Die Unbeirrbare – Hannah Arendt und ihr Vermächtnis

Hannah Arendt, große Denkerin des 20. Jahrhunderts. Foto: Ryohei Noda, CC BY-2.0, Hannah Arendt (Oct. 14, 1906 – 1975)via flickr.com

Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der Weltkriege, des Aufkommens totalitärer Ideologien, und des einzigartigen Volkermords an Europas Jüdinnen und Juden. Durch ihre jüdischen Wurzeln und der damit verbundenen Flucht aus Deutschland war auch sie Betroffene und gehörte durch ihre theoretische Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Holocaust zu den herausragendsten DenkerInnen überhaupt: Hannah Arendt. Unumstritten sind ihr Scharfsinn für das Politische, ihr kritischer Geist, und ihre außergewöhnliche Intellektualität. Dennoch bekam Arendt starken Gegenwind, unter anderem aus der internationalen jüdischen Gemeinschaft, die ihre Ansichten zur Schuld von Nazigrößen wie Adolf Eichmann alles andere als teilten. 

Als Hannah Arendt 1906 in Linden bei Hannover zur Welt kam, waren Weltkriege und Nationalsozialismus noch „weit“ weg. Dafür wurde die junge Hannah bereits in den ersten Lebensjahren mit dem im Deutschen Kaiserreich tief verwurzelten Antisemitismus konfrontiert, und das obwohl sie (noch) kein gesondertes jüdisches Bewusstsein hatte. In einem Interview mit dem berühmten politische Journalisten Günter Gaus erzählte Arendt 1964, wie ihre Mutter wiederholt mit Briefen gegen antisemitische Äußerungen von Lehrern vorgehen musste. Als weltweit anerkannte Wissenschaftlerin und Autorin wusste sie wohl auch aus diesen Erfahrungen mutig und meinungsstark für ihre Überzeugungen einzustehen, auch wenn diese keine Mehrheitsmeinung waren, und das kam im bewegten 70-jährigen Leben Arendts nicht selten vor. Mit Koryphäen der Philosophie wie Martin Heidegger und Karl Jaspers, unter denen Arendt ihre philosophische Karriere begann, führte sie zeitlebens kontroverse Debatten über Grundfragen der Philosophie, aber vor allem auch der Politik Nazideutschlands. Familienbeziehungen, Freundschaften, Studium und Promotion, sowie Berufliches führte sie über Königsberg nach Marburg, Heidelberg, Freiburg, Berlin, und dann nach Frankreich, wohin sie 1933 nach der Machtübernahme der NSDAP gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Günther Anders flüchten musste.

Turbulent gingen die Jahre bis zu ihrer endgültigen Abreise aus Europa 1941 zu. Nach der Scheidung mit Anders 1937 und einigen Jahren in Paris, lernte sie dort einen besonderen Kreis aus jüdischen Intellektuellen kennen, mit dem sie weiterhin über den bedrohlichen Judenhass, die brutale Terrorherrschaft der Nazis, und Kommunismus diskutierte. Während sie mit vielen VertreterInnen der intellektuellen (deutsch-jüdischen) Elite brach, brachte das Schicksal sie und den jüdischstämmigen Kommunisten Heinrich Blücher zusammen. 1940 heirateten die beiden und es gelang ihnen über Umwege, auch nach vier Wochen Internierungslager in Frankreich, über die portugiesische Hauptstadt Lissabon in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Die ersten Jahre in New York City war Arendt selbst für den Lebensunterhalt der Beiden zuständig, als Lektorin und Autorin in einem Verlag, sowie in einer jüdischen Organisation engagierte sie sich, knüpfte weitere Kontakte in der als liberal geltenden Weltmetropole. Aber auch hier eckte die sich selbst immer als Historikerin bezeichnende Arendt mit dem jüdischen Establishment an, in dem sie den Zionismus in Teilen kritisierte, seine demokratische Praktikabilität infrage stellte, und sich das Heilige Land als binationalen Staat für Juden und Araber vorstellte, um „Freiheit und Gerechtigkeit“ als universale Werte zu sichern. Als Professorin am Brooklyn College ab 1953 machte sie auch innerhalb der Politischen Wissenschaft einen Namen.

