„Rap ist der neue Punk“ – Im Gespräch mit Miriam Davoudvandi

24. November 2020 - 13:00 | | Kultur | 0 Kommentare
© Joel Bittner

Miriam Davoudvandi wurde kürzlich als Deutschlands beste Musikjournalistin ausgezeichnet, legt unter ihrem Pseudonym „Cashmiri“ FLINT-lastige Sets auf und betreibt seit neuestem einen Podcast über „Pop und Psyche“. Wir haben mit ihr über Rap und sein Potenzial für linke Politik gesprochen.

Critica: In deinem Podcast „Danke, gut.“ sprichst du ja mit deinen Gästen über mentale Gesundheit und wie das Thema gesellschaftlich tabuisiert wird. Inwiefern ist das Thema für dich ein politisches?

Miriam Davoudvandi: Das Thema mentale Gesundheit ist ein super politisches Thema. Wer kann sich überhaupt eine physische und psychische Gesundheit leisten? Einfach über eine normale Krankenversicherung eine Therapie zu bekommen, ist nicht einfach. Dann gibt es Bezahlmodelle wie Coachings usw., die sich nur bestimmte Leute leisten können. Dann kommt noch alles dazu, was in Richtung Arbeitspolitik geht. Wer kann sich zum Beispiel leisten zu sagen, ich geh jetzt zwei Monate nicht arbeiten, weil ich ein Burnout habe. Und wer muss es vielleicht trotzdem. Dann noch der Zusammenhang mit der Geschlechterfrage, also wie gehen verschiedene Geschlechter damit um, was hat das mit Männlichkeiten zu tun. Ich finde alles, was unser zwischenmenschliches Miteinander prägt – und das tut mentale Gesundheit wie nichts anderes – ist politisch.

Critica: Du äußerst dich selber viel zu aktuellen Themen wie rassistischer Gewalt oder der Situation Geflüchteter. Warum ist dir das ein Anliegen? Wie wurdest du selbst politisiert?

Miriam Davoudvandi: Ich glaube, ich bin selber als Politikum auf die Welt gekommen. Das sind wir meiner Meinung nach alle. Ich habe eine Migrationsgeschichte, ich bin eine Cis-Frau, wurde also mit vielen Dingen von kleinauf konfrontiert, auf die ich keinen Bock hatte. Mit sechs so eine Migration durchzumachen – du hast auf einmal Einblick in irgendwelche Prozesse, in irgendwelche Asylverfahren, die man gar nicht haben möchte. Sich mit Rassismus von außen beschäftigen zu müssen, dadurch entwickelt man als kleines Kind einen Sensor für bestimmte Themen. Dann viel über meine Eltern. Beide haben quasi zwei Revolutionen hinter sich, jeweils in ihren Heimatländern. Außerdem war 9/11 für mich ein einschneidender Punkt. Da kam viel antimuslimischer Rassismus auf mich zu, obwohl ich keine Muslimin bin, aber ich wurde natürlich so gelesen. Spätestens dann war ich gezwungen, mich mit Außenpolitik zu befassen und was die Staaten so treiben.

Critica: In der Musikbranche herrscht ja oft die Meinung vor, nicht politisch zu sein. Warum ist das deiner Meinung nach so?

Miriam Davoudvandi: Da ist irgendwo eine logische Verhaltensweise. Viele haben das Bild, dass Politik nur das ist, was an der Uni gelehrt wird. Was die Politiker da oben machen. Dass eben Lebensrealitäten, Sachen, die im Alltag passieren, dass das keine Politik ist. Bei Rapper*innen, die schon berühmter sind und ein bestimmtes Image haben, hat das viel mit Selbstschutz zu tun zu sagen: „Ne, ich habe damit gar nichts zu tun. Ich weiß auch gar nichts.“ Weil es auch viel Angriffsfläche bietet.

Critica: Du kritisierst staatliche Institutionen, zuletzt beispielsweise die Polizeirepressionen bei der Räumung des Berliner Hausprojekts Liebig34. Kritik an der Polizei findet man auch häufig im Deutschrap, zum Beispiel bei OG Keemo: „Fick die Hundertzehn.“ Wieso wird Polizeigewalt gerade in diesem Genre thematisiert?

