Die Menschen wollen immer noch den Sturz des Regimes – Im Gespräch mit Joseph Daher

13. Juni 2016 - 11:08 | | Politik | 2 Kommentare
Joseph Daher

Syrien ist aus den Nachrichten verschwunden, der Krieg allerdings noch lange nicht am Ende. Wenn in den Medien berichtet, dann nur über Assad, die kurdische Opposition, sowie die von den USA geförderte Gruppen und natürlich Daesh. Keine Aufmerksamkeit erhält dagegen die linke und fortschrittliche syrische Opposition, wir haben mit Joseph Daher, Mitglied der Revolutionären Linken Strömung in Syrien, über die Situation vor Ort, den Kampf gegen Daesh und die Perspektiven gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Joseph, am 27.2. beschlossen internationale Vertreter einen Waffenstillstand für Syrien. Vor einigen Tagen wurde auch die Kriegsregion von Aleppo in den Waffenstillstand einbezogen. Was denkst du über den gegenwärtigen Friedensprozess?

Joseph Daher: Es ist eine Sackgasse. Die Verhandlungen zwischen dem Assad-Regime und der syrischen Opposition der Nationalen Koalition waren auch Ende Mai noch zum Erliegen gekommen, obwohl Repräsentaten Russlands und der USA Mitte Mai versichert hatten, ihre Bemühungen zu verdoppeln, eine politische Lösung des Syrienkonfliktes zu erreichen und das gesamte Land in die Waffenruhe einzubeziehen. Nicht einmal ein Datum für indirekte Gespräche in Genf zwischen der Regierung und der Opposition wurde festgesetzt. Drei Runden indirekter Gespräche haben seit Anfang des Jahres ohne Ergebnis in Genf stattgefunden. Die letzte Runde im April wurde nach Wiederaufleben der Feindseligkeiten in Aleppo ausgesetzt. Die Welle der Gewalt vom 22. April bis 5. Mai in Aleppo forderte insgesamt 300 Tote, hauptsächlich Zivilisten in den von der Opposition kontrollierten Gebieten, die sich aus zivilen demokratischen Kräften, FSA-Gruppen und Islamistisch orientierten Brigaden zusammensetzt. (DAESH, auch ISIS genannt, die Al-Nusra-Front und andere jihadistische, salafistische Kräfte ausgeschlossen). Einige Zivilisten in von der Regierung kontrollierten Gebieten wurden auch angegriffen. Der zeitweilige Waffenstillstand für Aleppo, der am Donnerstag, dem 5. Mai verkündet wurde, wurde am Sonntag, dem 23. Mai verletzt, nachdem russische Luftangriffe die einzige Strasse, die in das besetzte Gebiet von Aleppo führt, in einem der heftigsten Bombardements seit Februar trafen, und wie ein Sprecher der Rebellen und Beobachter sagen, den Zutritt für ca. 300.000 Zivilisten gefährden.

Der Diktator, Bashar Al-Assad, erklärte nur einen Tag nach dem zeitweiligen Waffenstillstand am 5.Mai in einem Telegramm an den russischen Präsidenten Vladimir Putin, in dem er Moskau für die militärische Unterstützung dankt, die syrische Armee würde sich nicht mit weniger als „dem Erreichen eines finalen Sieges“ und „der Niederschlagung der Aggression“ der Rebellen in Aleppo zufrieden geben.
Die Kämpfe werden derzeit anderweitig in der Provinz Aleppo fortgesetzt und in den Governements Deir Ezzor (Osten), Homs und Damaskus (Zentrum) und Deraa (Süden) zwischen Regierungstruppen und bewaffneten Oppositionsgruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) und jihadistischen Gruppen, die in den Waffenstillstand nicht einbezogen waren, wie Jabaht al-Nusra (syrischer Zweig der Al Qaida) und Daesh. Ein Lager von Inlandsflüchtlingen in der Provinz Ildid (Nordwesten) wurde gemäss der syrischen Menschenrechtsbeobachtungsgruppe ebenfalls am 5. Mai entweder von Flugzeugen der Regierung oder russischen bombardiert.

