Die vielen einsamen Stimmen

11. Juni 2018 - 13:04 | | Politik | 0 Kommentare
Foto: nimmersat „Israel“ CC BY-ND 2.0 Some rights reserved. Quelle: piqs.de

In der neuen Ausgabe der „Siegessäule“, Berlins größtem queeren Magazin, setzt dessen regelmäßiger Autor, Dirk Ludigs,  Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich, und das nicht zum ersten Mal. Die Methode ist bekannt – er stellt eine Nazidemonstration, den Angriff auf einen Kippa-tragenden arabischen Israeli in Berlin, eine Netanjahu-Karikatur und linke Kritiker der israelischen Besatzung, viele von ihnen selbst jüdisch, in eine Reihe, um sie alle in gleichen Maßen zur Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland zu erklären. Seinen auf Englisch und Deutsch veröffentlichten Leitartikel „Stimme erheben“ beendet er wie ein Prophet in der Wüste: es wäre endlich Zeit, klar auszusprechen, dass wir ein Antisemitismusproblem haben; Israelkritik wäre dabei die beliebte Einstiegsdroge.

Auffallend an dem Artikel ist vor allem die Darstellung, die letzten antisemitischen Vorfällen hätten kaum Proteste gelöst. So beschreibt Ludigs eine anti-israelische Kundgebung von 50 Nazis in Dortmund und behauptet, dass „kaum jemand protestiert(e)“ – und ignoriert dabei die zwischen 70 und 200 anwesenden antifaschistischen Gegendemonstranten (siehe z.b http://www.belltower.news/artikel/dortmunds-die-rechte-praktiziert-%C3%B6ffentlich-antisemitismus-und-hetze-gegen-israel-13671 ). Er erwähnt die Karikatur in der Süddeutschen Zeitung, erzählt aber seinen Lesern nicht, dass kurz nach ihrer Veröffentlichung die Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Karikaturisten endgültig beendet wurde. In Bezug auf die Proteste nach dem Angriff in Prenzlauer Berg ignoriert er die unzähligen Aufrufe von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Politikern aller Parteien (einschließlich der AfD) und Zeitungen von Bild bis zur taz, an Demonstrationen teilzunehmen und nennt die Menge von 2500 Protestierenden vor dem Jüdischen Gemeindehaus in Berlin „überschaubar“. Die gleichzeitig stattfindenden Demonstrationen in Köln, Erfurt und Magdeburg, mit Hunderten Teilnehmern werden gar nicht erst erwähnt, genauso wie die klare Verurteilung des Angriffs durch Angela Merkel oder die Tatsache, dass mehrere Abgeordnete in Solidaritt mit der jüdischen Gemeinde im Bundestag eine Kippa trugen.

Aus der äußert selektiven Wahrnehmung des Autoren kommt auch eine aberwitzige Schlussfolgerung – Juden wären hierzulande auch als Opfer diskriminiert!  Von der deutschen Gesellschaft bekämen sie weniger Solidarität als Opfer rassistischer, islamophober und homophober Attacken – die vermeintlich viel größere Empörung  hervorrufen würden.

Es genügt, das Geschehen nach dem antisemitischen Anschlag in Prenzlauer Berg mit den tatsächlich „überschaubaren“ Reaktionen auf den Angriff auf eine junge kopftuchtragende Frau in Spandau eine Woche danach zu vergleichen, um festzustellen, wie unglaubwürdig diese Aussage ist. Die deutsche Zivilgesellschaft und die gesamte Parteienlandschaft verurteilen Antisemitismus, oder was immer sie darunter verstehen, mit den deutlichsten Worten. Unbestreitbar, viel klarer als andere Formen von Rassismus, Sexismus oder Homophobie. Man kann das natürlich aufgrund der deutschen Geschichte für nachvollziehbar halten, oder andersrum für heuchlerisch und unproduktiv. Aber diese Tatsache zu leugnen, zeigt neben einer offensichtlichen Realitätsverweigerung auch wenig Respekt gegenüber den Tausenden von Menschen, die sich in Deutschland gegen Antisemitismus engagieren. Im Grunde jedoch bedeutet dies vor allem eine Ohrfeige für die Opfer anderer Formen von gewalttätigem Rassismus – die nur davon träumen können, ähnlich bereitgesellschaftliche Solidaritätsbekundungen zu erfahren, wenn sie angegriffen werden. Schlimmer – sie werden von einigen Vertretern des politischen Establishments sogar dämonisiert und ausgegrenzt.

Warum wird nichtdestotrotz die Vorstellung propagiert, jeder Gegner von Antisemitismus sei eine einsame Stimme in der Wüste, wenn sogar die Kanzlerin in diesem Bereich äußerst aktiv ist? Es ist anscheinend unerlässlich für Unterstützer des Staates Israel, die sich im linken Spektrum verorten,  sich als die einzigen Verteidiger jüdischen Lebens gegen eine Gesellschaft zu sehen, die von jeher strukturell antisemitisch sei.  Um ihr eigenes Selbstverständnis als radikale Kritiker des Bestehenden zu behalten, sind sie bereit, klarste Realitäten zu verkennen: Von rechts bis ganz links wird Antisemitismus, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen, stark problematisiert, und die Bundesregierung hält sich auch nicht zurück mit der massiven politischen und wirtschaftlichen Unterstützung zu Israel. Die Anerkennung dieser Realität sollte in keiner Weise der Notwendigkeit der Bekämpfung von Antisemitismus in all seiner Facetten widersprechen. Es könnte aber hoffentlich unsere linke Israel-Fans dazu führen, weniger auf Selbstprofilierung zu setzen und endlich anzuerkennen, dass sie mit ihrer Verteidigung der israelischen Politik längst Mainstream sind. Im Zentrum des politischen Lebens angekommen, könnten sie auch anfangen zu hinterfragen, wieso die Liebe zu Israel auf keinen Fall im Widerspruch zu Antisemitismus und Rassismus stehen muss – die Israel-Fahne schwenkenden AfDler vorletzte Woche oder fanatische Evangelikale auf der ganzen Welt, sind ein gutes Beispiel dafür, dass nicht nur „Israelkritik“ ein Einfallstor für Antisemitismus sein kann.

Ein Beitrag von Yossi Bartal, er ist ein deutsch-israelischer Autor und Aktivist.

 

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