Lieberman hat Recht: es gibt keine Krise in Gaza – dies ist eine Katastrophe

22. Februar 2018 - 16:45 | | Politik | 0 Kommentare
Gazastreifen 2015

In der Meinungsverschiedenheit zwischen dem Militär-Stabschef und dem Verteidigungsminister, ob es in Gaza eine humanitäre Krise gäbe, hat der Verteidigungsminister Lieberman Recht. Da gibt es keine Krise. Eine Krise schließt einen Punkt mit ein, der über Routine hinweggeht und wie ein Meteor zuschlägt. Solch eine Situation ist nicht in Gaza, wo es eine ständige und vorauszusehende Verschlechterung gibt. Jedes Argument im Niedergang ist eine humanitäre Katastrophe.

Der vorausgehende Paragraph und jeder folgende Satz könnte das Thema eines ganzen Artikels sein, aber ich hab nicht die Zeit. In der Kolumne „sage nicht, du habest nichts gewusst“ werden Themen ausgedrückt und gesammelt – und im Norden ist Kriegsgefahr. Wir werden uns also mit den Hauptargumenten befassen.

Alle paar Monate warnt eine internationale oder palästinensische Organisation, dass Gaza am Rande eines Kollapses sei. Sie lügen nicht. Die Warnungen scharren ein bisschen Nothilfe zusammen, die sich nicht mit den Ursachen befassen und nur die Rate der Verschlechterung abbremst. Man kann sicher vermuten, dass ein paar Schiffsladungen mit Medikamenten und Spenden für Notbrennstoff jetzt unterwegs sind.

Die Palästinenser von Gaza sind eine Gemeinschaft von Bettlern geworden. Es ist eine Schande und die Schande ist nicht ihre eigene.

Die Israelis und die Amerikaner haben Recht mit ihrer abscheulichen Scheinheiligkeit, als sie die Hamas fragten, warum sie Geld für Waffen hätten, aber nicht, um den vollen Lohn ihres medizinischen Personals zu bezahlen oder für die Krankenhäuser und die medizinische Behandlung.

Hamas imitiert Israel. Wie Israel schiebt es die Bürde, nach Gazas Zivilisten zu schauen, der palästinensischen Autorität und den Spenderländern zu. Wie Israel möchte es beide Wege: den Gazastreifen praktisch kontrollieren, während es die Verantwortung für die Bevölkerung vermeidet – mit einem grundlegenden Unterschied. Israel ist ein schlauer, boshafter Besatzer, der dahin zielt, die wirtschaftlichen und humanitären Katastrophen dazu zu verwenden, die Palästinenser zu zwingen, sich zu ergeben und auszuwandern. Hamas ist das Fleisch und Blut der speziellen palästinensischen Gemeinde, die im Streifen wohnt. Die Verantwortung auf andere schiebt. Während man wie ein Pfau mit seinen Waffen stolziert und nur sein Volk geschwächt hat, von dem 40% zu emigrieren wünscht.

Als führende Offizielle der palästinensischen Behörde, speziell Mahmoud Abbas, über den Staat Palästina spricht, der von den UN anerkannt worden ist und der den Gazastreifen einschließt. Gaza benötigt ihr politisches Narrativ, aber praktisch zeigen diese Offiziellen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Gazas Bewohnern.

Eine Kürzung der Medikamente um 40 % in Gazas öffentlichem Gesundheitssystem ist kein göttlicher Erlass. Hamas und Gazas Bewohner haben Recht, die Palästinensische Behörde anzuklagen, absichtlich Schiffsladungen von Medikamenten zu verzögern, um Hamas zu erpressen. Das ist politisch nicht weise. Die Gazaer kritisieren offen die palästinensische Behörde, nicht die Hamas. Die Verzögerung von Schiffsladungen voller Medikamenten ist wirtschaftlich nicht weise. Statt Patienten im Gazastreifen zu behandeln. Die Palästinensische Behörde zahlt und die Kosten sind ein Dutzend mal größer als der Preis für das Medikament. Was für eine Torheit.