Die Friedens- Roadmap, die Ende 2015 in Wien bei der Konferenz der Internationalen Syrien-Unterstützer-Grupe – einer Gruppe von 17 Staaten und 3 internationale Organisationen – einschlieβlich der USA, Russland, Saudi Arabien, Iran und der europäischen Union, ist vollkommen fehlgeschlagen. Dies obwohl der Entwurf eines Friedensvertrages im Dezember durch eine UN-Resolution abgesegnet wurde. Der 1. August 2016 als Datum für die Einsetzung einer Übergangsregierung, wie in der UN-Resolution gefordert, ist ebenfalls vom Tisch.
Das Assad-Regime und seine Verbündeten Russland, Iran und Hisbollah setzt seine Angriffe und tödlichen Bombardements von Zivilisten und zivilen Einrichtungen täglich in Gebieten auβerhalb seiner Kontrolle im ganzen Land fort. Dies geschieht natürlich in Komplizenschaft mit anderen Weltmächten.

Gleichzeitig begehen die islamischen fundamentalistischen Kräfte, die vom Waffenstillstand ausgeschlossen sind, ihrerseits Verbrechen, wie beim Tod von mehr als 120 Menschen am Montag dem 23. Mai bei der Explosion von sieben Autobomben in zwei Küstenstädten in Westsyrien, Tartus und Jable, ein Angriff für den Daesh die Verantwortung übernahm oder bei dem konfessionell bedingten Massaker durch islamistische Gruppen angeführt von Jabhat al-Nusra bei dem mindestens 19 Zivilisten in dem Dorf Zara in der Provinz Hama ums Leben kamen.
Ein Statement der Freien Syrischen Armee vom 23.Mai, das von fast 40 Rebellengruppen, die in ganz Syrien operieren, unterzeichnet wurde, besagte, dass sie annehmen würden, dass die Einstellung der Kampfhandlungen beendet sei, falls die Angriffe der syrischen Regierung und der verbündeten libanesischen Hisbollah-Kämpfer auf ihre Stellungen in den Vorstädten von Damaskus nicht binnen zwei Tagen beendet würden.

Darüber hinaus hat die Ankündigung des sogenannten Russischen Abzugs von Präsident Putin am 14. März nicht dazu geführt, dass die russischen Bombardements in verschiedenen Regionen des Landes aufhören, vor allem zur Unterstützung der Armee des Assad-Regimes und dem Erhalt von Truppen in einigen Militärbasen. Die Militärbasis Hmeymim, südöstlich der Stadt Latakia, wird zum Beispiel weiter von russischen Truppen genutzt, ebenso wie die Marinebasis in Tartus. Putin hat versprochen diese Basen zu Land, Wasser und Luft zu schützen. Russische Hubschrauber, Panzerfahrzeuge, Batterien von Langstreckenraketen sowie schätzungsweise 5.000 Personen des russischen Personals scheinen ebenfalls in Syrien verblieben zu sein. Russland läβt auch sein fortschrittlichstes S-400 Luftabwehrsystem zurück und Putin erklärte, Russland werde nicht zögern, jedes Ziel, das den syrischen Luftraum verletze, abzuschieβen. Bei der Offensive in Palmyra was die russische Präsenz in der Luft und zu Land ausschlaggebend.

Zusätzlich erklärte Putin am 17.März, dass Moskau sei Militärpräsenz innerhalb von Stunden wieder steigern könne und weiterhin „terroristische Gruppen“ bombardieren würde. Er fügte hinzu, dass Russland weiter die syrische Armee mit Waffen, Ausbildung und Beratung stärken werde.
Die Erklärung des russischen Truppenabzugs kam hauptsächlich als diplomatische Geste vor den neuen „Friedensverhandlungen“, die Mitte März unter Beteiligung von Repräsentanten des Assad-Regimes und der syrischen Opposition der Koalition aus Syrischen Revolution und Oppositions-truppen (auf arabisch bekannt als Etilaf), die von rechten, liberalen Kräften dominiert werden und der Muslimbruderschaft, in Genf wieder aufgenommen wurden.

Darüber hinaus kämpfen 10.000 von iranischen Hisbollah- und fundamentalistischen Schia-Milizen weiter an der Seite der Regierungstruppen. Auch der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, erklärte in der Folge des Todes des höchsten militärischen Führers Mustafa Badreddine vor ein paar Wochen, dass sie die Anzahl ihrer Soldaten in Syrien zur Unterstützung des Assad-Regimes erhöhen werde.

