Gegen die Tyrannei des Profits

„Die Tyrannei der Ungeimpften“ herrsche in Deutschland, so fasst Frank-Ulrich Montgomery, der Präsident des Weltärztebundes, eine Stimmung zusammen, die einem bei so manchem Gespräch mit Menschen zur Coronakrise und zum erneuten Anstieg der Infektionen und Krankenhauseinweisungen begegnet. Wer sich nicht impfen lasse, müsse halt so unter Druck gesetzt werden und derart viele Unbequemlichkeiten auferlegt bekommen, dass er sich diesen Luxus des Nicht-Impfens nicht mehr leisten kann. Aber hilft das?

Eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ergab im Oktober, dass von den etwa 30 Prozent Ungeimpften nur sehr wenige bereit sind, ihre Entscheidung zu korrigieren, selbst wenn der Druck wächst. Viele fühlen sich immer noch, elf Monate nach Beginn der Impfkampagne, unsicher, was die Sicherheit der neuen Impfstoffe betrifft, und viele haben eine falsche Risikowahrnehmung: Die sehr seltenen schweren Impfkomplikationen werden über-, die Gefahren einer Erkrankung mit COVID-19 unterbewertet. Fast 100.000 Menschen sind seit Beginn der Pandemie im Zusammenhang mit COVID-19 in Deutschland gestorben, Virologe Christian Drosten rechnet mit weiteren 100.000 Toten, wenn die Impfkampagne nicht deutlich intensiviert wird.

Von Anfang an haben wir erlebt, dass nicht das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen im Mittelpunkt der Debatte stand, sondern eine abstrakte „Überlastung des Gesundheitswesens“. Wer sich ein bisschen in den Kliniken dieses Landes umhört, wird erfahren, dass diese Überlastung nicht erst mit der Pandemie kam, sondern schon vorher. Die schwere Schuld der Bundesregierung besteht darin, dass sie in den letzten 18 Monaten nichts dafür getan hat, diese Überlastung zu verringern. Im Gegenteil: Mehr als 4.000 Intensivbetten sind seit Anfang Januar 2021 abgebaut worden – die meisten wegen Personalmangels. 18 Monate Pandemie und permanente Überforderung haben viele Pflegekräfte derart ausgelaugt und erschöpft, dass sie den Beruf aufgegeben oder eine Stelle in einem weniger belasteten Bereich gesucht haben.

Längst sind wir in einer Situation angekommen, in der erneut die Triage droht. Dieser Begriff kommt aus der Militärmedizin und bedeutet, bei einer großer Anzahl Verletzter/Erkrankter und begrenzten Behandlungskapazitäten, diejenigen auszuwählen, die behandelt werden, und die anderen sterben zu lassen. Ethisch ist das höchst problematisch, denn meistens bedeutet es, die Jungen und Starken zu bevorzugen, während Alten, Schwachen und Menschen mit Behinderungen notwendige und sinnvolle Behandlung verweigert werden müssen. Ich gehe davon aus, dass eine solche Situation noch mehr Ärzt*innen und Pflegekräfte in schwere seelische Bedrängnis bringen und möglicherweise aus dem Beruf drängen wird.

Und in dieser Situation sagen mir Leute: „Ich lasse mich nicht impfen. Ich bin ja gesund und stärke mein Immunsystem mit Sport und gesunder Ernährung.“ Abgesehen davon, dass das inhaltlicher Bullshit ist, weil inzwischen auf den Intensivstationen durchaus auch sportliche, ehemals kerngesunde Menschen weit unter 60 mit einem Schlauch im Hals um ihr Leben röcheln, ist es auch höchst egoistisch und fast sozialdarwinistisch: „Sollen doch diejenigen, die am gefährdetsten sind, sich impfen lassen und ich warte erst mal ab.“ So ähnlich klangen in der ersten Welle diejenigen, die gefordert haben, man solle doch die Alten und Kranken wegsperren und die Jungen und Gesunden weiter so leben lassen, dass sich das Virus unter ihnen verbreiten kann. Aber: Niemand ist eine Insel und der Schutz besonders Schutzbedürftiger ist in jeder Gesellschaft eine Aufgabe für alle.

