„I can’t keep quiet“ – MILCK – das Schweigen brechen

3. März 2017 - 19:30 | | Kultur | 0 Kommentare

„I can’t keep quiet“ – Ein Porträt über eine Frau, die mit einem Song nicht nur ihr Schweigen bricht, sondern auch Hunderten von Frauen ihre Stimmen wiedergibt.

Weltweit bekannt wurde sie als Initiatorin und Songschreiberin der inoffiziellen Hymne des Frauenmarsches in Washington, D.C.

Doch wer ist diese Frau?


von Christine Eitel

Es ist Samstag, der 21. Januar 2017: Washington, D.C hat sich in ein Meer aus pinken Mützen und selbstgebastelten Plakaten verwandelt. Hunderttausende Menschen versammeln sich, um für Menschenrechte und gegen die Amtseinführung des neuen Präsidenten Donald Trump zu demonstrieren.

Zwischen den pinken Punkten ist bei genauerem Hinsehen ein roter Lockenkopf erkennbar, der sich suchend seinen Weg durch die Menge bahnt: Es ist Alma Har’el, israelisch-amerikanische Filmemacherin. Sie fühlt sich verloren.

Plötzlich stolpert sie in eine kleine Gruppe von Frauen, die anfangen zu singen: „I can’t keep quiet“, Ich kann nicht mehr schweigen. Schnell zückt sie ihr Handy, filmt den A-cappella-Chor und teilt das Video auf ihrem Twitteraccount. Was dann passiert, damit hätte wohl niemand gerechnet: Das Video verbreitet sich rasend schnell im Internet. Schauspielerin Emma Watson teilt es. Alle sprechen nur noch von der inoffiziellen Hymne des Frauenmarsches und die Fragen werden immer lauter: Was hat es mit dem Chor auf sich, und wer ist die Frau mit den schulterlangen blonden Haaren in der Mitte, die den Chor anstimmt?

„Tu es! Und ich war so: Okay, ich tu es!“

Es ist die Sängerin MILCK (Connie Lim). Erfahren von dem Frauenmarsch hat sie durch eine ihrer besten Freundinnen und Mitbegründerin des „Pussyhat“-Projektes Krista Suh. Zusammen mit Jayna Zweiman hatte Suh die Idee im Vorfeld tausende von „pussyhats“ (pinke Mützen mit Katzenohren) als Symbol für den Frauenmarsch in Washington zu stricken. „Weißt Du, es war verrückt!“, lacht MILCK, „sie erzählte mir von der Idee mit den Mützen und ich meinte, dass ich die Idee super fände, und ich erzählte ihr, ich wolle mein Lied „Quietgerne verbreiten und ihre Antwort war: Das sollte die Hymne des Marsches werden! Tu es! Und ich war so: Okay ich tu es!“ Es scheint als reflektiere MILCK die Situation selbst noch einmal während des Erzählens. Immer noch erstaunt, wie alles begann. Man stellt sich die beiden Freundinnen vor, das Kribbeln der Idee in den Fingerspitzen, die nötige Naivität im Nacken und die Vision von „Pussyhat“-tragenden Menschenmassen und einem bis dahin völlig unbekannten Lied als Hymne des Protestmarsches.

Doch was gebe es für Möglichkeiten, den Song zu teilen? CDs? Zu sehr Eigenwerbung. Karten? Wer würde schon wirklich auf den Link zum Lied gehen. Nein, er muss auf dem Frauenmarsch gesungen werden, am besten mit Mehreren zusammen. MILCK beginnt, A-Cappella-Gruppen anzuschreiben, in der Hoffnung, dass vielleicht zehn Frauen zusagen würden. Letztendlich fanden sich 25 Sängerinnen. Sie probten per Skype und trafen sich kurz vor Beginn des Frauenmarsches das erste Mal. Flashmobs sollten es werden. Ein Geschenk für die Menschen auf dem Marsch, sie wollen gern etwas Positives beitragen, etwas Hoffnung.

„Auch wenn ich vielleicht wie ein Schaf aussah, ich war im Inneren eine Löwin“

Das Lied „Quiet“ schrieb MILCK jedoch nicht für den Protesttag. Es ist ihre Lebensthese, eine Zusammenfassung von dem, was sie die letzten 30 Jahre gefühlt und erlebt hat: „Ich bin eine Überlebende von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch, und ich bin auch eine asiatisch-amerikanische Frau in Amerika, eine der, die Gehorsam leisten und leise sein sollen. Auch wenn ich vielleicht wie ein Schaf aussah, ich war im Inneren eine Löwin.“ Sie weiß, dass sie nicht alleine mit diesem Schicksal ist, dass es vielen Mädchen so geht. Für sich selbst und für sie hat MILCK das Lied geschrieben. Für all die Mädchen, die durch verschiedene Formen von Unterdrückung gehen müssen.

