lange Leidensgeschichte

Definitiv musste Frida Kahlo in ihrem Leben körperliche und seelische Schmerzen ertragen. Bereits als Kind erkrankte sie an Kinderlähmung und litt an den Folgen der Spina Bifida, des offenen Rückens, was lange Jahre vakant blieb. Mit 18 Jahren überlebte sie knapp einen schweren Busunfall, bei dem ihre Hüfte und ihr Unterleib von einer Eisenstange durchbohrt wurden. Sie war lange an das Bett, später an den Rollstuhl, gefesselt und begann in dieser Zeit mit ihren ersten Malereien. Die Beschwerden im rechten Bein, Becken und Rücken begleiteten sie ihr Leben lang.

Unzählige Operationen, drei Fehlgeburten, Kinderlosigkeit, eine Beinamputation kurz vor ihrem Tod mit nur 47 Jahren zeugen von einem schmerzvollen Leben, das ihr in gängigen Biografien den Titel „Schmerzensfrau“ einbrachte. Doch auch wenn Schmerzen eine große Rolle in ihrem Leben spielten, ist es ein Trugschluss ihre Kunst auf eine Reflexion dieser zu reduzieren. Gerade ihre zahlreichen Selbstbildnisse spielen durch die Verwendung von zahlreichen Anspielungen und Symbolen mit verschiedenen Sinn- und Bedeutungsebenen.

Mehrschichtige Bilder

Betrachtet man beispielsweise ihr bekanntes Bild „Die gebrochene Säule“ aus dem Jahre 1944, einer Zeit, in der Frida Kahlo durch ihr Rückenleiden und das Tragen eines Stahlkorsetts schwer gezeichnet war, wird diese Mehrdeutigkeit deutlich. Im Vordergrund steht die Künstlerin als Halbakt vor einer trostlosen grünen Phantasielandschaft. Ihr Körper, von einem weißen Lederkorsett zusammen gehalten, ist in der Vertikalen zerrissen, was mit tiefen horizontalen Erdrissen im Hintergrund korrespondiert und deutliche Assoziationen an ihre permanenten qualvollen Operationen weckt. Die Nägel, die ihren Körper überziehen, verdeutlichen permanente, stechende Schmerzen. Tränen rollen über ihr Gesicht.

Doch obwohl sie weint, fehlt dem Bild jegliche Inszenierung von Mitleid und Rührseeligkeit. Ihre Tränen stehen geradezu im Widerspruch zum unterkühlten und beherrschten Gesichtsausdruck, der völlig frei von Schmerzwahrnehmung erscheint. Ihr Blick ist nicht in der Bitte um Erlösung in den Himmel, sondern voller Entschlossenheit und Stolz auf den Betrachter gerichtet, der aufgefordert wird sich mit ihr auseinanderzusetzen. Ihre Körperhaltung ist nicht die einer gebrochen Kranken, sondern selbstbewusst, gerade und gleichmäßig arrangiert. Eine zerbrochene Steinsäule bildet den Mittelpunkt des Bildes und ist auch dessen zentrale sinnbildliche Achse. Sie verweist in ihrer Brüchigkeit auf ihr eigenes lädiertes Rückgrat und die Einschränkung ihrer Bewegungsfähigkeit als Resultat ihres Unfalls.

Gleichzeitig eröffnet sie eine weitere Sinnebene, in dem sie als am Gebälk ionisch gekennzeichnete Säule jene ästhetisch geformten Pfeiler der griechischen Antike darstellt, die für vornehme Prachtbauten und Tempel verwendet wurden. Im selben Maße wie die Säule in ihrer Zerbrechlichkeit erscheint, zeigt sie auch Würde und Stolz. Beim Betrachten des Bildes wird man nicht etwa Zeuge einer gequälten Selbstentblößung der Künstlerin, sondern ihrer sinnreichen Selbstinszenierung. Die Nägel verweisen auf die christliche Tradition der Märtyrerdarstellung, die aber in ihrem Sinn umgedeutet wird. Symbole der Verletzbarkeit und Schwäche werden mit Elementen der Kraft und Stärke kontrastiert. Man betrachtet kein anatomische Darstellung ihres geschundenen Körpers, sondern ein vielschichtiges Sinnbild, das durch Mittel der Verfremdung im Gleichnis von Stärke und Zerbrechlichkeit, die unsichere und empfindliche menschliche Beschaffenheit als solche visualisiert.

