Vergangenheit verstehen um die Zukunft zu verändern – Wer baute das siebentorige Theben

19. Februar 2017 - 12:31 | | Kultur | 0 Kommentare

Der erste Teil des Werks „Wer baute das siebentorige Theben“ beschäftigte sich mit der Entstehung von Klassengesellschaften, der zweite Band mit den Zeiten der Aufklärung und Revolutionen, der dritte Teil untersucht das 20. Jahrhundert und gibt einen Ausblick auf die Zukunft und die Frage, welche Möglichkeiten wir haben, um sie zu verändern.

Der letzte Band des historischen Werks von Chris Harman beginnt mit der Rolle des Kapitals, dem im 20. Jahrhundert dominierenden Produktionsverhältnis: „Um 1900 hatte das Kapital der Welt überall seinen Stempel aufgedrückt. Es gab kaum noch Menschen, deren Leben nicht umgewälzt worden war.“ Mit der Verbreitung des Kapitals verbreitet sich auch der Widerstand gegen diese Wirtschaftsform, teilweise in Form von Streiks und Arbeitskämpfen um höhere Löhne, mancher Orts in Form von Wahlkämpfen für sozialistische Parteien, in anderen Gebieten dagegen in Form von Protesten und Revolten. Doch bis zum Beginn des 1. Weltkriegs wird von vielen, auch sozialistischen Theoretikern ein weltweites Aufblühen der Wirtschaft gesehen und ein Ende der Krisenhaftigkeit des Systems. Diese Entwicklung entdete, für viele überraschend, mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Harman dagegen schreibt: „Kriege scheinen wie Revolutionen häufig von geringfügigen Ereignissen ausgelöst zu werden. Deshalb erscheinen sie vielen als ein Zufall, als Ergebnis einer Kette von Fehleinschätzungen und Missverständnissen. Tatsächlich sind die kleinen Ereignisse deshalb von Bedeutung, weil sie als Zeichen für Machtverhältnisse … gelesen werden können… Eine Ermordung oder eine Steuererhöhung kann an sich etwas Unbedeutendes sein und dennoch den Zusammenprall zwischen Staaten oder großen gesellschaftlichen Kräften herbeiführen.“ Der 1.Weltkrieg zeigt genau dies auf, er begann vermeintlich zufällig, doch hatte sich die Krise schon lange angebahnt mit der immerwährenden Konkurrenz zwischen den verschiedenen imperialistischen Mächten.

Revolution und Aufstände in Europa

Ein Ende des Kriegs nähert sich mit dem Ausbruch der Februarrevolution, die den russischen Zaren stürzt. Nur wenige Monate später kommt es zur Oktoberrevolution, der bisher einzigen

erfolgreichen sozialistischen Revolution der Welt, über diese berichtete der russische Revolutionär Leo Trotzki am 25. Oktober: „Man sagte uns, der Aufstand werde ein Pogrom auslösen und die Revolution in Strömen von Blut ertränken. Bis jetzt ist alles unblutig.“ Allerdings blieben nur die ersten Wochen mehr oder weniger friedlich, denn mit der Zeit bildeten sich rechte Gruppen, die unterstützt wurden von den kapitalistischen Staaten, um die noch junge Sowjetrepublik anzugreifen und in einen langwierigen Bürgerkrieg zu ziehen. Doch nicht nur der Bürgerkrieg nahm den russischen Revolutionären viel Hoffnung, sondern auch die Fortführung des Kriegs in Europa, der erst mehr als ein Jahr später durch Massenproteste und einen Friedensvertrag endete. Auf den Krieg folgten europaweite Proteste, in Deutschland die Novemberrevolution, die die Chance hatte, der russischen zu folgen, um dann doch in die Bahnen eines demokratischen Kapitalismus gelenkt zu werden. Doch nicht nur in Deutschland kam es zu Massenprotesten und revolutionsähnlichen Szenarien, in Österreich bildeten sich ebenfalls Rätestrukturen, in Italien kam es zu Fabrikbesetzungen, in Spanien, Frankreich und Großbritannien zu langen Streiks. Doch nirgendwo kam es zu einer sozialistischen Revolution, wie sie sich die Sowjetunion erhofft hatte. Das hat zum einen an stabileren kapitalistischen Systemen in diesen Ländern gelegen, zum anderen aber auch an Organisationen, die wirklich bereit gewesen wären, eine Revolution aus- und anzuführen, wie Harman schreibt. Auf das Scheitern der Revolution folgte die Katastrophe, die Entstehung des Faschismus in Italien. Das Ende der sowjetischen Hoffnung auf Revolutionen im Rest Europas folgte die Degenerierung der Sowejetunion.

Aufstände, goldene Jahre und Niedergang

Abseits von Europa war die Welt dominiert von den europäischen Mächten, die die anderen Regionen in Kolonien organisierten und als ihr Eigentum sahen. Eine Sichtweise, die einherging mit brutaler Unterdrückung und Ausbeutung, aber auch mit Massenprotesten und Revolten gegen die imperialistischen Besatzer. Die Revolten, meist getragen von nationalistischen Intellektuellen, linken Aktivisten und Studierenden, fanden weltweit statt, ohne dass sie koordiniert gewesen wären. Die Aufstände, die in Folge des 1.Weltkriegs an Fahrt gewannen, schwächten ihre Kolonialmächte, doch sie beendeten nicht das Kolonialsystem, dies trug dazu bei, „dass sich der Kapitalismus wieder stabilisieren konnte.“

