Ministerium erklärt Gesundheitsnotstand – Malaria und Denguefieber auf dem Vormarsch im Jemen

15. November 2019 - 12:59 | | Politik | 1 Kommentare

Am Dienstag rief das von den Houthi-Rebellen kontrollierte Gesundheitsministerium im und um das Hodeida-Direktorat den Gesundheitsnotstand aus. Nach Informationen von Freiheitsliebe liegen bislang 116.522 Malariainfektionen, 500.000 Verdachtsfälle und 23.000 Fälle von Denguefieber vor. 51 Menschen sind bereits an den Folgen verstorben.

Am Dienstag rief das jemenitische Gesundheitsministerium in Sana’a laut Informationen von Freiheitsliebe „zur Kontrolle von Denguefieber, Malaria und Moskitoüberträgern den Gesundheitsnotstand“ aus. In den letzten Wochen kam es nach Angaben des von den Houthi-Rebellen kontrollierten Ministeriums im Nordwesten des Landes zu einer Welle von Infektionen, insbesondere ist hierbei Hodeida am Roten Meer betroffen, die wichtigste Hafenstadt des Landes, über die nahezu sämtliche Lebensmittelimporte und Hilfslieferungen ins Land kommen.

Bereits über 50 Tote

„116.522 bestätigte Malariainfektionen, dazu 500.000 Verdachtsfälle auf Malaria und 23.000 bestätigte Fälle von Denguefieber wurden gezählt“, so der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Dr. Yousef Alhadri, gegenüber Freiheitsliebe. Bislang seien 51 Menschen an den Folgen beider Krankheiten verstorben.

Am Mittwoch war eine Delegation unter Leitung des Gesundheitsministers Dr. Taha al-Mutawakel in Hodeida, um nötige Schritte zu koordinieren. Es wurden bereits Ärzteteams aus der Hauptstadt Sana’a ins Hodeida-Direktorat transferiert, wie ein jemenitischer Journalist berichtet.

Das Ministerium nannte als Gründe für die Infektionswelle das heftige Einsetzen der „Regensaison und die Verschlechterung der Infrastruktur als Folge der Aggression“ (gemeint ist der viereinhalb Jahre währende Angriffskrieg Saudi-Arabiens und der Emirate gegen den Jemen).

Der bekannte jemenitische Journalist Baseem Al-Jenani gibt in den sozialen Medien den Toten ein Gesicht.

Übersetzung Tweet:
#Jenani
„Allen” starb heute Morgen am Denguefieber.
#DengueFegtÜberHodeida

Opferstatistiken zu Malaria und Dengue im Hodeida-Direktorat im Zeitraum vom 27. Oktober bis 11. November. By بسيم الجناني #اليمن.

Am Montag veröffentlichte Al-Jenani den Screenshot einer Excel-Tabelle lokaler Behörden, die die im Hodeida-Direktorat mit Malaria und Dengue Infizierten sowie die akkumulierten Todeszahlen im Zeitraum vom 27. Oktober bis 11. November auflistet (die Tabelle wurde für diesen Artikel übersetzt und konnte nachvollzogen werden). Aus Al-Jenanis Post geht hervor, dass „die Zahl der Todesfälle vergangene Woche 50 überschritten hat“, was die Opferzahlen der Website Yemen Story (53) und die Angaben des Houthi-Gesundheitsministeriums (51) stützt.

„Die meisten Krankheiten und Epidemien werden aus den Gebieten unter der Besatzung [Saudi-Arabiens und der Emirate] übertragen“, auf die die Houthis keinen Zugriff hätten, so das Gesundheitsministerium weiter gegenüber Freiheitsliebe. Dies deckt sich mit lokalen Medienberichten vom Montag, nach denen sich ein weiterer Hotspot der Malaria im Südwesten in Ta’iz befindet, das unter Kontrolle der Saudi-Emirate-Koalition ist. Diese kümmere sich nicht um die Müllabfuhr, wodurch sich der Müll in den Straßen stapele und so die Ausbreitung von Epidemien begünstige.

Epidemien als Kriegswaffe

Das Zentrum der gegenwärtigen Infektionswelle liegt in Hodeida, dessen Bedeutung für das buchstäbliche Überleben von 29 Millionen Menschen im Jemen kaum genug betont werden kann – zu Recht gilt die Hafenstadt als „Lebensader des Jemen“. Hodeida fällt unter das Mandat des Stockholm Agreements, des im Dezember 2018 in der schwedischen Hauptstadt verhandelten Friedensabkommens, welches die vollständige Demilitarisierung der Hodeida-Region vorsah.

Der international bekannte jemenitische Journalist Hussain Albukhaiti berichtete jedoch Anfang Oktober, die Saudi-Emirate-Koalition „verübte einen Luftschlag auf einen Truck in #Hodeida“, wobei mindestens zwei Zivilisten getötet wurden: „Dies ist ein klarer Bruch des Stockholm Agreement“. Weitere Meldungen zu ähnlichen Luftschlägen der Koalition in der Hodeida-Region kursierten in den sozialen Netzwerken, sowie vereinzelt in der internationalen Presse.