„Quiet“ war ihr Befreiungsschlag: „Es fühlte sich an, als hätte ich einen Klumpen im Hals, ich war immer verängstigt. Durch den Song habe ich meine Stimme wiederbekommen.“ In dem aufgenommenen Video sieht man MILCK, klatschend, mit den Füßen auf den Boden stampfend, und aus vollem Herzen singend: „Ich kann nicht mehr schweigen! Lasst es heraus!“

Doch jahrelang schwieg sie und verlor dadurch fast ihre Stimme.

Wie aus Connie Lim MILCK wurde

Lim war ein launisches Kind, das graue T-Shirts und blaue Rucksäcke liebte. Immer wurde sie dazu aufgefordert, mädchenhafter zu sein. Sie probierte es aus und war ziemlich erfolgreich. Unter anderem wurde sie Homecoming-Queen und ASB Präsidentin in der High-School.

Niemand aber sah die Qualen, unter denen sie litt: „Besonders in der Zeit zwischen vierzehn und dreiundzwanzig war da sehr viel Schmerz. Ich habe mich alleine gefühlt und dachte, dass Alles meine Schuld wäre. Nach außen sah es aus, als ob ich Alles hätte, aber die Leute wussten nicht, dass ich eine Essstörung hatte und einen Freund, der mich missbrauchte und dass ich Depressionen hatte. Ich lernte, Alles zu verstecken.“ Ehrlich und bedacht spricht sie über diese Zeit. Sie überlegt, findet die richtigen Worte, kehrt ein Stück ihrer Seele nach außen, ohne Angst, sich dadurch verletzbar zu machen.

Die Musik half ihr, den Schmerz zu lindern. Sie ging nach Los Angeles, um Sängerin und Songschreiberin unter ihrem richtigen Namen „Connie Lim“ zu werden. Wenn wir uns auf die Suche nach der „alten“ Connie Lim begeben, stoßen wir auf ein hübsches Mädchen mit langen brauen Haaren, das unter der Top Ten der asiatisch-amerikanischen Künstlerinnen ist und Kandidatin der Gesangsshow „The Voice“ war. Sie erzählt davon, wie sie in der Show merkte, dass sie ein Produkt war und aufgefordert wurde mit asiatischem Akzent zu sprechen. In ihren Musikvideos singt sie mit einer Engelsstimme über Liebe und Los Angeles. Es klingt wunderschön und doch künstlich. Alles scheint künstlich, der Look, die Lieder, die Ausstrahlung. Wie ein typischer Popstar eben. Nur die mit bedacht gewählten Worte in Interviews, die erinnern an heute: Nachdenklich, tiefgründig, reflektiert. Langsam verwischen die Spuren der Vergangenheit: Die Twitter,- und Instagramseite ihres alten Sänger-Ichs ist bereits offline.

Doch was war passiert? Was war der Wendepunkt, wie verändert sich ein Mensch von einem auf den anderen Tag?

MILCK seufzt laut: „Ja das ist eine wirklich gute Frage. Ich habe diese Aufnahme gemacht – „the better part of me“ – im Jahr 2013 und diese Erfahrung war sehr schmerzhaft für mich, weil mein Manager mir nicht zuhörte und ich alles genau so machen sollte, wie er es wollte. Als ich mir dann das Album anhörte, wusste ich, dass ich so etwas nie wieder tun würde. Ich muss lernen, den Mund aufzumachen, um meine Kunst zu beschützen. Ich hatte nur in meinen Liedern eine Stimme, nicht in meinem richtigen Leben.“ Somit entschied sie sich Anfang 2014 dafür, dass sie sich ändern müsse. Sie traf eine Gruppe von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, zu denen sie eine enge Freundschaft aufbaute und die sie in allem unterstützen. Außerdem lernte sie ihren Lebensgefährten kennen, der ihr genug Raum gab, sie selbst zu sein. MILCK (MIL= Lim, CK= Connie K.) wurde erschaffen.