Miriam Davoudvandi: Ich glaube im Deutschrap ist die Polizei häufig ein Bild für etwas Größeres, also für den Staat und alles, was repressiv auf einen einwirkt. Es werden einfach viele Erfahrungen mit der Polizei gemacht, mit Racial Profiling oder Polizeigewalt, weil die nun einmal vor Ort ist. Dabei reden wir auch viel von den Staaten, was natürlich nicht vergleichbar ist. Aber auch in Deutschland gibt es Opfer rassistischer Polizeigewalt. Da spielt auch Klassismus eine Rolle. In welchen Vierteln passiert das? Natürlich in ärmeren Vierteln. Das sind einfach Lebenserfahrungen, die diese Menschen persönlich schon gemacht haben oder ihre Freund*innen, ihr Umfeld.

Sehr oft wird das Problem dann individualistisch betrachtet und nicht als systemisches Polizeiproblem. Das sieht man dann nicht nur bei diesen klassisch politischen Rapper*innen, die in bestimmten Bubbles akzeptiert werden, wie eine Ebow oder ein OG Keemo, sondern selbst Fler äußert sich zu Polizeigewalt. Und dann stellt sich die Frage: Ist das eine individualistische Betrachtung, weil er persönlich dieses Problem hat, oder geht es noch eine Stufe weiter? Muss aber ein*e Rapper*in überhaupt dieses riesige, riesige Problem, das wir auf der Welt haben, auf drei Minuten zusammenfassen können?

Critica: Kann Deutschrap denn – losgelöst von irgendwelchen akademischen Theorien und Analysen – dazu beitragen, dass sich bei seiner Zuhörer*innenschaft ein Klassenbewusstsein entwickelt? Beispielsweise rappt LUVRE47 von unseren fehlenden sozialpolitischen Strukturen als „Hamsterrad“. Das könnte man schon als Kritik an den herrschenden Klassenverhältnissen bezeichnen.

Miriam Davoudvandi: Es war schon in den 90ern so, dass Sachen wie NWA von irgendwelchen Mittelschicht-Kids gehört wurden. Das ist in Deutschland natürlich auch so. Ein Capital Bra hat zum jetzigen Zeitpunkt 4,2 Millionen Follower. Das sind bestimmt nicht nur die armen Migra-Kids. Wenn du als Mittelschicht-Kid so etwas hörst, womit du vielleicht sonst nicht in Kontakt kommst, kann das ein Aufklärungsmoment sein. Ob das jetzt direkt Klassenkampf ist, sei dahingestellt. Ich glaube, auch da liegt das Problem in der individualistischen Betrachtung des Ganzen. Ich weiß nicht, ob LUVRE47 das ganze System kritisieren möchte oder seine persönliche Situation. Er hat mit dieser Beobachtung aber schon einen Riesenbeitrag geleistet. Es ist die Aufgabe der gewählten Politik, das umzusetzen.

Critica: Häufig wird aber Deutschrap-Künstlerinnen und -Künstlern genau dieser Beitrag abgesprochen.

Miriam Davoudvandi: Es wird oft verkannt, dass verschiedene Ismen miteinander und auch gegeneinander arbeiten. Ein Fler kann eine Leistung zum Thema Klassismus bringen und trotzdem sexistisch sein. Ich habe das Gefühl, dass es von außen nicht erlaubt wird, dass es diese Widersprüche gibt. Mir ist bewusst, dass alles, was ich höre und meine Tätigkeit der Widerspruch in sich ist. Aber dass es trotzdem nichts bringt, sich dem zu verschließen, weil es die Realität ist. Das ist auch eine Form von Aufklärung oder Empowerment, dass nicht immer politisch korrekt sein muss. Es ist oft so, dass mich Personen empowern, sei es eine Shirin David oder Loredana, die ihre Problematiken mit sich bringen, aber das spricht ihnen nicht ab, dass sie im Bezug auf sexuelle Aufklärung etwas leisten. Widersprüche sind einfach menschlich und gesellschaftlich überall vorhanden. Ich finde es falsch, bei Rapper*innen besonders genau hinzuschauen.

