Thomas Sankara: Der vergessene Jahrhundertheld

9. April 2018 - 18:04 | | Politik | 2 Kommentare
Foto: Lukas Thiemann

In der ehemaligen französischen Kolonie Obervolta kommt 1983 Offizier Captain Thomas Sankara durch einen Staatsstreich an die Macht. In den folgenden fünf Jahren erlebt das völlig verarmte Land, das Sankara in Burkina Faso („Land der aufrichtigen Menschen“) umbenennt, eine beispiellose sozialistische Entwicklung. Auch nach seiner Ermordung durch die neokolonialistische Konterrevolution im Jahr 1987 wird Sankara in großen Teilen Afrikas bis heute verehrt, da von seinen damaligen Errungenschaften in vielen Ländern der Dritten Welt auch im Jahr 2018 nur geträumt werden kann.

Das Tempo, mit dem Thomas Sankara die Revolution in Burkina Faso antrieb, war hoch. Manche sagen, er habe gewusst, dass ihm nach seiner Machtergreifung nicht viel Zeit bliebe, bis die ehemalige Kolonialmacht Frankreich ihn als großes Hindernis ihrer ökonomischen und politischen Interessen identifizieren würde. Doch der Reihe nach.

Die burkinische Revolution begann mit einem eigentlich eher symbolischen Akt: Anstatt wie bisher in den Machteliten Afrikas üblich, wurden die Mercedes-Luxuslimousinen der Regierung kurzerhand verkauft und die Minister*innen darauf verpflichtet, sich fortan mit dem Renault 5 fortzubewegen, dem billigsten verfügbaren Auto der damaligen Zeit. Diese Ohrfeige für den verschwenderischen und luxuriösen Lebensstil der bisherigen Eliten kam bei der hungernden und bitterarmen Bevölkerung derart gut an, dass Sankara kaum noch weitere Überzeugungsarbeit für seine Person leisten musste. Schon zu Beginn seiner Präsidentschaft geriet der extrem junge, stets in Militäruniform auftretende Sankara erstmals in den weltweiten Fokus der Öffentlichkeit, indem er ein landesweites Impfprogramm mit dem Ziel verbreitete, Krankheiten wie Polio oder Masern auszumerzen, in Gang setzte. Mobile Impfstationen fuhren systematisch Dorf für Dorf das gesamte Land ab und innerhalb von zwei Wochen waren bereits 2 Millionen Burkiner*innen geimpft. Völlig überrascht von solchen auf dem afrikanischen Kontinent bisher nicht dagewesenen Erfolgen beglückwünschte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Sankara überschwänglich zu seiner Leistung. Doch das sollte längst nicht alles gewesen sein.

Sankara erkannte wie wichtig es war, dass sich die gesamte Bevölkerung konkret am politischen Prozess beteiligte, auch das stellte ein Novum in der bis dato von Korruption und Intrigen geprägten Politik Afrikas dar. Die Einrichtung von basisdemokratischen Räten auf jeder Ebene, vom lokalen Dorf bis hin zur Landesverwaltung, den sogenannten „Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR)“ sollte dazu führen, dass die Burkiner*innen Bewusstsein für ihre Rolle als unterdrücktes und trotz der formellen Unabhängigkeit wirtschaftlich ausgebeutetes Volk entwickelten. Sankara bekämpfte mit den neu geschaffenen Räten die mit der ehemaligen französischen Kolonialherrschaft eng verstrickte Bourgeoisie des Landes konsequent und führt der Bevölkerung in seinen Reden immer wieder vor Augen, dass die Befreiung vom Imperialismus nur auf politische Weise gelöst werden kann.

„Manche fragen: Wo ist der Imperialismus? Den Imperialismus seht ihr auf euren Tellern. Importierter Reis, Mais und Hirse, das ist Imperialismus!” – Thomas Sankara

Ein Wandbild aus Burkina Faso. By Pxhere, published under CC0 public domain.

Der Kampf gegen den Hunger war von vorneherein als wichtigstes politisches Ziel Sankaras deklariert worden und, um die abgelegenen, ländlichen Regionen Burkina Fasos logistisch zu erschließen, begann ein groß angelegtes Straßenbauprojekt, allerdings ohne verfügbare nennenswerte technische Mittel. Anstatt jedoch ausländische Firmen den Aufbau des Landes vollziehen zu lassen, wollte Sankara nicht länger vom Neokolonialismus abhängig sein. Er mobilisierte die Masse der Menschen mit simplen Mitteln wie veralteten Walzen und Schaufeln zum Straßenbau. Mit mehr oder weniger bloßen Händen verlegten die Burkiner*innen eine 15 Kilometer lange Eisenbahnstrecke. Die Einbindung der beinahe gesamten Bevölkerung in den Prozess der Revolution gehörte zu den großen politischen Stärken Sankaras, der sich, gemeinsam mit den Mitgliedern des „Nationalen Revolutionsrates (CNR)“, beispielsweise am Bau von Sozialwohnungen für die in Slums wohnende Bevölkerung tatkräftig beteiligte.

