Die Worttäter von Hamburg

19. Juli 2017 - 12:34 | | Politik | 2 Kommentare

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel, jedenfalls scheint das derzeit das Motto aller bürgerlichen Staatsfetischisten und Autoritätsappologeten zu sein. Die Erfahrung von Hamburg zeigt wieder das die Tastatur härter zuschlägt als der Schlagstock. Die soziale Praxis oder anders gesagt das unwürdige Verhalten vieler Nutzer in den sozialen Medien rund um die Berichterstattung zu G20 und den dortigen Geschehnissen, hat Ausmaße einer gepflegten, deutschen Hexenjagt angenommen.
Die mehr über die Verfasser dieser Kommentare selbst verrät als über die tatsächliche Situation der Ereignisse. Doch selbstverständlich muss man realisieren, dass das Verhalten dieser Menschen nicht aus dem blauen Himmel gefallen ist, sondern auf einer langen Diskurstradition beruht die nach brisanten politischen Großereignissen, üblicherweise eine ganze Maschinerie in Gang setzt, die in die öffentliche Meinung gezielt eingreifen soll um bestimmte Reaktionen in der Gesellschaft zu schaffen, ja sie gar herauf zu beschwören.

Ich möchte mir dafür einige Beispiele dieser Praxis genauer angucken, gerade jetzt wo der Kampf um die Wörter und besonders deren Bedeutung im vollen Gange ist. Dankbar nehme ich zur Kenntnis, dass bereits einige Versuche der Entlarvung der Worttäterschaft unternommen wurden, die gerade so notwendig wie nie sind, um einige Klarheit in die Wirren der Diskussion zu bringen. Doch gleich muss ich den Leser, und vor allem möglicherweise erboste Linguisten, vorwarnen, dass dieser Beitrag keine wissenschaftliche Arbeit ist. Für die Erstellung eines umfangreichen Korpus, also einer Textsammlung, fehlt die Zeit die gerade angesichts der Absurdität der Diskussion und des Diskurses, immer knapper wird. Deshalb werde ich einige der eindrücklichsten Beispiele der Worttäterschaft seitens der Polizei, der Politiker und der Medien genauer beleuchten. Doch genug der Vorrede kommen wir zur Rede selbst.

Eines der häufigeren Worte die sowohl von Politikern, Medien und Polizei verwendet wurde um die Situation in Hamburg und einige der handelnden Akteure rund um die brennenden Autos und Barrikaden, ist das Wort Chaos oder Chaot, was durch aus häufiger im Plural anzutreffen ist. Betrachten wir zunächst einmal die gängige Bedeutung dieses Wortes aus dem Duden. „Auflösung aller Ordnung“ ist die Definition die uns der Duden vorschlägt. Auflösung aller Ordnung heißt, Verlust aller öffentlichen Ordnung, Verlust von Rechtsstaatlichkeit als Grundprinzip, Verlust von der Unverletztlichkeit der eigenen Person (was in dem Konstrukt später zum Wort Gewalttäter überging aber dazu später) etc.. Zeitgleich ist das Wort keinesfalls neutral, denn wenn es rein den Verlust bedeuten würde, vielleicht gar einen gewollten Verlust, so wäre es bloß die Abwesenheit all des oben bereits genannten und damit wahrscheinlich nicht weiter tragisch. Da aber dieser scheinbare Verlust gerade nicht auf freiwilliger Basis passiert, müssen wir annehmen, dass es anders also unfreiwillig und da es bereits passiert, eben gewaltsam passiert. In einer rohen unkontrollierten und vor allem unkontrollierbaren Gewalt, einer Gewalt ähnlich der Natur oder der des Urchaos. Diese Konnotation ist hier nicht fern, sie zeigt auf dass sowohl die Situation selbst als auch die Handelnden Akteure dieser, von einer Zivilisationsferne geprägt sind. Also wird die scheinbar rohe, urzeitliche, unkontrollierbare Gewalt der Handelnden gegen die kontrollierbare, berechnende und feste Ordnung der Zivilisation vertreten durch die mythischen, fast schon märchenhaften Ordnungshüter, ohne Fehl und Tadel, gestellt. Was beutetet das? Im Endeffekt nichts anderes als, dass diejenigen die an der Situation beteiligt sind außerhalb unserer „progressiven“ und „zivilisatorischen“ Gesellschaft stehen und daher nicht die gleichen Rechte genießen wie diejenigen die innerhalb der Ordnung stehen. Hier offenbart sich ein, für eine demokratische Gesellschaft, extrem gefährliches Verständnis: „Wenn sie nicht nach den Regeln der Ordnung spielen, werden sie von dieser Ordnung verbannt“. Sie sind damit nicht mehr würdig und können daher nach Maßstäben außerhalb der Ordnung geurteilt und gerichtet werden.
Und dies zeigen auch die erbosten Kommentare der Wutbürger in den sozialen Medien. Mehrfach wurde härterer Einsatz von Gewalt gefordert, ob mit Schlagstock oder, wie es eine AfD Abgeodnete Christel Weißig forderte, mit Schusswaffen. Was sie fordern verstößt gegen sämtliche Artikel der UN-Menschenrechtscharta, das aber ist nach der vorgegebenen Logik in Ordnung, denn sie stehen außerhalb der Ordnung. Dieser Demokratiebruch ist keine Zufälligkeit des Wortwirrwarrs der Köpfe und Münder die sie produzieren, es ist ein bewusst kalkulierter Einsatz von Assoziationen die eine Stimmung in der Gesellschaft erzeugen sollen. Damit ist der Schaden, den die Worttäter anrichten um ein vielfaches größer als kaputte Fensterscheiben oder ausgebrannte Autos. Denn materielle Güter sind ersetzbar, eine gebrochene Demokratie ist nur schwer wieder zu beheben.