Adolf Eichmann und die Auswüchse Totalitarismus

Mit der Verhaftung Adolf Eichmanns in Argentinien 1960 kehrte 15 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in die Öffentlichkeit zurück. In Jerusalem war der Organisator des Holocausts angeklagt, Hannah Arendt war Prozessbeobachterin der US-amerikanischen Zeitung The New Yorker, die intensive Auseinandersetzung mit Eichmann als Person und seiner Schuld als ranghohes Mitglied der Nazis, wurde zu einem der Hauptwerke Hannah Arendts, das bis heute große Würdigung erfährt. Der Untertitel des Buches, die „Banalität des Bösen“, wurde zu einem der zentralen Ausdrücke, die man mit Arendt verbindet. Gerade die „Banalität“, die sie Eichmann zuwies, löste heftige Diskussionen unter den Jüdinnen und Juden aus, und führte letztendlich auch zum Bruch zwischen Arendt und der internationalen jüdischen Gemeinde in den USA, Israel, und Deutschland. Nur schwerlich konnten jüdische Intellektuelle, Opfer, und Hinterbliebene den Begriff „Banalität“ mit dem Unvorstellbaren, dem Monströsen, dem Völkermord an sechs Millionen Juden, vereinbaren. Trotz aller Kontroverse blieb Arendt standhaft, verteidigte ihre Reflexionen zu Eichmann, und schuf damit ein theoretisches Fundament, das nicht nur PolitikwissenschaftlerInnen als essentiell gilt, um totalitäre Systeme zu verstehen. Die Gefahr dieses Typus liegt nach Ansicht Arendts gerade nicht in einer genuin radikal, sadistisch-erscheinenden Natur, sondern in der Banalität, dem Umstand, dass eine vermeintlich gesichtslose Masse als Zahnrädchen unreflektiert und unkritisch eine dann womöglich unaufhaltsame Maschinerie ins Rollen bringt und aufrechterhält.

In kaum einem anderen Beispiel manifestierte sich Hannah Arendts Fähigkeit unabhängig und völlig losgelöst von einem fast gesamtgesellschaftlichen Konsens zu argumentieren, als im Falle Eichmann. Acht Monate Prozessbeobachtung vor Ort und 3000 Seiten Akten rund um den Eichmann-Prozess ließen Arendt zu dem Schluss kommen, dass Eichmann nicht einfach aus tiefer antisemitischer Überzeugung handelte und daher etwas Dämonisches in sich trug, das ihn zu einem Täter des Holocausts machte. Stattdessen war er der typische Beamte, der die ihm gegebenen Anweisungen pflichtbewusst ausführte, was in keinster Weise seine Schuld oder die Tragweite seines Handelns kleinreden sollte, wie Arendt betonte. Im Gegenteil, die Option sich gegen eine menschenverachtende Politik zu stellen und Moral als höchste innere Antriebskraft seines (politischen) Handelns wahrzunehmen, sei immer gegeben, sogar in einem totalitären Staat wie dem in Nazideutschland. Und weil eine Masse an von grundauf sadistischen Menschen keine notwendige Bedingung darstellt, um die extremen Auswüchse des Totalitarismus voranzutreiben, liegt die existenzielle Gefahr in der Banalität, im harmlosen auftretenden Gebären gegenüber Minderheiten, das zu Ausgrenzung, Verfolgung, und – im Extremen – zu Vernichtung führen kann.

Dieser exklusive Erklärungsansatz Arendts scheint durchaus trefflich, fortlaufend beschreibt dieser die Entstehung totalitärer (oder im Anfangsstadium noch autoritärer) Strukturen überall auf der Welt, brandaktuell und hochrelevant in Zeiten, in denen die politische Rechte erneut das Ruder in die Hand zu nehmen versucht, ohne dass ihre moralische Verwerflichkeit und die Zivilcourage einer bürgerlichen Mehrheit sie aufzuhalten vermag. Arendt nennt dies die „Pflicht zum Ungehorsam“, denn nichts ist fataler als das Aufgeben kritischen Denkens, das jeden Einzelnen davor schützen sollte, sich zum Mittäter von Menschenrechtsverletzungen zu machen. Interessant war auch ihre Unterscheidung zwischen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, einem juristischen Terminus, und dem von ihr bevorzugten „Verbrechen gegen die Menschheit“. Ihrer Auffassung nach waren die Verbrechen Nazideutschlands nicht einfach Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der systematisch organisierte Völkermord war viel mehr als nur das Außerachtlassen von Menschlichkeit, er war eine Art Sündenfall gegenüber unschuldigen und wehrlosen Menschen. Auschwitz blieb für Arendt das Unerklärliche, das Beispiellose, das alles andere in den Schatten stellte.

