Ein Spaziergang durch Europas Kulturhauptstadt 2019 – Plovdiv

25. Januar 2015 - 11:26 | | Balkan21 | 1 Kommentare
Plovdiv (Foto: Klearchos Kapoutsis/ flickr.com/ CC-Lizenz)
Plovdiv (Foto: Klearchos Kapoutsis/ flickr.com/ CC-Lizenz)

Es ist Abend, es regnet leicht, deswegen nehme ich einen Regenschirm mit, als ich das Haus, in welchem ich momentan mit einem alten Ehepaar wohne, verlasse. Es ist trotzdem warm, die Luft ist vom Regen durchtränkt. Plovdiv ist 8000 Jahre alt, viel älter als Rom, Karthago, Athen, viel älter als alles was ich bisher in Deutschland zu sehen bekommen habe. Bei jedem Schritt durch die Stadt scheint man das zu merken. Im Nieselregen glänzende Glasfassaden, von den Straßenlaternen angeleuchtet, reihen sich direkt an Häuserfassaden, alter Universitäten, an deren Außenwänden der Putz an der einen oder anderen Stelle abgebrochen ist. Kopfsteinpflaster, in denen sich große Pfützen sammeln, denen ich vergeblich versuche auszuweichen. Meine Schuhe sind durchtränkt. Ungewöhnliches Wetter für einen Septemberabend.

Aber der September ist in Plovdiv ohnehin ein ungewöhnlicher Monat. In dieser Zeit, sind an jedem Wochenende Sonderausstellungen in allen Museen. In alten Amphitheatern die aus der Zeit der römischen oder thrakischen Herrschaft über Plovdiv stammen, gibt es Konzerte und Theaterauftritte zu bewundern. Die Menschen sitzen auf den marmornen Steinen, wo bereits andere Bürger vor über 2000 Jahren saßen. Touristen reisen im September an um dieses Kulturspektakel zu erleben. Menschen sparen ein ganzes Jahr nur für diesen Monat ihr Geld auf, um alle Möglichkeiten zu nutzen. Überall Musik, Schauspieler, kleine und große Inszenierungen.

Durch schmale Gassen bin ich bereits gelaufen, aufgeschreckte Katzen rennen ab und zu an meinen Füßen vorbei. Ein riesiger Platz erstreckt sich vor mir, in der Mitte der erste eindrucksvolle Springbrunnen. An der linken Begrenzung des Platzes, ein ausgedehnter Park und eine Ausgrabungsstätte, wie auch vorne rechts, direkt an einer stark befahrenen Straße die zu der rechten den Platz abschneidet. Nur dass bei diesen Ruinen die Ausgrabungen abgeschlossen sind und Menschen durch  sie hindurch laufen und dort auch Autos abgestellt wurden. Ich gehe geradeaus über den Platz, an dem Park und dem Springbrunnen vorbei, setze den ersten Schritt in die langgezogene Fußgängerzone, zu beiden Seiten restaurierte Häuser scheinbar aus Zeiten der Renaissance. Geschwungene Hauseingänge, ausladende Balkone, hohe Fenster.

Dort vorne der nächste Platz, wieder ein eindrucksvoller Springbrunnen, wieder Menschen die sich hier versammeln, viele Menschen. Die ganze Stadt scheint sich abends hier in der Hauptstraße „Glavna“ zu versammeln.

Heute gibt es auch einen besonderen Anlass. Plovdiv ist Europas Kulturhauptstadt 2019. Die zweitgrößte Stadt Bulgariens, 350.000 Einwohner. Zudem ist Nationalfeiertag, die Befreiung Bulgariens von dem türkischem Joch. Um diesen zweiten Springbrunnen, der mir auf meinem Spaziergang begegnet ist, sind zwei Bühnen aufgebaut. Auf der einen spielt ein Cello und ein E-Gitarrist zu elektronischen Beats, die den ganzen Platz beschallen. Über ihren Köpfen an einer Häuserwand, haben sich zwei Artisten hinuntergeseilt und führen in der horizontalen (!) einen Tanz auf. Allein der Mut für diese Inszenierung lässt mich hier stehen bleiben und zuschauen. Tosender Szenenapplaus. Auf der anderen Bühne gegenüber wird später eine junge Breakdance-Gruppe auftreten.