Kommen wir sodann zu einem weiteren Wort das durch die Medien und Presseerklärungen der Polizei und Politik kreist. Oder viel besser einem Wortkonstrukt: Linksextreme Gewalttäter. Da es sich um mehrere Worte handelt müssen wir jedes für sich betrachten. Zunächst haben wir den politischen Präfix, der seit längerem in Mode der politischen Kommunikation gekommen ist. Ein Präfix ist zunächst einmal da um den nachfolgenden lexikalischen Einheiten einen neuen semantischen Sinn zu verleihen, kurz er dient dazu eine neue Bedeutung zu erschaffen und neue Assoziationen zu wecken. Also haben wir Links- als diese sinnstiftende Einheit. Und was bedeutet dieses Links-? Diese Frage ist circa genau so schwer zu beantworten wie die Frage 42 an der bekanntlich ein Computer Millionen von Jahren gearbeitet hat ohne eine klare Antwort geben zu können. In dem politischen Spektrum das wir gemeinhin als Links- begreifen existieren eine Vielzahl verschiedener Theorien, Einstellungen und Interpretationen der jeweiligen Theorien. Jede und jeder die man innerhalb des Spektrums fragt wird also eine andere Definition davon geben was Linkssein für sie oder ihn bedeuten. Wir zählen unter anderem verschiedenste Ausprägungen des Marxismus und des Anarchismus, Umwelt- und Bürgerrechtsbewegungen sowie Friedens- und Migrantenbewegungen und während ich das schreibe, werden bereits die ersten Stimmen mir widersprechen und ihre Definition anbieten. Jede dieser Bewegungen ist für sich unterschiedlich und hat nicht immer die gleichen Ziele oder Ansichten wie die jeweils andere. Was passiert jedoch wenn wir das Wort Links gebrauchen? Wir vermengen streng genommen etwas was unvermengbar ist. Und tun wir das weil wir einfach die Welt um uns herum beschreiben wollen? Nein. Wir gebrauchen das Wort weil der öffentliche Diskurs das Wort gebraucht. Wir akzeptieren die Definition eines Wort, von Menschen die im größeren Umfang keinerlei Verständnis davon haben was dieses Wort bedeutet. Dieses Wort wird zu einem undefinierbaren Mischmasch, das alles und nichts zugleich sein kann. Ein Schrödingers Linker sozusagen. Nun wird aber in genau dem selben öffentlichen Diskurs dieses Wort zu einer Waffe, einem Instrument der Stigmatisierung. Wenn nämlich ein Urteil jedweder Art über diese ominösen Linken verhängt wird, dann wird er gleichsam über alle verhängt. So geschieht es auch hier in einer Wortkombination wird eine Assoziation geknüpft zwischen Links und Gewalt. Wie genau beschreibe ich im Folgenden, halten wir aber fest, dass der politische Präfix zur Wortform der Sippenhaft in der politischen Diskussion wird und wenden uns dem zweiten Teil des Wortes zu. Extrem.

