Von © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, Link

Gazakrieg im Karneval: Freiheit oder Diskriminierung?

Die fünfte Jahreszeit in Deutschland soll eine Zeit des ausgelassenen Feierns und der kreativen Entfaltung sein. Der Karneval bot dabei schon immer eine Plattform für politische Statements. Doch wenn politische Themen auf den Wagen der Närrinnen und Narren Einzug halten, ist Vorsicht geboten, wie der diesjährige Karneval und die Kontroverse um die Darstellung des Kriegs in Gaza zeigen.

Wegen der aktuellen angespannten politischen Lage auf der Welt, insbesondere wegen des seit vier Monaten andauernden Kriegs in Gaza, war es erwartet worden, dass dies auf dem Karneval in Deutschland thematisiert wird. In vielen Städten deutschlandweit, unter anderem Düsseldorf, Köln und Braunschweig, nahmen Mottowägen zum Thema an Umzügen teil. In den sozialen Netzwerken kursieren Fotos und Videos von zwei der Wägen in Köln und Düsseldorf – allerdings nicht wegen ihrer Großartigkeit, sondern wegen ihrer einseitigen Darstellung des Konflikts. Sowohl in Düsseldorf als auch in Köln haben es die Wagenbauer versäumt, eine ausgewogene Perspektive auf das komplexe Thema des Nahostkonflikts zu präsentieren. Stattdessen wurden stereotype Bilder verwendet, die zu einer weiteren Polarisierung beitragen könnten.

Einseitige Darstellung

Der Wagenbauer Jaques Tilly wollte den Nahostkonflikt auf dem Düsseldorfer Karneval darstellen, doch ohne sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Allerdings entspricht die Realität nicht dem Wunsch des Künstlers. Denn mit seiner Darstellung verharmlost er offenkundig die Tötung von mehr als 27.000 Palästinenserinnen und Palästinensern, mehrheitlich Frauen und Kinder, und stellt die israelische Armee so dar, als wäre sie dazu gezwungen, auf Zivilistinnen und Zivilisten zu schießen.

Einige Beobachterinnen und Beobachter konnten den Versuch von Tilly allerdings nachvollziehen und sahen die Darstellung weniger kritisch, etwas, wovon die Darstellung in Köln ganz weit weg ist. Denn der Kölner Wagen hat sehr eindeutig Stereotype und Klischees über die Palästinenserinnen und Palästinenser reproduziert. Der Überraschungswagen des Festkomitees Kölner Karneval sollte den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft thematisieren. Der Wagen mit dem Titel „Der Besuch der alten Dame“ zeigt eine alte Frau mit Kufiye und einer Schärpe, auf der „Antisemitismus“ zu lesen ist. An der Leine hält sie zwei Hunde, die Hass und Gewalt verkörpern und Halsbänder in den Farben der Palästina-Flagge tragen.

Diese Art der Thematisierung stellt Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland unter Generalverdacht, in dem Klischees reproduziert wurden, dass sie Hass, Gewalt und Antisemitismus verbreiten würden. Durch diese Art der Darstellung werden Vorurteile reproduziert und verfestigt.

In den vergangenen vier Monaten wurden etliche Pro-Palästina-Demos im Vorfeld verboten, um vermeintliche Straftaten zu unterbinden. Der Karneval ist zwar keine Demo, sondern ein Ort, an dem jede und jeder die Freiheit hat, sich auszudrücken, wie er oder sie möchte. Allerdings ohne Diskriminierung oder Rassismus zu verbreiten und Klischees oder Stereotype zu reproduzieren. Deshalb hätten die Wägen vorher geprägt werden müssen, um die Stigmatisierung und Diskriminierung von Gruppen, wie den Palästinensern, zu verhindern.

Klar ist, dass der Nahostkonflikt eine komplexe Angelegenheit ist, die keine einfache Schwarz-Weiß-Darstellung zulässt. Allerdings trägt die einseitige Betonung bestimmter Aspekte des Konflikts auf den Karnevalswägen nicht zur Förderung eines differenzierten Verständnisses bei, sondern verstärkt vielmehr Stereotype und Feindbilder.

Deshalb ist es zu betonen, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland eine vielfältige Gruppe sind, die ebenso wie jede andere Gruppe respektiert und nicht pauschal verurteilt werden sollte. Die Verbreitung von Vorurteilen kann soziale Spannungen verschärfen und dazu führen, dass Palästinenserinnen und Palästinenser noch häufiger Opfer von Rassismus werden.

Ein Beitrag von Ahmad Shihabi, freier Journalist

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank für diesen sehr guten Beitrag. Angesichts des Bildes des entsprechenden Wagens bin ich sprichwörtlich vom Glauben an das Gute im Menschen abgefallen. Was soll ich meiner (angeheirateten )palästinensischen Familie sagen, wenn sie mich fragen, warum man in Deutschland so etwas zulässt? Es ist mir ein Rätsel, wie man so einseitig Stellung beziehen kann und abgesehen davon, ist die tragische Entwicklung in Gaza aus meinen Augen auch kein Thema, was auf so einem Karneval thematisiert werden sollt. Besonders problematisch finde ich auch die Gleichsetzung des palästinensischen Koffiyes mit Antisemitismus und Hass. Eigentlich steht es für die palästinensische Identität. Ich stehe wirklich unter Schock. Daher danke ich Ihnen aus ganzen Herzen für die differenzierte Darlegung.

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