Von der Sängerin zur Aktivistin

Mit ihrer Debütsingle „Devil Devil“ und aktuell „Quiet“ legt MILCK einen bemerkenswerten Neustart im Musikbusiness hin. Und doch haben sich nicht nur ihre Lieder und ihre Einstellung zum Leben geändert, sondern auch ihr Engagement. Ihre neue Kampagne „I can‘t keep quiet“ soll Frauen helfen, sich von den unsichtbaren Fesseln zu befreien, die ihnen die heutige Gesellschaft auferlegt. Wenn ihr Aussehen nicht den gesellschaftlichen Konventionen entspricht, müssen sie sich eben aufschneiden lassen oder Makeup tragen oder sich verstecken, weil sie nicht gut genug sind, so wie sie sind. Frauen haben jetzt die Chance unter dem Hashtag #icantkeepquiet ihre Geschichte mit der Welt zu teilen. Davon erhofft MILCK sich, dass diese Geschichten noch mehr Frauen dazu inspirieren, für sich selbst einzutreten. Sie bekomme viele Emails. Als Beispiel nennt sie ein Mädchen, dass nach dem Hören des Songs ihrer Familie erzählt habe, dass sie vergewaltigt worden sei. MILCK wirkt noch immer verblüfft über die enorme Reichweite ihrer Botschaft. Sie habe nicht realisiert, wie viel Kraft eine einzige Stimme haben könne.

Zudem arbeite sie an einem neuen Projekt mit anderen Überlebenden, in dem sie gemeinsam Kunst kreieren, um der Kampagne noch mehr Gehör zu verschaffen.

Projekte, Kampagnen, Aktionen auf der Straße… Ob sie sich selbst als Aktivistin sieht? „Ich erinnere mich, letztes Jahr hatte ich das Gefühl, dass ich etwas außerhalb meiner Musikkarriere machen sollte und dann war ich in Washington, D.C., und hörte all diesen starken Frauen darüber sprechen, die Welt zu heilen und ich dachte mir: „Oh, ich bin auch eine Aktivistin!“ Die Bewegung hat sie dazu inspiriert, mehr zu tun, doch auch davor schon ging sie in Schulen, um über ihre Erfahrungen, Erkrankungen und die heilende Wirkung der Musik zu sprechen.

„Ich denke, es kommt von Herzen. Alles beginnt mit dem Herzen.“

Ihr Lieblingswort sei Empathie. Alles, was sie durchstehen musste, überlegt sie, habe sie empathisch gemacht. Das merkt man. Ihre Gedanken gehen tief und ihre Aktionen reichen weit. Sie war lange genug jemand anders, jetzt ist sie einfach sie selbst und das spürt man.

Was könnte der Schlüssel sein, um Menschen dazu zu bringen ihre Stimme zu benutzen, und für ihre Rechte aufzustehen? „Ich denke es kommt von Herzen. Alles beginnt mit dem Herzen. Ein Song zum Beispiel geht direkt ins Herz, egal wie verschieden die Menschen sind. Je mehr wir unsere wahren Schwächen und Träume miteinander teilen, umso mehr Menschen werden das bemerken und mitmachen. Jeder beobachtet immer jeden und wir lernen voneinander. Also deshalb denke ich, es beginnt mit einer Person, die etwas Wahres über sich teilt und sich dann die Zeit zu nehmen, auch mal zuzuhören.“


Mehr Infos über MILCK findet Ihr hier:

http://milckmusic.com

https://www.icantkeepquiet.org

Q U I E T 

put on your face
know your place
shut up and smile
don’t spread your legs
I could do that

But no one knows me no one ever will
if I don’t say something, if I just lie still
Would I be that monster, scare them all away
If I let the-em hear what I have to say

I can’t keep quiet, no oh oh oh oh oh oh
I can’t keep quiet, no oh oh oh oh oh oh
A one woman riot, oh oh oh oh oh oh oh

I can’t keep quiet
For anyone
Anymore

Cuz no one knows me no one ever will

Cuz no one knows me no one ever will
if I don’t say something, take that dry blue pill
they may see that monster, they may run away
But I have to do this, do it anyway

I can’t keep quiet, no oh oh oh oh oh oh
I can’t keep quiet, no oh oh oh oh oh oh
A one woman riot, oh oh oh oh oh oh oh

Oh I can’t keep quiet
Let it out Let it out
Let it out now

There’ll be someone who understands
Let it out Let it out
Let it out now

Must be someone who’ll understand
Let it out Let it out
Let it out now

There’ll be someone who understands
Let it out Let it out
Let it out now
I can’t keep quiet

Written by MILCK  and AG
Produced by AG


Dieser Artikel ist Teil des Freiheitsliebe-Specials zum Internationalen Frauentag am 8. März.

Über den Autor