Auch hier gucken wir uns zunächst einmal die Duden Definition an. Extrem bedeutet also: „äußerst…, bis an die äußerste Grenze gehend“. Nun müssen wir uns unweigerlich die Frage stellen: ist das extrem auf das Linkssein gerichtet oder das Linkssein auf das extrem? Die Antwort lässt sich relativ leicht beantworten. Das Links- ist nur der politische Präfix der zu dem Wort extrem addiert wird und heißt eben nicht das die Bezeichneten besonders oder äußerst links sind sondern, dass sie durch ihr Linkssein besonders äußerst sind, mit anderem Worten definiert ihr (Links)Sein ihre Stellung in der Gesellschaft und dem Diskurs. Und diese ist nach der Definition äußerst also am Rande, am Rande, wenn nicht gar bereits außerhalb, hier nimmt man es mit den Grenzen nicht besonders genau, der Gesellschaft. Und hier kommen wir zum wesentlichen Punkt der Frage was also das Wort extrem bedeutet. Man kann es ruhig um Reiter und Ross zu benennen auf die dahinter stehende Hufeisentheorie beziehen. Was besagt diese? Nicht anderes als, dass das politische System als Hufeisen zu verstehen ist. Wobei der mittlere, tragende und stabile Teil die „politische Mitte“ (ein weiteres Wortungetüm) darstellt und die Ränder die wie auch immer geartete Linke und Rechte darstellen. Diese sind instabil und weit von der Mitte und damit der Vernunft entfernt. Und das ist nichts anderes als hier kommuniziert werden soll. Wie bereits beim Wort Chaot stehen die Handelnden am Rande der Gesellschaft und drohen fast schon diesen fragilen Raum gar zu verlassen, damit gefährden sie unweigerlich seine Einheit. Wir können also festhalten, dass die pauschalisierte Bewegung eine scheinbare Gefahr für die Existenz der Gesellschaft bedeuten soll. Dieses Verständnis ist nicht minder gefährlich für eine demokratische Gesellschaft, als beim ersten Beispiel, da es erstens andere politische Einstellungen als gefährlich an sich betrachtet qua Existenz und nicht auf Grund ihrer Programatik und zweitens dass die in der Folge stigmatisiert und ausgeschloßen werden sollen. Bis, ja bis nur noch ein Harter Kern der Ja-Sager übrig bleibt um ungestört herrschen zu können. Das „demokratische“ Verständnis unserer vordersten „Demokraten“ entpuppt sich als totalitär und anti-demokratisch.

Kommen wir nun zum zweiten Teil unseres Wortkonstruktes. Gewalttäter. Das Wort Gewalt selbst und seine Wirkung habe ich bereits unter dem Wort Chaos behandelt. An dieser Stelle lässt sich nur eine Anmerkung machen. Ebenfalls nach Duden Definition ist Gewalt: „physische oder psychische Kraft, mit der etwas erreicht wird“. Da wir uns in einem politischen Diskurs befinden, wird hier die Assoziation geweckt, dass Mittels der Anwendung eben dieser Gewalt ein bestimmtes politisches Ziel erreicht werden soll. Und das von einem pauschalisierten Akteur oder Akteuren die am Rande der Gesellschaft stehen. Dass die Aktionen herzlich wenig mit der Durchsetzung politischer Ziele zu tun hat, stört die Worttäter nicht. Sie setzen bewusst darauf ein Bild zu kreieren, die Handlungen hätten etwas mit politischem Verständnis einer pauschalisierten Gruppe zu tun. Doch kommen wir zu dem Spannenderen Teil des Wortes, nämlich das Wort Täter. Ein wieder auf der Ebene des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit entlarvendes Beispiel für die Denkweise derer die das Wort in den Diskurs streuen und verwenden. Den Täter heißt nichts anderes als jemand der bereits für seine Handlungen rechtskräftig verurteilt ist, hier kommen die Assoziationen zu den Worten Täterkreis, Täterbild und Täterschaft. Alles Worte um Personen die kriminelle Handlungen begehen oder begangen haben zu beschreiben. Jetzt mag man natürlich sagen, dass diejenigen die Steine warfen, Autos und Barrikaden verbrannten eben diese Kriminellen auch sind, und sie wären nicht im Unrecht. Nur ist die Entwicklung des Diskurses nicht so simpel, nicht so einfach als könnte man ihn so darstellen. Denn vorwiegend wird dieses Wort auf diejenigen angewendet die meist noch gar keine Taten begangen haben, das naheliegende Wort hier wäre gewaltbereit. Im präventiver Manier wird also jemand der sein Recht auf Versammlung wahrnimmt und einem vermeintlichen politischen Spektrum zu zuordnen ist, zu einem Täter gemacht der nicht davor zurückschreckt Leben und Eigentum zu gefährden. Wie allerdings diese vermeintliche Gewaltbereitschaft messbar sein soll, bleibt eben so im Nebel der Köpfe derjenigen verborgen die solche Wörter konstruieren, wie ihr allwissender Anspruch in die Köpfe all derer sehen zu können die an solchen Demonstrationen teilnehmen. Es zeigt wie die Politik, Polizei und Medien das Bild eines Kriminellen mit politischen Motivation kreieren und verbreiten ohne dass dieses Bild auch nur das geringste mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen wäre.

