© Syfy

Deadly Class – die Serie für den November-Lockdown

Netflix‘ meistgesehene Serie im November verschlägt den Zuschauer in die 1980er. Der Plot klingt altbekannt: Ein junger, gut aussehender Junge kommt in eine neue Schule und muss sich zurechtfinden. Die neue Schule ist aber keine ganz gewöhnliche Schule: Sie ist eine Schule für Attentäter. Marcus selbst wird aufgenommen, weil er die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner seines Heims umgebracht haben soll.

Der Titel „Deadly Class“ ist also programmatisch, meint aber mehr als nur die Schulklasse (class). Marcus, der Hauptcharakter etwa, will den Mörder seiner Eltern töten: die Ikone der US-Rechten, Präsident Ronald Reagan. Die Serie kommt so mit Schwung viel politischer daher als die meisten Netflix-Produktionen – ohne den Zuschauer mit seinen Botschaften zu erschlagen, denn dafür ist die Serie zu unterhaltsam.

Die Dialoge sind vor allem für Filmfans ein Zitatfeuerwerk der Popkultur, die sogar Tarantino erblassen lassen müssten (und einen nicht gleichzeitig mit belanglosen Monologen langweilen). Zudem wartet Deadly Class mit einem grandiosen 80er Soundtrack auf. Sie lässt die düstere und rebellische (weiße) Subkultur der 80er von Joy Division bis zu den Smiths erklingen und rahmt die Handlung damit großartig. Passenderweise spielt die Hardcore-Punk-Legende Henry Rollins den Chemie- und Giftmord-Lehrer Jürgen Denke. Die heutige Retrowelle unter Trump macht wohl klar: Düstere Musik braucht rechte Präsidenten (oder genug Hoffnungslosigkeit). Aber zurück zur tödlichen Klasse.

Wie tödlich ist die Klasse?

Die ganze Serie mit dem Titel „Deadly Class“ ist konsequent in den untersten Klassen angesiedelt. Früher hießen diese Klassen oft „die gefährlichen Klassen“ und darauf spielt die Serie wenig subtil an. Die Schülerinnen und Schüler der Mörderklasse sind (fast) alle Teil der Deadly Class. Sie sind gesellschaftlich durch das Raster gefallen. Aufstieg, Mitbestimmung oder eine Wahl im Leben haben sie kaum. Um sich an ihren Unterdrückern zu rächen, bleibt ihnen nur die Rache und das Verbrechen. Damit knüpft die Serie einerseits an die Mainstream-Action-Rächermovies der 80er an; andrerseits spielt sie mit dem Motiv des edlen Rächers à la Robin Hood. Das Actionkino der 80er von Rambo bis John McClane aus Stirb Langsam zelebriert den einsamen Rächer gegen böse Mächte (oder was gerade die jeweiligen Feinde der USA waren).* Diese Fiktion des einsamen Helden entspricht dem neoliberalen Bild vom „jeder kann es schaffen“. Gleichzeitig beflügelt das Rächermotiv die Fantasie, nicht nur der gefährlichen Klassen: „allein gegen alle“, „allein zeig ich es denen da oben“. Nur zerlegt Deadly Class beide Motive. Der einsame Rächer scheitert allzu leicht und das Verbrechen ist schnell nicht mehr als ein bloßes Geschäft. Damit sind in Deadly Class die Hierarchien zwischen etablierten Kriminellen und den kleinen Arbeiterklassenkids klar gezogen. Auch in den tödlichen Klassen gibt es ein oben und unten – nur der Tod ist schneller als in jeder anderen Klasse. Arme sterben eher einsam und unbeachtet. Konsequent sind auch die Endgegner Teil der tödlichen Klasse und passenderweise Rednecks. Im Kapitalismus werden die unteren Klassen eben gegeneinander ausgespielt. Die tödlichen Klassen sind jedenfalls keine Heilsbringer und werden von der Serie auch nicht gefeiert. Die Realität im Kapitalismus ist für die untersten Klassen düster und daran beschönigt Deadly Class auch nichts.

Wer Licht am Ende des Tunnels sucht, wird kaum fündig. Linke Perspektiven oder Hoffnungsschimmer gibt es kaum: There is no Alternative. In der Deadly Class sind alle Einzelkämpfer. Das neoliberale Heilsversprechen vom Tellerwäscher zum Millionär erscheint hier lediglich als schlechter Witz. Bei aller Düsterheit wird Deadly Class aber nie zu schwer. Davor bewahren schon der etwas schwarze Humor und das Schulsetting.

Ist Deadly Class ein nachdenklicher politischer Kracher? Nein. Aber eine unterhaltsame Serie mit etwas Politik. Unklar bleibt leider, ob es eine zweite Staffel geben wird. Netflix hatte die Serie von Syfy gekauft, aber nicht selbst produziert. Wer wissen will, wie es weiter geht, muss auf eine Fortsetzung hoffen oder die Comicbände 2–5 lesen.

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* So kämpft John Rambo in Rambo III an der Seite der afghanischen Mudschahedin gegen die bösen Kommunisten. Das spielt auf die Unterstützung der islamistischen Gruppen im Afghanistankrieg durch die USA an.

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