Und auch der Egoismus ist kurzsichtig, denn: Kein noch so gesunder Mensch muss die Impfung mehr fürchten als die Krankheit. Für die Sicherheit der Impfstoffe gibt es inzwischen mehr als genug Belege. Natürlich ist jeder Impfschaden einer zu viel, aber lassen wir Zahlen sprechen: Auf 107 Millionen Impfungen in Deutschland wurden 94.000 Nebenwirkungen gemeldet, das sind 1,6 pro 1.000 Impfungen. Auf 5.000 Impfungen gab es eine (!) schwerwiegende Reaktion, die meisten davon waren zum Zeitpunkt der Meldung schon wieder abgeklungen. in 1.802 Fällen, also weniger als zwei auf 100.000 Impfdosen erfolgte eine Verdachtsmeldung im zeitlichen Zusammenhang mit einem Todesfall nach einer Impfung.

Hingegen kommen auf 4.924.000 mit COVID-19 Infizierte 97.389 im Zusammenhang mit der Infektion Verstorbene, das sind annähernd zwei von 100. Grob, aber nicht unzulässig vereinfacht: Das Risiko, mit einer COVID-19-Erkrankung zu sterben, ist also tausend Mal größer als das Risiko, nach einer Impfung zu sterben. Und die Delta-Variante ist so ansteckend, dass jeder, der ungeimpft bleibt, sich über kurz oder lang infizieren wird, so wie das jüngst Alice Weidel von der AfD passierte. Selbst dass die Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion schützt, schmälert ihren individuellen Nutzen nicht, denn sie schützt auf jeden Fall sehr gut vor schweren Verläufen und Krankenhausaufenthalten. Und vor allem: Da Geimpfte weniger zur Verbreitung des Virus beitragen als Ungeimpfte, tragen sie zur Eindämmung der Infektion mehr bei als die überlasteten Gesundheitsämter, die schon lange nicht mehr alle Infektionsketten nachverfolgen oder gar die Einhaltung von Hygienekonzepten kontrollieren können.

Woher kommt also diese große Impfskepsis in der Bevölkerung? Meine These: Neben esoterischen und wissenschaftsfeindlichen Grundhaltungen spielt die Tyrannei des Profits eine große Rolle!

Viele Menschen haben gute Gründe, der Regierung, den staatlichen Institutionen, Wissenschaftler*innen und Medien zu misstrauen. In den Jahren des neoliberalen Umbaus sind alle Bereiche staatlichen Handelns mehr und mehr dem Leitbegriff der „marktkonformen Demokratie“ Angela Merkels gefolgt. Die Krankenhäuser wurden zu Fabriken, die Kommunen wurden ausgezehrt, die Hochschulen von Industriesponsoring abhängig gemacht und alles, was nicht bei drei auf dem Baum war, wurde privatisiert oder teilprivatisiert.

Inzwischen drängen internationale Finanzunternehmen in den Bereich der ambulanten Versorgung vor und errichten medizinische Versorgungszentren, die Sitze von einst freiberuflichen Kassenärzt:innen aufkaufen. Die Pandemie wurde schnell zum Selbstbedienungsladen für Investoren und ihre korrupten Amigos: ob mit Maskendeals, erfundenen Tests oder einer von Datenschützer:innen scharf kritisierten Kontaktverfolgungs-App (Luca), die die Steuerzahler:innen inzwischen mit etwa 25 Millionen Euro honoriert haben – Geld, das vermutlich besser in die personelle Ausstattung der Gesundheitsämter oder die Beschaffung von Luftfiltern für Schulen geflossen wäre.

Auch die Pharmakonzerne haben eine Goldmine entdeckt. Die BioNTtech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin sind in eineinhalb Jahren von bescheidenen Multimillionär:innen zu vierzehnfachen Milliardär:innen geworden. Dabei geholfen hat auch der Staat: mit Fördergeldern. Vier Millionen Starthilfe 2008, als Şahin und Türeci ihre an einer öffentlichen Hochschule erworbenen Erkenntnisse in einer Firma privatisierten. 375 Millionen Fördergelder für die Entwicklung des Impfstoffs „Comirnaty“ und mindestens 23 Millionen für den Aufbau einer Impfstofffabrik in Marburg – und alles ohne irgendwelche sozialen Verpflichtungen. Das Geschäftsgebaren von BioNTtech/Pfizer in Sachen Impfstoff weckt zu Recht Empörung: Trotz öffentlicher Förderung, Riesenumsatz und Wertsteigerung dürfen die Regierungen bereits bezahlte Impfdosen nicht einmal dann verschenken, wenn sie sie sonst vernichten würden. Und das in einer Situation, in der Milliarden Menschen in ärmeren Ländern noch gar keine Chance hatten, sich impfen zu lassen.