Fassen wir also die beiden Begriffe die wir uns angeguckt haben zusammen. Mit der Kommunikation, Verbreitung und Etablierung bestimmter Begriffe wird gezielt die öffentliche Meinung manipuliert. Dabei werden zwei Ziele verfolgt. Erstens, die Situation besonders bedrohlich erscheinen zu lassen, als drohe der Zusammenbruch jeglicher Ordnung und der Zivilisation als solche. In dieser neuen Unordnung wäre niemand mehr sicher und wir wären dabei in die Steinzeit abzugleiten. Natürlich treffen solche Szenarien auf fruchtbaren Boden. Diejenigen die nahezu nichts haben, die unteren Klassen also, fürchten selbstverständlich um das wenige was ihnen in der kapitalistischen Ordnung noch bleibt. Ihr weniges Hab und Gut. Und das wäre jetzt in Gefahr. Die Worttäter nutzen bewußt ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft und dem Diskurs aus um dieses Bild zu erzeugen um damit Unsicherheit und den Ruf nach vermeintlichen Rettern herbei zu führen. Dass zu keinem Zeitpunkt der Verlust dieser Ordnung bestand verschweigen sie wissentlich. Oder glaubt jemand allen Ernstes das die deutsche Polizei nicht in der Lage ist einige Hundert junger Menschen in den Griff zu kriegen? Die Staatsgewalt ist alles aber nicht unfähig dazu. Diesen Zahn müssen wir uns ziehen lassen. Das zweite Ziel das verfolgt wird ist die Kreierung eines Feindbildes das jedes gute Regime braucht um seine Legitimation der Herrschaft zu sichern. Und das haben sie bisher ganz erfolgreich gemacht. Sie schufen den „Linksextrem Gewalttäter“ oder wahlweise den „gewaltbereiten Linksextremisten“. Also eine undefinierte aber bereits verurteilte Person die einem politischen Sammelbegriff angehört die auf eine undefinierte Weise seine Ziele mittels physischer Einwirkung erreichen möchte. Wer diese Person sein soll ist unklar daher ist jeder in Verdacht zu stellen der unter diesem Sammelbegriff zu finden wäre. Das klassische Prinzip der Sippenhaft, die nach demokratischen Standards verboten ist. Was aber die Verwender dieser Wörter nicht stört, denn sie verfolgen selbst ein bestimmtes politisches Ziel und sind dafür bereit die Gewalt der Worte einzusetzen um dieses zu erreichen. Damit begehen sie selbst eine Tat am demokratischen Diskurs und fördern den Hass auf Linke. Damit werden sie selbst zu Tätern, zu Worttätern.

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2 Kommentare

  • 1
    Mr.Youseeks says:

    Tl;Dr:
    Links-Kommi macht einen auf Grammer-Nazi und versagt kläglich in den ersten zwei Sätzen.
    „Autoritätsappologeten“? -> Apologet
    „Die Erfahrung von Hamburg zeigt wieder das die Tastatur“? -> , dass…

    Einfach nur peinlich, Julius!

    • 1.1
      grammar commie says:

      @Mr.Youseeks, es müsste nicht „Grammer-Nazi“ heißen, sondern „grammar nazi“ oder „Grammar-Nazi“. Auf jeden Fall hast du da ein „e“ zu viel drin und dafür ein „a“ zu wenig.

      Im Übrigen ist der obige Text eine politische Inhalts- oder Diskursanalyse und keine Rechtschreibschulung. Inhaltlich ist er zumindest nicht übel und trifft fast genau ins Schwarze.

      Gruß vom grammar commie