Die Revolution ist tot. Es lebe die Revolution!

29. März 2016 - 10:48 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Heute vor 190. Jahren wurde der Sozialist und spätere SPD Gründer Wilhelm Liebknecht geboren. Wilhelm war nicht nur ein Zeitgenosse von Karl Marx, sondern auch Vater des viel berühmteren Karl Liebknecht, der als erster SPD Abgeordneter die Zustimmung zu Kriegskrediten während des 1. Weltkrieges verweigerte. Für den radikalen Revolutionär war es unabdingbar, dass sich aus dem Kapitalismus ein radikaldemokratischer Sozialismus entwickeln musste. Für ihn gab es auf der Welt nur zwei Völker bzw. typen von Menschen: Unterdrückende und Unterdrückte. An dieser Stelle findet ihr den Text Liebknechts „Die Revolution ist todt. Es lebe die Revolution!“ aus dem Sozialistischen Monatsheft von 1898.

Kein Zweifel: sie war todt, die Revolution! Todt und eingesargt oder verscharrt. In Berlin ohne Kampf und Lärm erdrosselt und eingesargt. In Wien zu Pulver und Blei begnadigt und verscharrt — in Rastatt, Mannheim, Freiburg standrechtlich erschossen und verscharrt. In Frankfurt kein Parlament mehr, und der Bundestag sich wieder aufrichtend zur alten Büttel- und Henkerarbeit. In Wien und Berlin das Triumvirat: Soldateska, Polizei, Pfaffenthum (dort geschoren, hier gescheitelt). In Berlin und Wien die wilden Orgien dynastischer Grossmachtssucht auf Kosten des deutschen Volkes und Vaterlandes. Die Verfassungen zerbrochen und an ihrer Stelle Wechselbälge reaktionärer Laune und Willkür dem Unterthanenvolk in die Wiege gelegt — die Presse zerstört, das nicht Zerstörenswerthe geknebelt, das Vereinsrecht mit einem Strick um den Hals der streberischen Beamtenservilität überliefert – Deutschland wieder ein Kirchhof, wie nach dem dreissigjährigen Krieg – überall die Ruhe des Kirchhofes. Des Kirchhofes und des Zuchthauses. Und wie waren sie vollgepfropft die Zuchthäuser – denn was von den Edelsten der Nation nicht hinter den Barrikaden, auf den Schlachtfeldern, in den Laufgräben vor dem Sandhaufen den Tod gefunden, oder ins Ausland entflohen war, das sass im Zuchthaus. — —

Es war die Zeit der schwärzesten Reaktion, wie die besiegte bürgerliche Demokratie damals wehklagte, nicht ahnend, dass vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts sie selber – mit seltenen Ausnahmen. – einer Reaktion zujubeln und an einer Reaktion mitarbeiten werde, neben der jene „schwärzeste Reaktion“ fast als liberale Aera erscheint.

Dieses Wunder wurde durch eine andere Revolution bewirkt, eine Revolution, grösser und tiefer als die, welche in Wien, Berlin, Dresden; Baden und der Pfalz erlegen war.

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen war das Ende der Märzrevolution der Beginn einer neuen Revolution, die ungleich stärkere Kräfte des Umsturzes und des Schaffens in sich barg. Der politischen folgte dieökonomische Revolution, welche für den Augenblick den Feinden der politischen Revolution Vorschub leistete und die Reaktion förderte, aber zugleich den Böden unterhöhlte und wegschwemmte, auf welchem die Reaktion ruhte, und eine Macht ins Leben rief, welche das Reich der Reaktion stürzen und dessen Wiederaufrichtung für immer unmöglich machen wird.

