Antonio Gramsci – Die Revolution im Osten, im Süden und im Westen

4. August 2017 - 16:43 | | Politik | 0 Kommentare

Antonio Gramscis Todestag jährte sich am 27. April zum 80. Mal. Seine verschlüsselten Gefängnishefte, die sich auch oft auf wenig bekannte italienische Kontexte beziehen, erschließen sich dem Normalleser nur schwer. Gramscis Denken wird leichter zugänglich, wenn man sich mit seinem politischen Wirken vor der Gefängniszeit befasst. Wesentliche Teile seines theoretischen Denkens fußten auf seiner praktischen Verarbeitung der Oktoberrevolution – die in den Gefängnisheften natürlich nicht mehr offen erwähnt werden konnte.

Impuls der Oktoberrevolution in Italien: Gramsci und die Turiner Räte

Schon beim Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg meinte Gramsci, dass das Proletariat die dadurch ausgelöste allgemeine Krise für seine politische Emanzipation nützen müsse. 1916 überzeugten ihn die Antikriegstagungen in Zimmerwald und Kienthal, dass Lenin genau dieses Ziel verfolgte, und seitdem studierte er ihn und die politische Entwicklung der Bolschewiki. Im September 1917 wurde er Sekretär der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei. Im November – die Oktoberrevolution hatte gerade begonnen – nahm er an einer geheimen Sitzung der inoffiziellen „Unversöhnlichen revolutionären Fraktion“ der Sozialistischen Partei teil, die sich für aktives Eingreifen der Arbeiterklasse in die auch in Italien durch den Krieg ausgelöste allgemeine Krise engagierte. Sie konnte jedoch die Parteiführung für einen revolutionären Weg nicht gewinnen. Der Impuls der Oktoberrevolution springt dennoch auf einige Gebiete Italiens über. Rätebewegungen entstehen in Neapel und vor allem im Norden mit dem Zentrum Turin, wo Gramsci ab 1. Mai 1919 den Ordine Nuovo herausgibt, der zum Organ einer Bewegung wird, die sich Ende des Jahres durch die Umwandlung der Internen Betriebskommissionen in Räte institutionalisiert. An dem am 13. April 1920 ausgerufenen Generalstreik beteiligen sich 200 000 Turiner Arbeiter. Weil die Sozialistische Partei ihn nicht unterstützt, erfolgt eine Schlichtung zugunsten der Unternehmer. Gramsci kämpft darum, dass die Räte nicht von den Gewerkschaften assimiliert werden. Im September gelingt die Besetzung der FIAT-Werke durch Arbeiterräte. Sie dauert über ein Jahr an. Die Arbeiterräte können die Produktion aufrechterhalten, im zentralen FIAT-Werk beteiligen sich bis zu 70 Prozent – obwohl die meisten Techniker und Angestellten der Arbeit fernbleiben und der Nachschub von Material problematisch ist. Lenin bescheinigt der Gruppe des Ordine Nuovo auf dem 2. Kongress der 3. Internationale, als einziger Teil der italienischen Sozialisten die Prinzipien der Komintern zu vertreten. Die Turiner Räte müssen aber schließlich aufgeben: Mangels Unterstützung der Parteiführung bleiben sie regional begrenzt. Zunehmend sind sie konfrontiert sowohl mit physischer

Gewalt von staatlichen Ordnungskräften als auch mit zunehmendem Terror der faschistischen Milizen Mussolinis. Dieser konnte schon 1922 die Regierungsgewalt an sich reißen und stellte die „zwei Roten Jahre“ 1919-1920 dann als eine Zeit des Chaos dar. Für Gramsci blieb die Epoche der Turiner Rätebewegung der Beweis, dass die Arbeiterklasse fähig war, eine produzierende solidarische Gesellschaft hervorzubringen.

Gramscis Imperialismusanalysen: die Oktoberrevolution leitet die Ära der nationalen Befreiungsbewegungen ein

