Black Panther: Interessante Idee – vergebene Chance!

10. März 2018 - 16:34 | | Kultur | 0 Kommentare

Der neue Marvel-Superheldenfilm “Black Panther“ verspricht viel, kann aber leider wenig davon halten, bedauert Phil Butland

Zunächst einmal will ich betonen, dass das Erscheinen des Films „Black Panther“ ein großes Ereignis ist. Ein Film von einem schwarzen Regisseur und mit großteils schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern, der ein großes Publikum anzieht (die Kinos sind immer noch gut gefüllt). Ich hoffe, dass es noch tausend Fortsetzungen geben wird und – noch wichtiger – dass er die Bosse in Hollywood endlich ermutigt, ein bisschen Geld für andere schwarze Filmemacher und Schauspielerinnen und Schauspieler herauszurücken.

„Black Panther“ ist visuell atemberaubend – das liegt teilweise an den effektgeladenen Wissenschaftszenen, aber  vor allem an  den afrikanischen Landschaften. Es gibt fantastische Choreografien und die Inszenierung wirkt von Anfang bis Ende sehr opulent. Ob dies das Ergebnis toller Drehorte ist oder durch Hightech-Effekte am Computer erzeugt wurde, spielt eigentlich keine Rolle. Kunst ist Kunst und die Szenen sehen fabelhaft aus, egal, wie sie zustande kamen.

Prügeleien und Verfolgungsjagden

Es ist daher umso bedauerlicher, feststellen zu müssen, dass der Film leider ein großes Schlamassel ist – sowohl künstlerisch als auch politisch. Ich sollte diese Behauptung allerdings unter einer Einschränkung machen: Ich gehöre nicht zum Zielpublikum des Films, also zählt meine Meinung wohl nicht so viel. Ich finde die ganzen Marvel- oder Avengers- usw. Fortsetzungsfilme zynisch und ausbeuterisch, mein Lieblings-Batman ist immer noch Adam West aus der Serie der 1960er-Jahre und Filme, die sich um Prügeleien und Verfolgungsjagden drehen, lassen mich ziemlich kalt. Und das ist schade, weil es in „Black Panther“ viele Prügeleien und Verfolgungsjagden gibt.

Ich habe den Eindruck, dass Superheldenfilme ein grundsätzliches Problem haben, nämlich, dass es ihnen fast ausnahmslos an dramatischer Spannung fehlt. Es ist kein großer Spoiler, zu verraten, dass der Black Panther einen Spezialanzug hat, der mittels „kinetischer Energie“ Kugeln umlenken kann, weil das nur eine Variation des Themas ist, das überall im Genre zu finden ist. Es ist egal, wie klein die Gewinnchancen des Helden aussehen, wenn er (oder sehr gelegentlich sie) die notwendigen Superkräfte hat, um unbeschadet überall herauszukommen.

Damit kommen wir zum zweiten Defizit der meisten Superheldenfilmen, vor allem der großen Franchiseproduktionen: Der Gute ist eindeutig gut und der Böse die Verkörperung von Übel und daran kann sich auch nichts ändern. Da ist „Black Panther“ zwar ein besserer Film als die meisten, weil es einen Bösewicht gibt, den viele sympathisch finden (dazu später mehr), aber die Struktur des Films ist so beschränkend, dass auch hier ein rebellisches Risiko fehlt.

Alternative zur westlichen Konsumgesellschaft

Das müsste nicht so sein, nicht mal in der Zwangsjacke eines Genrefilms. Tatsächlich basiert „Black Panther“ auf einigen interessanten Ideen. Wir befinden uns im Königreich Wakanda – ein Außenposten Afrikas, der irgendwie den räuberischen Interessen des westlichen Kolonialismus entgangen ist. Auf der Grundlage des Wunderminerals Vibranium hat Wakanda eine funktionierende Wirtschaft aufgebaut und wäre in der Lage, sowohl wirtschaftlich wie auch militärisch mit dem Westen zu konkurrieren. Stattdessen hat sich im Königreich eine eigene schwarzafrikanische Gesellschaft als Alternative zum westlichen Konsumismus entwickelt. Das ist eine machtvolle Botschaft in einem Film aus Hollywood, das immer noch von den Geschichten weißer Männer dominiert ist.

