Hass im Herzen: Auch nach dem Sieg über den IS stellen dessen ehemalige Anhänger eine Gefahr dar!

11. November 2019 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare
ISIS-Flagge

Nachdem bereits im Frühjahr die letzte vom Islamischen Staat (IS) kontrollierte Ortschaft durch die Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) unter Führung der kurdischen YPG befreit worden ist, scheint nun mit dem von US-Präsident Trump verkündeten Tod des selbsternannten „Kalifen“ Abu Bakr al-Baghdadi endgültig die Niederlage des IS besiegelt worden zu sein.

Doch der Schein trügt: Der IS mag zwar keine syrischen oder irakischen Städte und Dörfer mehr beherrschen, in den Köpfen zahlreicher Menschen ist er jedoch nach wie vor präsent. Mehrere Jahre lang hat der Islamische Staat über weite Teile Syriens und des Iraks geherrscht. Millionen Menschen waren gezwungen, unter der Gewaltherrschaft der Islamisten zu leben. Vor allem religiöse und ethnische Minderheiten, aber auch Frauen, Homosexuelle und Politiker litten unter der autoritären Herrschaft der Islamisten. Der Sieg über den Islamischen Staates wird daher von einem großen Teil der syrischen Bevölkerung begrüßt. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass es dem IS unter anderem deshalb gelang, innerhalb kürzester Zeit über ein beachtliches Territorium zu herrschen, weil ein nicht zu vernachlässigender Teil der Einheimischen ihm positiv gegenüberstand. Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass es dem IS oft gelang, bestehende Konflikte geschickt auszunutzen, um sich auf diese Weise die Unterstützung ganzer Stämme oder Großfamilien zu sichern, zum anderen aber auch Ergebnis der geschickten Klientelpolitik der Islamisten sowie einer langen Tradition radikalislamischen Gedankenguts im Nahen Osten.

Darüber hinaus gelang es dem IS, sich vielerorts erfolgreich als Hüter von Ruhe und Ordnung zu inszenieren. Nach der Befreiung der ehemals vom IS kontrollierten Territorien stellen die „Mitläufer“ jedoch das geringere Problem dar. Weitaus gefährlicher sind diejenigen, die sich dem Islamischen Staat aus Überzeugung angeschlossen hatten. Unter ihnen befinden sich Menschen, die teilweise sogar tausende Kilometer weit reisten, um dem IS beizutreten. Nicht wenige ehemalige IS-Kämpfer aus aller Welt befinden sich derzeit in Gefängnissen der Demokratischen Kräfte Syriens, während ihre Familien in riesigen Zeltlagern untergebracht sind. Einige dieser Menschen sind tickende Zeitbomben. Doch die DKS sind mit der Situation maßlos überfordert. Es fehlt an Ressourcen und Strukturen, um die zahllosen ehemaligen Kämpfer aus dem In-und Ausland in ordentlichen rechtsstaatlichen Verfahren zu verurteilen und wegzusperren. Und an Reintegrationsmaßnahmen, Programme zur Entradikalisierung, auch für die Familien der ehemaligen Kämpfer, und eine ordentliche Dokumentation und Aufarbeitung der Verbrechen des IS ist gar nicht zu denken.

Besonders die zahlreichen Kämpfer aus Europa und Nordamerika stellen eine Herausforderung dar. Einige von ihnen zählen zu den brutalsten Anhängern des IS. Sie sind ein Produkt westlicher Gesellschaften, doch ihre Herkunftsnationen scheinen nicht gewillt, Verantwortung für sie zu übernehmen und den demokratischen Kräften beim Wiederaufbau helfen zu wollen. Stattdessen gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Dieses Verhalten ist nicht nur unfair gegenüber denjenigen, die unter der Gewalt dieser Personen zu leiden hatten, sondern auch grob fahrlässig. Denn falls es angesichts des Angriffs der Türkei, der alle Ressourcen der demokratischen Kräfte fordert, nicht mehr gelingen sollte, die ehemaligen IS-Kämpfer hinter Schloss und Riegel sowie deren Familien unter Kontrolle zu halten, ist ein Wiedererstarken islamistischer Kräfte in Syrien durchaus denkbar. Angesichts der Tatsache, dass die Türkei mit unterschiedlichen islamistischen Kräften im Kampf gegen die sozialistische kurdische Autonomieregion Rojava zusammenarbeitet und dem IS schon zuvor wenig entgegensetzte, scheint dies umso wahrscheinlicher.

Doch schon heute sind die Gefängnisse und Lager potentielle Keimzellen für eine neue Generation islamistischer Terroristen. Diese werden sich, über kurz oder lang, auch gegen Ziele in Europa wenden. Um es gar nicht erst dazu kommen zu lassen, muss der Westen Verantwortung übernehmen und die demokratischen Akteure in Syrien beim Umgang mit den ehemaligen IS-Anhängern entlasten. Auf diese Weise kann verhindert werden, dass es in den Wirren des nach wie vor heftig tobenden syrischen Bürgerkriegs zu einem Wiedererstarken islamistischer Kräfte kommt. Auch in der Bundesrepublik ist daher eine Diskussion über die Überführung ehemaliger deutscher ISKämpfer in die Hände bundesdeutscher Behörden und eine Inhaftierung in deutschen Gefängnissen notwendig.


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