Nach der materialistischen Welt- und Geschichtsauffassung der Sozialdemokratie – materialistisch genannt, weil sie die über- und aussersinnlichen Faktoren zurückweist – sind die politischen und gesellschaftlichen Formen und Einrichtungen bedingt durch die Formen und Weisen der zur Erhaltung der Menschen nothwendigen Arbeit. Eine Gesellschaft, in welcher die Arbeitsmittel (Pfeil und Bogen, Netz, Webebaum, Wirtel, angekohlter Baumast als Pflugschaar) so einfach sind, dass Jeder sie herstellen, und die Arbeitsmethoden so leicht, dass Jeder sie erlernen kann, muss eine andere Gestalt haben, als eine Gesellschaft, in der die Arbeitsmittel so mannigfaltig und so kunstvoll zusammengesetzt sind, dass die Herstellung und Erwerbung nur Wenigen möglich ist. Ein Hirtenvolk kann nicht dieselben staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen haben, wie ein Ackerbauvolk; ein Ackerbauvolk nicht wie ein Industrievolk. Mit der Verdrängung überlebter Produktionsformen durch höhere ergiebt sich auch die Notwendigkeit veränderter staatlicher und gesellschaftlicher Einrichtungen. Die englische Revolution des 17., die französische Revolution des 18. Jahrhunderts waren die Folge des Hinauswachsens der bürgerlichen Produktionsform über die mitteralterlich feudale. Die grösste und tiefstgreifende wirthschaftliche Umwälzung wohl aller Zeiten ist aber die, welche der moderne Kapitalismus bewirkt hat. Er hat den alten Gesellschaftsbau weit gründlicher zerstört, als die französische Revolution den Bau des Staates. Er hat die Arbeit so vollständig von den Arbeitsmitteln getrennt, dass nur noch eine winzige Minderheit im Besitz der Arbeitsmittel und die Masse der Menschen zur Dienstbarkeit gegenüber diesen Wenigen verurtheilt ist; er hat durch Konzentrirung der Arbeitsmittel in wenig Händen den Ertrag der Arbeit riesenhaft gesteigert und die Massen dem Elend geweiht; er hat im Namen des Eigenthums das Eigenthum der ungeheuren Mehrzahl des Volkes geraubt; er hat in seinem Heisshunger nach auszubeutender Arbeitskraft die Kinder und Frauen in die Fabrik geschleppt, die Familie aufgelöst, die Bevölkerung dermassen herumgewirbelt, dass die Völkerwanderungen zu Anfang der christlichen Aera eine Kleinigkeit sind gegen die grosse Völkerwanderung des Kapitalismus, der in Deutschland allein binnen der letzten drei Jahrzehnte mindestens 10 Millionen Menschen vom Lande in die Stadt getrieben hat, – der Völkerwanderung ins Ausland, die ebenfalls nach Millionen zählt, nicht zu erwähnen. Deutschland, das Ende der vierziger Jahre ein Ackerbaustaat war – im deutschen Bund wohnten 3/5, in Preussen allein 2/3 der Einwohner auf dem Lande – ist heute ein Industriestaat mit überwiegend städtischer Bevölkerung; und der kapitalistische Grossbetrieb, der damals blos in Rheinland-Westfalen zerstreute Anfänge zeigte – in den beiden anderen Industrie-Mittelpunkten Deutschlands, Sachsen und Schlesien, herrschte die Hausindustrie – hat heute in ganz Deutschland den bürgerlichen Kleinbetrieb überflügelt, überwunden, auf den Aussterbe-Etat gesetzt. Eine so ungeheure materielle Revolution musste selbstverständlich auch eine Revolution in den Geistern zur Folge haben. Die alten Stich- und Schlagworte verloren ihre Bedeutung, die alten Partei-Prinzipien verwischten sich – die alten Partei-Ideale verblassten. Das Bürgerthum wurde ein anderes.

Bis Ende der vierziger Jahre war das deutsche Bürgerthum, seit und soweit es zum politischen Leben erwacht war, liberal, demokratisch gewesen. Der Ausdruck „bürgerliche Freiheit“ deckte sich mit dem Begriff der politischen Freiheit. Mit der Entwickelung des Kapitalismus tauchte aber aus der breiten Fläche des Bürgerthums eine Schicht empor, die, von ihrer Umgebung sich abhebend, schnell eine Welt für sich wurde, mit anderen Interessen, anderen Gesichtspunkten, anderen Zielen: das kapitalistische Grossbürgerthum, die Bourgeoisie. Es ist das ein Vorgang, der allen Kulturländern gemein ist, namentlich Deutschland und Frankreich. Die Bourgeoisie hat nichts mehr in sich von bürgerlichem Liberalismus und Idealismus. Sie hasst die bürgerliche Freiheit. Sie verleugnet die Jugendeseleien der grossen französischen Revolution, der Julirevolution, der Februar- und Märzrevolution. Die ökonomische Revolution, welche sie selbst herbeigeführt hat und der sie ihre Obmacht über Staat und Gesellschaft verdankt, hat.ihre politische Stellung völlig verschoben, und das kapitalistisch gewordene Bürgerthum auf Seiten der Reaktion gedrängt, das heisst der Elemente, welche die Staatsmacht zur Bekämpfung der für ihre politische und soziale Emanzipation kämpfenden neuen Volksschichten zu missbrauchen bemüht sind – auf Seiten derselben Reaktion, die das Bürgerthum, noch nicht kapitalistisch geworden, vor 50. Jahren als den Gottseibeiuns hasste und fürchtete. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr einfach. Damals war. das Bürgerthum selber die neue Volksschicht, die nach Emanzipation und politischer Macht strebte, heute hat das kapitalistisch gewordene Bürgerthum nicht blos die Macht im Staate, sondern thatsächlich auch die Herrschaft; und eine neue Bevölkerungsschicht, deren Interessen und Ziele denen des. kapitalistischen Bürgerthums schnurstracks zuwiderlaufen, ringt um ihre politische und soziale Emanzipation, – das Proletariat, dessen Gleichberechtigung das Ende des Kapitalismus ist.