Aus dieser Situation entstehen einige ethische und politische Dilemmas. Wakanda ist zwar unentdeckt vom Rest der Welt, aber man weiß dort, was anderswo geschieht. Kann eine Gesellschaft von schwarzen Menschen sich einfach zurücklehnen und den täglichen Rassismus in anderen Ländern einfach hinnehmen? Gibt es Argumente für Aufrüstung und die Entwicklung von Militärtechnologie? Sollte Wakanda ihr egalitäres Gesellschaftsmodell exportieren oder wäre das genauso so schädlich wie der liberale Imperialismus des Westens? Solche Fragen werden flüchtig aufgeworfen, dann aber auf dem Weg zum nächsten Faustkampf schnell wieder vergessen.

Die Geschichte einer privilegierten Elite

Black Panther gehört zu einer stolzen Tradition utopischer Filme, die eine bessere Gesellschaft zeigen. Allerdings erfahren wir sehr wenig darüber, wie diese Gesellschaft tatsächlich funktioniert. Zunächst ist auf den ersten Blick ersichtlich, dass diese Gesellschaft weit entfernt von einem egalitären Paradies ist. Wakanda ist eindeutig ein „Königreich“. Die einzigen wichtigen Menschen sind große Männer mit königlichem Blut, die gut im Kämpfen sind. Klar, ein paar Frauen dürfen dabei sein (mehr als in den meisten anderen Mainstreamfilmen). Eine kann Wissenschaft und eine versteht sich auf Waffen oder so was. Aber jedes Mal, wenn eine echte Entscheidung getroffen werden muss, um etwas zu verändern, sind wir wieder bei den großen Männern, die gut kämpfen.

Immerhin dürfen die Frauen auftreten – und auch gelegentlich zwischen den Kampfszenen ihre Meinungen und Ideen äußern. Manche Frauen dürfen sogar Speere tragen und werfen. Aber die Welt außerhalb des königlichen Hofs wird komplett ausgeblendet. Wakandas Wirtschaft mag auf Vibranium begründet sein, doch über die Interessen und Hoffnungen der Menschen, die in den Vibraniumbergwerken arbeiten, erfahren wir nichts.

Es ist eindeutig die Geschichte einer privilegierte Elite. Auch der Straßenkämpfer, der in den Slums von Oakland aufgewachsen ist, wird nur aufgrund seines königlichen Bluts interessant gefunden. So großartig die antirassistische Botschaft des Films ist, bleibt er doch von den überkommenen Machtstrukturen gefangen. Auch auf der künstlerischen Ebene ist „Black Panther“ bedrückend konservativ und abhängig von sehr konventionellen und unglaubwürdigen Plotentwicklungen.

Dies ist schwierig auszuführen, ohne auf die Handlung des Films einzugehen, also sei im folgenden vor SPOILERN gewarnt. Wer den Film noch nicht gesehen hat und nicht wissen will, was passiert, hört hier besser auf zu lesen und kommt später wieder.

Das Potenzial an moralischer Zweideutigkeit…

Fangen wir mit der lächerlichsten Plotwendung an. In der Mitte des Films stirb der Held. Kein Zweifel möglich, er fällt einen riesigen Wasserfall herunter, es gibt keine Möglichkeit, das zu überleben. Aber natürlich glaubt niemand im Kino, dass wirklich tot ist. Wir wissen ja, dass er noch für die Fortsetzung gebraucht wird. Das bedeutet, dass seine Rettung und Genesung (Hoppla! Sie haben seinen Körper gefunden, und er ist fast tot, aber nicht ganz. Und schau mal! Hier sind traditionelle Zaubertränke, mit denen er geheilt werden kann) wahnsinnig uninteressant ist. Er wird wiederbelebt, weil die Buchhalter das so wollen.

Den ganzen Film über – vom Kasino und den Verfolgungsjagden in Südkorea, die an Roger Moores Ära der James-Bond-Filme erinnern, bis kurz vor dem Ende, als die blaublütigen Rebellen einen günstigerweise unbeaufsichtigten Kampfjet finden – wird ein kohärenter Plot zugunsten von Kampfszenen geopfert. Und Hand in Hand mit diesem künstlerischen Konservatismus geht ein äquivalenter politischer Konservatismus.

