Rassismus als Motor des Kapitalismus

30. Januar 2016 - 18:52 | | Politik | 5 Kommentare
Picture: Malcolm X by Jakob Reimann - CC BY-ND 2.0
Picture: Malcolm X by Jakob Reimann - CC BY-ND 2.0

Unser globales Wirtschafts- und Finanzsystem beruht auf rassistischer Ausbeutung, die sich von der des Kolonialismus und der Sklaverei nicht wesentlich unterscheidet. Der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, funktioniert nur mit einer Einteilung von Menschen in erste und zweite Klasse.

Unsere Welt ist in vielerlei Hinsicht eine zutiefst rassistische. In Deutschland ergehen sich Neonazis in rechtem Terror, Politiker und Medien diffamieren pauschal ganze Bevölkerungsgruppen. Um diese offenen Formen des Rassismus soll es hier aber nicht gehen. Vielmehr um ihren subtileren und in seiner komplexen Gesamtheit um Längen destruktiveren Bruder.

So sehr wir uns auch als weltoffen und tolerant verstehen wollen, genauso sehr verschließen viele von uns ihre Augen vor dem globalen Rassismus, der tagtäglich wütet, auf dem noch immer unsere Wirtschaftsordnung aufgebaut ist und auf den so viele Probleme dieser Welt zurückzuführen sind. Diese Dimension wird aus reinem Selbstschutz heraus vielfach ausgeblendet.

Die Krönung der Schöpfung

Bis in die 1960er Jahre hinein gab es in Europa Menschenzoos. 1874 vom deutschen Tierhändler Carl Hagenbeck ins Leben gerufen, wurden die Völkerschauen zum kulturellen Dauerbrenner in den europäischen Großstädten. Araber, Neger, Eskimos wurden dem Weißen zur Schau gestellt. Zur Bespaßung der europäischen Mittelschicht. Der Wilde an der Grenze zur Tierwelt, der Weiße als Krönung der Schöpfung. Über die Jahrzehnte haben sich in den Zoos mehr als 400 Millionen Europäer ihren rassistischen Trieben hingegeben. Aus dem europäischen Kollektivgedächtnis wurde dieser Schandfleck der Misanthropie erfolgreich getilgt – passen alte Kamellen von Afrikanern, die neben Affen in Käfigen hausen, auch kaum zum pseudo-aufgeklärten, pseudo-humanistischen Mäntelchen, das wir uns nur allzu gerne umlegen.

Bis in die 1960er gab es in Europa Menschenzoos, in denen „Fremde“ die weiße Bourgeoisie bespaßen sollten. Hier ein kleines Mädchen in Brüssel, Belgien im Jahr 1958.

Blind für die eigene Geschichte tadelt der unbefleckte Europäer statt sich selber lieber transatlantisch. Das Weltverbrechen Sklaverei zu kritisieren, ist dann auch weit weniger schmerzhaft, als sich über die perversen Auswüchse der eigenen Geschichte ernsthafte Gedanken zu machen.

Damals gehörten die Menschenzoos zum nationalen Kulturgut der zentraleuropäischen Staaten und waren aus ihm ebenso wenig wegzudenken, wie die deutsche Pünktlichkeit, der französische Rotwein oder die Queen of England. Heutzutage wären solche Zoos natürlich undenkbar.

In den letzten 100 Jahren hat sich offensichtlich das Denken oder zumindest das allgemein anerkannte Narrativ fundamental verschoben. Das Grundkonstrukt unserer Weltordnung aber hat sich vom Kolonialismus hin zum Neoliberalismus unserer Zeit nicht geändert. Keineswegs. Auch wenn sich die Rhetorik vielerorts um 180° gedreht hat, an der Art und Weise, wie Weltwirtschaft funktioniert, wie Tresore immer voller und Reisschüsseln immer leerer werden, daran hat sich nichts Grundlegendes geändert.

Neokolonialismus wird zu Demokratieexport

© Pawel Kuczynski

Wir wissen alle, dass Shirts von XY auf dubiose Art und Weise irgendwo in Asien produziert werden oder dass es im Irakkrieg auch irgendwie um Öl geht. Aber wir blenden dabei systematisch die betroffenen Menschen aus. Es herrscht ein krasser Empathiemangel. Jean Ziegler meint das Gleiche und sagt:

„Die afrikanischen Kinder sterben ja nicht auf dem Ku’damm oder den Champs Élysées.“

Solange es uns halbwegs gut geht, solidarisieren wir uns nicht aufrichtig mit den Geknechteten dieser Welt. Auch wollen wir uns nicht ernsthaft eingestehen, dass unser Wirtschaftssystem im Grunde noch immer auf dem lange überwunden geglaubten Kolonialismus vergangener Jahrhunderte gründet.