Durch die neue, verfügbare Infrastruktur verbesserte sich die Situation des Landes schlagartig. Eine konkurrenzfähige Industrie war nicht vorhanden und die Wirtschaft Burkina Fasos, das unter kolonialer und neokolonialer Herrschaft als eine Quelle für billige Arbeitskräfte für die benachbarte Elfenbeinküste benutzt wurde, bestand fast  ausschließlich aus Landwirtschaft. Allerdings produzierte die Landwirtschaft kapitalistisch, also unabhängig und getrennt voneinander, und war somit bezogen auf die Ernährung der Bevölkerung extrem ineffektiv. Lebensmittelimporte waren von Nöten und Hunger allgegenwärtig. Unter dem Motto „Verbrauchen wir nur das, was wir selbst anbauen“ sollte der Herrschaft ausländischer Kapitale auf den lokalen Märkten Einhalt geboten werden. Und in der Tat: Durch eine gesamtwirtschaftliche Planung der Nahrungsmittelproduktion, jetzt auch unter Einbeziehung der vormals kaum zugänglichen Regionen, gelang es dem Land bereits nach drei Jahren, eine vollständige Lebensmittelautarkie herzustellen. Der Hunger und vor allem die Ausbeutung durch teure Importe der ehemaligen Kolonialmächte waren besiegt. In einer Zeit, in der das restliche Afrika zu weiten Teilen von Hungerkatastrophen geprägt war, war dies ein unfassbarer Erfolg.

Sankara schaffte es weiterhin, die Bevölkerung für den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau zu sensibilisieren. Dies war ebenfalls ein Novum auf dem afrikanischen Kontinent. Gewalt gegen Frauen, Frauenbeschneidung und auch Polygamie, die Frauen oftmals jegliche Existenzgrundlage entzog, wurden verboten. Es entstanden feministische Gruppen, die für die Verbesserung der Lage der Frau als Teil des revolutionären Prozesses kämpften. Es wurde Frauen erlaubt zu arbeiten und auch Sankaras Regierung des CDR bestand zu ca. 40% aus Frauen. Die Aufklärung über Verhütung und die Risiken von AIDS war Sankara ebenfalls extrem wichtig und wurde in der Bevölkerung intensiv durchgeführt.

Die Fahne des Landes.

Mit Hilfe der Bevölkerung Burkina Fasos, die aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Erfolge beinah bedingungslos hinter ihm stand, begann Sankara ein weiteres Großprojekt. Eine große Gefahr für die Landwirtschaft stellte die zunehmende Desertifikation dar, also das Vordringen der Wüste auf zuvor fruchtbares Land. Ähnlich wie bei seiner Frauenpolitik setzte Sankara auch bei diesem Thema auf Aufklärung und Sensibilisierung. Jedes Dorf wurde angehalten, einen Wald anzupflanzen, und Sankara begann eine riesige Kampagne, in deren Rahmen mehrere Millionen Bäume gepflanzt wurden, um die Wüstenausbreitung zu stoppen. Afrikas Vorzeigeprojekt der „grünen Mauer im Sahel“ geht übrigens zu großen Teilen auf Sankaras damalige Initiative zurück. Erneut schaffte er es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Er bekämpfte effektiv die drohende Landnahme und erzeugte bei den Menschen gleichzeitig (erneut erstmals in Afrika) ökologisches und umweltschützendes Bewusstsein.

Außenpolitisch arbeitete Sankara intensiv mit dem ghanaischen Staatschef Jerry Rawlings zusammen. Dieser war ebenfalls ein sozialistischer Revolutionär und mit ihm vereinbarte er den vollständigen Zusammenschluss der beiden Länder als „Westafrikanische Union“, ein Plan, der jedoch nach seinem Tod schnell scheiterte. Es folgen Alphabetisierungskampagnen sowie die Einführung des Breitensports, an dem sich die Menschen wöchentlich beteiligen sollten, frei nach dem Motto „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“. Doch der größte Coup Thomas Sankaras wurde gleichzeitig auch der Startschuss für sein Ende.