Die Ausnahmefigur Hannah Arendt und was von ihr bleibt

Insbesondere im Zuge der feministischen Emanzipation stellten BeobachterInnen immer wieder die Frage, wie wichtig Arendt die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht war, welche Bedeutung sie Frauenrechten im Speziellen beimaß. Sie selbst war bekanntlich eine hochangesehene Denkerin und Publizistin, die sich in der männlich-dominierten Wissenschaft durchsetzte, und obendrein noch das Jüdisch-sein zeitlebens als identitätsprägend sah. Obwohl sie eine säkulare Jüdin war, spielte das Jüdische eine Schlüsselrolle in ihrem Selbstverständnis, schon durch die persönlichen Erfahrungen im antisemitischen Deutschland, die sie letztlich zur Flucht trieben. Letztlich machten auch der extreme Verlauf der Geschichte, also die Verfolgung und Ermordung des jüdischen Volkes, sie zu einer der mutigsten und unbeirrtesten Köpfe. Eine, die ihre Stimme erhob, wo immer sie es für notwendig erachtete, und das war bis weit ins patriarchalisch geprägte 20. Jahrhundert alles andere als der Normalfall für Frauen. Allein darin liegt ein (vielleicht unfreiwilliges), aber wirksames Verdienst Hannah Arendts für ihre speziell weiblichen Mitmenschen, furchtlos auf- und für Werte und Grundrechte einzustehen, die alle betreffen. Wäre sie eine unscheinbarere Person gewesen, die „nur“ den Feminismus zu ihrem Thema gemacht hätte, hätte sie möglicherweise weniger Eindruck in der Welt hinterlassen können.

Im Rückblick thematisierte Arendt die Frage nach Frauenrechten wenig, ihr eigentliches Interesse konzentrierte sich auf die überlagernde Themen wie Holocaust, Totalitarismus, und der klassischen Philosophie. Der unbestrittene „feministische“ Wert Arendts ist demnach ihr einmaliger kritischer Geist, ihre Intellektualität, die gepaart mit ihrem scharfen Sinn für das Politisch-Gesellschaftliche zu einer richtigen Waffe wurde. Diese ermöglichte es ihr, sich in Philosophie und Sozialwissenschaften zu einer der herausragendsten Vertreterin zu entwickeln; zu einer Frau, die sogar noch zu Lebzeiten große Anerkennung erfuhr und nicht erst nachträglich ihre entsprechende Würdigung erhielt, als die Geschlechtergerechtigkeit stark genug geworden war. Das Weibliche war sicher nicht konstituierend für ihr Bewusstsein, da sie das eigenständige und freiheitliche Denken als höchstes Gut einschätzte, nicht die inhaltliche Beeinflussung, die eine reine Fokussierung auf das Frau- oder Jüdisch-Sein mitsichbrächte, argumentierte die Journalistin Antje Schrupp. So verleiht sie dem Denken und Handeln die ultimative Bedeutung, das „wer-bin-ich“ als fundamental wichtiger als das „was-bin-ich“, eine Antwort darauf, warum sie nicht einfach „nur“ eine Frau oder eine Jüdin sein wollte.

Genau dieser Ansatz kann heute noch immer als äußerst hilfreiches Instrument dienen, wachsam und kritisch zu bleiben, wenn es darum geht, ob das Moralische Teil des politischen Handelns ist oder ob es verloren geht. In diesen Tagen, in denen rechte und autoritäre Kräfte von Washington DC (Trump), London (Brexit), Budapest (Orbán), oder Ankara (Erdoğan) wieder mehrheitstauglich sind und wo Menschen wieder Diskriminierung, Rassismus, und das Aussetzen bestimmter unveränderlicher Grundrechte erleben, erscheinen Arendts Werke wie dringliche Mahnungen. Das Böse manifestiert sich oft eben nicht im teuflisch-dämonischen, es geht eher einher mit dem Banalen, das in sich aber etwas Furchtbares birgt, und das durch praktisch akkumuliertes unbedachtes Handeln zur Katastrophe führen kann. Heute geben sich die AnführerInnen der rechten Bewegungen als bürgerliche, tugendhafte, und rechtsschaffende VolksvertreterInnen, große Teile (nicht nur) der „liberalen Welt“ sind den nationalistischen und illiberalen Verheißungen schon verfallen, eine schweigende Mehrheit könnte genau das zulassen, was Arendt vor vielen Jahrzehnten eindrucksvoll beschrieb: Menschen werden ihres menschlichen Wesens beraubt, werden als wertlos klassifiziert. Nur wer nicht aufhört, kritisch, eigenständig, und nach moralischen Standards zu denken und handeln, kann durch seinen Widerstand die folgenschwere Dekonstruktion der Demokratie verhindern. Die außergewöhnliche Person Hannah Arendt hat mit ihren Gedanken zu den großen Fragen eines ereignisreichen Jahrhunderts eine Basis gelegt, die zeitlos erscheint und an denen nicht nur Frauen und Mädchen in der Woche des Internationalen Frauentags Begeisterung, Inspiration, und Ansporn finden können.

Neben der äußerst sehenswerten Arte-Dokumentation über die Bedeutung Arendts auch vierzig Jahre nach ihrem Tod, ist auch die biographische Arte-Verfilmung sehr zu empfehlen.


Dieser Artikel ist Teil des Freiheitsliebe-Specials zum Internationalen Frauentag am 8. März.

Über den Autor

Politikwissenschaftler // Universität Aalborg, Dänemark // Schwerpunkte: Türkei, Kurdistan, EU/Europa