Das bedeutet nun nicht, dass der Film keine mutigen Schritte unternimmt. Am Anfang des Films  amüsiert sich Andy Serkis großartig in der Rolle des Südafrikanischen Waffenhändlers Ulysses Klaue. Eine Zeitlang sieht es so aus, als ob Klaue als der unzweifelhafte Bösewicht aufgebaut wird. Dann wird er ohne Vorwarnung kurzerhand getötet (anscheinend wird Serkis für die Fortsetzung nicht benötigt) und ein Konflikt zwischen zwei schwarzen Charakteren wird dafür aufgebaut. Dieser Zug ist potenziell sehr interessant. Gleiche Chancen für schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler bedeutet Zugang zu allen Hauptrollen – Helden und Heldinnen genauso wie Schurkinnen und Schurken. Und ein Konflikt zwischen zwei Menschen mit berechtigen Ansprüchen auf Autorität birgt ein viel größeres Potenzial moralischer Zwiespältigkeit als ein Kampf zwischen einem edlen schwarzen Prinz und einem bösen Waffenhändler. Das Problem ist nur, dass der Film vollkommen dabei versagt, diese Mehrdeutigkeit zu zeigen, und stattdessen in seiner Unterstützung des alten Regimes kein bißchen schwankt.

… wird eindeutig flach vergeben

Im Mittelpunkt des Films steht der Kampf zwischen dem jungen König T‘Challa (Chadwick Boseman), der Wakandas Isolationismus beibehalten will, und Killmonger (Michael B. Jordan), der Wakandas wirtschaftliche und militärische Macht einsetzen will, um schwarze Befreiungskämpfe in anderen Ländern zu unterstützen (er hat sogar ein Public Enemy Plakat an der Wand – gut gemacht!). Aber diese Debatte wird nie wirklich geführt. T‘Challa muss seine Meinung nie verteidigen und Killmonger wird als machtgeiler Egozentriker bloßgestellt, dem es nur um ihn selbst geht. Die Idee, sich zum Beispiel mit den Menschen, die im Westen gegen Rassismus kämpfen, zusammenzutun, ist nicht der Rede wert.

Leider gibt es keinen echten Zweifel, auf wessen Seite wir sein sollen, und was eine revolutionäre Diskussion über Macht und Verantwortung hätte sein können, steht letztendlich voll hinter dem Status Quo. Der Film animiert uns die ganze Zeit, den König zu bejubeln, der gut im Kämpfen ist, sowie den netten CIA-Mann, der von Tim aus der Fernsehserie „The Office“ gespielt wird. Die Idee, dass diese Machtstrukturen in Frage gestellt werden könnten, kommt nie von jemandem, der kein Erzschurke ist.

Da wir gerade über Tim aus „The Office“ reden… Seit seinem Durchbruch beim Fernsehen hat der Schauspieler Martin Freeman die Darstellung von sympathischen Charakteren, mit denen das Publikum sich identifizieren kann, zu seinem Beruf gemacht. Und es bezeugt seinen Ruf und sein Talent, den jedermann zu geben, dass wir uns kaum fragen, warum ein Mann, der sein Leben lang auf Befehl der US-Regierung fremde Länder destabilisiert hat, plötzlich zu den Guten gehören soll.

Aber das gehört zum politischen Kern des Films – die Vorstellung, dass alle Veränderung von oben kommt und nur wichtige Leute Macht haben. Da passt es gut, dass es der Typ vom CIA für verdeckte Operationen ist, der die Flugzeuge abschießt, welche den Opfern von Rassismus im Westen solidarischen Beistand bringen sollten. Er hat vielleicht neue Verbündete gefunden, aber sein Job bleibt nach wie vor derselbe.

Quatsch mit Soße

Damit sind wir bei dem, was der Film uns zu bieten hat. Da ja nun die Idee eines Aufstehens gegen Rassismus ausgeschlossen wurde, sollen wir als eine Art globaler Nichtregierungsorganisation die Leute dazu auffordern, nett zueinander zu sein. Und auf welchem Forum werden wir das tun? Natürlich auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen zwischen den neoliberalen Regierungsführern (die Bilbo Baggins von der CIA einen Gastplatz eingeräumt haben). Wenn der König, der gut im Kämpfen ist, zu den Bonzen der UNO sagt, es gebe „mehr, das uns verbindet als uns trennt“, sagt er viel mehr, als er selbst denkt.

Spielt das alles überhaupt eine Rolle? Wahrscheinlich nicht, weil ein guter Film nicht besonders kohärent oder glaubwürdig sein muss – wie alle bestätigen können, die gerade „Das Flüstern des Wassers“ gesehen haben. Aber während dieser Film Menschlichkeit und eine Leidenschaft für Ideen ausstrahlt, gelingt es „Black Panther“ nie, sein eigenes Universum zu durchbrechen. Letztendlich ist der Film nur Quatsch mit Soße. Gut, dass er gedreht wurde, aber bitte drängt mich nicht dazu, mir die unvermeidliche Fortsetzung anzusehen.

Diese Rezension wurde ursprünglich auf Englisch auf der Webseite der LAG Internationals der LINKEN Berlin veröffentlicht.

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