Mitte der Achtziger Jahre waren die afrikanischen Staaten, die beinah alle eine Geschichte als Kolonie hatten, bitter verarmt. Es bestanden riesige Summen an Schulden gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten und die jeweiligen Wirtschaften waren nicht ansatzweise in der Lage, diese Schulden abzubezahlen. Im Gegenteil, es musste sogar zusätzlich ausländisches Kapital in Form von Krediten für Infrastruktur, Wirtschaft oder grundlegende Dinge wie sanitäre Systeme oder Wasserleitungen in die Länder geholt werden. Die Schuldensumme nahm entsprechend immer mehr zu und unabhängig davon, ob man dem Weltmarkt gewachsen war oder nicht, die Verpflichtung auf den Schuldendienst bestand weiterhin. Da die Kredite zunehmend nicht mehr gezahlt werden konnten, wurden immer mehr Gelder zurückgefahren, was zu einer unfassbaren Armut mit Hungerkatastrophen (beispielsweise die Hungersnot in der Sahelzohne in den 1970ern und 80ern mit 50 Millionen Betroffenen) und teilweise bitteren Kriegen um die wenigen verbliebenen Ressourcen führte (beispielsweise der Eritrea-Äthiopien-Krieg).

Sankara forderte auf der internationalen Bühne die Erlassung sämtlicher Schulden, da diese sowieso nicht zurückzahlbar waren und die Entwicklung der Länder massiv behinderten und gar nicht erst möglich machten. Im gleichen Atemzug forderte er ebenfalls einen Schulterschluss der afrikanischen Staaten in eben dieser Schuldenfrage. Auch eine afrikanische Wirtschaft nach dem funktionierenden autarken Vorbild der burkinischen schlug er vehement vor, um dem Imperialismus auf dem gesamten Kontinent gemeinsam entgegenzutreten. Des Weiteren kritisierte er massiv die Staatschefs, die an der neokolonialistischen Ausbeutung partizipierten und sich an der Armut ihrer Völker bereicherten. Auch wenn seine Reden, wie die Rede vor der wichtigen „Organisation für die Afrikanische Einheit (OAU)“ im Juli 1987, von vielen Afrikaner*innen euphorisch gefeiert wurden – die meisten seiner Amtskollegen hatten Angst vor zu großem Einfluss Sankaras auf ihre eigenen Einwohner und damit ihre neokoloniale Macht und so solidarisierten sich nicht mit den Forderungen Sankaras.

Auch für Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht Burkina Fasos, wurde der aufmüpfige Revolutionär nun endgültig zum Feind ihrer Interessen. Sankara hatte in der erwähnten Rede bereits angekündigt, dass, sollte Burkina Faso das einzige Land sein, welches sich weigert, seine Schulden zu bezahlen, er schon bei der nächsten Konferenz nicht mehr anwesend sein werde. Die Reaktion war Gelächter, doch drei Monate später lebte Sankara tatsächlich schon nicht mehr. Er wurde ermordet, eine konterrevolutionäre Kraft, mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Unterstützung von Frankreich, um seinen ehemaligen besten Freund und langjährigen Weggefährten Blaise Compaoré, hatte einen Staatsstreich durchgeführt. Compaoré beendete die Revolution, setze alle Veränderungen Sankaras außer Kraft und seitdem entwickelte sich Burkina Faso erneut in ein stark verarmtes Land ohne jegliche Entwicklungschance mit Seuchen und Krisen. Heute ist es, gemessen am BIP pro Kopf, das 175. ärmste von 190 Ländern der Welt.

Dennoch: Auch im Jahr 2018 ist der anschließend in Europa schnell vergessen geratene Captain Thomas Sankara in Afrika noch sehr populär. Allerdings werden beinahe sämtliche Staaten weiterhin von neokolonialen Eliten regiert, die an der strukturellen Armut eines ganzen Kontinents partizipieren, oder die Länder sind als failed state im Bürgerkrieg verfallen. Um Afrika steht es definitiv nicht gut, wie die Hungerkatastrophen, beispielsweise in Kenia, zeigen. Umso wichtiger ist es, dass die Ideen und der humanistische Ansatz Thomas Sankaras auch weiterhin geteilt und verbreitet werden, um eines Tages vielleicht erneut ein Afrika aufzubauen, dass den afrikanischen Völkern eine Existenz mit Lebensqualität ermöglicht.


Photo by Gary Soup

Ein weiterer unbekannter afrikanischer Held: Patrice Lumumba

Am 17. Januar 1961 wurde der kongolesische Premierminister und Antikolonialist Patrice Lumumba ermordet. Patrice Lumumba war für nur sieben Monate der Premierminister des eben erst unabhängig gewordenen Kongos, bevor er vor 57 Jahren umgebracht wurde. Er wurde 36 Jahre alt. Hier weiterlesen.

Über den Autor

Anfang 20 | Student | Politisch aktiv bis Armut und Ausbeutung auf der Welt nicht mehr existieren | "Seid vor allem immer fähig, jede Ungerechtigkeit gegen jeden Menschen an jedem Ort der Welt im Innersten zu fühlen" - Che Guevara.

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