Früher wurden Afrikaner nach Amerika verschifft, heute werden – viel effizienter – die Arbeitsplätze selbst über den Globus verschoben. Früher sind wir im Namen der Zivilisation in fremde Länder eingeritten und haben Bodenschätze geraubt, heute reiten wir im Namen der Demokratie überall auf der Welt ein und rauben Bodenschätze. Wo ist der Unterschied? Ich kann ihn nicht erkennen.

Neoliberalismus, Imperialismus, Neokolonialismus, Finanzkapitalismus – unterschiedliche Bezeichnungen können nicht über die zu Grunde liegenden Macht- und Verteilungsverhältnisse hinwegtäuschen. Ebenso wenig über die Psychologie sämtlicher Akteure. Es ist eine des Einteilens von Menschen unter geographischen und ethnischen Gesichtspunkten und damit eine Psychologie des Rassismus.

Große Teile der Restwelt werden von den Industriestaaten wie in dunkelsten Kolonialzeiten noch immer als Rohstofflager und als bloße Quelle von Arbeitskraft angesehen. Unter dem Mäntelchen Demokratieexport schwafeln Politiker von Freiheit und einem diffusen westlichen Wertekanon, die mit aller Kraft verteidigt und verbreitet werden müssen. Auf dem schmalen Grat zur Schizophrenie schlagen diese Figuren Purzelbäume und machen uns dabei immer wieder Glauben, dass rohe Gewalt als Mittel zur Durchsetzung dieser diffusen Werte im Notfall legitim sei. Krieg als permanente Ausnahme.

Dass wir aber nicht für Freiheit und Demokratie – und noch viel weniger für die vielfach instrumentalisierten Brunnen und Mädchenschulen – in den Krieg ziehen, wird nur sehr selten kommuniziert. Und wenn dann ein deutscher Bundespräsident genau dies eben doch tut, und offen zugibt, dass es vielmehr deutsche Wirtschaftsinteressen sind, die seine Bundeswehr am anderen Ende der Welt verteidigt, muss er Tage später aus Schloss Bellevue ausziehen.

© Pawel Kuczynski

Die bloße Tatsache, dass Krieg mittlerweile von vielen Menschen durchaus als Komplize der Wirtschaft erkannt wurde, er dem einen Teil der Bevölkerung aber als notwendig und alternativlos verkauft werden kann und er dem anderen Teil egal ist, entlarvt unser Denken. Empathiemangel als Ausdruck eines subtilen Rassismus.

Es sind eben nicht unsere Familien, die irgendwo mit Bomben übersät werden. Auf meinem städtischen Krankenhaus landen keine Granaten mit weißem Phosphor. Und es sind auch nicht die Landschaften in Mitteleuropa, die auf Jahrhunderttausende mit radioaktiver Uranmunition verseucht werden.

Wie kann uns bloß der Mord an Hunderttausenden immer wieder als notwendiges Übel verkauft werden?

500,000 tote Kinder – „Ich glaube, es ist den Preis wert.“

Wer die erbärmlichste Form der Gewalt – Krieg – als Werkzeug zur Ressourcenbeschaffung akzeptiert, spricht den Opfern dieses Krieges jegliche Menschenwürde ab. Die Frage nach dem höheren Wert von Menschenleben vs. Bodenschätze stellt sich dann auch nicht. Der Tod all dieser Menschen ist nun mal der Kollateralschaden unseres Wohlstands.

Die damalige US-Außenministerien Madeleine Albright antwortete vor laufender Kamera auf die Frage einer Journalistin, ob denn eine halbe Million getöteter irakischer Kinder, die in den 90er Jahren in unmittelbarer Folge des verbrecherischen Wirtschaftsembargos gegen den Irak gestorben sind, den Preis dieses Embargos wert seien:

„Ich glaube, es ist den Preis wert.“

Dieses Statement musst Du Dir auf der Zunge zergehen lassen und dechiffrieren, was es im Kern über unsere Wirtschaftsordnung aussagt. Eine Minimalausstattung an Humanismus genügt, dass sich die Frage aufdrängt: Wie kann denn auch nur irgendetwas  auf der Welt den Preis von einer halben Million toter Kinder wert sein? Wer aber in dieser imperialistischen Denke gefangen und wie Ms. Albright zutiefst rassistisch ist, folgt einfach streng der rassistischen Grundlogik – es sind eben nur irakische  Kinder. Unsere Wirtschaftsinteressen sind es wert, 500 Tausend von ihnen zu opfern.

