Zwischen Kita und Hörsaal

3. Dezember 2014 - 14:00 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Überwiegend Frauen kümmern sich neben dem Studium um Kinder oder andere Angehörige. Zeit, dass sich etwas ändert, findet Bettina Gutperl. 

6:55 Uhr. Maria gähnt und versucht sich mit Hannah in ihrem Kinderwagen an einer Gruppe wankender Menschen vorbei zu zwängen. Maria hat nicht wie die anderen die ganze Nacht durchgefeiert und ist jetzt auf dem Heimweg. Sie bringt ihre dreijährige Tochter in die Kita, um zum Uni-Seminar zu fahren. Maria studiert mit Kind.
Die 26-jährige hat ihren Stundenplan nicht nach ihrem Interesse zusammengestellt. Dann würde sie heute erst nachmittags in die Uni gehen und sich in die spannende Vorlesung zu Stadtsoziologie setzen. Doch um 16 Uhr muss Maria schon wieder auf dem Weg zur Kita „Regenbogen“ sein, um Hannah abzuholen.

Laut Statistik haben 5 Prozent der Studierenden ein oder mehrere Kinder. Anteilig sind es 6 Prozent der weiblichen Studierenden und 4 Prozent der männlichen Studierenden, die mit Kind die Uni besuchen. Studentinnen sind von der Doppelbelastung Familie und Studium also häufiger betroffen. Care-Tätigkeiten werden überproportional oft von Frauen geleistet. Sie umfassen Fürsorge- und Pflegetätigkeiten, die sowohl im familiären als auch im institutionellen Umfeld geleistet werden. Es handelt sich dabei beispielsweise um die Pflege von älteren Angehörigen, Versorgung und Erziehung von Kindern, sowie Hausarbeiten wie Kochen oder Putzen.

Erasmus mit Kleinkind?

Studierende Mütter und Väter haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Zum Beispiel bei der Suche nach einer Wohnung. Die muss nämlich Platz für ein Kind bieten, in der Nähe der Kita und gleichzeitig campusnah sein. Und selbst bei passender Wohnung bleiben viele Fragen offen: Wer kümmert sich um das Kind, wenn es während der Prüfungsphase krank wird? Welcher Prof lässt Studierende mit Kind in die Vorlesung? Muss man mit Kind auf ein Auslandssemester verzichten? Wie viel Zeit bleibt für Partys, Kreativität, politisches Engagement und Freundinnen, wenn die durchschnittliche Arbeitszeit bei 42 Stunden pro Woche liegt und dazu noch die Care-Arbeit kommt? Wenig. Aus diesem Grund bevorzugen Studis mit Kind ein Teilzeitstudium (21 Prozent) gegenüber einem Vollzeitstudium (4 Prozent). Die restlichen studierenden Eltern wählen entweder ein berufsbegleitendes oder duales Studium. „Viele studentische Eltern wollen wegen ihrer Kinder besonders schnell mit dem Studium fertig werden und halsen sich sogar noch mehr auf, als regulär gefordert wird“, meint Stefan Kühnapfel, der an der Universität Oldenburg Studierende mit Kind berät. „Ein Studium ist als Vollzeitstudium angelegt und ein Kind braucht eine 24-Stunden-Betreuung.“ Daher sei man mit einem Teilzeitstudium gut beraten. Besonders hilfreich sei es, Netzwerke mit anderen studierenden Eltern zu knüpfen. „So kann man sich beispielsweise mit der Betreuung der Kinder abwechseln.“

Durchschnittlich sind Studis mit Kind 31 Jahre alt und damit 7,6 Jahre älter als ihre kinderlosen KommilitonInnen – bedingt durch längere Studienzeiten, die zum Beispiel durch die Schwangerschaft oder zusätzliche Erwerbstätigkeit entstehen. Sonja Simnacher, die im Auftrag des Studentenwerks München schwangere Studentinnen berät, weiß, dass viele NachwuchsakademikerInnen Geldsorgen haben. „Wir können da viele beruhigen“, erzählt die Sozialpädagogin Simnacher. Für diese Eltern gebe es mehr BAföG und es kämen besondere Einmalzahlungen wie das „Windelstipendium“ der Universität Trier hinzu.

Windelstipendium reicht nicht

Doch natürlich ändert ein „Windelstipendium“ nichts in unserer Gesellschaft, die das Sorgen für Menschen nicht als gesellschaftlich notwendige Arbeit ansieht und die einzelnen Personen mit der Vereinbarkeit von Studium, Job und Kind allein lässt. Für das Bündnis zum Frauen*kampftag geht es um mehr als das. Denn die Care-Arbeit für Menschen gilt immer noch als klassische „Frauenarbeit“ und wird als Erwerbsarbeit gering und in der Familie gar nicht entlohnt. Diese Arbeit müsse laut Bündnis unter allen Menschen neu verteilt und aufgewertet werden.

Darüber hinaus geht es dem Bündnis darum, das Scheitern an gesellschaftlichen Rollenerwartungen an die Frau, wie etwa perfekte Mutter und gleichzeitig Karrierefrau zu sein, als neoliberale und patriarchale Ideologie zu enttarnen und dieser etwas entgegenzusetzen. Jeder und jedem solle eine Lebensplanung möglich sein, die auf den eigenen Bedürfnissen beruht.

Das Bündnis ruft für den 8. März 2015 zum zweiten Mal zum Frauen*kampftag auf. Dort geht es um den politischen Kampf für die Rechte der Frauen, gegen Diskriminierung in allen Bereichen und die konkreten und alltäglichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen* ohne und mit Kindern, Alleinerziehenden, Studentinnen, Mädchen*, Women of Colour und ganz vieler anderer Frauen*. Auch Maria wird hinfahren. Und Hannah wird im Kinderwagen mit dabei sein.

* Das Sternchen schließt Trans-Frauen und Inter-Menschen explizit ein.

Der Artikel von Bettina Gutperl erschien zuerst auf critica-online.de

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