All das trägt zu einer desaströsen Vertrauenskrise bei, die eine Grundlage für den Glauben an Verschwörungserzählungen jeglicher Art bietet. Wenn immer die Vermutung mitschwingt, dass jemand sich am Leid von Menschen bereichern will, ist die Saat der Verunsicherung gesät. Autoritäre Ansätze tragen dann eher noch zur Verstärkung des Misstrauens bei: Wenn ich dazu genötigt werden soll, mich impfen zu lassen, ist es vielleicht doch nicht so gut für mich, wie immer behauptet wird? Die meisten Ungeimpften wollen nicht ihre Nachbar:innen, Freund:innen, Kolleg:innen tyrannisieren. Sie riskieren auch nicht absichtlich, schwer zu erkranken und auf der ohnehin überlasteten Intensivstation zu landen. Sie werden in die Irre geführt von einer sich „alternativ“ gebenden Öffentlichkeit, die ihre Bedeutung daraus zieht, die vorhandene Verunsicherung zu vertiefen und die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben, aber auch von etablierten Medien und Politiker:innen, die aus der Polarisierung Aufmerksamkeitsprofit ziehen wollen.

Wenn wir das Vertrauen der Bevölkerung in die Forschung und ins Gesundheitswesen wiederherstellen wollen, müssen wir diese Bereiche der Profitlogik entziehen. Das bedeutet, die Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus der Abhängigkeit von Drittmitteln zu befreien und die Gesundheit von einem marktförmig organisierten Wirtschaftszweig wieder zu einem Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge zu machen. Und vielleicht müssen wir auch das Thema der Vergesellschaftung der Pharmaindustrie wieder auf die Tagesordnung setzen.

Das sind allerdings langfristige Aufgaben, die uns keinen kurzfristigen Ausweg aus der Vertrauenskrise und schon gar nicht aus der Pandemie weisen. Kurzfristig hilft keine Publikumsbeschimpfung, sondern nur rationale, freundliche Ansprache der Menschen, die noch nicht geimpft sind, hartnäckige Überzeugungsarbeit, niedrigschwellige Impfangebote und die klare Ansage: Impfen schützt und nützt!

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2 Antworten

  1. Die Kurzfassung hört sich wohl ungefähr so an:
    – Krankenhausbetten abgebaut -> Mit Absicht
    – Ungeimpfte -> Fehlgeleitet / dumm
    – Daten, die der Grundlage dienen, die Krise zu melken und mehr Profit zu machen -> Absolut zuverlässig
    – Fehlgeleitete haben kein Vertrauen -> Wegen Profitgier der Großen

    Wissen Sie, ich bin durch eine Suchmaschine hier gelandet mit der Suchanfrage „Deutschland Partei gegen Medizinische Tyrannei“.
    Sie sind nicht gegen diese Tyrannei, denn ein mehrere Absätze enthaltender Text, in dem einzig im letzten Satz, paraphrasiert, ein „Wir müssen den Ungeimpften einfach gut zureden“ steht, ist ein Armutszeugnis.

    Ich kann verstehen, dass Sie nicht gegen den allgemeinen Konsens argumentieren wollen. Wenn dafür Ärzte ihre Approbation entzogen bekommen, würden Sie wahrscheinlich noch schneller von Ihrer Stelle entfernt.

    Im Ernst, wenn echte Bedenken der Bevölkerung als Unsinn abgetan werden, und Sie es für Ihre Zwecke, den Kapitalismus als „Großes Böses Ungeheuer“ darzustellen, ummünzen, so dass es in Ihr Narrativ passt, damit Sie eine Existenzberechtigung haben, während Sie gleichzeitig nicht für die Bürger eintreten…wer sollte Sie dann aus welchen Gründen wählen?

    Wird mit der Situation massiv Profit eingefahren? Ja
    Von wem kann nicht profitiert werden? Von denen, die „nicht mitmachen“

    Sie argumentieren, dass den Unwilligen gut zugeredet werden müsse, damit sie bei dem Spiel mitmachen.
    Also, entweder sind Sie FÜR „die Freiheit“ (und das Volk), oder eben nicht.
    Wenn nicht, dann sollten Sie dazu stehen. Ein guter Anfang wäre es dann, den Titel der Seite von „Die Freiheitsliebe“ in „Die Konsensduckmäuser“ abzuändern.

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