In Folge des Abklingens von Krieg und Aufständen entstand ein neuer Wirtschaftsboom, der zu den „goldenen Zwanzigern“ führte: „Das Wachstum war begleitet von einer anscheinend magischen Transformation des Lebens unzähliger Menschen.“ Neue Technologien wurden immer mehr Menschen, in den Industriestaaten, zugänglich, da die Löhne stiegen und die Zukunftaussichten rosig erschienen. Ähnlich wie 15 Jahre vorher wurde das Ende von Krisen herbeigesehen und eine unbegrenzte Zeit des Friedens und Wohlstands erwartet. Auf den Boom folgte jedoch eine Krise. Eine Krise, die die Weltwirtschaft schwer beschädigte und zum Sturz von mehreren Regierungen führte, zu den am stärksten betroffenen Ländern gehörte Deutschland, wo die Nationalsozialisten in Folge der Krise Fuß fassten und 1933 die Macht eroberten. „Die Macht eroberten die Nazis schließlich doch, weil die wichtigsten Vertreter der herrschenden Klasse Deutschlands die Entscheidung fällten, ihnen diese auszuhändigen.“ Möglich geworden war dies erst durch die Uneinigkeit zwischen KPD und SPD, die sich auf den Straßen bekriegten und gegenseitig als Feind sahen. „Das Ausmaß des Siegs der Nazis in Deutschland erschütterte ganz Europa. Sie hatten buchstäblich über Nacht die mächtigste Arbeiterbewegung der Welt zerschlagen.“  Ein Jahr später folgte ein faschistischer Sieg in Österreich, der allerdings nicht ganz so widerstandslos vonstatten ging wie in Deutschland. Auf die Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland und Österreich folgten revolutionäre Erhebungen in Spanien und Frankreich, die jedoch durch eigene Mitte-Links Regierungen im Zaum gehalten wurden und in Spanien und Frankreich zur Etablierung von faschistischen Diktaturen führten.

Mitternacht des Jahrhunderts

Milan Nedić (l.) mit Adolf Hitler (r.)

„Mitternacht des Jahrhunderts,“ so lautete der Titel eines Roman des Revolutionärs Victor Serge, in dem er das Gefühl eines drohenden Untergangs zeichnete. Sein Buch, 1939 erschienen, nahm vorweg was kommen sollte, die schlimmsten Jahre der Menschheitsgeschichte, in der ein Krieg begann, der mehr Todesopfer forderte als jeder Krieg vor oder nach ihm. Mit diesem Krieg, der vom faschistischen Deutschland begonnen wurde, ging das schlimmste Verbrechen der Geschichte einher, der Holocaust, die industrielle Vernichtung von Millionen Juden, sowie Hundertausenden Sinti und Roma. Der Holocaust wird dabei von Harman allerdings verhältnismäßig kurz behandelt, auch wenn der Autor deutlich zeigt, wie der Holocaust nicht nur von den Nazis geplant und umgesetzt, sondern auch von großen Teilen der Industrie offen unterstützt wurde.

Auf das Ende des Kriegs folgt die Aufteilung der Welt in Interessengebiete und Einflusssphären zwischen den Siegermächten. Die Verhandlungen führten zu einer kurzfristigen Stabilisierung, doch schon bald kam es zu antikolonialen Aufständen und einem Ende des weltweiten Kolonialsystems. Am indischen Beispiel zeigte sich, dass die Spaltung in Nationen von religiösen Fragen dabei keine Selbstverständlichkeit war: „Die Meuterer trugen Hindu-, Muslim- und rote Fahnen mit sich… Hier gab es den Ansatz einer von der Basis her aufgebauten Einheit von Muslimen, Hindus und Sikhs und zur Überwindung der Spaltung zwischen den Gemeinschaften.“ Die Spaltung wurde allerdings von den ehemaligen Kolonialmächten forciert um den eigenen Einfluss zu wahren, in anderen Regionen wurden dagegen Staaten in die formelle Unabhängigkeit entlassen, jedoch wirtschaftlich gebunden.

Die Zukunft aufbauen

Die letzten Kapitel des Buchs beschäftigen sich mit dem Ende der Sowjetunion und dem wirtschaftlichen Niedergang der ehemaligen Warschauerpaktstaaten, sowie den Kämpfen zur Jahrtausendwende. Eben so ungewöhnlich, wie der Blick des Buchs auf Geschichte, der Blick von unten, ist das Ende des Werks, es enthält einen Ausblick. Im Gegensatz zu den meisten Historikern geht es Harman nicht nur darum, die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch die Zukunft zu verändern. Dabei sieht er eine Zukunft abseits von kapitalistischer Konkurrenz und imperialistischen Kriegen. Den Wunsch, aus der Vergangenheit zu lernen, um die Zukunft zu verändern, verdeutlicht Harman mit den letzten Sätzen seines Werkes: „Der irische revolutionäre Sozialist James Connolly sagte einst: ‚Nur wer die Zukunft aufbaut, ist ein wahrer Prophet.‘ Die Vergangenheit zu verstehen, wird bei dieser Aufgabe helfen. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.“

Harmans Weltgeschichte von Unten ist das wohl spannendste aktuelle Geschichtsbuch, das die geschichtlichen Veränderung anhand von materiellen Veränderungen und Massenprotesten untersucht und nicht im Licht der Taten einzelner großer Männer.  Er bleibt dabei Marx‘ Ausspruch „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ treu und stellt dies daher in den Vordergrund. Der Dreiband „Wer baute das siebentorige Theben“ ist keine gute-Nacht-Lektüre oder eine vergnügliche Geschichte für zwischendurch, doch er ist in der Lage, uns die Relevanz zu verdeutlichen, die jeder einzelne spielen kann bei Veränderungen und Protesten. Sie sind ein Nachschlagewerk für alle kritischen Geister und eine Möglichkeit, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

 

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
Ihr findet mich auf: Facebook