Der Waffenstillstand ist also sehr stark kompromittiert. Auch wurde der Mangel an Vertrauen der syrischen Revolutionäre in die Einhaltung der Waffenruhe bei diversen Gelegenheiten deutlich zum Ausdruck gebracht, z.B. bei der Massendemonstration am Freitag, dem 4. März zeigte ein Transparent: „Der Betrüger (Assad) wird keine Waffenruhe halten, auβer auf den Golan-Höhen“

Die Freiheitsliebe: Wie sieht das derzeitige Machtgleichgewicht in Syrien aus?

Joseph Daher: Das derzeitige Machtverhältnis ist klar zugunsten des Assad-Regimes, das seit der russischen Intervention im Oktober 2015 erhebliche Gebiete zurückgewonnen hat. Aleppo wird von den Regierungstruppen und ihren Allierten Russland, Iran und Hisbollah belagert, während sich die USA und die europäischen Länder auf Daesh konzentrieren.

Die Freiheitsliebe: Wie war es möglich, dass Daesh so schnell Macht gewann und welche Rolle spielt das Assad-Regime dabei?

Revolutionäre Linke Strömung

Revolutionäre Linke Strömung

Joseph Daher: Der Aufstieg von Daesh in Syrien ist eng mit den massiven Repressionen des Assad-Regimes gegen die Volksbewegung und die syrische Revolution seit 2011 verbunden, die Daesh und anderen reaktionären islamischen Kräften halfen. Nicht nur durch schwere Verbrechen, die Millionen von Vertriebenen schufen und zur Zerstörung Syriens führten, half Assad sondern auch durch die Freilassung von mehr als 1500 Personen aus dem Kreis der am besten vernetzten salafistischen Aktivitsten, die auch die Köpfe dieser fundamentalistischen, reaktionären Kräfte wurden, aus seinen Gefängnissen. Während mehrer Amnestie-Entscheidungen zu Beginn des Revolutionsprozesses wurden Führer verschiedener islamisch-reaktionärer Gruppen freigelassen, während demokratische Aktivisten verhaftet, gefoltert und unterdrückt wurden. Wir sollten uns klar machen, dass das Assad-Regime zumeist auf die demokratischen, progressiven Kräfte und die Freie Syrische Armee abzielt, während es Daesh erlaubt zu wachsen. Die Intervention des Iran, der libanesischen Hisbollah und fundamentalistischer iraklischer Schia Gruppen förderten das Sektierertum und eine Stimmung, die sunnitische islamistisch-fundamentalistische Gruppen favorisierte. Was die jihadistische Präsenz in Syrien anbetrifft, so wuchs dieses Phänomen in den Jahren vor der Revolution, besondern nach dem Krieg der USA gegen den Irak 2003 und erreichte bis zu 8000 vor der Revolution. Viele von ihnen operierten frei in Syrien nach der US-Invasion im Irak 2003. Das Regime lieβ sie Syrien frei passieren, um im Irak zu kämpfen und arbeitete mit einigen sogar zusammen. Zu Beginn des Aufstandes wurden dann, wie gesagt, einige von ihnen freigelassen und konnten sich organisieren und ihren Einfluss vergröβern, während das Regime Demokraten und säkulare Aktivisten unterdrückte. Der Aufstieg des IS (Daesh) und anderer fundamentalistischer Gruppen mit der Strategie des Assad-Regimes, dem Volk nur eine Alternative zu lassen: ich oder IS, Jabhat al-Nusra oder die anderen…. Der Groβteil der Führungsriege der verschiedenen islamistischen Gruppen war zu Beginn der Revolution im Gefängnis. Dies soll nicht leugnen, dass auch andere Staaten der Region (Türkei, Saudi Arabien und Katar) bei der Entwicklung von Daesh und anderen islamisch-fundamentalistischen Gruppen, die den Zielen der Revolution entgegenstehen, eine Rolle spielten. Katar z.B. war ein Hauptunterstützer von Jabhat al-Nusra (syrischer Zweig von Al Qaida) und Ahrar Sham, während die Türkei direkt oder indirekt auf unterschiedliche Weise verschiedene islamisch-fundamentalistische Gruppen wie die Jaysh al Fatah Koalition, angeführt von Jabhat al Nusra und Ahrar Sham, und den IS dadurch unterstützte, dass sie ihnen lange Zeit völlige Handlungsfreiheit auf beiden Seiten der Grenze gewährte, um gegen die demokratischen Kräfte des FSA im Norden Syriens und vor allem um gegen die Autonomie kurdischer Regionen in Syrien unter dem Schutz der PKK vorzugehen. Private Netzwerke aus den Golfmonarchien haben mit Zustimmung ihrer herrschenden Klasse verschiedene islamisch-fundamentalistische Kräfte begründet mit der Zielsetzung, die Revolution des Volkes in einen sektiererischen Krieg zu verwandeln.