Ich laufe weiter durch die altertümlichen Häuserschluchten. Komme an dem Stadttheater vorbei, einem Club/ einer Bar welche(r) „Gramophon“ heißt. Über dieser Bar, praktisch im Gebäude des Stadttheaters, habe ich 5 Tage lang in einem Hostel gewohnt. Weiter.

Ein paar hundert Meter gelaufen, dort ist ein ehemaliges römisches Stadion in den Boden eingelassen. Ebenfalls eine ehemalige Ausgrabungsstätte, angeleuchtet in weichem blau. Das Stadion, ähnlich aufgebaut wie es einst der Circus Maximus war, bot früher Platz für 30.000 Zuschauer. Jetzt liegt nur noch die das Stadion begrenzende Kurve frei, über den restlichen Teil des Stadions bin ich soeben hinweggelaufen. Er erstreckt sich unter dem gepflasterten Boden der gesamten Fußgängerzone bis zu dem Platz mit dem ersten Springbrunnen. In dem Rund der Kurve ist ein Café, wo Menschen sitzen, trinken, essen.

Neben dem Stadion: Eine kleine Wiese, auf der Kinder spielen, auf den Steinblöcken eines ehemaligen Aquäduktes und einer Stadtmauer, die sich an dieser Stelle schnitten. Diese Römer.

Abgesehen von der Wiese befindet sich hier auch eine alte, imposante Moschee, ihr Minarett ragt in den Himmel, sie ist vollkommen erhalten und gut restauriert. Um sie herum sind kleine Stechpalmen gepflanzt sie wird mit Scheinwerfern angeleuchtet.

Ich bewege mich rechts an ihr vorbei. Hier beginnt der schönste Teil der Stadt. Die Altstadt.

Riesiges Kopfsteinpflaster, alte Fachwerkhäuser, die Straße steigt schwach an, überall sind kleine Läden, alte Mauern, Museen in historischen Gebäuden. Ich laufe und laufe und gerade dann, als die Straße immer schmaler wird, sich immer mehr beginnt zu schlängeln, lichten sich die Häuser und ich bin plötzlich auf einem der sieben Hügel angekommen, auf denen Plovdiv einst erbaut wurde, von denen jetzt nur noch 5 übrig sind.

Das was ich hier zu sehen bekomme lässt sich kaum in Worte fassen. Überall Ruinen, Steinblöcke, deren frühere Bedeutung und ihren Nutzen man nur noch erahnen kann, der aber auch nicht wichtig ist, denn jetzt sitzen hier Jugendliche, rauchend – nicht nur Zigaretten – auf ihnen. Die Blöcke sind zu Sitzgelegenheiten und Aussichtspunkten geworden, für den Ausblick der sich von diesem Hügel aus über die gesamte Stadt bietet. Zwischen moderne, früheren Hochkulturen und dem jetzigen jungen Leben, scheint es in dieser Stadt keine Grenzen zu geben. Hier reichen sich Vergangenheit und Gegenwart die Hand, sind eines geworden.

Ich bereue zu tiefst geglaubt zu haben, dass meine Handykamera genügen würde, um die Bilder und Momente, welche ich hier erlebe, einzufangen.

Der Beitrag von Felix Hoffmann erschien zuerst auf seinem Blog.

Über den Autor

Ein Kommentar

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    Florian Hohenwarter sagt:

    Passt nicht gerade zur Überschrift, aber ich möchte dieses Video hier trotzdem nochmal reinstellen, da mich es immer noch wundert, warum es so wenig verbreitet ist.

    Der ehemalige Spiegel Journalist Harald Schumann redet Klartext und prangert die Interne Pressefreiheit in Deutschland an.

    Schumann: “… das ist in der deutschen Presse Gang und Gäbe, dass Chefredakteure oder Resortleiter ihren Untergebenen sagen, wie sie zu denken haben. Dass Vorgaben gemacht werden, was sie recherchieren dürfen und was nicht, und dass viele junge Kollegen daran gehindert werden überhaupt kritische Journalisten zu werden weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen.”

    Interviewer: “Sie nehmen ausdrücklich die ÖR-Anstallten nicht aus, warum?”

    Schumann: “Weil ich genügend Kollegen aus ÖR-Anstallten kenne, die mir genau solche Geschichten berichtet haben und mir das hundertfach bestätigt haben. Insofern, die sind da nicht aus zunehmen.”

    https://www.youtube.com/watch?v=d1ntkEbQraU