Diego Rivera

Gleichermaßen wie Frida Kahlos Werk unter dem Blickwinkel des bloßen Verarbeitens der eigenen körperlichen Schmerzerfahrung vereinfacht wird, geschieht dessen Deutung vor dem Hintergrund ihrer Beziehung zu dem berühmten kommunistischen Maler Diego Rivera. Anfang 1928 gelangte sie über einen Schulfreund in den kommunistischen Bohème-Kreis um die Fotografin Tina Modotti, zu deren Freunden Rivera zählte. Nach einer kurzen Begegnung im Haus Modottis besuchte sie ihn, um ihn um eine professionelle Einschätzung zu ihren ersten Werken zu bitten. Er war von ihren ungewöhnlichen und ausdrucksstarken Bildern sofort begeistert. Sie wurden ein Liebespaar und ein Jahr später heirateten sie.

Rivera war zu diesem Zeitpunkt ein 42 Jahre alter, international bekannter Künstler, der es bereits zu 3 Ehen und 4 Kindern gebracht hatte und Frida eine 22 Jahre junge Frau, mit ersten künstlerischen Ambitionen, ohne abgeschlossene Ausbildung. Für ihre Mutter war die Verbindung der zierlichen Frida mit dem riesigen und fülligen Diego die einer Taube mit einem Elefanten.

Ihre Beziehung war komplex, sie bewunderten, förderten, kritisierten und zerstritten sich, ließen sich scheiden und heirateten erneut, hatten beide zahlreiche Affären – sie u.a. mit Leo Trotzki, er mit ihrer Schwester Christina – und blieben ein Leben lang miteinander verbunden. In zahlreichen Ausstellungen wurden Frida Kahlos Bilder unter dem roten Faden ihrer Beziehung psychologisiert. Die vereinfachte Formel lautete dann: nachdem Diego die einsame Frida wieder einmal betrogen hatte, musste sie das im traurigen Bild xy verarbeiten. Sie wurde dabei als handlungsunfähiges Opfer inszeniert, die sich einfach nicht von dem exzentrischen Maler lösen konnte.

Selbstbewusste Künstlerin

Bei allem berechtigten Hinweis, dass ihre Beziehung eine kreative Quelle ihres Schaffens war, sind selbst ihre expliziten Darstellungen Riveras vielschichtiger. Betrachtet man Kahlos Hochzeitsbild „Frieda Kahlo und Diego Rivera“ (1931) sieht man den offensiv ausgerichteten dominanten Rivera und seine leicht hinter ihn versetzte, zierliche Ehefrau. Der international bekannte Maler hält eine Palette, Kahlo hingegen nur seine Hand. Doch über ihr schwebt eine Taube mit der Banderole: „Hier seht ihr uns, mich, Frida Kahlo, und meinen geliebten Mann Diego Rivera; ich malte dieses Porträt in der schönen Stadt San Fransico, Kalifornien, für Albert Bender im April des Jahres 1931.“

Der Text steht im Kontrast zur demütigen Haltung Fridas. Er drückt ihr Selbstbewusstsein als Schöpferin aus und kennzeichnet das Bild deutlich als Auftragswerk. Frida hat sich somit einerseits selbst als Ehefrau in der gängigen Erwartung der mexikanischen Gesellschaft inszeniert, als die „kleine Frau“ an der Seite des »großen Künstlers«, und begibt sich anderseits als selbstbewusste Urheberin des Kunstwerks in Opposition gegen diese Vorstellung.

Revolution in Mexiko

Der verkürzte schmerzens- und liebespsychologische Zugang zu Frida Kahlos Werk ignoriert zudem, dass ihr Leben eng mit den gesellschaftspolitischen Entwicklungen verwoben war. Frida selbst verschob ihr Geburtsjahr auf 1910, um es mit dem Ausbruch der mexikanischen Revolution zu verbinden.

