Bild: Initiative 19. Februar

Hanau war kein Einzelfall! – „Solidarität şimdi!“

Wie konsequenter Einsatz gegen Rassismus aussehen kann hat Yusuf K. bei Aktiven der DIDF-Jugend in Marburg erfragt.

DIE DIDF-Jugend ist die Jugendorganisation der DIDF (Föderation der Demokratischen Arbeitervereine). Über gewerkschaftliche Arbeit, Initiativen an Hochschulen und in Stadtteilen und kulturelle Aktionen kämpft sie für Antifaschismus, Frieden und soziale Gerechtigkeit.

Die DIDF Jugend Marburg initiierte die antirassistische Plattform „Solidarität şimdi“ (dt. Solidarität jetzt) in Marburg. Wieso?

Eren: Letztes Jahr gingen hunderttausende Menschen auf die Straßen. Nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau oder zu den Black Lives-Matter-Demos. Schnell war klar: Wir benötigen eine offene Plattform, wo alle bisher nicht organisierten Personen einen Platz finden können. Bei den Treffen von „Solidarität şimdi!“ beschlossen wir zu Beginn antirassistische Forderungen als Petition aufstellen.

Was sind eure konkreten Forderungen in dieser Petition?

Dilara: Insgesamt stehen wir für sechs Forderungen ein. Diese reichen von konkreten Ideen für die Marburger Erinnerungskultur, über Vorschläge zur Gestaltung von Uni und Stadtpolizei bis hin zu bezahlbarem Wohnen – Das alles ist für uns Antirassismus. Außerdem fordern wir sichere Räume für antirassistische Projekte. Besonders in Zeiten der Pandemie war es nur unter erheblichen Aufwänden möglich sich antirassistisch zu engagieren.

Die Petition ist Marburg bezogen, aber hat auch viel Anklang gefunden bei Gewerkschaften, linken Organisation und innerhalb der Stadtgesellschaft. Es wurde sogar zum Jahrestag von Hanau ein Mahnmal errichtet – damit ist doch eine Forderung konkret erfüllt?

Eren: Jetzt fehlen nur noch fünf Forderungen. Wir möchten Erinnern und Gedenken der Opfer politisch aufgreifen und konsequent auch politische Forderungen vor der Haustür behandeln. Hanau ist nämlich überall. Eine Forderung wurde bereits erfüllt. Das Mahnmal für alle Opfer von rechter Gewalt haben wir am Jahrestag des Hanau-Anschlags am Friedrichsplatz in Marburg selbst aufgestellt und enthüllt. Symbolisch haben wir außerdem die Bismarckstraße umbenannt nach der einzigen Frau unter den Opfern von Hanau – Mercedes Kierpacz. Mittlerweile versuchen wir das Mahnmal von der Stadt offiziell anerkennen zu lassen.

Und was kann man auf lokaler Ebene gegen Rassismus tun?

Dilara: Was man nicht machen sollte, ist in die Ferne zu schauen und hoffen, dass sich das Problem ohne eigenes Tun löst. Man sollte dort anpacken, wo man ist. Sei es in der Uni, in der Schule, im Betrieb, im Stadtteil – da, wo man lebt, kann man auch die sozialen Missstände sehen und lösen. Denn wir dürfen nicht vergessen: Es sind vor allem die sozialen Bedingungen der Gesellschaft, woran sich rechte Kräfte wie die AfD stärken. Sie haben diese eigentlichen sozialen Probleme kulturalisiert und es geschafft für ihre eigenen menschenfeindlichen Interessen gegeneinander auszuspielen.

Habt ihr deshalb die Forderung mit der Wohnungsfrage so stark bekräftigt? Was hat diese konkret mit Rassismus zutun?

Eren: Die Politik hat Bestände an bezahlbaren Wohnungen verkauft an große Immobilienkonzerne wie z.B. an Vonovia. Über 2.000 Euro der jährlichen Mieteinnahmen im Jahr pro Wohnung gehen direkt als Dividenden in die Taschen der Vonovia-Aktionäre. Das zeigt, dass es eigentlich in den meisten Wohnungen günstiger geht, wenn damit nicht Geld verdient wird. Wiederum für Menschen aus migrantischen Familien hat sich die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung unter diesen Konkurrenzbedingungen besonders verschärft. Und nun kämpfen in dieser Konkurrenz Arme gegen andere Arme um den knappen bezahlbaren Wohnraum – Vonovia gewinnt, alle anderen verlieren – besonders migrantische Personen.

Aber diese Misere hat die Politik zu verschulden. Mit neoliberaler Politik wurde die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben – in Stammbelegschaft, Leiharbeit, Werk- und Zeitverträgen. Die Spaltung wird auch räumlich klar in sogenannten „sozialen Brennpunkten“ – Deshalb war es uns auch wichtig die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum zu behandeln, denn Rassismus ist damit auch ein Mittel der herrschenden Klasse, um ihre Profitinteressen durchzusetzen auf unsere Kosten. Deshalb müssen wir dagegen kämpfen und solidarische Antworten entwickeln!

Die Petition findet ihr hier

Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form in der Critica, das Interview hat Yusuf K. geführt

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Eine Antwort

  1. Freue mich sehr über die wiederbelebung von arbeitervereinen. Der mietpreiswucher ist genau das richtige thema. Auch der mindestlohn muß erhöht werden. Die vernichtung von lebensmitteln gehört bestraft.

Kommentare sind geschlossen.

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