Ein Bekenntnis zur Wut

Meike Völker beschreibt das produktive Potenzial kollektiver Wut. Ein Kommentar. 

Vor etwa einem Jahr machte die kollektive Wut von Pflegerinnen und Pfleger Schlagzeilen. Sie durchbrach das leere Klatschen einer Gesellschaft, deren neoliberale Politik das Gesundheitssystem ausgehöhlt hat. Über den seit Jahren bestehenden Pflegemangel konnten durch die Pandemie selbst konservative Medien nicht länger hinwegblicken – zumindest kurzzeitig. Ich frage mich, wann wir dazu übergingen, diese Wut erneut zu ignorieren?

Ihre Verdrängung hat Methode: Im Patriarchat werden Emotionen abgewertet und feminisiert, Vernunft dagegen aufgewertet und maskulinisiert. Sie sei die Grundlage unseres objektiven Wissens. Ich denke, also bin ich.

Es ist eine Trennung, die die Herrschaft des Kapitals stützt. Gefühle haben im Kapitalismus keinen Platz. Schon die radikale Schwarze[1] Feministin Audre Lorde schrieb: „For within structures defined by profit, (…) by institutional dehumanization, our feelings were not meant to survive

Stattdessen werden diese Gefühle verdrängt. So auch der Schrei nach einem Systemwechsel, in dem Arbeiterinnen und Arbeiter ein Anrecht auf ein würdiges Leben haben. Emotionen haben im Kapitalismus nur dann eine Existenzberechtigung, wenn sie zur Steigerung der Produktivität beziehungsweise des Konsums dienen.

Hölderlin sagt, wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Ich sage: das Rettende ist die Wut. Die männliche Konstruktion von Wut als Gewalt schenkte uns nichts als Schmerz. Ich spreche von einer Wut, die uns unterdrückerische Herrschaftsstrukturen erkennen lässt und uns die Kraft gibt, sie zu überleben. Wut, deren oberstes Ziel Veränderung ist. Kollektive Wut ist eine produktive Kraft, allerdings keine, die vom Kapitalismus verwertbar ist.

Auch Audre Lorde sah in Emotionen revolutionäres Potenzial. „The white fathers told us, I think therefore I am; and the black mothers in each of us (…) whispers in our dreams, I feel therefore I can be free.” Das ist eine Kampfansage an ein System, dessen Grundstein unsere emotionale Verdrängung ist. In unserer Wut liegt der Schrei der Utopien.

Fick dich Descartes! Wir fühlen, also können wir frei sein.

Dieser Beitrag von Meike Völker erschien in gedruckter Form in der Critica.


[1] „Schwarz” ist hier eine politische Selbstbezeichnung und wird daher in Abgrenzung zur farblichen Beschreibung bewusst groß geschrieben. Es soll verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine ,reelle Eigenschaft‘.

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