John Maynard Keynes – Der Mann der den Markt zähmen wollte

5. Mai 2016 - 08:27 | | Wirtschaft | 1 Kommentare

Immer wieder wird Keynes als Vorbild für eine linke Wirtschaftspolitik genannt, dabei wird wenig darauf eingegangen was wir von Keynes Ideen lernen können und welche Probleme seine Theorie hat.
Keynes ökonomische Theorien richteten sich gegen die Vorstellung, dass der Markt sich selbst überlassen, funktionieren könne. Damit widersprach er der zu seiner Zeit vorherrschenden liberalen Volkswirtschaftslehre. Eine Lehre, die heute unter dem Namen Neoliberalismus wieder die Politik aller etablierten Parteien bestimmt.

John Maynard Keynes wurde am 5. Juni 1883 in Cambridge als Sohn eines Ökonomieprofessors geboren. Er besuchte verschiedene Eliteschulen und studierte anschließend Philosophie, Geschichte, Mathematik und Ökonomie. Neben der wissenschaftlichen Arbeit war er immer stark in die Politik verstrickt. Er arbeitete nicht nur als Hochschullehrer, sondern auch für die britische Regierung.

Nach dem ersten Weltkrieg beginnt er in verschiedenen Büchern und Aufsätzen der herrschenden Wirtschaftslehre in einzelnen Punkten zu widersprechen. Aber immer noch glaubte er, dass dem Kapitalismus rosige Zeiten bevorstünden. Erst die Große Krise der 30er Jahre ließ unter bürgerlichen Ökonomen die Zweifel am reibungslosen Funktionieren der Marktwirtschaft wachsen. John Maynard Keynes wurde der bedeutendsten Kritiker eines entfesselten Marktes.

Keynes bekanntestes Werk „Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ erschien 1936 – nur wenige Jahre nach dieser Weltwirtschaftskrise. Nun entwickelt er eine systematische Kritik der liberalen Lehre.

Die liberale Theorie behauptete, eine „unsichtbare Hand“ des Marktes bringe Angebot und Nachfrage in Einklang, so dass jede produzierte Ware auch ihren Käufer finde. Die Liberalen stützten ihre Behauptung auf das Saysche Gesetz. Das Geld, das mit jeder produzierten Ware erwirtschaftet würde, flösse in zwei Taschen: in die der Arbeiter und der Unternehmer. Die Arbeiter kauften von ihrem Lohn das Lebensnotwendige. Die Unternehmer investierten ihren Profit in neue Produktionsanlagen, schüfen also auch Nachfrage. So stelle sich ein ewiges Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ein. Krisen seien unmöglich.

Keynes widersprach. Erstens sparten die Arbeiter unter bestimmten Umständen einen Teil ihres Geldes. Zweitens investierten die Unternehmer nur dann in neue Produktionsanlagen, wenn sie erwarteten, daraus neuen Profit ziehen zu können. So könne eine Situation entstehen, in denen die Firmen ihre Waren nicht verkaufen könnten. Eine Krise sei die Folge.

Auch die liberale Schule konnte die Krise nicht ignorieren. Sie forderte eine Senkung der Löhne, damit die Unternehmen wieder investierten. Keynes stellte fest, dass ein Teufelskreislauf die Folge wäre. Denn niedrigere Löhne senkten die Nachfrage, schüfen damit noch mehr Arbeitslosigkeit, was wiederum die Löhne senke.

Um die Krise zu überwinden, forderte Keynes die Schaffung einer „effektiven Nachfrage“. Der Staat solle eingreifen und die fehlende Nachfrage durch öffentliche Aufträge ersetzen. Die Ausgaben müssten allerdings durch Schulden finanziert werden, nicht durch eine Umverteilung bestehender Gelder. Nur so würde ein tatsächlicher Zuwachs entstehen.

Keynes Ideen beschränken sich jedoch nicht auf eine reine Nachfragepolitik. Seine Erklärung der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus reicht tiefer. Keynes glaubte, „dass die Aufgabe, die laufende Menge der Investitionen zu leiten, nicht ohne Gefahr in privaten Händen gelassen werden kann.“
Er kam zu diesem Schluss, weil er eine „sinkende Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ beobachtete. Die Unternehmen müssten immer mehr investieren, um dieselbe Masse an Profit erwirtschaften zu können. Dies führe dazu, dass sie den Profit nicht in neue Produktionstätten investierten, sondern damit spekulierten. Dieser Trend verschärfe sich, je älter der Kapitalismus werde.