So hat das Bürgerthum sich denn mit seinem Todfeind: dem Junker-, Polizei- und Militärstaat ausgesöhnt; es verzichtet auf die direkte politische Regierungsgewalt und begnügt sich mit der ökonomischen Herrschaft, welche ihm den Staat dienstbar und tributpflichtig macht, auch wenn er nominell von nicht bürgerlichen Elementen regiert wird. Was der Kapitalismus brauchte, das war eine starke Regierung, also das gerade Gegentheil der Demokratie – eine Regierung, die mit starker Faust die Feinde des Kapitalismus niederhielt und diesem die Gesammtmacht und den Gesammtreichthum des Staates zur Verfügung stellte – eine Regierung, die, als Agentin des Kapitalismus in jeder Hinsicht dessen Geschäfte besorgt und den Ansturm des Proletariats abwehrt, – mit anderen Worten: die Diktatur des Kapitalismus.

Diese Diktatur haben wir in Frankreich seit Dezember 1848, in Deutschland seit Herbst 1862. Dort verkörperte sie sich in Bonaparte, hier in Bismarck.

Während so auf der einen Seite die kapitalistische Entwickelung die politische Reaktion begünstigt und auf die äusserste Spitze treibt, entfesselt und schafft sie auf der anderen Seite durch die ökonomische Revolution Kräfte, die, von Tag zu Tag sich mehrend und stärkend, der politischen Reaktion ihre Stützen und den Boden abringen und, fussend auf der ökonomischen Revolution, die sozialpolitische Revolution vorbereiten, welche die der Verwirklichung des Sozialismus im Wege stehenden Hindernisse fortschwemmt.

Diese Elementarkraft ist die Arbeiterklasse, von deren Ausbeutung der Kapitalismus lebt, sind die mittleren Schichten der Bevölkerung: Kleinbürger, Kleinbauern, Handwerker, die der Kapitalismus durch die erdrückende Konkurrenz des Grossbetriebes eigenthums- und existenzlos macht und die, zusammen mit den Arbeitern, die stets anschwellende Armee des Proletariats bilden.

Und diese Armee, der die politisch reaktionäre, ökonomisch revolutionäre Thätigkeit des Kapitalismus, trotz aller Feindschaft, unablässig neue Rekruten zuführt, zuführen muss, organisirt sich unter dem Banner des internationalen Sozialismus in allen Ländern der Erde. Sie umfasst heute schon die gesammte denkende und klassenbewusste Arbeiterschaft, sowie die edelsten Elemente der bürgerlichen Klassen. Die inner-nationale „Frage“ kann nicht mehr verwirren und Deutschland vom Weg ablenken. Nachdem der zweite Versuch, die Reichseinheit von unten herbeizuführen, im Jahre 1848/49 ebenso gescheitert war wie der erste Versuch zur Zeit des grossen Bauernkrieges im Jahre 1520, blieb nur noch die dynastische Lösung. Nach ekelhafter Katzbalgerei und widerlichster Mogelei mit dem Ausland haben die eisernen Würfel des Krieges und die Falschkarten der Diplomatie für die Hohenzollerndynastie gegen die Habsburger entschieden. Wer aber ist zufrieden? Und wer weiss heute nicht, dass hinter der politischen Frage die soziale Frage steht, sie alle überragend, verdunkelnd?

