Frauenunterdrückung im Dienst des Kapitals

17. Dezember 2017 - 12:07 | | Politik | 1 Kommentare

Der konservative Backlash der Kleinfamilie hat immense Vorteile für den neoliberal geprägten Staat. Wohlfahrtsstaatliche Aufgaben können getrost in die Hände der unbezahlt arbeitenden (Ehe-)Frauen abgeben werden.

Ein Embryo, dazu die lispelnde Stimme Angela Merkels: „In welcher Welt wirst du einmal leben?“ Glückliche Familien, hüpfende Kinder mit schönen Eltern auch im SPD-Wahlwerbespot. Die AfD spitzt das zu, was auch die anderen Videos implizieren: „Neue Deutsche machen wir selber“. Die Kleinfamilie Mutter-Vater-Kind erlebt eine Renaissance. Konservative befeuern ideologisch das, was wirtschaftlich nie abgeschafft wurde: Die Frau als Mutter, vielleicht halbtags berufstätig, finanziell abhängig, aus dem Berufsleben herauskatapultiert mit der Geburt des ersten Kindes. Die SPD gibt sich progressiver: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, heißt es da. Doppelverdienerhaushalte gelten als fortschrittlich. Die Kinder werden ganztags in der KiTa betreut. Besserverdienende leisten sich Haushaltshilfen – weiblich, unterbezahlt, meist migrantisch; symptomatisch für schlecht entlohnte Berufsgruppen.

Familie als erstes Eigentumsverhältnis

Ob Mutter oder Haushaltshilfe, am Ende des Tages steht eine Frau vor dem Kindergarten, um die Kleinen abzuholen. In den meisten Fällen, also in niedrig und durchschnittlich verdienenden Familien, ist es die Mutter. Das ist noch nicht alles. Ums Abendessen kümmern? Die Mutter. Den Kindern Nachhilfe geben? Die Mutter. Den pflegebedürftigen Opa versorgen? Die Mutter. All diese Arbeit, die unsichtbar hinter verschlossenen Türen unbezahlt verrichtet wird, nennt der Ökonom und Philosoph Karl Marx Reproduktionsarbeit. Im Vergleich zur Produktionsarbeit, die in unserer Gesellschaft meist als Lohnarbeit organisiert ist, scheint die unbezahlte Arbeit keine Produkte und somit keinen Mehrwert zu schaffen. Marx stellt fest, dass hier wie dort Ausbeutung an der Tagesordnung ist und benennt das kleinfamiliäre Verhältnis als das, was es ist: Erstes Eigentumsverhältnis, in dem der Mann sich die Arbeit der Frau aneignet. Während der Berufstätige auf dem Arbeitsmarkt wenigstens einen Lohn erhält, kann sich der Ehemann vollends darauf verlassen, dass seine Frau die Arbeit, die zu Hause anfällt, umsonst verrichtet.

Frauenunterdrückung im Dienst des Kapitals

Nachdem Gott und Kirche als Begründung für diesen Sachverhalt aus der Mode gekommen sind, stürzen sich die vermeintlich aufgeklärten Geister auf den Darwinismus: Es sei biologisch angelegt, dass eine Frau Haus- und Sorgearbeit leiste. Die sei minderwertig und somit ist es auch die Person, die diese Arbeit verrichtet. Frauenunterdrückung funktioniert auf diese Weise ganz ohne Kirche, denn sie steht heute im Dienst des Kapitals, des neuen am Altar der freien Marktwirtschaft angebeteten Götzen. Historisch wurden Frauen immer dann ermuntert, ins Erwerbsleben einzutreten, wenn einerseits der Mehrwert möglichst billig gesteigert werden sollte und andererseits die Familie mit einem einzigen Gehalt nicht mehr über die Runden kam. Frauen eigneten sich seit jeher zur Lohndrückerei, da sie billigere Arbeitskräfte waren und sich lange Zeit politisch nicht organisieren durften. Auch heute sind Frauen mehrheitlich schlechter bezahlt. Häufig sind sie in schlecht entlohnten, sozialen Berufen beschäftigt, in denen sie Reproduktionsarbeit beziehungsweise Sorgearbeit leisten. Die Lösung ist aber nicht, wie uns neoliberale Profitideologen weiß machen wollen, dass Frauen in sogenannte MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) eintreten sollen. Die Lösung ist auch nicht unbedingt eine Frauenquote in Führungsetagen. Die neoliberalen „Der-Markt-Regelt-alles“-Apologeten verpacken in diesen Forderung lediglich das Interesse, die berufstätigen Frauen unter dem Vorwand der Gleichberechtigung noch besser auszubeuten: Auf dem Arbeitsmarkt und zu Hause.

Altersarmut ist Frauenarmut

Da Frauen, die Kinder haben, weniger flexibel sind und keine 40-60 Stunden pro Woche arbeiten können, werden Mütter auf Jobsuche benachteiligt. Für Alleinerziehende ist die Situation noch schwerer. Die Kinder- und Altersarmut ist vorprogrammiert. Es ist kein Zufall, dass Altersarmut ein mehrheitlich weibliches Phänomen ist.

Konservative behaupten nun, die Frau müsse zurück an den Herd, ein Familieneinkommen müsse ausreichen. Diese Haltung zementiert die Sklaverei der Frau erst recht. Die feministische Forderung nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit der Frau kann nicht durch ein Taschengeld vom Ehemann oder eine „Herdprämie“ erfüllt werden. Es gilt vielmehr, für einen Mindestlohn, höhere Grundsicherung und höheres Kindergeld zu kämpfen. Des Weiteren sollten wir als hochtechnisierte Gesellschaft die immerwährende Verlängerung der Arbeitszeit nicht hinnehmen, sondern für eine Verkürzung streiten. Besonders essentiell ist die Entwicklung einer solidarischen Verteilung von Reproduktionsarbeit, geschlechtergerecht und gesamtgesellschaftlich. Dazu muss die wirtschaftliche Funktion der Kleinfamilie überwunden und Sorgearbeit kollektiv organisiert werden. Frauen müssen ihre Mehrfachbelastung durch Arbeit anprangern und sich nicht auf „Chancengleichheit“ vertrösten lassen, die ihnen FDP-Posterboy Chris Lindner und andere neoliberale Dödel versprechen. Es gibt keine nachhaltigen und gerechten Lösungen innerhalb dieses Wirtschaftssystems für das Problem der Unterdrückung. Die Kleinfamilie stützt das Wirtschaftssystem, das Wirtschaftssystem stützt die Kleinfamilie und damit die spezifische Ausbeutung der Frau. Ein Angriff auf beide Institutionen ist daher gleichermaßen unerlässlich.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

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