„Lenin lesen! Und dann etwas tun“

7. November 2018 - 10:56 | | Politik | 1 Kommentare

Lenins Imperialismustheorie ist heute noch wichtig, um Kriege zuverstehen und gegen sie vorzugehen. Ein Interview mit Franziska Lindner

Auf dem 68er-Kongress in Berlin von „Die Linke.SDS“ leitest Du am 8. Dezember einen Workshop zur „Einführung in Lenins Imperialismustheorie“. Wieso ist es wichtig, zum fünfzigjährigen Jubiläum der 68er auch darüber zu sprechen?

Die Leninsche Imperialismustheorie zeigt die Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft in der Epoche des Monopolkapitalismus auf. Daraus lassen sich Ableitungen für die Praxis der internationalen Linken gegen imperialistische Kriege ziehen. Das haben Teile der Studentenbewegung der 60er Jahre getan, zum Beispiel mit dem Internationalen Vietnamkongress von 1968, der wie der 68er-Kongress an der TU Berlin stattfand. Etwa 5000 Studentinnen und Studenten aus 14 verschiedenen Ländern zeigten ihren Widerstand gegen den Vietnamkrieg der USA und gegen den westlichen Imperialismus allgemein.
Laut Lenins Broschüre aus dem Jahre 1917 ist der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus. Was zeichnet dieses Stadium aus?

Damit ist der Monopolkapitalismus gemeint, der den Kapitalismus der freien Konkurrenz am Ende des 19. Jahrhunderts abgelöst hat. Lenin sieht eine neue Entwicklungsstufe des Kapitalismus erreicht. Kennzeichen ist die Bildung von Großkonzernen in Industrie, Handel und Finanzsektor in Folge einer enormen Konzentration und Zentralisation von Produktion und Kapital. Die Gründung von Aktiengesellschaften und Kartellen, die wachsende Bedeutung des Kredits schufen neue Möglichkeiten der Kapitalakkumulation. Der Kapitalexport legte im Vergleich zum Warenexport massiv zu und die Aufteilung der Welt unter den internationalen Kapitalistenverbänden begann. Hierbei spielte und spielt der bürgerliche Staat eine wichtige Rolle, der die Bedingungen für die Durchsetzung und Aufrechterhaltung dieser Ordnung sichert.

In Deutschland stehen bis heute existierende Großkonzerne wie BASF, Bayer, Thyssen-Krupp, Deutsche Bank oder Commerzbank für dieses monopolistische Stadium des Kapitalismus.

Was daran bis heute aktuell – und was hat sich geändert?

Wir befinden uns noch in eben diesem Entwicklungsstadium des Kapitalismus. Geändert hat sich aber das Ausmaß: So hat sich die Produktion noch weiter konzentriert, die Rolle des Finanzsektor im Wirtschaftsgefüge hat sich immens verstärkt und der Kapitalexport wurde massiv ausgedehnt. Aber die Produktionsverhältnisse haben sich nicht geändert.

Damals führten die Weltmächte den Ersten Weltkrieg, ganz vorne dabei das Deutsche Kaiserreich. Ist Deutschland heute wieder ein imperialistisches Land?

Der Imperialismusbegriff von Lenin ist vor allem ein ökonomischer. Der Motor von Kriegen besteht in der Konkurrenz kapitalistischer Großmächte, die untereinander um die Aufteilung der Welt ringen. Seit Anfang der 1990er Jahre findet in Deutschland eine ungebremste militärische Aufrüstung statt. Deutsche Soldaten sind weltweit in vielen Konfliktgebieten präsent. Das festigt geostrategische Einflussmöglichkeiten, den Zugang zu Handelswegen, Rohstoffen und Absatzmärkten. Ebenso sichern aggressive Handels- und Investitionspolitiken die Profite deutscher Konzerne ab. Das ist Teil der Politik imperialistischer Staaten.

Als Politikwissenschaftlerin hast Du Dich etwas mit Russland beschäftigt und dieses Frühjahr ein Buch über „Die deutsch-russischen Energiebeziehungen im geopolitischen Umfeld“ im Papyrossa-Verlag veröffentlicht. Welche Rolle spielt Russland im heutigen imperialistischen Weltsystem?

Diese Frage ist nicht direkt Teil meines Buches und ich finde sie vielschichtig. Ich kann sie soweit beantworten, als dass die Schwächung Russlands ein Ziel westlicher Außenpolitik ist. Das zeigen beispielsweise die sukzessive NATO- und EU-Osterweiterung bis an die russischen Außengrenzen, die Unterstützung des prowestlichen Putsches in der Ukraine 2013/14 und die Sanktionen, die folgten. In diesen Tagen führt die NATO im russischen Nachbarland Norwegen die 50.000 soldatenschwere Operation „Trident Juncture“ durch, das größte Manöver seit dem Kalten Krieg. Nächstes Jahr wird Deutschland dort das Oberkommando übernehmen. Die Übung dient der Abschreckung Russlands, obwohl gerade erst bekannt geworden ist, dass Deutschland und führende NATO-Militärs keine Anzeichen sähen, dass Russland einen Angriff auf einen NATO-Staat plane.

Welche Schlussfolgerung ziehst du für die Linke daraus?

Natürlich Lenin lesen! Und dann etwas tun. Gegen Kriege auf die Straße gehen, die Aktionen der Friedensbewegung, auch wenn sie klein wirken mag, unterstützen, sich darin nicht spalten lassen. Hier in Deutschland die militärische Mobilmachung gegen Russland angreifen und der medialen Russlandhetze eine versachlichte Darstellung entgegensetzen.

Interview: Benni Roth

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

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