Italo Calvino: Wo Spinnen ihre Nester bauen

5. März 2018 - 16:55 | | Kultur | 2 Kommentare

Selten hat mich ein anderer Geist so berührt und begeistert wie Italo Calvino. Bei jeder Zeile wurde ich das Gefühl nicht los, ein guter Freund erzähle mir seine Geschichte. Als säße ich nicht in meinem Wohnzimmer, sondern mit ihm in der Bar und würde langsam am Bier nippen, während er sein Leben vor mir ausbreitet wie eine Schlachtkarte. Die Schlachtkarte einer verlorenen Kindheit und die eines Kampfes um Freiheit und ums Erwachsenwerden.

So erzählt Calvino die Geschichte eines italienischen Jungen. Ohne Eltern, ohne Perspektive oder einen Kompass der ihn durch‘s Leben führen wird. Nur kaltes Lachen der Männer in der Spelunke und die gespielten Schreie ihrer Schwester, nachts wenn die deutschen Soldaten kamen. Sonst nichts. Nichts bleibt dem kleinen Jungen, woran es sich noch lohnen würde, in diesem kalten, farblosen, faschistischen Italien festzuhalten. Nichts, was man noch vermissen könnte oder würde. Nichts hält ihn mehr davon ab, eine Pistole zu stehlen und zu rennen, rennen, rennen. So lange die Füße einen noch tragen, so lange noch Atem in den kleinen Lungen ist, so lange er diese alte Welt nicht mehr sehen muss. Nur bei den Partisanen, den Träumern des Neuen und Schlächtern des Alten, kann er Wärme finden und bei ihnen die wahren Farben Italiens entdecken!

Calvino erzählte eine Geschichte der Verzweiflung und der Hoffnung, der Moral und dem Abgrund des Menschen. Er sagte immer das, was niemand hören wollte. Und er schämte sich dafür nicht! Er log nicht, er log nie, er erzählte immer die Wahrheit. Und sie tat weh. Vielen. Damals und heute. Aber sie gab denen, die es wagten zu träumen, und deren Augen nicht vom Licht des falschen Sieges geblendet waren, neuen Mut und neue Kraft. Wir alle können noch auf unseren Cugino hoffen. Seit dem begleitet mich diese Geschichte. Ich werde sie nie vergessen und nie aus der Hand legen, gerade in Zeiten wie diesen. Wo das Unrecht, Recht wird.

Über den Autor

Julius ist Publizist und Blogger mit dem Schwerpunkt auf Literatur und Literaturkritik. Seit Jahren engagiert er sich in Politik und Bewegung.

2 Kommentare

  • 1
    günter meisinger says:

    auch ich liebe diese geschichte sehr. doch du vergißt etwas entscheidendes, was etwas licht in das leben des geschilderten jungen bringt: seine Freundschaft mit einem älteren Partisanen. dem er endlich seine Entdeckung zeigen kann: wo die spinnen ihre nester bauen. (daher der titel des buches). wirklich rührend.

    • 1.1
      Julius Zukowski-Krebs says:

      Günter du hast selbstverständlich Recht. Ich wollte aber nicht gleich alles verraten, schließlich sollte das Buch auch gelesen werden. Wenn du aber genauer hin siehst wirst du auch einen Verweis auf den Partisanen bemerken.