Die Freiheitsliebe: Wie kann Daesh in Syrien geschlagen werden?

Joseph Daher: Das wichtigste die Bedingungen abzuschaffen, die Daesh wachsen lieβen. Die Lösung dafür liegt nicht in der Zusammenarbeit mit autoritären Regimen wie dem Assad-Regime. Die Lösung ist, dem IS und anderen reaktionären, jihadistischen Gruppen Widerstand entgegenzusetzen, deren Entwicklung das Assad-Regime zu Beginn der Volkserhebung begünstigt hat, während es die demokratischen Kräfte unterdrückte, aber auch dem kriminellen, authoritären, barbarischen Assad-Regime. Das Assad-Regime ist der Hauptverantwortliche für das Disaster in Syrien und das Exil von Millionen Syrern. Beide Akteure sind barbarisch und müssen überwunden werden in der Hoffnung eine demokratische, säkulare, soziale Gesellschaft in Syrien und anderswo aufzubauen.

Die erfordert die Unterstützung demokratischer Volksbewegungen, um sich diesen beiden konterrevolutionären Kräften zu widersetzen sowie den verschiedenen Formen des Imperialismus (USA und Russland) und den regionalen Imperialisten (Iran, Saudi Arabien, Qatar und Türkei), die alle gegen die Interessen der Menschen in dieser Region kämpfen. Solche Aktivisten gibt es in Syrien noch und sie kämpfen jeden Tag trotz aller Schwierigkeiten gegen Assad und die fundamenta-listischen islamischen Kräfte. Lasst uns z.B. auch den Irak betrachten, das Land in dem IS entstanden ist. Seit dem Sommer 2015 ist dort eine Volksbewegung entstanden und gewachsen, die die sektiererische Regierung in Bagdad, die vom Iran unterstützt wird, in Frage stellt. Diese groβen Demonstrationen forderten einen säkularen Staat anstatt des sektiererischen, gegen einen Unterschied zwischen sunnitischer und schiitischer Bevölkerung, für die Rechte und Gleichbe-rechtigung von Frauen und eine klare Verurteilung der sektiererischen politischen Parteien. Die Demonstranten machten die Regierung auch aufgrund ihrer Politik teilweise für die Entwicklung des IS verantwortlich, wie man auf einigen Transparenten lesen konnte: „Das Parlament und IS sind zwei Seiten der gleichen Medaille“ und „Daesh wurde durch eure Korruption geboren“.
Diese Elemente sollen zeigen, dass es nicht ausreicht, westlichen Imperialismus zu verurteilen, sondern auch autoritäre Regime in der Region, die eine gleiche Quelle für das Wachsen von Daesh sind, durch ihre repressive und neoliberale Politik. Die Gefängnisse und Folterkammern von Tunesien, Ägypten, Saudi Arabien, Syrien, Iran usw. werden auch vollständig verurteilt und es kann keinen ernsthaften Kampf gegen Daesh geben ohne den Fall dieser Regime und eine demokratische Alternative. Die Lösung ist, sich den jihadistischen, fundamentalistischen, reaktionären Kräften von Daesh zu widersetzen, aber gleichzeitig auch den reaktionären Regimen, mit ihrer sektiererischen, autoritären Politk und den reaktionären Kräften, die sie unterstützen. Diese beiden Akteure füttern sich gegenseitig und müssen überwunden und besiegt werden, wenn wir jemals hoffen wollen, eine demokratische, progressive Volksbewegung aufzubauen, um es dieser Region zu ermöglichen diesen Albtraum zu beenden, der schon viel zu lange dauert.