Es ist vernünftig, anzunehmen, dass die Rate der Krankheiten in Gaza zum Himmel schreit dank des Wasserverbrauchs, da dieses nicht für den Verbrauch bestimmt ist. Die palästinensische Behörde zahlt, ein schwindender Untergrund –Aquifer, unbehandelte Abwässer, die direkt ins Meer geleitet werden, Land, das von Israel mit Chemie von unzähligen, unbarmherzigen Luft-Bombardements gelassen wird; der Müll, der so schwer zu entsorgen ist; der ständige Angstzustand; die Anzahl der verletzten, behinderten Leute und die vielen, die an post-traumatischen Effekten leiden, nachdem sie bei israelischen Angriffen Geliebte verloren haben.

Die Bewohner von Gaza haben eine Elastizität und Ausdauer, wie wir sie uns kaum vorstellen können. Mediziner aus dem Ausland, die freiwillig im Gazastreifen arbeiten, sind erstaunt, wie die Kinder zwei Tage nach der Operation auf den Füßen sind. Kinder in Madrid benötigen eine Woche, wurde mir von Steve Sosebee, Direktor des Palästinensischen Kinder –Hilfsfond, gesagt, der Hunderte von freiwilligen Ärzten in die besetzten Gebiete bringt. Erklärt es die Fähigkeit der Gazaner, sich mit der Sammlung von Krankheiten zu befassen, die im vorausgehenden Paragraphen aufgelistet waren?

Statt im Wettbewerb zu sein, wer ist der erste, der medizinisches Personal burn out) und ihren Lohn kürzt – vielleicht engagiert sich die Führung der beiden palästinensischen Fraktionen in der entgegen gesetzten Art eines Wettbewerbs; wer vermehrt als erster den Lohn des medizinischen Teams, auf Grund der Anerkennung der Bedeutung ihrer Arbeit und ihrer Sorgfalt und Hingabe während all der Jahre, für die sie nicht belohnt worden sind?

Sosebee sagte, ein französischer freiwilliger Arzt hatte den Eindruck, dass alle Ärzte im Gazastreifen deprimiert seien. Sosebee nannte es eine Depressions-Epidemie. Die Ärzte wissen genau, wie sie ihre Patienten behandeln müssen, doch fehlen ihnen die Mittel. Es ist eine Depression, die nicht an den teilweisen Lohn gebunden ist, den sie bekommen, und er geht über die Depression von zwei Millionen gefangenen Bewohnern hinaus, die nicht aus dem Streifen in die Freiheit kommen und gehen können.

Mit seiner Politik der Massen-Einkerkerung, die 1991 begann und in den 2000 er Jahren gesteigert wurde, hoffte Israel, Ägypten unter Druck zu setzen, Gaza zu annektieren. Dies gelang nicht. Es ist Zeit für Europa, etwas für sein Finanzieren zurück zu fordern. Die Europäer sollten sagen, dass für jede $1000, die sie geben, um den Streifen zu retten, Israel 1000 Gazanern für Studienzwecke, für die Fortsetzung der Ausbildung von Ärzten und Lehrern und für Reisen und Besuchen von Freunden und Verwandten ausreisen lassen muss.

Dies sollte immer wieder gesagt werden. Der reguläre Kreis von beinahe-Kollapsen wird nur angehalten, wenn die Bewegungsfreiheit für Menschen und Waren wieder hergestellt wird. Lasst sie arbeiten, auch in Israel – wie vorher. Sie verdienen sich einen ehrlichen Lebensunterhalt. Sie werden Waren verkaufen und exportieren; das palästinensische Finanzministerium wird nicht Vergünstigungen aus aller Welt sammeln müssen und die Leute wollen heim nach Gaza kommen, weil niemand sie daran hindern wird, es zu verlassen.

Amira Hass – 12.2. 18
(dt. Ellen Rohlfs)

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