Liebe – Die Lösung für den Nahen Osten? Im Gespräch mit Joujou (peace factory)

27. März 2015 - 12:08 | | Gesellschaft | 0 Kommentare
Not ready to die in ure war - Quelle: Peace factory
Not ready to die in ure war - Quelle: Peace factory

2012 erregte eine Aktion gegen die damals noch viel bedrohlichere Situation zwischen Israel und dem Iran Aufmerksamkeit. Junge Israelis und IranerInnen stellten sich gegen den Krieg, ähnliches gab es von PalästinenserInnen und Israelis gegen Besatzung und Krieg. Wir haben mit Joujou, die Aktionen damals mit angestoßen hat, gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Joujou, danke, dass Du dir Zeit genommen hast. Du bist Administratorin der Facebookseite „Palestine-loves-Israel“ mit über 26.000 likes. Kannst Du uns ein wenig über die Geschichte erzählen, wie es zu dieser Idee gekommen ist?

Joujou: Ich bin Deutsch-Palästinenserin und die Hälfte meiner Familie lebt im Nahen Osten, vor allem im Libanon. Darum google ich gewohnheitsmäßig die News aus dieser Region. Eines Tages, im März 2012, stieß ich dabei auf eine Schlagzeile: Israel loves Iran. Ich dachte, es muss ein Scherz sein, klickte auf den Artikel und staunte. In dem Artikel ging es um Ronny Edry, einen israelischen Grafik-Designer, der auf Facebook eine Friedensbotschaft an die Menschen aus dem Iran gesendet hat. Dieses Poster mit der Nachricht „Iraner, wir wollen euch nicht bombardieren, wir lieben euch“ ging viral, kurze Zeit später antworteten die ersten Iraner mit einem ähnlichen Poster und der Rest ist Geschichte. Das war die Geburtsstunde der FB Seite Israel-loves-Iran, auf der zum ersten Mal überhaupt Israelis mit Iranern direkt kommuniziert haben, sich gegenseitig kennengelernt haben. Ich ging auf diese FB Seite und sah, dass auch Araber und viele andere sich an dem Dialog beteiligten. Ich war sehr tief berührt davon und schrieb Ronny, den Initiator der Seite an und dankte ihm für seine Initiative.

Daraus entwickelte sich ziemlich schnell ein intensiver Dialog, der zunächst nur auf FB geführt wurde. Ronny ermutigte mich, als Palästinenserin eine ähnliche Seite ins Leben zu rufen. So gründete ich Palestine-loves-Israel.

Es gibt in der Zwischenzeit etliche andere solche Seiten wie beispielsweise Iran-loves-Israel, Israel-loves-Palestine, Ukraine-loves-Russia, Russia-loves-Ukraine und seit kurzem sogar Europe-loves-Islam.

Wenig später beschlossen wir, eine NGO zu gründen um unser Projekt quasi unter ein gemeinsames Dach zu stellen und nannten das ganze „The Peace Factory.“

Die Freiheitsliebe: Die Peace Factory hat mehrere Projeke wie dieses, zum Beispiel auch „Iran loves Israel“, „Israel loves Palestine“. Habt ihr, die Administatoren, durchgehend Kontakt zueinander, sprecht ihr euch ab und was ist eure Vision?

Joujou: Ronny, seine Frau Michal und ich sind sehr enge Freunde geworden und kümmern uns gemeinsam um das Projekt Peace Factory. Wir geben Vorträge, Workshops und brachten kürzlich ein Online-Magazin heraus, The SandBox. Auch mit den meisten der anderen Admins, z.B. Noa von Israel-loves-Palestine und Majid von Iran-loves-Israel sowie Roya von Iran-loves-Israel-and-Palestine stehen wir in engem Kontakt. Wir koordinieren zum Beispiel Facebook-Aktionen gemeinsam und versuchen auch, gemeinsam Vorträge zu halten. Ich reise auch jedes Jahr zu Ronny und Michal nach Isarel um gemeinsam an Projekten zu arbeiten.

Unsere Vision ist ganz simpel: Wir glauben, dass Frieden nur von den Menschen, also vom Volk ausgehen kann. Frieden passiert dann, wenn die Menschen keine Angst mehr voreinander haben. Und um das zu erreichen, muss man sich kennen lernen, muss persönliche Kontakte und Freundschaften pflegen. Dafür sind wir da: Wir bieten den Menschen aus dem gesamten Nahen Osten (und natürlich auch aus dem Rest der Welt) eine Plattform, auf der echte Freundschaften entstehen können und zwar grenzüberschreitend.

Dabei beobachten wir immer wieder, wir sich Menschen selbst regelrecht de-radikalisieren, wie sie ihre Einstellung ändern und ihr Misstrauen, oft sogar ihren Hass auf „die andere Seite“ überwinden, einfach nur indem sie Freunde werden. Für mich ist das immer noch ein Wunder, aber ein Wunder, das auf unseren Seiten regelmäßig stattfindet.

Die Freiheitsliebe: Wie man oft unter euren Beiträgen lesen kann, inspirierst du viele Menschen und gibst ihnen Hoffnung auf Frieden. Ist das aber nur im Internet so oder kriegst du solche Rückmeldungen auch im Alltag (oder bei anderer politischer Arbeit)?