Und während es glaubhafte Berichte gibt, dass sich die Houthis bis zum Sommer 2019 tatsächlich aus Hodeida und zwei weiteren Hafenstädten zurückzogen, widerspricht der Journalist Albukhaiti entsprechenden Versicherungen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die die Operationen in Hodeida leiten: Die „VAE haben sich NICHT aus dem Jemen zurückgezogen“.

Eine sofortige und vollständige Demilitarisierung der gesamten Hodeida-Region ist unablässig, um die gegenwärtig aufkommenden Epidemien einzudämmen. Bei anhaltenden Kampfhandlungen ist es undenkbar, die todbringenden Krankheiten unter Kontrolle bringen zu können.

Im Jemen wüten die größte Choleraepidemie der Menschheitsgeschichte sowie eine ebenso historische Hungersnot. Die jüngsten Wellen von Malaria und Dengue dürfen daher nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen im Kontext der genozidalen Natur des Krieges gesehen werden: Epidemien sind keineswegs „Kollateralschäden“ im Krieg gegen die Houthi-Rebellen, vielmehr setzt die Saudi-Emirate-Koalition Cholera, Malaria und vor allem Hunger bewusst als Kriegswaffen ein, um den jemenitischen Widerstand zu brechen.

Vorsätzlich werden Landwirtschaftsbetriebe, Lebensmittelfabriken und Marktplätze bombardiert, um die historische Hungersnot zu eskalieren. Es werden Wasserwerke, Abwasseranlagen und Krankenhäuser zerstört, um Epidemien auszulösen oder zu verstärken.

Kriegsbedingt sind mehr als die Hälfte aller medizinischen Einrichtungen im Land außer Betrieb. Erst letzte Woche berichtete Ärzte ohne Grenzen, dass eines ihrer Krankenhäuser in Mokka am Roten Meer nach einem Angriff der Koalition zum Großteil zerstört wurde und geschlossen werden musste, obwohl – oder weil? – der Koalition die GPS-Koordinaten der Einrichtung mehrfach übermittelt wurden. Auch ein Zentrallager für medizinische Gebrauchsgüter wurde dabei zerstört. Behandlung zur Eindämmung der Dengue- und Malariainfektionen bleibt aus.

„Hunderttausende Menschen an der Westküste, die dringend medizinische Hilfe benötigen“, kommentiert Lise Grande, die Humanitäre Koordinatorin der UN für den Jemen, die Angriffe von Mokka, „sind wegen der Luftschläge von dieser Hilfe abgeschnitten“.

Über den Autor

Avatar
Ich bin seit Ende 2015 bei Die Freiheitsliebe mit dabei. Als studierter Biochemiker habe ich ein Jahr in Nablus, Palästina gelebt und dort an der Uni die Auswirkungen israelischer Industrieanlagen auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen in der Westbank erforscht. Anschließend habe ich neben mehreren Ländern in Osteuropa und dem Balkan auch einige Zeit in Tel Aviv und Haifa in Israel gelebt und kenne daher „beide Seiten“ des Konflikts und die jeweiligen Mentalitäten recht gut. Soweit ich zurückblicken kann, bin ich ein politisch denkender Mensch und verabscheue Ungerechtigkeiten jeglicher Art. Aus bedingungslos pazifistischer Sicht schreibe ich gegen den Krieg an und versuche so, meinen kleinen Beitrag zu leisten. Meine Themenschwerpunkte sind Terrorismus, das US Empire, Krieg (Frieden?) und speziell der Nahe Osten.

Ein Kommentar

  • 1
    Avatar hashem says:

    Die jüngsten Wellen von Malaria und Dengue dürfen daher nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen im Kontext der genozidalen Natur des Krieges gesehen werden: Epidemien sind keineswegs „Kollateralschäden“ im Krieg gegen die Houthi-Rebellen, vielmehr setzt die Saudi-Emirate-Koalition Cholera, Malaria und vor allem Hunger bewusst als Kriegswaffen ein“.
    Das stimmt irgendwie. In hodeidah können Insektizide auf Sümpfe, Blantagen Wohnsiedlungen, Viehstall etc. auch wegen Gefechte und Straßenbarrieren nicht rechtzeitig oder nicht gesprüht werden. Die meisten Infizierte in den ländlichen Ortschaften können auch wegen Kämpfe, Mangel an Transportsmittel oder wegen Geldnot nicht rechtzeitig oder gar nicht zu einen Krankenhaus oder einem von Ärtze ohne Grenzen betriebenen Sanitärzentrum gebracht werden. Ein weiterer Grund für Sterblichkeit an Cholera liegt darin, dass Cholera-Erkranken drei bis vier Mahlzeit nicht haben.
    bG
    Hashem aus Sanaa, Jemen