Man hat die heutige Zeit mit der vor Ausbruch der französischen Revolution verglichen, wo die wirtschaftliche Umgestaltung einer politischen Umgestaltung unwiderstehlich zudrängte. Wie damals die feudale, so ist heute die bürgerliche Gesellschaft in der Auflösung begriffen. Und die bürgerliche Gesellschaft ist noch in schreienderen Gegensatz zu den Interessen des Volkes gerathen. Die gesteigerte Produktivität der Arbeit bereichert nur Wenige, verhängt Armuth über die Massen; der Klassenkampf steigert sich von Tag zu. Tag; der Staat ist unter der Kuratel des Königs Stumm und muss seine Machtmittel dem Kapitalismus leihen. Alle Versuche der kapitalistischen Parteien, diese Zustände zu verewigen, scheitern an der Logik der Thatsachen, die immer grössere Massen ins Elend und in den Kampf gegen den Kapitalismus wirft. Wie die Zustände, äusi denen sie hervorgewachsen, ist die sozialistische Arbeiterpartei international. Für sie giebt es nur zwei Völker: die Unterdrücker und die Unterdrückten, die Ausbeuter und die Ausgebeuteten. In Deutschland ist die Sozialdemokratie trotz grausamster und brutalster Verfolgungen die Stärkste aller Parteien geworden – die Achse, um welche nach dem Eingeständniss des Kanzlers Caprivi das politische Leben des Reiches sich dreht – und stark genug, um auch einer Koalition der kapitalistischen Parteien siegreich die Stirn bieten zu können. Und wer die Kräfte hüben und drüben zu berechnen versteht, für den ist der Sieg der Sozialdemokratie das Facit eines Rechenexempels. Während die Sozialdemokratie wächst, in allen Ländern der Erde wächst und eine einzige grosse Armee bildet, verliert der Kapitalismus schon die Fähigkeit, das Joch der Ausbeutung den Arbeitern so fest aufzulegen, dass sie unter seiner Fuchtel für ihn arbeiten müssen. Die Riesenstreiks der englischen Kohlenarbeiter, neuerdings der englischen Maschinenbau-Arbeiter, durch welche Streiks und Lockouts zwei der wichtigsten Industriezweige auf längere Zeit zum Stillstand gebracht wurden, sind ebensoviele Beweise dafür, dass der Kapitalismus die Arbeit der menschlichen Gesellschaft nicht mehr auf lange zu leiten vermag, dass die Tage seiner Herrschaft gezählt sind. So glücklich wie die französische Bourgeoisie am Ende des vorigen Jahrhunderts ist freilich das Proletariat nicht – jene war die Trägerin des Wissens, der Wissenschaft und Kunst, als sie den Emanzipationskampf begann; dieses ist durch die ökonomische Sklaverei aus dem Tempel der Wissenschaft und Kunst ausgesperrt. Doch das Klassenbewustsein, das Bewustsein des ökonomischen und sozialen Unrechts und Elends und die Erkenntniss der Ursachen desselben lebt und wirkt in allen denkenden Arbeitern – und die Eisenfaust der Verhältnisse treibt sie zum Sieg und zerbricht die Waffen des Feindes. Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit. Wie wahr dieser Spruch, das zeigt das Treiben der Gewalthaber von heute, die, von Fehlern zu Fehlern eilend, die einfachsten Fragen der Politik nicht erledigen können. Man denke nur an die Posse des europäischen Konzerts und an die babylonische Sprachenverwirrung in Oesterreich. „Es will nichts mehr gelingen.“

Die Welt aber geht vorwärts.

Dem achtzehnten März von Berlin, der ein Sieg der Demokratie war, ist 23 Jahre nachher der achtzehnte März von Paris gefolgt, der ein Triumph, doch noch kein Sieg des Sozialismus war.

Dem achtzehnten März von Berlin und dem achtzehnten März von Paris wird ein neuer Völkerfrühling, der Menschheitsfrühling folgen, der das Werk des ersten krönen und dem Triumph des zweiten die Weihe des Sieges geben wird. Und keine Macht der Erde wird ihn aufhalten.

Die deutsche Sozialdemokratie erwartet ihn und bereitet ihn vor, indem sie sich vorbereitet.

Über den Autor

Bundessprecher der linksjugend ['solid] und Wortakrobat für die Freiheitsliebe, Balkan21 und andere Medien.
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