Mit diesem Verständnis können wir den Albtraum aus Diktaturen und Fundamentalismus aller Art überwinden und vor allem Millionen von Menschen ein Leben in Würde und Freiheit gewähren.
Wie ein Transparent in Bustan Qasr, Aleppo, im Januar 2014 besagte: „Assad wird nicht gestürzt, wenn IS nicht gestürzt wird“. Ja, die Zerstörung von Daesh und ähnlicher Phäomene kann nicht erwartet werden ohne einen Sturz Assads.

Die Freiheitsliebe: Sind die amerikanischen, russischen und französischen Bomben eher Teil des Problems als der Lösung?

Joseph Daher: Nein, sie sind sicher kein Teil der Lösung. Niemand von ihnen hilft den Revolutionären eher das Gegenteil, sie töten noch mehr Zivilisten.
Zwischen dem 30. September 2015 und Anfang März 2016 haben russische Luftangriffe 4408 Menschen getötet, davon 1733 Zivilisten, 429 Kinder und 250 Frauen, wie das syrische Beobachtunszentrum für Menschenrechte sagt. Mehr als 60% der Opfer sind bewaffnete Männer, unter ihnen 1492 Mitglieder von verschiedenen FSA-Gruppen und Jabhat Al-Nusra sowie 1183 von Daesh.
Die Propaganda rund um die Kampagne „Krieg gegen Terrorismus“, die vom russischen Staat betrieben wird, ist ein Mittel das Assad-Regime politisch und militärisch zu unterstützen und jede Form von Opposition zu unterdrücken. Putin will, dass die verschiedenen imperialistischen Akteure im Westen Assad als Herrscher ansehen, der ihnen im Kampf gegen „Terrorismus“ helfen kann. Die Ziele der Luftangriffe sind klar: Schütze und festige die politische und militärische Macht des Assad-Rgimes. Der russische Präsident Vladimir Putin sagte am 28.September 2015, vor Beginn der Luftschläge: „Es gibt keine andere Weise den Syrien-Konflikt zu lösen, als die existierenden legitimen Regierungsorgane zu stärken im Kampf gegen den Terrorismus“. Mit anderen Worten: zerstöre alle Arten von Opposition gegen das Assad-Regime, sei sie demokratisch oder reaktionär, in dem soge-nannten „Krieg gegen den Terror“. Alle autoritären Regime haben die gleiche Art von Propaganda genutzt, um gegen Volksbewegungen oder Oppositionsgruppen gegen ihre Macht vorzugehen: Assad gegen die Volksbewegung seit dem ersten Tag der Aufstände, Sisi in Ägypten um insbesondere gegen die Muslimbruderschaft vorzugehen, aber auch gegen progressive linke und demokratische Bewegungen wie die Revolutionären Sozialisten, die Bewegung vom 6. April usw., Erdogan gegen die PKK und diverse linke Gruppen, Bahrain und Saudi Arabien gegen Demonstranten und Bewegungen, die ihre Macht in Frage stellten.

Der russische Verteidigungsminister Shoigu sagte am Freitag, dem 20. Mai, dass Russland den USA und der internationalen, von Washington geleiteten Koalition vorschlage, ab dem 25. Mai gemeinsam gegen in Syrien aktive terroristische Gruppen und illegale bewaffnete Gruppen, die den Waffenstillstand nicht unterstützen Luftangriffe zu fliegen, und dies direkt mit dem Assad-Regime. Washington wies das Angebot zurück, die USA würden nicht mit Russland bei einer Militäroperation kooperieren. Die Kommunikatin zwischen dem amerikanischen und dem russischen Militär beschränkt sich in Syrien darauf, Unfälle zu vermeiden, da sie rivalisierende Bombardierungen leiten und eine kleine Anzahl amerikanischer Kräfte am Boden operiert. Die russischen Operationen haben das Ziel das Assad-Regime zu unterstützen, während die Vereinigten Staaten sich darauf konzentrieren den IS zu besiegen, wie John Kerry sagte. Er sagte, die US Regierung diskutiere mit den russischen Gegenseite Vorschläge, für eine nachhaltige Überwachung und Durchsetzung der Kampfpause in Syrien.