Angesichts der unsicheren Investitionstätigkeit forderte Keynes eine „Sozialisierung der Investitionen“, um so das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Für ihn lag „das richtige Heilmittel für den Konjunkturzyklus“ darin, „daß wir die Stockungen abschaffen und uns somit dauern[d] in einem Quasi-Aufschwung halten.“

Keynes starb 1946, aber seine Theorie und die mit ihr verbundene staatliche Planung feierten große Erfolge, als die Weltwirtschaft nach dem Ende des 2. Weltkrieges in eine längere Wachstumsphase eintrat.

Die Grundlage für dieses „Goldene Zeitalter“ war der Kalte Krieg. Die Militärausgaben der USA und der Sowjetunion stiegen auf 10 bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Der Staat schuf eine gigantische Nachfrage für einen bedeutenden Teil der Industrie. Zugleich bremste diese Verschwendung die Tendenz zur Überproduktion.

Allerdings enthielt der Nachkriegsaufschwung auch Widersprüche. Als es 1974 erstmals wieder zu einem weltweiten Einbruch kam, stand die keynesianische Wirtschaftspolitik vor ihrer Bewährung. Aber just in diesem Moment, zeigten sich ihre Grenzen.

In Deutschland reagierte die sozialdemokratische Regierung und legte ein Investitionsprogramm über 16 Milliarden DM auf. Kurzfristig zeigte diese Politik Wirkung. Die Arbeitslosigkeit ging zurück. Aber eine erneute internationale Krise 1980/81 vernichtete diese Erfolge. Auch in anderen europäischen Ländern scheiterten die Regierungen damit, die Krise zu bekämpfen.

Die staatlichen Ausgaben hatten die Krise nur hinausgezögert. Die Arbeitslosigkeit wuchs erneut, diesmal auf zwei Millionen. In der SPD warf man daraufhin die keynesianische Politik über Bord und ging zur Sparpolitik über. Auch in anderen Ländern begann der Neoliberalismus seinen Siegeszug.

Heute ein groß angelegtes staatliches Investitionsprogramm zu fordern, mit dem neue Beschäftigung geschaffen werden kann, ist sicherlich nützlich. Aber es bleibt die Frage, wie dies durchzusetzen ist. Konzerne und Staatsbeamte haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie gegen ihre Interessen gerichtete Maßnahmen zu verhindern gedenken. In Großbritannien ließ sich die Labour-Regierung 1976 vom Internationalen Währungsfonds zu Ausgabenkürzungen zwingen, in Frankreich gab die Sozialistische Partei Anfang der 80er Jahre ihr Programm nach einem Boykott der Unternehmer auf. In Deutschland wurde Oskar Lafontaine 1999 von einer Kampagne des Kapitals aus dem Amt gedrängt.

Keynes hat die Frage, wie Maßnahmen gegen die Macht des Kapitals durchgesetzt werden können, nicht beantwortet. Auch wenn seine Theorie an den Grenzen des Kapitalismus rüttelt, war Keynes kein Linker. Er setzte darauf, dass die Herrschenden seinem Programm zustimmen würden und hielt am Kapitalismus fest. „Wenn es zum eigentlichen Klassenkampf kommt, so hängt mein örtlicher und persönlicher Patriotismus an meiner eigenen Umwelt. … ein Klassenkrieg würde mich auf der Seite der gebildeten Bourgeoisie finden.“

Aber Keynes spricht auch davon, dass die Investitionsentscheidungen vergesellschaftet werden müssen. Das öffnet die Tür zu einer sozialistischen Perspektive, die die Herrschaft von einigen wenigen über den gesellschaftlichen Reichtum in Frage stellt, und bereit ist, der Macht der Herrschenden zu trotzen.

Ein Artikel von Olaf Klenke, veröffentlicht in der Zeitung Linksruck

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Ein Kommentar

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    R.Pauly sagt:

    Bitte berichten Sie mal über das „Bandbreitenmodell“ des Jörg Gastmann aus Köln, welches in seinem Buch „Die Geldlawine“ ausführlich dargelegtund druchgerechnet wird. Das Gastmannsche Modell entlastet den Fakrot Arbeit von seinen Lasten und kennt nur noch die Umsatzsteuer (kein Vorsteuerabzug). Arbeitgeberbrutto dadurch gleich Arbeitnehmernetto. (es gibt keine Lohnsteuer mehr, die Sozialversicherrungen sind durch den Bundeshaushalt tragbar, da die Steuereinnahmen sich mehr als verdoppeln werden. Auch die Staatschulden können so wirksam abgebaut werden.