Das erste politische Engagement des Oberschülers Gramsci galt der Autonomiebewegung seiner Heimat Sardinien. Deren Führer, Gaetano Salvemini, vertrat die Auffassung, dass das kontinentale Italien, insbesondere der industrialisierte Norden, die Insel auf kolonialistische Art ausbeute. Als Italien 1911 versuchte, Libyen zu erobern, sprach sich Salvemini jedoch nur anfangs gegen dieses Abenteuer aus und stimmte dann in den patriotischen Chor derer ein, die die sozialen Probleme durch Kolonisierung außerhalb Italiens lösen wollten. Diese Position hatte der erste ‚Marxist‘ Italiens, Antonio Labriola, vertreten und sie war auch die der meisten Gewerkschafter und Mitglieder der Sozialisten, zu denen bis zu Beginn des 1. Weltkriegs auch Mussolini gehört hatte. Das moralische Mäntelchen, mit dem der Kolonialismus gerechtfertigt wurde, war die Zivilisierung von Völkern, denen der kulturelle Status von Kindern angedichtet wurde. Nach Domenico Losurdo war Gramscis Stimme die erste von Gewicht, die noch vor der Oktoberrevolution diesem Trend entschieden entgegentrat.1 In Artikeln von 1916 geißelte er die unheilvollen Folgen der Interventionen in Libyen und Eritrea2 und verurteilte die Scheinheiligkeit der angeblich moralischen Prinzipien der Kolonisation, die nur Lippenbekenntnisse im Mutterland wären. Die Kolonien seien einem vollkommen „unqualifiziertem Strafjustizsystem“ unterworfen und „enormer polizeilicher Willkür“ sowie „mittelalterlicher Folter“ und der „Herrschaft von Ausnahmegesetzen […] Was auch immer für Konsequenzen daraus entstehen, die Befreiung der indigenen Völker aus allen Formen der Sklaverei darf sich nicht verzögern.“ Darüber hinaus müsse auch Schluss sein mit „unserem europäischem Egozentrismus […]. Wir halten uns für das Zentrum des Universums und vergegenwärtigen uns kaum, dass es außer uns, außerhalb der Sphäre unseres alten Kontinents, große Bewegungen menschlicher Aktivität gibt, die Ereignisse mit entscheidenden Auswirkungen auf unser Schicksal anbahnen. Nach dem europäischen Krieg wird der Krieg der Kolonien nicht lange auf sich warten lassen.“3 In einem Der Krieg der Kolonien betitelten Artikel vom Juni 1919 prangerte Gramsci an, dass die Ausbeutung der Kolonialvölker im Krieg einen Höhepunkt erreicht hätte, weil sie nicht nur den Profitinteressen der Kapitalisten gedient hätte. Vielmehr hätten die aus den Kolonien gepressten „Lebensmittel und Grundstoffe“ die Existenz der „kriegführenden metropolitanen Völker“ abgesichert: „Millionen und Abermillionen Inder, Ägypter, Algerier, Tunesier und Indochinesen sind am Hunger oder durch Epidemien gestorben, deren Ursache die den elenden Kolonialökonomien vom europäischen Konkurrenzkapitalismus zugefügten Schädigungen waren. Wie hätte ein indischer oder ägyptischer Bauer mit dem englischen, französischen oder italienischen Staat um die Preise konkurrieren können? Der Reis, das Korn, die Baumwolle, die Wolle – all das haben wir Europäer geraubt. […] Für einige Jahre haben wir Europäer vom Tod der farbigen Menschen gelebt: als unbewusste Vampire haben wir uns von ihrem unschuldigen Blut ernährt. […] Heute flammt in der kolonialen Welt die Revolte auf: Das ist der Klassenkampf der farbigen Menschen gegen die weißen Ausbeuter […] Es ist ein immenser und unwiderstehlicher Aufbruch einer ganzen, an Spiritualität reichen Welt, die Autonomie und Unabhängigkeit erringen will.“4 Der letzte Satz erinnert daran, dass Gramscis antikolonialistische Positionen stark von denen Hegels gespeist waren. Aber er hatte sich auch mit Lenins Imperialismustheorie vertraut gemacht. Das zeigt seine sensible Reaktion auf das Eindringen amerikanischen Kapitals in die durch den Krieg vom Zusammenbruch bedrohte italienische Industrie. Im Februar 1919, noch vor Beginn der Fabrikbesetzungen, polemisiert er gegen die von Agnelli, dem Besitzer von FIAT, akzeptierte amerikanische Kapitalbeteiligung: „Die FIAT-Werke sind eine nordamerikanische Kolonie geworden, in der die rechtschaffenen wilsonianischen Pioniere hartnäckig und ausdauernd daran arbeiten, in Italien des Völkerbunds ersten gesellschaftlichen Kern zu schaffen.“5 Den Völkerbund sah er als modernes Kolonisierungsinstrument der USA an, die damit auch entscheidenden Einfluss auf europäische Länder nehmen wollten. Gramsci erkannte also im Imperialismus ein gnadenlos hierarchisiertes Weltsystem der Ausbeutung, an dessen Spitze die USA nun Großbritannien ablösten. In derselben Nummer des Ordine Nuovo, in der Der Krieg der Kolonien erschien, signierte Gramsci auch Die revolutionäre Woge. Der Artikel berichtete von Unruhen in Irland und Kanada, denen sich das kriegsgeschwächte England in seinem eigenen Empire stellen musste. Hinzu kam: „Das transkaspische rote Heer der Bolschewiken hat die Grenzen von Persien und Afghanistan erreicht und es beherrscht die Straßenverbindungen, die nach Indien, Turkestan und nach Kleinasien führen, […] Die in den FIAT-Werken nach dem Ende der Besetzung durch die Räte eingeführten fordistischen Prinzipien hat Gramsci genau beobachtet. Die Gefängnishefte enthalten Studien zum Fordismus, den Gramsci nicht nur als Element einer „passiven Revolution“ ansah, die dem Kapitalismus eine weitere Epoche des Überlebens sichern konnte. Fordistische Prinzipien würden auch in einer sozialistischen Ökonomie zur Anwendung kommen.