Im Kongo tobt ein blutiger Krieg, über 6 Millionen Menschen sind seit 1996 in dieser menschlichen Tragödie gestorben. Der „Afrikanische Weltkrieg“ ist damit der an Menschenleben verlustreichste Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg, und dennoch könnte er im Westen medial kaum abwesender sein. Ein Krieg in Afrika eben.

Potentieller Segen doch realer Fluch des Kongos – einem Land der Größe Westeuropas – ist sein unerschöpflicher Ressourcenreichtum. Und genau darum geht es in diesem blutigen Krieg: um die Vorherrschaft über die Ressourcen.

Allen voran die Coltanminen. Das aus dem Erz Coltan gewonnene Hochleistungsmetall Tantal ist unabdingbar für die Produktion von Hightech-Geräten wie Smartphones, Laptops, Kampfdrohnen und Spaceshuttles. Geschätzte 80% der globalen Vorkommen dieses wertvollen Erzes liegen unter kongolesischem Boden. Verschiedenste Milizen kämpfen um den Zugang zu den Minen und damit um das große Geschäft mit dem Westen. Aufgrund unseres Rohstoffhungers schlachten sich die verfeindeten Gruppen ab und vergewaltigen systematisch Frauen und Kinder der unterjochten Bevölkerung.

Wir als Verbraucher sind nicht willens, für unsere Smartphones und Flatscreens vernünftige und angemessene Preise zu bezahlen. Daher machen unsere Rohstoffkonzerne alles, um so billig wie nur irgendwie möglich an all diese Schätze zu kommen. Bayer, Glencore und Co. kollaborieren mit Mördern und Vergewaltigern und verdienen so Millionen. Uns als Konsumenten machen sie zu aktiven Mittätern dieser Verbrechen, denn um uns – unser Geld – dreht sich alles.

An jedem Handy, das wir kaufen, klebt das Blut von 6 Millionen toter Kongolesen.

Jesus 2.0

Die Apologeten unserer Wirtschaftsordnung beschwichtigen, all dies beruhe auf allgemeinen Marktmechanismen, der freie Markt werde nach einer gewissen Übergangszeit alles zum Guten wenden, Ungerechtigkeiten beseitigen und den Reichtum dieser Welt gerecht verteilen. Bald setzt der lang erwartete trickle-down-Effekt ein, der Wohlstand der Reichen wird irgendwann von ganz allein zum Bodensatz der Menschheit durchsickern. Menschen aus Fleisch und Blut sind weder dazu in der Lage, noch dazu berechtigt, in diese Prozesse aus Angebot und Nachfrage regulierend einzugreifen. Die unsichtbare Hand  des freien Marktes ist der einzig legitime Player in diesem Spiel.

Damit wird Verantwortung outgesourced. Nicht mehr an Gott, sondern an eine neue ominöse Entität mit Namen freier Markt.

Wir schieben schlicht und einfach unsere persönliche Verantwortung für Ausbeutung, Mord und Totschlag weit, weit von uns, verbannen sie aus unserer Wahrnehmung und übertragen sie auf diesen neuen Gott.

© Pawel Kuczynski

Das Blut der 1138 toten NäherInnen aus Bangladesch klebt nicht an unseren Händen, unsere Westen sind und bleiben weiß. Die Leichenberge der kongolesischen Minenarbeiter stehen in keinem Zusammenhang mit unser Sucht nach den neuesten, schnellsten, besten Smartphones, Laptops, Flatscreens.

Indem wir diese beiden Seiten ein und derselben Medaille entkoppeln, entlarven wir entweder unsere überwältigende, omnipräsente Ignoranz oder unseren im Kern immer noch tief verwurzelten Rassismus. Während wir die blutgetränkte Seite dieser Medaille aus unserer Wahrnehmung verbannen, huldigen wir umso mehr der anderen Seite. Konsumismus wird zum Selbstzweck und so zum erstrebenswerten ewigen Ideal hochstilisiert.

Wenn im Westen die theistische Religion stetig an Einfluss verliert, wird eben die Ersatzreligion   K o n s u m   zur neuen Götze erklärt. Jesus als Heilsbringer wurde längst vom iPhone abgelöst. Und genau wie die alten Götter legt auch der neue seine Anhänger in Ketten. Wir nehmen diese Ketten nicht als solche wahr, im Gegenteil, wir erheben sie zum Fetisch.

