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Wider die Entmenschlichung: Zur Situation in Israel und Palästina.

Seit einer Woche herrscht in Israel und Gaza Krieg. Dem brutalen Angriff der Hamas gegen israelische Zivilist:innen folgte ein Militäreinsatz Israels. Unsere Anteilnahme gilt allen Zivilist:innen, die unter der zerstörerischen Gewalt leiden. Im Folgenden spiegeln wir einen Beitrag der Menschenrechtsorganisation medico vom 9. Oktober (Freiheitsliebe-Redaktion).

Was sich seit Samstag in Israel abspielt, ist nichts weniger als eine Zäsur. Die Bilder, die um die Welt gehen, zeugen von einer erschütternden, menschenverachtenden Brutalität. Der Angriff der Hamas hat unsägliches Leid über zahllose Familien und Freundeskreise gebracht und nicht nur Israel tief getroffen. Manche denken an die Verbrechen des IS im Nordirak, andere rufen sich die Verfolgungsgeschichte ihrer jüdischen Familie in Erinnerung.

Seit Samstag ist die Zahl der in Israel getöteten und ermordeten Menschen stetig nach oben korrigiert worden, mittlerweile auf über 700. Es ist davon auszugehen, dass diese Zahl weiter steigen wird. Um eine Vorstellung von der Dimension des Massakers zu bekommen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem Palästinenser zwischen dem Beginn der Zweiten Intifada Ende September 2000 und September 2010 binnen zehn Jahren 1.083 Israelis töteten, davon 741 Zivilist:innen.

Für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen stellt die ebenfalls seit Samstag erfolgende israelische Bombardierung auf die Enklave einen weiteren und erneut fürchterlichen Einschnitt dar. Die Opferzahlen der Angriffe steigen stündlich. Die massive Vergeltung, die Israels Präsident Netanjahu angekündigt hat, lässt einen hohen Blutzoll unter der Bevölkerung Gazas befürchten. Israels Verteidigungsminister kündigte die vollständige Blockade Gazas an: Kein Wasser, kein Strom, keine Lebensmittel sollen mehr hineingelangen.

Als medico vor 21 Jahren den Aufruf „Zeichen paradoxer Hoffnung“ zur Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen und deren Kooperation in Israel und Palästina veröffentlichte, war das Echo groß. Das lag nicht nur an den zum Teil prominenten Unterzeichner:innen aus Israel, Palästina und Europa, sondern auch am Ton des Textes, der sich trotz der verheerenden damaligen Lage darum bemühte, Räume offen zu halten und sich nicht in die Falle falscher Dichotomien zu begeben. Damals forderten die palästinensischen Selbstmordattentate und die israelischen Militäreinsätze hohe Todeszahlen. In dem Aufruf hieß unter anderem: „Ein verantwortlicher Umgang mit den Ereignissen im Nahen Osten kann nicht geprägt sein von Bekenntniszwang und Identitätssuche derer, die sich die Tragödie aus sicherer Entfernung anschauen.“

In den letzten zwei Jahrzehnten ist zwar viel geschehen, doch die Tragödie, von der wir damals sprachen, ist geblieben und hat sich vertieft. medico hat in dieser Zeit Projekte zur Verständigung von Israelis und Palästinenser:innen durchgeführt, ehemalige israelische Soldat:innen bei ihrer öffentlichen Zeug:innenschaft unterstützt, sich für Gefangene eingesetzt und gegen die Besatzung und Siedlungspolitik in der Westbank sowie die Blockade des Gaza-Streifens engagiert. Wir haben uns in Zusammenarbeit mit den Physicians for Human Rights – Israel für die Rechte von Geflüchteten in Israel eingesetzt und vor Ort ein Büro eröffnet, in dem Spendenprojekte, aber auch staatliche Mittel zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in der Region umgesetzt werden. Wir haben palästinensische Menschenrechtsorganisationen in Gaza bei ihrer Dokumentation von Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen unterstützt – begangen von Hamas und israelischer Armee. Wir unterstützen die gesundheitliche und psychologische Betreuung von Krebspatientinnen in Gaza ebenso wie wir psychosoziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die aus der Stadt und aus dort befindlichen Flüchtlingslagern kommen, darunter Projekte zur Förderung demokratischen Denkens und der Meinungsfreiheit. Wir haben uns in die deutschen Debatten um Antisemitismus und Besatzung eingemischt. Anstelle religiöser und nationalistischer Deutungen haben wir immer das Menschenrecht aller zwischen Jordan und Mittelmeer und das Recht auf Rechte als Kompass unserer Arbeit verstanden.

Schon seit längerem erleben wir, wie sich nicht der Kampf um eine Region mit gleichen Rechten und Würde für alle dort lebenden Menschen durchsetzt, sondern wie sich religiöser Fundamentalismus, Ethnonationalismus und die Politik der Feindschaft vertiefen. Kaum ein Problem wurde politisch gelöst. Stattdessen sollte es immer und immer wieder die Politik der Bomben richten, insbesondere in Gaza. Doch kein Blutbad wird den Weg zur „Befreiung“ ebnen. Und wie schon bei früheren Operationen wird es illusorisch sein zu glauben, man könne Frieden oder Sicherheit militärisch erzwingen.

medico hat zusammen mit seinen Partnerorganisationen immer versucht, der Dynamik in Gaza entgegenzuwirken, der Perspektivlosigkeit mit solidarischer Unterstützung zu begegnen. Dies ist ein permanenter Drahtseilakt – nicht, weil wir fürchten müssen, dass unsere Hilfe in falsche Hände gerät, sondern weil klar ist, dass wir nicht in der Lage sein werden, an den Rahmenbedingungen etwas zu ändern. Seit 2007 prägen die Abriegelung des Gazastreifens durch Israel und die Herrschaft des Hamas-Regimes wesentlich den Hintergrund unserer Arbeit. Die Organisationen, die wir vor Ort unterstützen, haben insbesondere mit den gravierenden Folgen dieser beiden Faktoren gerungen, im Fall der Abriegelung durch die israelische Armee teilweise auch in Kooperation mit Organisationen in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. Die größten Maßnahmen in Gaza führen wir seit Jahren mit der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) im Bereich der Basisgesundheitsversorgung durch. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat uns dabei seit 2010 unterstützt.

Jetzt, in diesen düsteren Stunden, sprechen wir mit unseren Partner:innen in der Region. Die einen trauern um die Opfer der Massaker der Hamas, andere liegen mit ihren Familien in Gaza unter ihrem Bett, weil sie bombardiert werden. Alle haben Angst um ihre Familien, um sich selbst und um ihre Freund:innen innerhalb und außerhalb der sie umgebenden Grenzen. Alle haben Angst vor dem, was noch passieren wird. Wir auch.

Angesichts der Schrecken auf beiden Seiten der Grünen Linie bleibt uns in diesem Moment nicht viel mehr, als unseren Partner:innen in Palästina und Israel beizustehen. Unsere Solidarität und Anteilnahme gelten in diesen Tagen mehr denn je der Zivilbevölkerung in Israel und Palästina, ihrem Wunsch und ihrem Recht auf ein Leben in Frieden und ohne Angst. Dies ist nicht die Zeit, ihr Leid auf die eine oder andere Weise zu instrumentalisieren.

medico international am 9. Oktober 2023

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