Ist der Verbraucher an allem Schuld?

31. Oktober 2016 - 14:48 | | Politik | 1 Kommentare

Es lässt sich beobachten, dass – gerade nach Lebensmittelskandalen oder Katastrophen, wie dem Einsturz einer Textilfabrik 2013 in Bangladesch, regelmäßig eine große mediale Aufmerksamkeit über skandalöse Herstellungsprozesse aufkommt. Anstatt die Probleme differenziert zu betrachten, wird dabei oft die Argumentation diverser Lobbyistenverbindungen aufgenommen: Der Verbraucher trägt die Schuld.

Sicherlich lässt sich eine Mitschuld der Verbraucher in Zeiten der „Geiz ist geil“-Mentalität feststellen. Aber  macht man es sich innerhalb dieser Thematik nicht zu einfach, dem Verbraucher den schwarzen Peter zu zuschieben?

Ein Dilemma lässt sich am Konsum von Textilien bzw. Kleidungsstücken beschreiben. Der Käufer muss beachten, die Güter sozial und ökologisch vertretbar ist. Dass die benötigten Rohstoffe nachhaltig sind und keine giftigen Chemikalien verwendet werden. Dass all jene, welche in irgendeiner Form an das Produkt angebunden sind, vernünftig behandelt und entlohnt werden, sprich Näher*innen, Designer*innen, Verkäufer*innen, die im Transport beschäftigten etc.

Wie können Verbraucher hier einen Durchblick erhalten, wenn bereits Größen wie z.B. H&M äußern, dass sie angeblich keinerlei Einfluss auf den Herstellungsprozess haben? Das Beispiel einer mangelhaften Markttransparenz lässt sich ebenfalls auf Lebensmittel übertragen:

Neben Kalorien- und Zuckerzählerei muss auch hier Herstellung, Logistik und soziale/ökologische Verträglichkeit überprüft werden. Zudem sollte die Liste mit Lebensmittelzusatzstoffen (auch „E-Stoffe“ genannt) im Auge behalten werden. Weiter gibt es noch Zusatzstoffe wie Glyphosat oder Aspartam,  deren Gesundheitsgefährung für den Menschen wissenschaftlich umstritten sind sowie Bestandteile der Verpackung wie Weichmacher und Bisphenol-A. Jene sind trotz wissenschaftlicher Bedenken teilweise legal.

Trotzdem wird auch im Bereich des Lebensmittelkonsums durch Lobbyisten der Ernährungsindustrie durchgängig auf den Verbraucher verwiesen. Vielmehr werden etwaige Hilfen wie die so genannte Lebensmittelampel 2008 erfolgreich mit Stimmen der Union, SPD und FDP verhindert. Mit Hilfe dieser Kennzeichnung auf Verpackungen hätten Verbraucher leichter erkennen können, wie hoch den Gehalt an gesundheitsrelevanten Nährstoffen wie beispielsweise Salz, Zucker oder Fetten  ist. So könnte für jeden einfach erkennbar sein, dass beschriebene „Fitness“drinks oder gesunde Cerealien zum Frühstück in Wirklichkeit gar keine sind.

Auch ein weiterer wichtiger Punkt muss beachtet werden: Viele Verbraucher können sich hochwertigere Produkte aus Bio-Supermärkten oder Fair-Trade-Geschäften schlicht nicht leisten.  Alleine der Eckregelsatz, in welchem die Höhe des HartzIV-Satzes festgeschrieben ist, werden gerade einmal 143,42 Euro monatlich für Lebensmittel und 33,94 Euro für Bekleidung veranschlagt.

Ein Beitrag von Marvin Schulze

Über den Autor

Baujahr 1990 und ein waschechter "Ruhri". Im Laufe meines Lebens befand ich mich politisch oft im Spagat zwischen den Strömungen. Beispiel: Arbeiterkind, (trotzdem) eine Ausbildung in der eher konservativen und finanzstarken Immobilienbranche und nun angehender Sozialarbeiter. Angekommen bin ich im linken Spektrum, u.a. da meiner Meinung nach einen stärkeren linken Ausgleich zur folgenschweren neoliberalen Politik ist. Warum ich blogge? Ich liebe es, kritisch zu sein und habe hier eine Plattform gefunden.

Ein Kommentar

  • 1
    U. Eden says:

    Ich denke, es ist einfacher, das Kalkül hinter der Schuldzuweisung an die Verbraucher zu entlarven, wenn man das Problem von einer anderen Seite angeht.
    Nicht der kostenbewußte oder geizige Verbraucher zwingt die Konzerne in Entwicklungsländern zu produzieren, sondern allein die Raffgier eben dieser global agierenden Unternehmen.
    Daß unsere Konsumgesellschaft heute in der Regel nicht auf Inhaltsstoffe und nachhaltige Produktion schaut, ist den Menschen ebenfalls nicht anzulasten. Denn mittlerweile lassen in den meisten Branchen auch alle Mitbewerber in den selben Firmen in Fernost und Afrika mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Hungerlöhnen produzieren.
    Dazu werden, um die horrenden Gewinne noch mehr zu steigern, Zölle und andere Handelshemmnisse durch Freihandelsabkommen beseitigt.
    Dabei sind oder waren das ja eigentlich Regularien, die die heimische Wirtschaft, die Arbeitsplätze und die gerechte Entlohnung der Menschen der Importländer schützen bzw. sicherstellen sollen.
    Also ein originäres Anliegen demokratischer Politik(er).

    Aber wenn Politik korrupt ist, Freihandelsabkommen ohne Mandat der Bürger durchgepaukt und auch sonst am normalen Bürger vorbei regiert wird, weil der ihm, außer als Konsument scheißegal ist… dann ist es auch kein Wunder, wenn diese Realitäten in die Schuld der Verbraucher umgemünzt werden.
    Wir leben schließlich in einem Zeitalter der sprachlichen Umdeutungen.
    Was uns aufhorchen lassen müßte, weil die Sprache dem System anzupassen, ja eigentlich das Merkmal einer Diktatur ist.
    Und – um noch einmal zum Thema zu kommen: die Schuld dem Verbraucher in die Schuhe zu schieben, ist genauso Kalkül, wie dem Volk bei unbequemen Gesetzen Alternativlosigkeit vorzugaukeln.
    All das dient allein dazu, die Menschen mundtot zu machen.
    Und die Gründe für das Dilemma, in dem wir stecken, zu verwässern.
    U. Eden