womit die Revolte der muslimischen Unterschichten gegen die ausbeuterischen Händler der Christenheit stimuliert wird.“ Freilich marschiere auch die „internationale Reaktion gegen die russische Kommune. Aber auf den Plätzen und Straßen aller Länder der Welt schlägt die Revolution ihre Zelte auf.“6 Die Oktoberrevolution verstand Gramsci nicht nur als eine Revolution gegen den Zarismus und das sich formierende kapitalistische System in Russland, sondern auch als antikoloniale Revolution, die sowohl Russland selbst betraf als auch das ganze imperialistische Weltsystem. Anspielend auf den massiven Export russischen Weizens vor der Revolution schrieb er 1920: Die Oktoberrevolution habe „den Interessen des westeuropäischen Kapitalismus einen tödlichen Schlag versetzt, dessen Existenz und Entwicklung den Hunger von Millionen und Abermillionen russischer Bauern zur Voraussetzung hat. Indem es den Zarismus besiegte, hat das russische Proletariat [auch] eine der schwersten Ketten gesprengt, die die Völker Kleinasiens und Persiens fesselten, hat das Fundament des britischen Kolonialsystems erschüttert.[…] Die durch die russische Revolution ausgelöste weltweite Aktivität […] setzt alle Unterdrückten und Ausgebeuteten in Bewegung und wird mit dem muslimischen Aufstand Albaniens auch in Italien spürbar.“ Im und nach dem ersten Weltkrieg war Albanien u. a. auch von Truppen Italiens besetzt, das koloniale Ansprüche an das Land hatte.7 Im selben Artikel heißt es, dass der moderne Kapitalismus zwei fundamentale Herausforderungen auf die Agenda der Völker gesetzt habe: „Die Industrialisierung der Landwirtschaft in großem Maßstab und die Ausdehnung der industriellen Zivilisation über den ganzen Globus – nicht als hierarchische Unterdrückung der Kolonien durch Europa, sondern als autonome Entwicklung aller Bevölkerungen. Diese beiden Probleme können nur vom revolutionären Proletariat gelöst werden, das kein Interesse an Privatbesitz und nationalen Privilegien hat, sondern die Entfaltung aller Produktivkräfte weltweit anstrebt, um sich selbst zu entwickeln und seine Freiheit definitiv zu befestigen.“8 Obgleich der von Gramsci emphatisch verfolgte „Krieg der Kolonien“ länger als erwartet dauerte, war seine perspektivische Einschätzung doch richtig. Mit der konsequent antikolonialistischen Position stand die KPI, die sich im Januar 1921 von den Sozialisten abspaltete, von Anfang an zum antikolonialistischen Programm der Dritten Internationale. Das war keine Selbstverständlichkeit. Es ist hier in Erinnerung zu rufen, dass z. B. die KP Frankreichs noch jahrzehntelang die Unabhängigkeitsbewegungen der Kolonien nicht unterstützte und meinte, dass man gemeinsam in den Sozialismus marschieren werde. Es wurde bislang wenig beachtet, dass Gramsci die Oktoberrevolution auch als das Ereignis ansah, das die Ära der – bereits von Hegel vorhergesehenen – antikolonialen Befreiungskämpfe einleitete. Wenn auch auf die Geschichte des Kolonialismus die noch immer nicht beendete Phase des Neokolonialismus folgte, die heute noch blutigste Formen annimmt, halte ich es für wichtig, diesen wesentlichen Aspekt der Oktoberrevolution zu ihrem wirksam gewordenen welthistorischen Erbe zu zählen.

 

Der zweite Teil erscheint am kommenden Dienstag.

Dieser Artikel wurde von Sabine Kebir geschrieben und erschien in der neusten Ausgabe der Zeitschrift „Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung“, die hier erworben werden kann.

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