Joujou: Ich bekomme gerade auf Vorträgen und Workshops viele solcher Rückmeldungen, wenn ich von unserer Initiative erzähle. Es scheint geradezu so, dass die Leute regelrecht ausgehungert sind, nach guten Nachrichten, nach Geschichten, die Hoffnung machen. Dazu muss man aber sagen, dass die eigentliche Inspiration nicht ich bin, sondern die Menschen die auf unseren Seiten miteinander in Dialog treten. Wir stellen nur die Plattform zur Verfügung, geben Anregungen, schreiben Posts und moderieren die Seite. Die Freundschaften die auf Palestine-loves-Israel und den anderen Seiten entstehen, sind die wahre Inspiration, denn diese Geschichten machen wirklich Hoffnung auf Frieden.

Ob ich im Alltag auch eine Quelle der Inspiration bin, müsst ihr meine Arbeitskollegen fragen…

Die Freiheitsliebe: Die Wahlen in Israel sind vorbei. Viele befürchten einen neuen Krieg, wenn sich nicht endlich etwas Grundlegendes ändert. Was ist dein Gefühl bei diesem Ergebnis?

Ich war vom Wahlausgang enttäuscht, wie die meisten, die sich einen Wechsel erhofft hatte, war aber nicht wirklich überrascht. Nethanyahu hat gewonnen, weil die Mehrheit der Menschen in Israel immer weniger Hoffnung auf Frieden hat. Und aus diesem Fatalismus heraus wählen sie die Partei, die ihnen zumindest Sicherheit (oder den Anschein davon) verspricht und nicht diejenigen, die sich auf lange und anstrengende Friedensbemühungen einlassen wollen.

Seit es die Peace Factory gibt, haben wir 2 Kriege im Gazastreifen erlebt, einen im November 2012 und den anderen im Sommer 2014. Beide waren entsetzlich und unglaublich nervenaufreibend, kosteten etliche Menschenleben und sie haben an der Situation rein gar nichts geändert. Nethanyahu hat gezeigt, dass er Krieg nicht scheut, selbst wenn er noch so unsinnig und kontraproduktiv ist. 4 Jahre Likud-Regierung können leicht in weitere Kriege ausarten, zumal die Hamas im Gaza Streifen nach dem letzten Krieg ihre Machtbasis eher noch gestärkt hat und ein Machtwechsel in Gaza leider sowieso nicht zu erwarten ist. Wir haben eine echte Patt-Sitation hier und es muss sich etwas Grundlegendes ändern, um aus dieser Sackgasse heraus zu kommen. Eventuell kann hier mit etwas Druck von den USA eine Veränderung erreicht werden. Im Grunde aber glaube ich nach wie vor daran, dass eine echte Veränderung nur von den Menschen selbst ausgehen kann. Deswegen werden wir gerade jetzt noch viel intensiver daran arbeiten, die Menschen auf beiden Seiten zusammen zu bringen und die Grenzen in den Köpfen abzubauen.

Die Freiheitsliebe: Noch kurz vor dem Wahltag meinte Netanyahu, dass wenn er wiedergewählt werde, es mit ihm keinen Palästinenserstaat geben wird. Bereits einen Tag nach der Wahl ruderte er zurück und meinte, doch noch für die Zweistaatenlösung zu sein. Nur eine Besänftigung des Westens oder nun doch längerfristiges Ziel?

Joujou: Nethanyahu ist ein geschickter Machtpolitiker, der mit seinen Aussagen mal diese und mal jene Seite für sich gewinnt. Ihm als Politiker Opportunismus vorzuwerfen ist natürlich Unsinn, da kann man auch einem Sportler vorwerfen, dass er schwitzt. Dasselbe lässt sich natürlich auch von den Politikern auf Arabischer Seite sagen, Politik, vor allem im Nahen Osten, ist nun mal vor allem ein Machtspiel.

Ich persönlich denke, dass Nethanyahu sehr bewusst zweigleisig fährt. Gegen einen Friedensvertrag mit den Palästinensern hätte er mit Sicherheit nichts, wenn es zu seinen Bedingungen stattfindet. Da er jedoch weiß, dass solche Friedensverhandlungen schwierig sind und mit unangenehmen Kompromissen verbunden sind, möchte er gleichzeitig seine Machtbasis ausbauen um im Falle eines fortdauernden Konfliktes zumindest Israels Rechte hinter sich zu wissen. Wir werden abwarten müssen, wie sich die Situation entwickelt. Vielleicht überrascht uns Bibi ja doch noch, wer weiß?

Die Freiheitsliebe: Ihr teilt Bilder mit Texten von Menschen aus aller Welt, die Frieden fordern und dies kundtun wollen. Kann euch jeder einfach anschreiben und mitmachen?

Joujou: Auf jeden Fall! Wir freuen uns immer über inspirierende Bilder oder Geschichten. Wir haben immer wieder veschiedene Aktionen, bei denen Menschen uns ihr Bild schicken können und wir machen daraus ein Poster.

In der Vergangenheit hatten wir z.B. Posteraktionen mit Slogans wie „Not ready to die in your war“, „Ready to live in Peace“ oder „Friend me for peace“.

Gerade die Friend-Me-Kampagne war sehr schön, da wir jedes Poster mit der persönlichen FB Seite der Person verlinkt haben, sodass sich die User tatsächlich mit nur einem Klick auf FB befreunden konnten. Ein User aus Ägypten bekam so auf einen Schlag 80 Freundschaftsanfragen von Israelis, worüber er sich sehr freute.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Interview

Das Interview führt Markus Bögner für die Freiheitsliebe

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