Ein Teil der Aufmerksamkeit der USA und der europäischen Staaten ist es in der Tat, die Anwesenheit und die Aktivitäten von Daesh in Syrien und im Irak zu beenden. Die internationale Koalition unter Leitung der USA hat am Freitag, dem 20. Mai zum ersten Mal Flugblätter über Raqqa abgeworfen, in denen die Bevölkerung aufgefordert wird, die von Daesh besetzte Stadt zu verlassen. „Es ist nicht das erste Mal, dass die Flugzeuge der Koalition Flugblätter über Raqqa abwerfen, aber es ist das erste Mal, dass die Bevökerung zum Verlassen aufgefordert wird,“ sagt Abu Mohammad, Mitbegründer der Gruppe „Raqqa wird leise geschlachtet“. Der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zu Folge wurden 408 Zivilisten seit Beginn des Bombardements jihadistischer Stellungen 2014 durch Luftangriffe der Koalition getötet.

Die Freiheitsliebe: In einem Artikel von 2014 hast Du geschrieben „Die syrische Revolution ist noch immer sehr lebendig.“ In den letzten zwei Jahren schien es jedoch, als wären Bewegungen von unten so gut wie tot. Vor wenigen Wochen kam es dann in mehreren, auch von Islamisten besetzten Städten, zu Protesten. Können diese ein Anzeichen für eine neue Bewegung für Demokratie und soziale Gerechtigkeit sein?

Joseph Daher: Die Bewegung war niemals vollständig tot, und ich habe viele Artikel auf meinem Blog veröffentlicht, die den Widerstand der Volksbewegungen gegen das Assad-Regime und fundamentalistischen islamischen Kräfte zeigen. Sie sind diejenigen, die die Träume vom Beginn der Revolution wach halten und ihre Ziele: Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und kein Sektierertum. Man findet sie in Aleppo, in den ländlichen Gebieten Aleppos, Ildib und ländliches Ildib, Damaskus usw. Auf meinem Blog „Syria Freedom Forever“ kannst du viele Beispiele für Widerstand finden.
Die Revolutionäre in diesen Gegenden organisieren sich durch Volksräte auf dem Level von Dörfern, Nachbarschaften und Regionen. Diese Volksräte sind die wirkliche Speerspitze der Bewegung, die Menschen zu Protesten aufrief und das tägliche Leben organisierte in Gegenden, wo das Regime verschwindet. Die Regionen, die vom Regime befreit wurden, entwickelten Formen der Selbstorganisation auf der Basis der Massenorganisationen. Jugend und andere Formen der Koalition gibt es auch in Syrien mit verschiedenen Formen der Aktivitäten.

Den Geist der Zeit des Beginns der Revolution konnte man während der groβen Demonstrationen in den befreiten Gebieten des Landes nach der Vereinbarung der Feuerpause am 27. Januar fühlen, an den demokratischen und nicht-sektiererischen Slogans und als ein Demonstrant auf seinem Transparent schrieb: „Die Türen öffnen sich wieder für eine friedliche Revolution“. Die syrische Revolutionsfahne war überall zu sehen. Es ist interessant zu sehen, dass salafistische, jihadistische Militärs und ihre Symbole nicht zu sehen waren, dass aber Jabhat Al-Nusra eine kleine Demonstration gegen die Massendemonstration in der Stadt Ma’aret al-Naaman, Ildib, organisierte mit Slogans gegen Demokratie und Säkluarismus und für einen islamistischen Staat.

Die groβen Volksdemonstrationen haben gezeigt, dass die Freien Syrer alle Gelegenheiten sogar eine teilweise Atempause durch eine Waffenruhe wahrnehmen, um ihre Revolution wiederzubeleben und die Ziele der Revolution, wie auf einem Plakat in der Stadt Saqba, ländliches Damaskus, stand: „Das Ende der Feindseligkeiten bedeutet nicht das Ender der Revolution“ oder von Revolutionären in Kafranbel in Ma’aret al-Namaan: „Waffenstillstand ist Waffenstillstand; unsere friedliche Revolution geht weiter bis zum Sturz Assads und der Einführung von Gerechtigkeit für ganz Syrien“.
Die groβen Demonstrationen mit ihren demokratischen und nicht-sektiererischen Slogans erinnern die Welt wieder daran, dass es eine Alternative zum Assad-Regime und den salafistischen, jihadistischen Bewegungen, den beiden Konterrevolutionären und Verlierern der Freitags-Demonstrationen, gibt. Diese Alternative sind die Freien Syrischen Menschen, die trotz der Bombardements, der Belagerungen und der Verbrechen des Assad-Regimes auf der einen Seite und den Angriffen und den autoritären Praktiken der salafistisch jihadistischen Kräfte auf der anderen Seite, immer noch das tägliche Leben in ihren freien Dörfern, Nachbarschaften und Regionen durch ihre lokalen revolutionären Räte organisieren. Die lokalen Räte, die durch die Freien Syrer geführt werden, waren in der Lage Unterstützung zu organisieren und zu leisten (Erziehung, Gesundheits-fürsorge, Schutz von Vertriebenen, Müllsammelaktionen, Organisation von Demonstrationen, usw) für die lokale Bevölkerung. Dies waren die gleichen Volksräte, die demonstriert haben, um die verschiedenen bewaffneten Oppositionsgruppen aufzufordern, sich unter der Fahne der Freien Syrischen Armee zu vereinen und die Ziele der Revolution hochzuhalten. Die hohe Teilnehmerzahl der revolutionären syrischen Menschen hat gezeigt und zeigt immer wieder ihre Macht und ihr Durchhaltevermögen.
Wie die Revolutionäre skandierten: „Fünf Jahre nach dem Beginn der Revolution, wollen die Menschen immer noch den Sturz des Regimes“.