Auch wenn die Ziele der Revolution nicht verwirklicht wurden, übte sie auf viele Künstler und Intellektuelle eine große Ausstrahlungskraft aus und sie wandten sich immer mehr den Forderungen und Traditionen der einfachen Bevölkerung zu. Die mexikanische Regierung räumte den Künstlern vor allem in den 20er Jahren noch einige Freiheiten ein und förderte beispielsweise Wandmalereien, die die Geschichte Mexikos vor allem Analphabeten wiedergeben sollten.

So wurde dem Kommunisten Diego Rivera 1928 gestattet, das Fresko „Das Arsenal“ als Teil der Reihe „Ballade von der Proletarischen Revolution“ im Bildungsministerium zu malen, auf dem Kahlo, kurz nachdem sie sich kennen gelernt haben, als kommunistische Kämpferin, die Waffen an das Volk verteilt, zu sehen ist.

Die Ideen Leo Trotzkis

Frida war nur kurze Zeit Mitglied der kommunistischen Partei und trat aus Solidarität mit ihrem Mann 1929 wieder aus, nachdem Rivera ausgeschlossen wurde, weil ihm die Sowjetunion Kontakte mit „kapitalistischen“ Auftraggebern vorgeworfen hatte. Im Zuge antikommunistischer Hetze in Mexiko verließen beide das Land im November 1930 für drei Jahre und gingen in die USA.

Dort knüpften sie Kontakte zu vielen antikapitalistischen Linken, die vor dem Stalinismus auf der Flucht waren und lernten die Ideen Leo Trotzkis kennen. Auf ihre Initiative wurde Trotzki 1937 von der mexikanischen Regierung als Exilant aufgenommen und lebte in Fridas Geburtshaus. 1952 trat Kahlo erneut in die kommunistische Partei ein und notierte in ihrem Tagebuch „Heute bin ich wie nie zuvor geborgen in einer Gemeinschaft; ich bin jetzt Kommunistin“. In dieser Zeit entstand ihr Bild „Der Marxismus wird die Kranken heilen„. Im Juli 1954 nahm sie nur wenige Tage vor ihrem Tod noch an einer großen Demonstration gegen die gewaltsame Absetzung der linken guatemaltekischen Regierung teil.

Vorkoloniale Kultur

Vor allem ihre Hinwendungen zur vorkolonialen Kultur der Indios und folkloristischen und mythologischen mexikanischen Themen sind erst vor dem Hintergrund der verschiedenen kulturellen Debatten im Nachklang der Revolution begreifbar. Die Inszenierung zahlreicher Motive der mexikanischen Tradition können dabei ebenfalls als eine bewusste, ästhetisch-politische Praxis verstanden werden, indem sie eine Identität konstruiert, die mit gängigen herrschenden Konventionen bricht.

In ihrem Werk „Selbstbildnis: Der Rahmen“ (1937/38) trägt sie eine grüne Tehuana-Bluse mit goldgelben Saum, eine aufwendig geflochtene Zopffrisur mit einer gelben Blütenkrone und wird umrahmt von farbfrohen Blüten und zwei gold-roten Wappenvögeln. Kahlos Gesicht war zu diesem Zeitpunkt noch kein inflationär gebrauchter Stempel geworden, sondern wird von ihr als exotisches und starkes Statement inszeniert, das in einer Zeit kulturelle Verschiedenheit selbstbewusst betont, in denen rassistische und koloniale Vorstellungsmuster herrschten.

Auch heute noch lohnt es sich, die lateinamerikanische Künstlerin wieder zu entdecken. Jenseits der Manie um ihre Schmerzen und Liebesgeschichten trifft man auf eine starke, kämpferische und forschende Persönlichkeit, mit einem großen Wissen um Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte.

Dabei begegnet man einem künstlerischen Werk, das weitaus facettenreicher und symbolträchtiger ist als es der gängige biografische Reduktionismus verarbeitet. Bevor ihr Leichnam im städtischen Krematorium von Mexiko-Stadt den Flammen übergeben wurde, sangen die anwesenden Gäste die Internationale und andere politische Lieder. Eine Hymne, die man auch beim neuen Betrachten ihrer Bilder immer im Ohr haben sollte.

Der Beitrag erschien zuerst bei Marx21

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