Warum Elektroautos dem Klima schaden

1. Mai 2019 - 12:00 | | Meinungsstark | 0 Kommentare

Unter der Überschrift „voll unter Strom – die deutschen Hersteller investieren Milliarden in die Elektrifizierung ihrer Flotten“ schreibt der Autotester Friedhelm Greis in der Bundestagszeitung DAS PARLAMENT (März 2019) über die vielfältigen Probleme, die es mit der so genannten Elektromobilität gibt: fehlende Ladeinfrastruktur, hoher Preis, niedrige Reichweiten, kritische Batterieproduktion. Bedauerlich, denn „Die massenhafte Verbreitung von Elektroautos soll eigentlich dabei helfen, die Klimaziele zu erreichen, die Luftqualität in den Städten zu verbessern und den Lärmpegel zu verringern.“

Und dann folgt der entlarvende und entscheidende Satz: „Gerade für Hersteller von schweren Oberklassewagen bieten Elektroautos die Möglichkeit, die immer strenger werdenden Flottengrenzwerte einzuhalten und hohe Strafzahlungen zu verhindern.“

Damit ist ein wesentliches Argument gegen die „Verkehrswende“ a´ la VW, BMW, Daimler & Co bereits genannt: die Auto-Konzerne lassen sich so ihr profitabelstes Geschäftsfeld SUV sauber rechnen. Der zerstörerische Trend zu noch mehr schweren, großen, ressourcenintensiven PKW in unseren Städten wird damit fortgesetzt. 2010 waren bereits 10% aller Neuzulassungen SUV, heute sind es rund 25% – Tendenz steigend und gefördert durch das „Dienstwagenprivileg“. Die Bundesregierung lässt nämlich Elektroautos nicht mit ihrer realen CO2-Emission, sondern mit einer angeblichen „Null-Emission“ in die Berechnung des Flottenverbrauchs eingehen; so kompensiert ein E-Auto 5 große Modelle mit Verbrennungsmotor, welche die (ohnehin zu hoch angesetzten) CO2-Grenzwerte überschreiten. Die Autokonzerne sparen auf diese Weise Milliarden Strafzahlungen und vergrößern den klimaschädlichen Verkehr. Denn tatsächlich liegen die von Elektroautos verursachten CO2-Emissionen ungefähr auf gleicher Höhe wie bei durchschnittlichen Benzin- und Diesel-PKW [1]. Die stoßen sie zwar nicht durch den Auspuff aus, aber erstens verursachen sie bei der Herstellung einen höheren Ressourcenverbrauch als herkömmliche PKW; und zweitens entstehen bei der Stromerzeugung Emissionen, die ihnen zugeschrieben werden müssen. Dadurch nehmen unter dem Strich durch Elektroautos die CO2-Emissionen nicht ab, sondern zu. So lange nicht 100 % regenerativer Strom aus der Steckdose kommt, führt jeder Mehrverbrauch von Elektrizität zur Verlängerung von Kohle oder Gaskraftwerken. Oder zu noch mehr Atomkraft: China beispielsweise setzt stark auf E-Mobilität und verdreifacht aktuell die Zahl der Atomkraftwerke auf 100.

Ein weiteres Problem ist das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer: fast 60 % der Elektroautos in Deutschland sind zusätzlich angeschafft worden – als Zweit- oder Drittwagen und nicht als Ersatz. Und weil zum einen die Anschaffungskosten höher, aber die Fixkosten minimal sind und zum anderen das ökologische Gewissen beruhigt wurde, werden sie häufiger gefahren. Dieser Effekt wurde zuerst in Norwegen beobachtet. Dort sind inzwischen rund ein Viertel der Neuwagen batteriegetrieben. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt: nach Anschaffung eines Elektroautos ging die Nutzung des ÖPNV bei den Fahrten zur Arbeit um über 80% zurück.

Kurz: unter den gegebenen Bedingungen stabilisieren Elektroautos die Autogesellschaft, die Macht der Konzerne [2] und sozialökologisch ungerechte Verkehrsverhältnisse.

Wir brauchen statt dessen Mobilität für alle – mit deutlich weniger Verkehr: Eisenbahnen, Straßenbahnen und Oberleitungs-Bussysteme verkörpern Elektromobilität, die allen nützt und nicht die herrschenden Privilegien stützt. Die Stromzufuhr – direkt und nach Bedarf – kommt ohne aufwändige Batterietechnologie aus. Auch E-Bikes sind sinnvoll und vergrößern den Fahrradnutzen. Wir brauchen nicht „Decarbonisierung“, sondern „Decarisierung“ des Verkehrs. Das beste Auto ist KEIN Auto. Klimagerechtigkeit kann es nur geben, wenn wir die Normalität des MIV (motorisierten Individualverkehr) überwinden. Dann können auch Elektroautos eine sinnvolle Rolle im Verkehrsgeschehen spielen – für konkreten (Rest-)Bedarf.

Für eine solche Perspektive braucht es gesellschaftliche Bewegung: die (teils kriminelle) Kaste der Spitzenmanager und Großaktionäre der Autokratie darf nicht bestimmen, was Mobilitätswende bedeutet! Der Protest – u.a. bei der VW-Hauptversammlung [3] am 14. Mai in Berlin – soll groß werden!


[1] Eine der ganz wenigen unabhängigen Studien dazu stammt vom Umwelt-und-Prognose-Institut aus Heidelberg: http://www.upi-institut.de/upi79_elektroautos.htm

[2] Eine umfangreiche Analyse und Kritik der Ökonomie der Elektroautos mitsamt der Kapitalstrategien liefert Winfried Wolf in seinem neuen Buch. Dort werden auch sinnvolle Alternativen beschrieben.

[3] „Climatecrimescene – VW tötet!“ Extiction Rebellion, Gegenstrom Berlin und Robin wood rufen auf zum bunten und kreativen Protest gegen den automobilen VWahnsinn- https://gegenstromberlin.org/wp-content/uploads/2019/04/20190514_VauWee-Flyer.pdf


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Über den Autor

Sabine Leidig
Sabine Leidig war von 2002 bis 2009 Geschäftsführerin des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac. Seit 2009 sitzt sie für die Linke im Bundestag.
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