Der zweite Teil des Interviews erscheint am kommenden Sonntag. Geführt wurde das Interview von Jakob Reimann und Julius Jamal

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2 Kommentare

  • 1
    Oliver Völ sagt:

    Zitat „Die Lösung ist, dem IS und anderen reaktionären, jihadistischen Gruppen Widerstand entgegenzusetzen, deren Entwicklung das Assad-Regime zu Beginn der Volkserhebung begünstigt hat, während es die demokratischen Kräfte unterdrückte, aber auch dem kriminellen, authoritären, barbarischen Assad-Regime… Dies erfordert die Unterstützung demokratischer Volksbewegungen, um sich diesen beiden konterrevolutionären Kräften zu widersetzen sowie den verschiedenen Formen des Imperialismus (USA und Russland) und den regionalen Imperialisten (Iran, Saudi Arabien, Qatar und Türkei), die alle gegen die Interessen der Menschen in dieser Region kämpfen.“

    Verstehe ich das richtig: Joseph Daher sieht *sämtliche* in Syrien kämpfenden Kriegsparteien, aber auch *alle* ausländischen Kräfte einschl. USA, Russland, Saudi-Arabien, Iran und der Türkei gleichermaßen als Gegner an. Dennoch ist er nicht für einen Waffenstillstand und Diplomatie, sondern er hofft auf einen Kampf von Revolutionären gegen alle diese Kräfte.

    Mein Eindruck ist, dass das unmöglich funktionieren kann und nur zu einer Fortsetzung des Blutvergießens führt.

    Stattdessen denke ich, wäre es besser, wenn internationale Vereinbarungen abgeschlossen werden für einen Waffenstillstand, keine weiteren Öleinnahmen für den IS, keinen weiteren Zufluss von Waffen aus dem Ausland, einen Prozess der nationalen Verständigung mit freien Wahlen. Und dann eine internationale Konferenz für den Wiederaufbau des Landes.

  • 2
    DieWahrheitistBitter sagt:

    Wenn man ein bißchen nachbohrt, wer eigentlich dieser Herr Daher ist, kommt man zu dem Ergebnis, dass er nichts anderes als ein Handlanger der US Außenpolitik ist. Man muss nur sehen, welche Ansichten er äussert, wofür er steht, wo er publiziert und wo er zitiert wird. Man müsste auch sehr weltfremd sein um glauben zu können, dass ein linker, echter Marxist im herkömmlichen Sinne eine solche Laufbahn haben könnte, in Schaltzentren des Kapitalismus. Ich wäre neugierig, welche Foundation seine Studien, seine „Arbeit“ finanziert hat, bevor es gelungen ist, ihn in die entsprechende Stelle einzusetzen. Wir in Ost-Mitteleuropa kennen solche figuren hinreichend, dort haben sie ihre Rolle erfüllt, enormen Schaden verursacht und die linke Bewegung vollkommen diskreditiert. Der Westen ist noch empfänglich für ihre schamlosen Lügen und ihre Demagogie, aber das dauert auch nicht mehr lange. Die Frage ist, ob sie demaskiert und verjagt werden bevor sie den Wirtskörper zersetzen oder ob Europa nur noch ein geografischer Begriff auf der Weltkarte wird.