Die roten Jahre – als italienische Arbeiter ihre Fabriken besetzten

9. September 2016 - 15:07 | | Gesellschaft | 1 Kommentare

Wie sieht echte Demokratie aus? Italienische Arbeiter konnten es erleben, als sie 1919-20 ihre Fabriken besetzen. Wegen des Schlachtens im Ersten Weltkrieg wehrten sich Millionen Arbeiter in ganz Europa gegen die eigene Regierung. Die italienischen Arbeiter nahmen sich die Russische Revolution 1917 zum Vorbild, in der mit dem Zaren einer der brutalsten Herrscher und Kriegsherren gestürzt wurde. Im Krieg wurden 600.000 italienische Soldaten ermordet und 700.000 verkrüppelt.

Die revolutionäre Bewegung begann 1917 in Turin, dem Zentrum der Autoindustrie, wo die meisten Arbeiter lebten. Eine Delegation der revolutionären russischen Regierung wurde mit „Viva Lenin“-Rufen begrüßt.

Als 80 Bäckereien schließen mussten, weil sie kein Brot hatten, gingen tausende Frauen und Männer auf die Straße, forderten Brot und bald darauf das Ende des Krieges. Ein Arbeiter: „Wir hörten auf zu arbeiten, versammelten uns vor dem Fabriktor und schrien: ‚Wir haben nichts gegessen. Wir können nicht arbeiten. Wir wollen Brot.’

Der Boss meiner Firma Pietro Diatto war sehr besorgt und schmierte den Arbeitern Honig um den Bart: ‚Ihr habt recht. Wie kann jemand arbeiten, ohne zu essen?

Ich rufe gleich bei der Militärversorgung an und bestelle einen Lastwagen voll Brot. Unterdessen geht bitte zurück zur Arbeit, in eurem Interesse und im Interesse eurer Familien.’

Die Arbeiter wurden einen Moment still. Für einen Augenblick schauten sie einander an, als ob sie schweigend die Meinung der anderen abschätzten.
Dann schrieen alle gemeinsam: ‚Brot interessiert uns nicht. Wir wollen Frieden! Nieder mit den Profiteuren! Nieder mit dem Krieg!’“

Die Regierung ließ den Aufstand brutal niederschlagen. Die Armee tötete 50 Arbeiter, 800 wurden verhaftet. Doch zwei Jahre ließen sich die Soldaten nicht mehr zwingen, Arbeiter zu erschießen.

Die Arbeiter der Kriegsindustrie und Bauern, die die Armee verließen, hassten den Krieg und diejenigen, die davon profitierten. Auch nach dem Krieg hungerten viele, weil sie zu wenig Geld hatten. 1919 begannen Arbeiter im ganzen Land spontane Hungerrevolten, Streiks, Landbesetzungen, Demonstrationen und Straßenschlachten mit der Polizei.

Um ihre Streiks zu organisieren und auszuweiten, bildeten Arbeiter Fabrikkomitees. L’Ordine Nuovo, die der Revolutionär Antonio Gramsci herausgab, war eine der beliebtesten Zeitungen unter Turiner Arbeitern. Sie berichtete sowohl von den Streiks in Turin wie über die Arbeiterräte (russisch: Sowjets) in Russland und die Rätebewegung in Deutschland.

1920 erreichte die Bewegung in Italien ihren Höhepunkt. Im April streikten in Turin eine halbe Million Menschen, weil die Bosse mit Unterstützung der Regierung versuchten, die Fabrikkomitees aufzulösen.

Im Sommer streikten die Metallarbeiter im ganzen Land, weil die Unternehmer Lohnerhöhungen verweigerten. Die Bosse sperrten die Arbeiter aus.

Wenige Tage später besetzten zunächst 400.000, dann eine Million Arbeiter ihre Fabriken. Den Metallern schlossen sich Arbeiter benachbarter Gaswerke und chemischer Betriebe an.
In einigen Städten wählten die streikenden Arbeiter Räte, die neben den Streiks die Verwaltung der gesamten Stadt übernahmen. Die Räte stellten auch bewaffnete Gruppen von Arbeitern zusammen, die verhinderten, dass die Polizei die Streikenden niederschoss.

In einigen Fabriken wurde die Produktion wieder aufgenommen, um die Streikenden zu versorgen. Die Eisenbahnergewerkschaft organisierte die Anlieferung des notwendigen Materials.

Die Bosse fürchteten eine Revolution. Ein Vertreter einer Transportfirma rief bei den Fiat-Werk in Turin an und wollte den Manager sprechen:
„Hallo. Wer ist da?“
„Hier ist der Fiat-Sowjet.“
„Häää??? …Entschuldigung … Ich rufe wieder zurück.“

Doch die Arbeiter bekamen kein Geld für die Güter, die sie herstellten und konnten sich nicht ernähren. Der Staat kontrollierte noch die Banken, den Außenhandel und alles andere, was notwendig ist, um die Wirtschaft zu organisieren.

Die Arbeiter mussten den Staat im ganzen Land vollständig entmachten oder zurückweichen. Um die Revolution zu gewinnen, hätten alle Fabrikkomitees wie in Turin, stadt- und landesweite Räte wählen und bewaffnete Arbeitergruppen organisieren müssen. Damit hätten die Menschen sich gegen die Armee und die Bosse verteidigen und den Staat stürzen können.

Doch diese Ideen verbreitete lediglich L’Ordine Nuovo in Turin. In den anderen Städten vertrauten die meisten Arbeiter der Sozialistischen Partei Italiens (PSI). Sie war trotz ihres Namens die sozialdemokratische Partei Italiens, hatte aber, anders als ihre Schwesterparteien in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, den Ersten Weltkrieg abgelehnt.

Die Führung der PSI bezeichnete sich selbst als revolutionär und marxistisch, lehnte 1920 aber die Arbeiterrevolution in Italien ab, als es keine andere Möglichkeit gab. Während Karl Marx die Aufgabe von Sozialisten darin sah, die Welt zu verändern, erklärte Giacomo Serrati, ein Führer der PSI: „Wir Marxisten interpretieren Geschichte, wir machen sie nicht!“

Weil die PSI nichts unternahm, sahen viele Arbeiter keine Möglichkeit, die Herrschenden zu schlagen. Die Streiks wurden einer nach dem anderen abgebrochen.

Die Bosse unterstützten von da an die faschistische Bewegung Mussolinis. Sie wurde nach der Niederlage der Revolution schnell stärker. 1922 marschierte Mussolini mit seiner Partei-Armee in Rom ein. Er wurde Diktator und machte Italien im Zweiten Weltkrieg zum wichtigsten Verbündeten von Nazi-Deutschland.

Doch die „Zwei Roten Jahre“ zeigen, dass Arbeiter Krieg und Kapitalismus überwinden können, wenn sie dagegen kämpfen und sich organisieren.

Über den Autor

Ein Kommentar