Critica: CardiBs und Megan Thee Stallions Hit „WAP“ stieß ja auch in Deutschland auf konservative Kritik. Wie siehst du den Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung innerhalb der deutschen Rap-Szene? Haben wir vielleicht auch eine deutsche Cardi B?

Miriam Davoudvandi: Meine persönliche Cardi B, zumindest im Bezug auf sexuelle Selbstbestimmung, ist Layla. Sie hat erst vor kurzem den Song „Smooth“ rausgebracht. Ich finde, das ist einer der besten Sex-Songs, die es bisher auf Deutsch gibt. Das mit Cardi B und Megan Thee Stallion und generell mit Frauen, die sich zu Sex äußern, das ist ja eh eine komplett hängengebliebene Debatte. (lacht)

Dass Leute nicht verstehen, dass Sex nicht Sexismus ist. Es heißt dann: „Das ist doch auch Sexismus.” Aber es geht doch um Perspektiven und das wird oft verkannt. Dass Leute sagen: „Und dafür kämpfen Feministinnen dann seit Jahren!” Ja, tun sie! Tatsächlich haben auch schon die 68er genau dafür gekämpft. Das ist kein Third-Way-Feminism und kein Instagram-Aktivismus. Das haben schon Rapperinnen wie Lil’ Kim, Missy Elliott, Foxy Brown und so weiter getan.

Gerade Schwarze Frauen sind die Personengruppe, der man am wenigsten gönnt, offen damit umzugehen. Das hat eine lange Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei, Ausbeutung, Fetischisierung und so weiter. Der Stereotyp der sexhungrigen, schwarzen Frau der wurde schon vor Jahrhunderten von weißen Männern angewandt, um Vergewaltigungen an Sklavinnen zu rechtfertigen. Da steckt also ein historischer Komplex hinter, der immer wieder verkannt wird. Und dann heißt es: „Die redet jetzt über ihre Wet Ass Pussy.“ Ja, aber das hat einen historischen Unterbau. Das macht sie nicht nur zum Spaß. Oder vielleicht macht sie es auch zum Spaß, was ich sehr schön finden würde. Man darf aber nicht vergessen, dass ein jahrelanger Schmerz dahintersteckt und dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass sie das kann. Stichwort Mysogynoir (Anmerkung Red.: Frauenhass gegen schwarze Frauen).

Critica: Es gibt ja auch Künstlerinnen und Künstler, die sich nur linken Themen widmen. Hörst du gerne Zeckenrap?

Miriam Davoudvandi: (lacht) … Nein. Ich glaube, das Problem von Zeckenrap oder linkem Rap ist, dass versucht wird, super viel in drei Minuten zu packen. Am Ende muss es aber nice klingen, dann erreicht es auch Leute. Und dadurch hat es, glaube ich, einen politisch größeren Effekt. Auch wenn im Zeckenrap davon ausgegangen wird, dass das jetzt effizienter ist, als das, was zum Beispiel ein Haftbefehl macht.

Es soll ja auch alles Spaß machen. Natürlich haben Leute wie eine Sookee einen Beitrag geleistet. Aber ich glaube nicht, dass der 13-jährige Ali Sookee hört.

Ich glaube es ist einfach wichtig, dass man nicht unterschätzt, was für ein Potenzial Rap hat. Weil er die nächste Generation beeinflusst. Dass die Reichweiten riesig sind. Ein Capital Bra hat 4,1 Millionen mehr Follower als ein Amthor. Natürlich kann ein Amthor Gesetze mitentwickeln und ein Capi nicht, aber er hat trotzdem Einfluss. Ich glaube Rap ist der neue Punk. Deswegen können wir alle etwas Arroganz und Vorurteile hinter uns lassen. Es gibt gerade einfach keine Musikrichtung, die so viele Leute erreicht wie Rap.

Das Interview führten Lea Klingberg und Meike Völker.

Der Beitrag erschien in gedruckter Form in der neuen Critica.

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