Die Befreiung vom Überfluss nicht als Verzicht empfunden, sondern als emanzipatorischer, befreiender Akt, steht dem Diktum Wachstum um jeden Preis feindlich gegenüber und ist in neoliberaler Logik folglich rückwärtsgewandt und fortschrittsfeindlich. Verweigerung von Konsumzwängen ist jedoch genau das: Befreiung.

Das Ablegen von Lebenslügen

Geblendet von der Wohlfühlvorstellung, wir helfen „denen“ ja auch irgendwie und greifen „ihnen“ wirtschaftlich unter die Arme, paralysiert von der Lebenslüge unserer Generation – dem Märchen der Entwicklungshilfe – gestehen wir uns einfach nicht ein, dass diese unsere Form des Kapitalismus Elend und Leid in unvorstellbarem Maße generiert. Das Elend offenbart sich jedoch nicht vor unserer Haustür, es entsteht weit weg, irgendwo in Afrika, irgendwo im Pazifik.

Bloß weil die Wörter Nigger und Reisfresser aus unserem Wortschatz verbannt wurden, heißt das nicht, dass wir weniger rassistisch wären. Wenn wir den Opfern unserer Art zu leben, den Marginalisierten, den Unsichtbaren, mit Gleichgültigkeit und brutaler Ignoranz entgegnen, offenbaren wir damit unseren noch immer zutiefst verwurzelten Rassismus. Wer sein Bedürfnis nach Luxusbefriedigung über das Leben von Millionen von Menschen stellt, ist im Kern rassistisch. Meine Bedürfnisse sind um Längen mehr wert als die von irgendwelchen Afrikanern, die sich abschlachten, diese Wilden. Das ist Rassismus in Reinstform.

© Pawel Kuczynski

Wir sprechen ganzen Bevölkerungen ihre Menschlichkeit ab, ihr Menschsein. Wir erheben uns über diese Menschen, wir sind moralisch, ethisch, zivilisatorisch auf einem höheren Level, auf der Gewinnerseite der Geschichte. Im Kampf Gut gegen Böse stehen wir auf der Seite des Guten. Wir sind das Gute. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Diese zutiefst diskriminierende, entmenschlichende Denkweise dient als Schutzmechanismus, mit der wir von Kindesbeinen an indoktriniert werden. Sie ist das mentale Schutzschild des Reichtums, denn sie bewahrt uns vor plagenden Gewissensbissen.

Indem wir unsere Verantwortung und unsere Schuld outsourcen und uns als die moralisch richtig Handelnden begreifen, treten wir jeden Tag die Menschenwürde anderer mit Füßen. Wir spucken auf universelle Menschenrechte. Wenn das Grundrecht auf Nahrung, Bildung und sauberes Trinkwasser unserer Profitgier im Wege steht, dann ist es eben obsolet.

Jedes Jahr das neueste Smartphone haben zu müssen einerseits, die Einbildung, ein aufgeklärt-humanistisches Weltbild zu haben andererseits, gehen nicht zusammen. Sie schließen einander kategorisch aus. Denn unser Konsum basiert auf Unterdrückung und Ausbeutung, auf Mord und Totschlag. An unser aller Hände klebt öltankerweise Blut.

Wir nehmen diese auf blanken Rassismus gründende kannibalische Weltordnung einfach hin. Wir schlucken die Erklärungen, diese Weltordnung sei ein unbedingt erhaltenswertes, weil alternativloses Gut. Denn der Zufall der Geburt hat uns zu den Profiteuren dieser Weltordnung gemacht. Unser Lebensstil gilt als zu wertvoll, um sich ernsthaft mit all diesen Problemen auseinanderzusetzen. Wir wollen all den Abschaum nicht sehen. Elend und Verzweiflung interessieren nicht, sie trüben nur die Stimmung.

Sklavenhandel und Kolonialismus damals, Krieg gegen den Terror und Neoliberalismus heute – das ist alles dieselbe stinkende rassistische Brühe aus Größenwahn und Über-Untermenschen-Denke. Unsere Rhetorik, in gewisser Hinsicht auch unser Denken haben sich gewandelt. Unsere Ignoranz und unser mörderisches Handeln haben es nie getan. Wir sind nicht und waren niemals die Guten.


„Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird,
zerstört die Menschlichkeit in mir.“

– Immanuel Kant


Dieser Artikel erschien zuerst auf JusticeNow! – connect critical journalism!

Die Comics wurden freundlicherweise vom grandiosen Pawel Kuczynski zur Verfügung gestellt.

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